11. Juli 2014

Argentinien Aasgeier über der Casa Rosada

Die Bürger werden den Bankrott verschmerzen können

Wenn Argentinien demnächst bankrott geht, dann sei dies – sagt die Präsidentin in ihrer prunkvollen Casa Rosada – die Schuld der Aasgeierfonds.

Wissen Sie, was Aasgeierfonds sind? Und was bedeutet das eigentlich, wenn ein Staat bankrott geht?

Aasgeierfonds sind – der Name sagt es – Anlagefonds, die es auf tote oder doch annähernd tote Beute abgesehen haben. Sie kaufen zum Beispiel Obligationen von Schuldnerfirmen, die kurz vor dem Bankrott stehen. Das birgt zwar ein großes Ausfallrisiko, doch schlägt sich dies auch im Preis nieder. Dieser liegt viel tiefer als der Nominalwert der Forderung, die man kauft, zum Beispiel bei nur gerade zehn Prozent. Für den Verkäufer der Obligation, der ursprünglich 100 Prozent bezahlt hat, ist es natürlich schmerzhaft, wenn er nun 90 Prozent abschreiben muss. Doch würde er die Obligation behalten und auf bessere Tage hoffen, würde er mit großer Wahrscheinlichkeit überhaupt nichts mehr bekommen. Also ist er froh, zumindest den Zehn-Prozent-Spatz in die Hand zu bekommen, statt nach der 100-Prozent-Taube auf dem fernen Dach zu streben. Da kommt der so verschriene Aasgeierfonds gerade recht. Denn nur, weil er es auf die 100-Prozent-Taube auf dem Dach abgesehen hat und ihm dies einen Zehn-Prozent-Spatz wert ist, kommt es überhaupt zum Deal. Beide Seiten bekommen das, was sie aufgrund ihres unterschiedli­chen Risikoprofils wollen.

Für den Fonds aber beginnt erst jetzt die große und teure Arbeit. Aufreibende Verhandlungen, Ge­richtsverfahren, Vermittlungsversuche mit einer Gegenpartei, welche die Taktik der Verzögerung beherrscht und sich erst noch jederzeit in den Konkurs abmelden könnte, was von der 100-Prozent-Taube meist nicht mehr viel übrig lässt. Auch mit rhetorischen Gegenangriffen hält sich die Gegenpartei nicht zurück: Nackte Profitgier wirft sie dem Gläubiger vor. Unanständig sei das, was er da mache. Das sei ja ein Verhalten wie das eines – eben – Aasgeiers. Dabei tut der nichts anderes, als die Schuldnerin bei dem zu behaften, was sie selbst einmal in aller Feierlichkeit und Wichtigkeit versprochen hat, nämlich die Obligation zurückzu­zahlen, und zwar zu genau 100 Prozent.

Besonders feierlich und wichtig kommen solche Rückzahlungsversprechen daher, wenn es sich bei der Schuldnerfirma um einen Staat handelt, beispielsweise nun eben um Argentinien. Das Problem ist nur, dass dieser Staat gar kein solcher ist. Er tut nur so, als ob er das ganze Volk und das ganze Land verkörpern würde. Bei näherem Hinsehen ist er aber nichts anderes als eine ziemlich windige Firma, die einer kleinen Protagonistenclique gehört, die in allererster Linie für sich selbst schaut. Kein Wunder, dass das viele Geld, das diese Firma mit ihren feierlichen Rückzahlungsversprechen am Kapi­talmarkt aufnimmt, schon nach kurzer Zeit verschwendet, verprasst und versickert ist. Und wenn sie nun ihre Versprechen nicht mehr hundertprozentig einhalten kann, so soll sie – wie jede andere Firma auch – bankrott gehen. Und wie bei jeder anderen Firma müsste dies bedeuten, dass sie liquidiert wird und dann zu existieren aufhört.

Das schöne Land Argentinien und seine 40 Millionen Einwohner blieben natürlich trotzdem bestehen. Bloß müssten sie inskünftig ohne die Protagonistenfirma in der Casa Rosada auskommen. Das wird ihnen nicht schwer fallen, im Gegenteil. Sie werden es den Aasgeiern zu danken wissen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Basler Zeitung“.


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