09. Juli 2014

Journalismus Kraut und Reporter

Schrei vor Glück!

„Krautreporter“ nennt sich ein journalistisches Projekt, das den Online-Journalismus retten möchte. Denn, so befinden die Krauter: „Der Online-Journalismus ist kaputt.“ Die gute Botschaft: „Wir kriegen das wieder hin.“ Prima, aber wie? Sehr einfach: „Mit gutem Journalismus: Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken. Über Themen, mit denen wir uns auskennen. Mit der Zeit, die nötig ist, um eine gute Geschichte zu erzählen. Und den Hintergründen, um zu verstehen, was auf der Welt passiert.“

Wem dieses Lied irgendwie gecovert in den Ohren klingt (ungefähr jeder Chefredakteur der alten Print-Schule, welcher ein marodes Pressewerk relaunchen wollte oder ein neues, in der Regel alsbald ebenso glückloses aus dem Taufbecken hob, hat es schon mal auf seinem Leierkasten abgenudelt), muss wissen: Unsere 27 Krautreporter sind anders!

Ganz anders! Zumeist nämlich jung, kritisch, schwer investigativ drauf und überhaupt. Vor allem sind sie keine Büttel der Verlage und der dieselben aushaltenden werbetreibenden Industrie. Alimentiert werden die Krautreporter, vorerst für ein Jahr, von 17.504 Unterstützern. Viele von denen haben eine Art Abo gezeichnet, 60 Euro für vorerst ein Jahr Kraut. Da die für das Projekt angepeilten 900.000 Euro Startkapital auf die individuelle Art aber partout nicht zusammenkommen wollten, haben gegen Ende der Spenden-Rallye noch ein paar Sponsoren mit vielen Abo-Patenschaften ausgeholfen.

Etwa die Rudolf-Augstein-Stiftung. Jakob-der-Sohn ist nämlich begeistert von der Krautidee! Womit klar wäre, was der Leser von seinen Krauts erwarten darf, weltanschaulich. Im Zweifel links. Beziehungsweise grün. Auch der gammelige Rest der Piratenpartei wird hier noch mal recycelt. Die Rollenverteilung bei der Neuerfindung des Qualitätsschurnalismus sieht so aus: „Ihr seid die Crowd, wir sind die Reporter“ (Krautreporter-Credo).

Ich habe es ehrlich gesagt nicht geschafft, die Profile und das Absichtsgebrabbel der designierten Krautreporter auf deren Website gänzlich durchzuackern. Was ich gelesen habe, kam mir zumeist präpotent, manchmal auch bloß rookiemäßig vor. Von den „schon vorgeburtlich totgehypten ‚Krautreportern’” schrieb Leo Fischer in der „Jungle World“: „Dieser Journalismus kann, ja darf nicht gerettet werden. Man sollte endlich seine Beatmungsmaschine abstellen.“ Mal sehen, wie lange es dazu braucht. Ein Projekt, das Stefan Niggemeier empfiehlt, Crowdreporter und Mitgründer der Erbsenzählmanufaktur „Bildblog“, ist wahrscheinlich so nachhaltig wie Niggemeiers Intermezzo als hochbezahlter „Spiegel“-Redakteur.

Fischer ist der Hinweis auf eine weitere, womöglich noch unangenehmere Gestalt im Krautreporter-Team zu verdanken. Tilo Jung heißt dieser Ken-Jebsen-Fan, Experte für schauerliche jüdische Bräuche und mutiger Kritiker des „kriegshungrigen israelischen Kabinetts“. Der sich auch schon mal den einen oder anderen Euro als Fotomodell verdient hat, etwa für den Online-Versender Zalando („Schrei vor Glück!“). Bald wird der Tilo schlecht bezahlte Glücks-Shootings hoffentlich nicht mehr nötig haben. Sondern crowdfinanziert und natürlich online total überraschende Krautstorys raushauen. „Über Themen, mit denen wir uns auskennen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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