24. Juli 2014

Perm 36 Letztes Zeitzeugnis des Gulags

Online-Petition macht sich für einen zivilen Betrieb des Museums stark

Drei Autostunden von der Uralmetropole Perm entfernt liegt das Dörfchen Kutschino. Kaum mehr als 100 Menschen leben dort noch. Doch der Ort hat etwas zu erzählen. In seinem Zentrum finden interessierte Besucher ein großes Gelände, dessen Historie untrennbar mit der russischen Geschichte verbunden ist. Es ist ein Lager des sowjetischen Gulags. Im Jahr 1943 als Arbeitslager ITK-6 zur Holzverarbeitung gegründet, wurde es in den späteren Jahren nicht, wie so viele andere kleine Arbeitslager, verlassen und abgerissen, sondern erweitert und ausgebaut. Die Rodung auch weiter entfernt liegender Waldflächen erschien den sowjetischen Planern von ITK-6 aus, besonders aufgrund des naheliegenden Flusses Tschussowaja, effizient. Das Lager wurde mechanisiert und für die Nutzung von Traktoren und Lastwagen aufgerüstet.

Nach Stalins Tod im Jahr 1953 wurde es zu einem Straflager umfunktioniert. Von nun an saßen vor allem politische Dissidenten ein. Nach verschärfenden Sicherheitsmaßnahmen erhielt ITK-6 einen neuen Code im Gulag: VS-389/36. Fortan hieß es unter Regimegegnern „Perm 36“. Einige hundert Meter vom Stammlager entfernt wurden ab 1980 die „besonders gefährlichen Wiederholungstäter” der „besonders gefährlichen Staatsverbrecher”, die gegen Artikel 70 des sowjetischen Strafgesetzbuches („antisowjetische Agitation und Propaganda“) verstoßen hatten, unter einem „besonderen Regime“ separiert. Viele Aktivisten von regionalen Unabhängigkeitsgruppen, zum Beispiel aus der Ukraine und dem Baltikum, wurden hier unter verschärften Bedingungen ihrer Freiheit beraubt. Das „besondere Regime“ von Perm 36 war das erste und einzige Speziallager allein für politische Häftlinge seiner Art. Erst im Jahr 1987 sorgte Präsident Gorbatschow für die Freilassung der letzten Gefangenen von Perm 36.

Die im Folgejahr von Andrei Sacharow gegründete Menschenrechtsorganisation Memorial eröffnete im Jahr 1994 ein Museum auf dem Gelände des ehemaligen Lagers. Sie wollte die Reste von Perm 36 als mahnendes Zeitzeugnis bewahren und Dokumente der sowjetischen Repression sichern.

Viele Jahre lang störte sich die russische Regionalverwaltung nicht an dem Projekt. Auch der Geldfluss aus dem Westen wurde nicht behindert. Der vermeintliche Ritterschlag folgte im Oktober 2013, als das Projekt den Status eines Museums von föderaler Bedeutung zugesprochen bekam. Doch schon dieser „Höhepunkt“ war bereits überschattet von einem im gleichen Jahr erlassenen Gesetz, das seitdem die Arbeit all jener Nichtregierungsorganisationen erschwert, die finanzielle Zuwendungen aus dem Westen erhalten. Auch Memorial und Perm 36 kamen dadurch in den letzten Monaten in arge Schieflage. Staatliche Gelder des Kremls blieben ebenfalls aus. Gespräche über eine Überführung des Museums in staatliche Hände wurden initiiert.

Arseni Roginski, Historiker, Mitbegründer von Memorial und selbst jahrelang inhaftiert als „Geschichtsrevisionist“, beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Gegenüber der „Welt“ sagte er: „Heute passiert mit Perm 36 das, was auch mit vielen anderen unabhängigen Strukturen in Russland geschehen ist und weiterhin geschieht. Sie werden unter staatliche Kontrolle gestellt und sollen sich in staatliche Einrichtungen verändern.“

In einem Beitrag des ehemals unabhängigen und im Jahr 2001 vom Staatsbetrieb Gazprom übernommenen Fernsehsenders NTW vom 7. Juni 2014 wird den Museumsbetreibern auf unsachliche Art und Weise vorgeworfen, „ukrainische Nationalisten“ zu verherrlichen und sich als „Agenten des Westens“ zu betätigen. Perm 36 sei Teil der fünften Kolonne Washingtons.

Nachdem die Verhandlungen über eine staatliche Übernahme scheiterten, wurde die Direktorin des Museums, Tatjana Georgiewna Kursina entlassen und die Wasser- und Stromversorgung wurden aufgrund unbezahlter Rechnungen eingestellt. Die Zukunft von Perm 36 schien mehr als ungewiss.

Doch eine Online-Petition, mittels der sich bislang mehr als 50.000 Bürger in- und weit außerhalb der Region Perm für den Weiterbetrieb stark machen, führte dazu, dass aktuell wieder Gespräche zwischen dem Permer Gouverneur Wiktor Basargin und Vertretern von Memorial stattfinden. Basargin distanzierte sich zwar von dem Bericht auf NTW, doch Arseni Roginski bleibt weiterhin skeptisch: „Falls Perm 36 zu einem staatlichen Museum wird, geht das bisherige Konzept zugunsten der aktuellen Staatspolitik zugrunde. Der Staat muss aufhören, sich das Museum anzueignen“, forderte er in der „Welt“. „Wenn das Museum unter staatlicher Führung weiter existiert, so hat es doch seinen Sinn verloren.“

Und die ersten Maßnahmen der neuen Direktorin lassen wenig Gutes erahnen. Sie ließ die originalen Lagertore zersägen und als Altmetall verwerten.

Die Petition „Erinnerung an Gulag-Opfer bewahren“ kann weiterhin unterstützt werden per E-Mail an timbohse@gmx.de oder info@memorial.de.


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