26. Mai 2014

Buchrezension Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden

Auf 180 Seiten zur 180-Grad-Denkwende

„Volkswirtschaft wurde in den letzten Jahrzehnten höchst komplex gemacht, was sie eigentlich nicht ist. Wirtschaft funktioniert wie vor Tausenden von Jahren“, sagte Andreas Marquart neulich in einem Interview. Dem könnte man hinzufügen, dass Wirtschaft nur insofern komplex ist, als sich ökonomisches Wissen auf die vielen Akteure in einem System verteilt. Eine allwissende Instanz gibt es nicht und wird es vermutlich auch im Zeitalter künstlicher Intelligenz nie geben. Der Ökonom Friedrich August von Hayek (1899 –1992) gelangte seinerzeit zu dem Schluss, dass dieses verteilte Wissen eine dezentrale, also nicht durch den Staat geregelte, Handhabung von Ressourcen erfordere.

Hayeks Gegenspieler, die in der Wirtschaftspolitik der westlichen Industriestaaten bis heute den Ton angeben, zogen indes die gegenteilige Konsequenz: Dass wirtschaftliche Entscheidungen einer zentralen Instanz vorbehalten bleiben müssen, einer Elite aus Politik und Wissenschaft. Die machte aus Volkswirtschaft im Laufe der Jahrzehnte denn auch eine hermetische Disziplin, verschlüsselte den ökonomischen Diskurs mit mathematischen Formeln und gefiel sich im Bau von Elfenbeintürmen. Nicht-Ökonomen mussten draußen bleiben. Die Folge: Selbst aufgeweckten Zeitgenossen mit einem ausgeprägten Interesse für wirtschaftliche Zusammenhänge konnte nur bedingt auffallen, wie die Grenzen zwischen Voodoo und Volkswirtschaftslehre zunehmend verwischten.

Dieser gefährlichen und den Bürger entmündigenden Entwicklung wirken Philipp Bagus (Autor von „Die Tragödie des Euro: Ein System zerstört sich selbst“) und Andreas Marquart in ihrem neuen Buch entgegen. Sie dechiffrieren darin eindrucksvoll die vorherrschende geldpolitische Rhetorik, die den staatlichen Eingriffen in unser Geldsystem Feuerschutz gibt. Mithilfe der Lehren der Österreichischen Schule der Ökonomie wird der wirtschaftliche Status quo im vorliegenden Band für den ökonomischen Laien verständlich gemacht. Im Fokus stehen also weniger wissenschaftliche Theorien an sich als deren populärwissenschaftliche Aufbereitung für eine möglichst breite Leserschaft.

Ein genialer Kniff der Autoren ist ihre Trojaner-Strategie: Sie wählten die sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich als Aufhänger und verpackten selbige in einen knackigen Buchtitel samt markanter Cover-Illustration. Die Umverteilung von unten nach oben, von Sozialdemokraten vereinnahmt und von weiten Teilen der Bevölkerung einhellig auf zu wenig Marktregulierung und/oder ein Versagen des Kapitalismus zurückgeführt, spricht zweifelsohne eine breite Zielgruppe jenseits der traditionellen klassisch-liberalen Fangemeinde an – darunter mit einiger Sicherheit auch zahlreiche „Kapitalismusgegner“, die Geld längst nicht mehr als essenzielles Tauschmittel wahrnehmen, sondern nur noch als Negativsymbol für zivilisatorische Dekadenz und Konsumismus. Kein Wunder: Wo Papiergeld entmaterialisiert wird, dort wird es zwangsläufig zur Metapher für maßlosen Materialismus.

Mit der Ansprache einer breiten Leserschaft stellen sich Marquart und Bagus also der Mammutaufgabe, in einigen ihrer Leser eine 180-Grad-Denkwende zu bewirken – auf gerade einmal 180 Seiten. Könnte gelingen. Die Autoren punkten schon dadurch, dass nicht nur die langfristigen Folgen von expansiver Geldpolitik auf die Wirtschaft aufgezeigt werden, sondern und vor allem auch die gesellschaftlichen und kulturellen Auswirkungen künstlicher Inflation auf den einzelnen Bürger. Der steht in dem kompakten Taschenbüchlein durchweg im Mittelpunkt. Schon im Titel direkt angesprochen („Ihre Kosten“), wird er auf fast jeder Seite des Buches adressiert. Dieser legere, interaktive Stil wirkt: Der Leser wird an die Hand genommen, ist aber gleichzeitig gefordert, mitzudenken, hinter Fassaden zu blicken und eigenständig Verbindungen zu knüpfen. Ohne Zweifel wird derjenige, der sich vor der Lektüre noch nie mit den Folgen unseres staatlichen Papiergeldmonopols auseinandergesetzt hat, zahlreiche schöne Momente der Erleuchtung erleben.

Die Lehren der Österreichischen Schule setzen Marquart und Bagus dabei gekonnt ein. Statt sie explizit und in epischer Breite zu rekapitulieren, setzen die Autoren sie eher implizit, aber dennoch gezielt als Instrumentarium für anschauliche Analysen und Beispiele ein. Erst im letzten Kapitel, dem mit Abstand stärksten, wird die Nische der Österreicher ausgeleuchtet und vor allem Ludwig von Mises’ Schaffen ins Rampenlicht gerückt.

Die hier und da eingestreuten Zitate sind gut ausgewählt und behindern den Lesefluss zu keiner Zeit. Geneigte Leser, die mit den entsprechenden Schriften ohnehin vertraut sind, haben möglicherweise sogar ihre Freude daran, einzelne Ideen aus diesem Buch wie in einem „Memory“-Spiel gedanklich den vielen Schriften zuzuordnen, aus denen sie stammen. Fachjargon wird fast durchgängig vermieden oder in Alltagssprache übersetzt. Ein Beispiel: „Wenn man bei Warengeld in der Betrachtung zeitlich zurückgeht, wird man feststellen, dass dieses Geld irgendwann einmal nicht Geld, sondern einfach nur Ware war“ (S. 20 f.), ist deutsch für „Regressionstheorem“. Vereinzelt genannte Termini wie der Cantillon-Effekt (S. 58) werden behutsam eingeführt. Zahlreiche Beispiele, Veranschaulichung und Variationen eines Sachverhalts sowie die Zusammenfassungen am Ende der insgesamt neun Kapitel tragen ebenfalls zur Verständlichkeit und Leserfreundlichkeit bei. Stark polemische und arg überspitzte Passagen wird man den Autoren verzeihen, da sie wohl dosiert und dramaturgisch geschickt plaziert sind. Zudem machen sie das Lesevergnügen umso kurzweiliger.

Wissensvermittlung erfordert allerdings auch ein feines Gespür für die Zielgruppe. Und das fehlt an manchen Stellen. Offenbar hatten der Vermögensberater und der Universitätsprofessor während des Schreibprozesses eine männliche Leserschaft mittleren Alters vor dem geistigen Auge, was sich in Anreden wie „Stellen Sie sich vor, Ihre Frau….“ widerspiegelt. Schade eigentlich. Ihr Buch ist so allgemeinverständlich, dass man es auch gerne einer jüngeren und weiblichen Leserschaft empfehlen würde. Man(n) muss ja nicht zwangsläufig auf das bewährte Robinson-Crusoe-Szenario zurückgreifen, um eine primitive Wirtschaftsordnung zu simulieren. Aber etwas generischer und neutraler könnten die Beispiel schon sein.

Auch das sechste Kapitel lässt Zweifel daran aufkommen, dass die Autoren tatsächlich eine breite Leserschaft adressieren möchten. In diesem Kapitel, das unter der Überschrift „Was Inflation mit den Menschen macht“ steht, schießen sie über ihr Ziel hinaus. Anhand eines fiktiven Beispiels werden die gesellschaftlichen Folgen der künstlichen Geldmengenvermehrung durch den Staat durchdekliniert. An sich eine gute Idee. Allerdings sind die soziologischen und psychologischen Schlussfolgerungen teilweise recht vermessen. Wer als junger weiblicher Leser über einen Satz wie: „Die Frauen können sich so der Erziehung der Kinder widmen“ stolpert, der ist geneigt, das Buch zurück ins Regal zu stellen. Zwar räumen die Autoren gleich im folgenden Absatz kokettierend ein, in ein „Fettnäpfchen“ getreten zu sein. Aber die vermeintliche Einwandvorwegnahme macht es nicht besser:

„Es liegt uns nichts ferner, als Frauen zu raten, statt sich zu verwirklichen, sich besser der Kindererziehung zu widmen. Es sei aber die Frage erlaubt, ob viele Mütter heute arbeiten gehen, weil sie das wirklich wollen.“

Diese konservative bis reaktionäre Gesellschaftsutopie setzt sich fort in der Behauptung, dass Kinderkrippen – die in den Augen der Autoren zwangsläufig staatlich sind – weniger förderlich für die Erziehung eines Kindes seien als die fortwährende Präsenz der Mutter. Etwas verkürzt dargestellt behaupten die Autoren also ganz pauschal: Ohne staatliche Eingriffe ins Geldwesen hätten Frauen (hier ist tatsächlich nicht von Individuen, sondern vom Geschlecht die Rede) keinerlei Bedürfnis oder Anreiz, einem Beruf nachzugehen. Wer bei dieser Eva-Herman-Episode nicht den Kopf schüttelt, wird zumindest feststellen, dass man es hier – wie Friedrich August von Hayek sagen würde – mit einer Anmaßung von Wissen zu tun hat. Ob es sich um eine grob ungeschickte Verallgemeinerung persönlicher Sichtweisen handelt oder um eine ganz bewusste Umwerbung konservativ gesinnter Leserkreise, wissen nur die Autoren selbst.

Trotz dieser Mängel ist das Buch derzeit eine der heißesten Empfehlungen, wenn es darum geht, Fachfremden einen kompakten Einstieg in die Problematik des staatlichen Papiergeldsystems zu verschaffen. Es veranschaulicht umfassend und dennoch kompakt, wie stark die Investitions- und Sparentscheidungen einzelner Bürger vom fatalerweise unerschöpflichen Quell ungedeckten Geldes betroffen sind. Genauso eindrucksvoll zeigt und belegt es, wie viele Lebensbereiche die damit einhergehende kurzsichtige Konsummentalität durchzieht. Geldschöpfung aus dem Nichts verändert unsere Gesellschaft nachhaltig. Es verändert, wie wir handeln, leben und damit auch ein Stück weit, wer wir sind. Diese Tatsache, die auch den optimistischsten „Österreicher“ nachts nicht schlafen lässt, bringt Marquarts und Bagus’ Buch klar, eindrucksvoll und mit Verve auf den Punkt. Wohl deshalb entfaltet ihr Plädoyer für eine Entstaatlichung des Geldes bereits wenige Wochen nach Verkaufsstart eine große Breitenwirkung. So könnte es in der Tat „explosiver als Sprengstoff“ werden, wie der Titel der Einleitung prophezeit.

Link:

Andreas Marquart und Philipp Bagus, Warum andere auf Ihre Kosten immer reicher werden (amazon.de)


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Autor

Diana Kupfer

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