08. August 2014

Gauck Nie wieder Krieg!

Was haben die Hetzer an Gedenkfeiern zu suchen?

Ging es Ihnen auch so wie mir, als sich kürzlich vor den laufenden Kameras der Welt diese beiden vollschlanken alten Männer eng umschlungen in den Armen lagen? Ich war unschlüssig, ob ich mich peinlich berührt abwenden oder ob ich in schallendes Gelächter ausbrechen soll. Gedacht war die seltsame Inszenierung natürlich weder für das eine noch das andere, sondern um Ergriffenheit und Andacht hervorzurufen.

Ich fragte mich dann noch, ob die beiden das zuerst geübt haben, der deutsche Staatspräsident Gauck und sein französischer Berufskollege Hollande. Vielleicht musste es jeder in den Tagen zuvor bei sich zu Hause ausprobieren, Gauck im Schloss Bellevue in Berlin, Hollande im Palais de l’Élysée in Paris. Ich stellte mir vor, dass man ihnen jeweils einen Versuchs-Gegenpart hinstellte, mit dem sie dann die Umarmung üben konnten. Diese durfte nicht zu kurz sein, einige Schweigeminuten musste sie schon halten. Zu lange – das merkte man erst während der Proben – konnte sie aber auch nicht sein, sonst tat es im Rücken weh. Denn die Umarmung musste sich auf den Oberkörper beschränken, wogegen Unterleib und Beine auf staatsmännischer Distanz bleiben sollten, sodass sich eine recht unangenehm gebückte Haltung ergab.

Ich bin fast sicher, dass jeder der beiden während ihrer jeweiligen Proben einmal unwirsch die Frage stellte, was denn diese skurrile Inszenierung an der Gedenkfeier zum Kriegsbeginn 1914 auf dem Soldatenfriedhof Hartmannswillerkopf soll. Die Hofchoreographen haben dann sicher etwas von herzlicher Versöhnung alter Erbfeinde geantwortet. Und um dies möglichst echt erscheinen zu lassen, sollen sich die Protagonisten genau dies während der Umarmung auch wirklich vorstellen, ganz fest: François beziehungsweise Joachim, du warst einmal ein ganz fieser Kerl, aber jetzt hab ich dich wirklich gern. Komm in meine Arme, schmiege dich an meine Wangen, spüre meine heißen Versöhnungstränen!

Was aber wohl keiner der beiden Präsidenten fragte und auch keiner der Choreographen und Protokollchefs, auch keiner der mit all diesen Gedenkfeiern befassten Regierungsstäbe, Parlamentsausschüsse oder Militärgremien – war etwas ganz anderes und vielleicht sogar noch wichtigeres: Warum bloß werden Veranstaltungen zum Gedenken an den unheilvollen Weltkrieg von 1914 just von denen zelebriert, die diesen Krieg angezettelt und ausgetragen haben, die seither auch gleich noch einen zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen haben und die gerade jetzt wieder daran sind, in Osteuropa die kriegerische Konfrontation zu suchen: die Staats- und Regierungschefs der europäischen, amerikanischen und asiatischen Großmächte. Die Kaiser, Zaren, Könige und Präsidenten all dieser aggressiven Nationalstaaten. Diese Machtzentralen, die zusammen mit ihren Kriegsministern und Generälen noch immer einen Grund gefunden haben, Milliarden an Steuergeldern in die Rüstung zu stecken und gegen irgendeinen Gegner dann auch einzusetzen. Was haben all diese Kriegstreiber an den Gedenkfeiern zu suchen? Und erst noch auf den Ehrenplätzen und an den Rednerpulten? Geht es dort nicht darum, dass es nie mehr Krieg geben soll?

Ach übrigens – was Hollande und Gauck bei der gespielten Versöhnungsumarmung wohl wirklich gedacht haben? Gauck vermutlich: Wenn er nur ein besseres Aftershave hätte! Und Hollande: Oh, mein Rücken!

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Basler Zeitung“.


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