03. Juli 2014

Schulbuchausleihe in Rheinland-Pfalz Komplexität erreicht neue Ausmaße

Teil 2: Ein Bürokratiemonster, das weniger Unterricht zulässt und dazu noch den Charakter versaut

Im ersten Teil der Auseinandersetzung mit der im Jahr 2010 in die Welt gesetzten „Weiterentwicklung der Lernmittelfreiheit“ ging es zunächst um den methodischen Rückbau beim inhaltlichen Erschließen von Texten in Leihbüchern, dessen Konsequenzen nicht nur im Fach Deutsch, sondern bald in vielen weiteren Unterrichtsfächern deutlich werden und sich bereits jetzt zeigen. Neben weiteren – vor allem gesellschaftlichen – Ursachen ist die Schulbuchausleihe eine wesentliche, die dafür verantwortlich ist, dass Texte und deren Inhalt von den rheinland-pfälzischen Schülern immer weniger verstanden werden.

Im zweiten Teil geht es um den erheblichen bürokratischen Aufwand, den die Schulbuchausleihe verursacht, der ganz erhebliche Auswirkungen auf den Schulbetrieb hat und der – besonders vor und nach den Ferien – die jeweiligen Schulträger, die Verantwortlichen im Ministerium sowie im Pädagogischen Landesinstitut und die rheinland-pfälzischen Schulen an die Grenze der Belastbarkeit bringt. Der unten stehende Link zu den nicht enden wollenden Epos-Schreiben an die Schulen zeigt den Umfang des ganzen Irrsinns, den diese Verordnung ausgelöst hat. Für eine gut funktionierende ursprüngliche Lösung hat man es in Rheinland-Pfalz dann doch geschafft, noch viele Probleme zu kreieren. „Würde uns die Regierung anweisen, wann wir zu säen und wann wir zu ernten haben, wäre das Brot bald knapp“, meinte seinerzeit der dritte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Thomas Jefferson.

Es würde zu weit führen, die einzelnen Schritte, die die Schulträger, Schulen und Eltern jedes Jahr aufs Neue bewältigen müssen, im Einzelnen aufzulisten (das komplexe Verfahren und die zahlreichen Termine können auf dem unten stehenden Link eingesehen werden), aber einige Punkte müssen angesprochen werden. Wie im Epos-Schreiben vom 30.04.2014 an die Schulen beispielsweise zu lesen ist, liegen die Ferien in vielen Bundesländern nicht weiter als eine Woche auseinander. Deshalb „ist mit einer zeitlichen Verdichtung der Lernmittelbestellungen zu rechnen. Dies kann gegebenenfalls zu längeren Lieferzeiten des Buchhandels führen. Daher ist eine zeitoptimierte Bestellung besonders ratsam“. Es braucht wenig Vorstellungskraft, um zu prognostizieren, dass viele Schüler zu Beginn des Schuljahres noch nicht mit ihren Büchern arbeiten können, eben weil es bei aller „Verdichtung“, „Zeitoptimierung“ und „systembedingter Trägheit“ stellenweise vorkommt, dass einige Schüler erst kurz vor den Herbstferien komplett ausgestattet sind. Andererseits stehen in den letzten Wochen am Schuljahresende die Schulbücher ebenfalls nicht mehr zur Verfügung, weil sie wieder abgegeben werden müssen. Weiterhin geht den rheinland-pfälzischen Schülern jede Menge Unterrichtszeit durch das Austeilen von Ausleihscheinen, Freischaltcodes und Rückgabescheinen verloren. Der Bürokratie-Leviathan besitzt einen unstillbaren Hunger!

In den Schulen haben die Lehrer oder Schulleiter, die für die Schulbuchausleihe verantwortlich sind, und vor allem die Schulsekretärinnen erhebliche Mehrarbeit zu leisten. Da die Softwareentwickler nicht auf eine Kompatibilität zwischen dem Programm der Schulbuchausleihe und den Schulverwaltungsprogrammen geachtet haben (wahrscheinlich würde das aufgrund der Komplexität auch gar nicht funktionieren), müssen seit dem Schuljahr 2010/2011 alle Schülerdaten somit doppelt eingegeben werden. Hinzu kommen Dutzende von Anrufen und E-Mails, die wie an der Hotline eines Call-Centers abgearbeitet werden müssen und von den eigentlichen Aufgaben, die in Bildungseinrichtungen zu leisten sind, abhalten.

Um die Rücknahme der Schulbücher, die Bestellung der Lernmittel und das Packen der Bücherpakete rechtzeitig vor Schulbeginn abschließen zu können, muss – und daran führt in diesem System kein Weg vorbei – weit vor Ferienbeginn feststehen, wer an der Schulbuchausleihe teilnimmt. Die Eltern wollen ihrerseits natürlich wissen, welche Kosten für die ausleihbaren und selbst zu beschaffenden Lernmittel auf sie zukommen, wenn sie sich für eine Ausleihe gegen Gebühr entscheiden. Sie haben dann ein 14-tägiges Rücktrittsrecht. Das System der Schulbuchausleihe ist daher dringend darauf angewiesen, dass die Schule die Entscheidungen (Kurseinteilungen, Einteilungen in verschiedene Bildungsgänge, Wahlpflichtfächer, Religionsunterricht oder Ethik und so weiter) rechtzeitig im Internetportal dokumentiert. Dadurch entsteht in Rheinland-Pfalz die „ausleihbedingte“ Situation, dass es kurz vor Schuljahresende zu einer überaus hohen Termindichte (Klassenarbeiten, Zeugniskonferenzen) kommt, welche Schüler, Lehrer und Schulsekretariate regelmäßig unter enormen Stress setzt. Nur sind diese Auswirkungen vielen Eltern, die ja ein paar Euro „gespart“ haben, überhaupt nicht bewusst.

Standen in den bisher aufgeführten Kritikpunkten an der rheinland-pfälzischen Schulbuchausleihe bislang die Auswirkungen auf das Textverständnis und die bürokratischen Herausforderungen im Mittelpunkt, so tangiert der folgende Aspekt die Charakterbildung. Es gibt nämlich auch in der heutigen Zeit noch Kinder und Jugendliche, die auf ihre Sachen – und eben auch auf die Schulsachen – tunlichst achten. Diese geben also ihre pfleglich behandelten Bücher am Schuljahresende neuwertig ab und bekommen dann nach den Ferien olle speckige Schinken im Bücherpaket geliefert, die von den – systembedingt willkürlich agierenden –  Rücknahmeangestellten vor den Ferien „gerade noch“ akzeptiert worden sind. Jeder kann sich vorstellen, dass ein Anhalten zu Ordnung und Sauberkeit nun nicht mehr oder kaum noch möglich ist. Den Eltern dräut hingegen weiteres Ungemach; verpassen sie es nämlich beim Erhalt des Bücherpaketes durch die Ausgabestelle, diesen schlechten Zustand zu dokumentieren, dann fallen nach einem Jahr weiterer Nutzung gegebenenfalls „Schadenersatzleistungen“ in Höhe des vollen Buchpreises an.

Fazit:Das System der Schulbuchausleihe in Rheinland Pfalz ist ein regelmäßig wiederkehrendes Bürokratiemonster, welches das Schulklima negativ beeinflusst und nachweislich die Unterrichtszeiten minimiert. Es erhöht die Termindichte vor allem gegen Ende des Schuljahres und somit den Stress für alle Beteiligten. Die unterschiedlichen Qualitäten von abgegebenen und empfangenen Büchern sind diesem System inhärent und widersprechen dem natürlichen Gerechtigkeitsempfinden von Kindern und Jugendlichen.

Links:

Überblick über die Epos-Schreiben an die rheinland-pfälzischen Schulen

Verfahren und Termine zur Schulbuchausleihe


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Udo Geißler

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