30. Juni 2014

Schulbuchausleihe Ein weiteres Springteufelchen für Rheinland-Pfalz

Teil 1: Inhaltliches Erschließen von Texten schwer gemacht

„Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, lautet eine volkstümliche Redensart, die durchaus ihre Berechtigung hat. Doch wenn es aus dem Maul des Gaules derart kräftig stinkt, dass man ohnmächtig zu werden droht, dann muss an dem Geschenk irgendetwas faul sein. Zur „Weiterentwicklung der Lernmittelfreiheit“ wurde in Rheinland-Pfalz zum Schuljahresbeginn 2010/2011, also noch rechtzeitig vor den Landtagswahlen im März 2011, die neue Schulbuchausleihe eingeführt. Die Umsetzung wurde in der „Landesverordnung über die Lernmittelfreiheit und die entgeltliche Ausleihe von Lernmitteln vom 16. April 2010“ geregelt und erfolgte in drei Stufen:

Schuljahr 2010/11 - Sekundarstufe I

Schuljahr 2011/12 - Sekundarstufe II und Berufsbildende Schulen

Schuljahr 2012/13 - Grundschulen

Mit Beginn des Schuljahres 2012/2013 entfiel das vorher gültige und unbürokratische Gutscheinsystem, das den sozial schwächeren Familien auf Antrag zwischen 75 und 100 Prozent des Grundbetrags der Schulbuchkosten erstattete, dann endgültig. Die Familien oberhalb gewisser Einkommensgrenzen bekamen fortan die Möglichkeit der Ausleihe, die jedoch keinesfalls kostenlos ist, sondern ein Drittel der Neuanschaffungspreise beträgt, egal ob die Bücher im ersten, zweiten oder dritten Jahr ausgeliehen werden. So lang sollen diese nämlich „halten“ und die Anschaffungskosten wieder einspielen. Der verkürzt verwendete Begriff der „Lernmittelfreiheit“ erweist sich somit als eine Finte; zumal die (teuren) Bücher, die erwartungsgemäß vier Jahre oder länger verwendet werden sollen, vom Ausleihsystem ausgenommen sind und voll bezahlt werden müssen. Für Arbeitshefte, Duden, Atlanten, Bibeln, Liederbücher, Lektüren und beispielsweise Formelsammlungen wird ebenfalls der volle Preis veranschlagt. Die finanzielle Entlastung der Eltern fällt also deutlich geringer aus, als es durch die Phrase „Weiterentwicklung der Lernmittelfreiheit“ suggeriert wird. Vorbei war es aber fortan mit der Eigenverantwortlichkeit der Eltern, die in den Ferien mit der Schulbuchliste in der Hand die Bücher rechtzeitig bestellen und mit ihren Kindern darin stöbern konnten. Vorbei war es mit der Weitergabe von Büchern innerhalb der Familie, was die Kosten in Grenzen hielt. Vorbei war es auch mit den traditionellen Schulbuchbasaren, auf denen sich durch Angebot und Nachfrage alles von allein regelte, was die Anschaffungskosten ebenfalls erheblich senkte. Vorbei war es vor allem mit dem Vorhandensein von Büchern – denn das System der „Lernmittelfreiheit“ leiht die Bücher allen ja nur aus – in Familien, in denen Schulbücher oftmals die einzigen gebundenen Werke waren, die man zu Hause dort antreffen konnte. „Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele“, meinte Cicero. Das System der Schulbuchausleihe hat in Rheinland-Pfalz leider viele solcher Räume geschaffen.

Vorbei waren insbesondere die Zeiten, in denen mit dem Buch intensiv gearbeitet werden konnte. Texte in Abschnitte einteilen, Teilüberschriften finden, Unterstreichungen und Markierungen vornehmen oder unbekannte Wörter am Rand klären: Alle diese und weitere Methoden zum inhaltlichen Erfassen von Texten wurden mit der Einführung der rheinland-pfälzischen Schulbuchausleihe in den Leihbüchern unmöglich gemacht. Und da der Lehrer aus datenschutzrechtlichen Gründen seinerseits nicht weiß, wer an der Ausleihe unter den Schülern überhaupt teilnimmt, muss er generell darauf verzichten. Diejenigen Schüler, die ihre Bücher gekauft haben und mit ihrem Eigentum nun machen könnten, was sie wollen und was methodisch sinnvoll wäre, werden systembedingt ebenfalls um diese Möglichkeit gebracht. „Sobald ich ein wenig Geld bekomme, kaufe ich Bücher; und wenn noch was übrig bleibt, kaufe ich Essen und Kleidung“, formulierte Desiderius Erasmus einst seine Einstellung zu Büchern. Davon ist man in Rheinland-Pfalz momentan meilenweit entfernt. Und Friedrich Nietzsche schrieb: „Ein Buch, das man liebt, darf man nicht leihen, sondern muss es besitzen.“ In Rheinland-Pfalz müssen die Schüler hingegen das ganze Schuljahr über ihre Bücher beinahe mit Glacéhandschuhen anfassen, um sie bei der Rückgabe wieder „loszuwerden“. Gibt es nämlich irgendwelche Beanstandungen seitens der begutachtenden Rücknahmestelle, wird der volle Bücherpreis fällig. Diesem latenten Druck ist jeder Schüler über das gesamte Schuljahr hinweg ausgesetzt. Dabei versuchen Lehrer vielfach mit Folien, speziellen Arbeitsheften oder Kopien dieser verheerenden Entwicklung entgegenzuwirken. Das Gefühl des unbeschwerten Umgangs mit Büchern, in denen ganz selbstverständlich gearbeitet werden kann, ist an den rheinland-pfälzischen Schulen leider verlorengegangen.

Fazit: Die Einführung der Schulbuchausleihe in Rheinland-Pfalz hat Sachzwänge geschaffen, die zum methodischen Rückbau an den Schulen führten. Die Konsequenzen, die sich aus den Defiziten beim inhaltlichen Erschließen von Texten ergeben, werden sich in den nächsten Jahren zeigen, übrigens nicht nur im Fach Deutsch. All dem, was im Methodentraining als unverzichtbare Arbeitstechniken in der Auseinandersetzung mit Texten vermittelt wird, steht die „Weiterentwicklung der Lernmittelfreiheit“ diametral entgegen. Obwohl die Ausgaben der Eltern für Schulbücher etwas gesenkt wurden, gehen viele dieser Lehrwerke nicht ins Eigentum über und verhindern methodisch sinnvolle Arbeitsweisen zu Lasten der Kinder, Jugendlichen und Heranwachsenden. So gesehen ist dies ein viel zu hoher Preis, der gezahlt wird!

Link:

Landesverordnung über die Lernmittelfreiheit und die entgeltliche Ausleihe von Lernmitteln vom 16. April 2010 (GVBl. S. 67)


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Udo Geißler

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