05. Juni 2014

Politik Rückgrat wie eine Qualle

Stellenausschreibung für Weltherrscher Teil 1

Hallo Sie, ja, Sie – was halten Sie davon, Weltherrscher zu werden? Nein? Hmmmm! Aber Sie vielleicht? Ja, da sehe ich doch so ein Blitzen in den Augen. Dieses Blitzen, das ein sicheres Anzeichen dafür ist, dass ich Ihr Interesse geweckt habe.

Nun, das freut mich, zumal wir derzeit maximalen Notstand im Weltherrscher-Universum haben. Es hat vollkommen unplanmäßig jemand den Löffel abgegeben und jetzt muss schnellstens Ersatz her, wir kommen sonst mit den dringenden Angelegenheiten unserer Weltherrscher-Angestellten und dem Umherschubsen von rund sieben Milliarden Menschen nicht mehr hinterher.

Sie wollen wissen, wie Ihr Job aussieht? Nun, wir werden noch eine offizielle Stellenausschreibung anfertigen, aber mit den groben Rahmendaten können wir Sie schon einmal vertraut machen. Sie können dann ganz frei entscheiden, ob Sie dieser verantwortungslosen Aufgabe nachkommen oder doch lieber den modernen Freitod wählen möchten.

Wissen Sie – wir müssen uns absichern – schon so häufig hat man uns falsche Motive unterstellt und unsere hehren Absichten bösartig verleumdet. Sie werden das sicher verstehen; sollten Sie unserer Stellenausschreibung aus moralischen oder anderen lächerlichen Gründen nicht folgen können, dann müssen wir Sie leider auffordern, sich selbst zu liquidieren. Dafür brauchen Sie noch nicht einmal sofort zu sterben – das wäre zu pietätlos. Nein, wir machen dann mit Ihnen, was wir mit allen normalen Menschen tun – wir lassen Sie in jeder Hinsicht ausbluten.

Haben Sie keine Angst, das ist nicht direkt schmerzhaft; wir werden Ihnen zunächst homöopathische Dosen verabreichen und uns dann allmählich steigern. Sie werden sogar glauben, dass das, was wir mit Ihnen anstellen, gut für Sie und notwendig für die Welt ist. Also, keine Sorge, wir akzeptieren auch ein „Nein“. Aber warten Sie ab, bis wir mit unserm Gespräch fertig sind – Sie werden dieses „Nein“ niemals aussprechen, das verspreche ich Ihnen.

Zunächst einmal ist es besonders wichtig, dass Sie von sich selbst absolut und nicht revidierbar begeistert sind. Sie gehören zur Elite, Sie sind dazu auserkoren, die Menschheit zu lenken, zu beherrschen, zu versklaven. Sie dürfen das – Sie dürfen entscheiden, wer auf dieser Welt lachen oder weinen darf. Sie dürfen sich Ihr Personal selber aussuchen – wir erwarten nur, dass es ihren eigenen Wesensmerkmalen in jeder Hinsicht entspricht. Ich werde Ihnen ein paar Beispiele für Weltherrscher-Angestellte nennen.

Einer unserer Lieblinge ist Mario Draghi, der derzeitige Präsident der Europäischen Zentralbank. Ein echter Leckerbissen – fabuliert meisterhaft, hat als ehemaliger Goldman Sachs-„Mitarbeiter“ mehrfach eindrucksvoll bewiesen, dass er moralisch äußerst beweglich ist und zeigt diese Qualitäten auch in seiner jetzigen Position. Seine Worte sind magisch – hören und staunen Sie: „Keines der größeren Länder des heutigen Euroraums hat in den fünfzig Jahren vor dem Euro über einen so langen Zeitraum solch niedrige Teuerungsraten verzeichnen können. Und auch im internationalen Vergleich schneiden wir sehr gut ab. Die Leistung der EZB ist somit bemerkenswert.“

Ist das nicht phantastisch? Mit solchen Realitätsleugnern und Wahrheitsverbiegern werden Sie es zu tun haben. Sie werden in eine ganz neue Welt eintauchen, eine Welt, die Ihnen bisher gänzlich unbekannt war, eine Welt, die Ihnen zunächst fremd vorkommen wird und unheimlich, aber warten Sie erst einmal ab, welche Privilegien Sie genießen werden. Dann werden Sie sich sehr schnell eingewöhnen.

Wir wissen hier natürlich alle, wie es wirklich für die Menschen steht und dass wir mit unserem Allmachtsanspruch die Lebensträume, Hoffnungen und Wünsche der Menschen zerstören, aber – keine falsche Bescheidenheit – wir sind es wert. Wir sind die Feudalherren, wir sind klüger und weitsichtiger als der popelige Rest des Gesindels.

Die Worte eines weiteren geschätzten Angestellten sollten Sie sich gut merken: „Wenn es ernst wird, muss man lügen“, oder auch mit viel Wohlbehagen von uns zur Kenntnis genommen: „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“ Unser guter Herr Juncker, ein echter Wonneproppen.

Vollkommen zu Recht hat er dafür neben zahllosen anderen Auszeichnungen am 11. Juni 2013 in Athen das Großkreuz des Erlösers (der höchste griechische Verdienstorden), die Goldmedaille der hellenischen Volksvertretung und die Gold Medal for Distinguished Personalities verliehen bekommen. Jetzt soll er sogar Chef von dem ganzen Laden in Brüssel werden!

Verstehen Sie jetzt, was ich meine? Als „European Banker“ des Jahres 2008 steht er in einer Riege mit unserem Mitarbeiter Josef Ackermann, der 2009 geehrt wurde und David René de Rothschild aus 2011. Fabelhafte Menschen, absolut großherzig und stets bereit, alle Möglichkeiten auszuschöpfen. Und seien Sie sich sicher, sich haben wirklich, wirklich alle Möglichkeiten.

Herr Juncker hatte noch nie Schwierigkeiten damit, Wahrheiten auszusprechen, merkte er doch recht schnell, dass entweder die temporäre Empörung schneller vorbei war als ein Wimpernschlag oder sich erst gar nicht regte. So hat er anlässlich des Neujahrsempfangs der luxemburgischen Presse am 21. Januar 2013 eine sehr bemerkenswerte Aussage gemacht. Die deutsche Übersetzung: “Der Premier warnt, das Jahr 2013 könnte ein Vorkriegsjahr werden wie das Jahr 1913, wo alle Menschen an Frieden glaubten, bevor der Krieg kam.”

Zusammen mit der Tatsache, dass die Nachrichtenagentur Bloomberg vor einiger Zeit vermeldete, dass der Goldpreis zuletzt ähnlich stark verfiel wie im Jahre 1920, zwischen 1921 und 1923 die seit 1914 andauernde Inflation in einer Hyperinflation mündete und mit der Weltwirtschaftskrise 1929 in eine Jahre darauf beginnende Katastrophe führte, mutet es doch zunächst äußerst befremdlich an, dass sich in weiten Teilen der Bevölkerung kaum Besorgnis zeigt.

Aber wissen Sie, wer dafür verantwortlich ist – verantwortlich für diese himmlische Ruhe, diese Hingabe der arbeitenden deutschen Bürger, die ein drittes Mal in ihrer jüngeren Geschichte umsonst gespart haben, mittelfristig ihr Vermögen verlieren werden und trotzdem der Ansicht sind, dass alles gut ausgehend wird?

Ja, sehen Sie, Sie wissen schon, von wem ich da spreche. Unsere Angela, ein Vorbild für ganze Generationen, die Kanzlerin auf Lebenszeit. Keiner ist mehr da, der ihr das Wasser reichen könnte, sie hat alle weggebissen. Eine tatkräftige, eine mutige und vor allem eine sehr stille Frau. Aber es ist so wie der Volksmund sagt – in der Ruhe liegt die Kraft. So hat sie immer bis zur allerletzten Minute die Chance, ihre Meinung ganz der Stimmungslage anzupassen. Ein Rückgrat wie eine Qualle, aber äußerst effektiv.

Auf diese Weise erweckt sie den Eindruck, dass sie wirklich für jeden Bürger das passende Rezept für dessen Lebensglück parat hat. An Frau Merkel müssen Sie sich unbedingt abarbeiten. Ein Paradebeispiel für die Erhabenheit von Weltherrscher-Angestellten. Wenn Sie diese Dame durchschaut haben, kann Ihnen nichts mehr passieren – dann sind Sie wie Teflon, alles rutscht an Ihnen ab.

Können Sie sich noch erinnern, als sie in den ersten Tagen der lustigen Finanzkrise mit ihrem an der Leine geführten Finanzminister vor die Presse trat und mit todernster Miene verkündete, dass die Bankeinlagen der Kunden sicher seien und die Regierung dafür garantiere? Ach, das war wirklich unterhaltsam. Bis heute gibt es keine gesetzliche Einlagensicherung – wird´s auch nie geben. Warum denn auch? Ist doch gar nicht nötig, leere Versprechen reichen offensichtlich aus für die Beruhigung der Volksseele aus.

Irgendwie scheint es in Deutschland so zu sein, dass jeder meint, der andere wäre der Dumme, nie er selbst. Super, oder? So haben wir es geschafft, dass viele sogar für ihren finanziellen Selbstmord in Form von noch mehr Steuern und Abgaben eintreten. Das ist eine Spitzen-Nummer – als ob davon nur ein mickriger Cent sinnvoll investiert würde. Aber sei´s drum; solange wir damit durchkommen, ist alles in Butter.

Beständig zündet sie Feuerwerke der Weisheiten – blühende Landschaften in Europa, ja so soll es sein und so wird es werden. Blühende Landschaften wie sie am Beispiel der früheren DDR bewunderungswürdig zu betrachten sind. Sind das nicht hoffnungsfrohe Aussichten?

Mein lieber Weltherrscher-Bewerber, ich bin in Anbetracht der vielen Worte nun doch ein wenig müde – bitte lassen Sie uns unser Gespräch morgen weiterführen – ich bin ganz sicher, ich werde Ihre letzten Zweifel ausräumen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Café Liberté.


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