30. September 2014

Emma Watsons Retrofeminismus Von Jammerfrauen und weißen Rittern

Brauchen wir sie noch?

Unlängst hielt Emma Watson – ebenfalls bekannt als Harry Potters Weggefährtin Hermine – eine vielbeachtete Rede vor den Vereinten Nationen. In der Rolle der designierten Botschafterin für UN Women erbat sie dort Unterstützung für die feministische Kampagne HeForShe.

Männer, so Watson, würden nicht minder in Rollenkorsetts geschnürt als Frauen. Auch Männer hätten ihre Leiden und Verletzlichkeiten. So spricht sie von entwürdigten Vätern, einer missachteten, männlichen Gefühlswelt und Suizid als die männlichste aller Todesursachen. Feminismus habe sich zu einem Synonym für Männerhass gewandelt, und eben das – so Watsons Forderung – müsse ein Ende finden.

Vorerst und augenscheinlich liest sich Watsons Botschaft so, als wolle sie sich vom One-Way-Feminismus vergangener Jahrzehnte lösen – und demnach Gleichberechtigung auch zu einer Sache der Männer machen. Ersteres ist gelogen. Letzteres ist wahr – wenngleich nach völlig anderer Weise als vermutet.

Watsons anfänglich mutige Einbringung männlicher Nöte und Belange verflüchtigt sich im Weitergang ihrer Rede langsam und für manchen beinahe unbemerkt. Es gibt in ihrem Wortlauf keinen Bruch, wo sich sagen ließe: „Hier ist es passiert. Da liegt der Fehler.“ Es ist ein eher heimliches, stilles Entschwinden – einem Zauber ähnelnd, ganz so, wie man es aus Harry Potter kennt, jedoch mit irritierendem Nachwirken.

Lauscht man Watsons Rede, so tut sich einem am Schluss das Rätsel auf, wie und wohin all das und vor allen Dingen die Männer aus dieser schönen und so adrett vorgetragenen Rede verschwunden sind. Wir erinnern uns: Die Kampagne trägt den Titel „HeForShe“. Das „He“ dem „She“ durch das unscheinbare Wörtchen „for“ sprachlich voran- und damit in seiner Bedeutung zurückgestellt heißt das: Er tut offensichtlich etwas für sie, aber nicht umgekehrt.

Weshalb Männer in dieser Ansprache so leidenschaftlich adressiert werden, schält sich im Fortlauf zwiebelhaft Schale um Schale heraus. Das Ganze wächst zu einer bitterlichen Enttäuschung, denn Männer werden lediglich in appellbeladenem Ton angerufen, sich recht einseitiger und in der Vergangenheit allzu oft vorgebrachter Gründe wegen einzubringen.

Wären Männer frei, so Watson, werde doch auch in der Folge für Frauen alles besser. Denn wenn Männer nicht weiter die  Notwendigkeit zur Aggression verspürten, so müssten Frauen nicht länger unterwürfig sein. Wären Männer nicht dazu angehalten, stets die Kontrolle innezuhaben, so seien Frauen nicht in der Not, sich kontrollieren zu lassen. Watson zeichnet eine Karikatur von Männern, die Männliches an sich zu einem verderbenden Archetyp entstellt. Das ist nichts Minderes als eben jenes Bild von toxischer Männlichkeit, das wir vom modernen Feminismus gewohnt sind.

Natürlich werden hier Männernöte und Männerleiden angeführt, jedoch nicht um ihrer selbst willen. Not leiden Männer hiernach nur, weil mutmaßend eine Gestalt von Männlichkeit herrscht, welche den Planeten, die Frauen und letztlich die Männer selbst vergiftet. Überspitzt gedeutet sind Männer nicht nur allen Leides anderer, sondern auch ihres eigenen schuldhaft. Männer, sagt Watson, sollten ebenso über das Recht verfügen, menschlich zu sein. Waren sie denn bisher, so fragt man sich, nicht menschlich? Männer sollen also endlich zu Menschen werden, damit Frauen wie Menschen leben dürfen?

Emma Watsons Rede verengt sich ab hier stupide zu einer dreist eigensüchtigen Aufforderung: Männer sollen sich nicht etwa auch ihrer eigenen Anliegen wegen anschließen, sondern allein zum Wohle der anderen Menschheitshälfte. Nicht das Miteinander der Geschlechter bildet den Leitgedanken, sondern Männer haben sich „für“ Frauen einzusetzen.

Erheiternderweise beherbergt dies das Abbild einer Welt, in der Männer die einzig Verantwortlichen für schlicht alles sind und Frauen allein die Last von allem tragen. Männer werden zu Herren der Welt überhöht und Frauen als unbeholfene, kindhafte Objekte romantisiert. Daraus spricht ein antiker Feminismus, der seine Blütezeit gegen Ende des 20. Jahrhunderts durchlief und in heutiger Zeit eher befremdliche bis rührende Empfindungen anregt.

Wie zu Beginn angeführt, stört sich Emma Watson daran, dass der Begriff des Feminismus zunehmend mit Männerhass assoziiert wird. Wenn Sie dies betreffend fordert, dass das ein Ende finden müsse, so meint sie damit nicht, dass Feminismus humaner, sprich männerfreundlicher werden solle. Nach ihrer Lesart ist es offenbar lediglich nicht zu ertragen, dass dieses wohl so schöne Wort „Feminismus“ derart in den Schmutz gezogen wird.

Es gehe, so Watson, doch nicht um den Begriff, sondern um die Ideen und Ambitionen dahinter. Welches aber sind denn besagte Ideen und Ambitionen? Es ist die notorische Subordination männlicher Anliegen unter jene der Frauen. Es ist die Zweiteilung der Menschheit in eine gute weibliche und eine böse männliche Seite. Es ist die Propaganda eines eingestaubten statischen Weltbildes, an das heute kaum einer noch so recht glauben will.

Der Feminismus hat sich selbst in den Schmutz gezogen, und Emma Watson suhlt sich darin. Dies bessert sich auch nicht dadurch, dass Watson die Bedeutung des Feminismus-Begriffs artig aus dem Wörterbuch zitiert: eine Haltung, die sich für die Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Geschlechter einsetze. Watsons Feminismus ist genau dies nicht.

Von einem zu Beginn gefühlten „HeAndShe“ verbleibt als trauriger Überrest tatsächlich nicht mehr als der nackte Wortlaut des Kampagnentitels: „HeForShe“ – die Neuauflage eines abgelutschten Monokel-Feminismus, der nur auf einem Auge scharf sehend zwar von „Männern und Frauen“, von „Gleichberechtigung“, von „gleicher Teilhabe“ und so vielen anderen Hochglanzphrasen seine Legitimation zu nähren sucht, der aber im selben Zuge all dies zur Einbahnstraße verdreht. Es zeugt von einer Vorstellung, in der „Gleichberechtigung“ nicht mehr denn einseitige Wiedergutmachung meint.

Hier beherrscht ein unzweideutiges Gefälle das Verhältnis der Geschlechter: Männer in der Bringschuld – der Pflicht zur Kompensation auf der einen, und Frauen als die entsprechend Fordernden und Empfangenden auf der gegenüberliegenden Seite. Dieser Weltbau entspricht eben jener starren Statik und Lebensfremde, die den Feminismus zu dem gemacht haben, was Emma Watson so betrübt: ein unangenehmer, verlogen anmutender Begriff, dem sich viele Männer und Frauen heute nur noch schwerlich anschließen möchten.

Dass zwar von „Männern und Frauen“ gesprochen wird, erstere aber im fortschreitenden Lauf irgendwie nicht mehr so richtig Gegenstand der Sache sind und sogar den weiblichen Anliegen zur Gänze hinten angestellt werden, ist keineswegs neu. Insbesondere den Deutschen sollte dieses Phänomen umfänglich bekannt sein. Beispielsweise definieren hierzulande beinahe alle Landesgleichstellungsgesetze das aktive und passive Wahlrecht von Gleichstellungsbeauftragten als ein ausschließlich Frauen vorbehaltenes Privileg. Derart berufene Gleichstellungsbeauftragte verfügen demgemäß über keinerlei demokratische Legitimation zur Vertretung beider Geschlechter. Dennoch will uns die politische Sprachfärbung, die immer von „Männern und Frauen“ spricht, subversiv das Gegenteil aufdrängen. 

Im Westen also nichts Neues und im Rest Europas ebenso nicht. Seither war es allerdings Gewohnheit und guter Stil, sich zumindest zu bemühen, den Schein zu wahren und derlei Widersprüche mit gutmenschlichem Gerede zu umschwurbeln. Bei HeAndShe ist dies jedoch erstaunlich – ja, irgendwie erfrischend anders. Hier verbleibt das Widersprüchliche und Entlarvende nicht nur unkaschiert. Vielmehr wird es geradezu offen zur Schau gestellt. Das gilt für Watsons Rede ebenso wie für die Selbstdarstellung der HeForShe-Kampagne als Ganzes.

Dass die Nichtachtung männlicher Anliegen so unverhohlen ohne jede Scham dargeboten wird, weist darauf hin, dass man sich bei der HeForShe-Kampagne voll und ganz auf das Herausfordern von Männlichkeitsgefühlen verlässt. Wer ein rechter Kerl ist, der setzt sich für die Frauen ein – ein subtiler, ansozialisierter, urmännlicher Mechanismus, der bis heute überaus verlässlich geblieben ist und schon so manchen Mann in die Beschützerrolle, zur Selbstaufgabe und – wer weiß – denkbarerweise auch in den Niedergang getrieben hat.

Den Männern wird durch diesen Mechanismus paradoxerweise eines von genau jenen Rollenkorsetts geschnürt, von denen Emma Watson nach eigenem Versprechen die Männer befreien will. Folglich hat die HeForShe-Kampagne nicht im Allergeringsten den Anspruch, Männer von irgendwelchen Zwängen und Nöten zu erlösen. Vielmehr und ganz im Gegenteil wird hier die Absicht verfolgt, die Schnüre noch enger zu ziehen, auf dass das Korsett noch strammer sitze.

Watsons Wehklagen über Männer, die nicht fähig seien, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, ist nicht mehr als Hohn. Denn HeForShe will genau solche Männer. HeForShe bedeutet, dass der eine alles für den anderen gibt, aber nicht der andere für den einen. In einer solchen Konstellation kann der Erstgenannte nicht anders, als sich selbst zurückzusetzen. Das gilt für seine Wünsche, Belange, Bedürfnisse und folglich für seine Gefühle.

Emma Watson sendet damit eine mehr als klassische Doublebind-Botschaft an die Männer. Männern wird vorgehalten, ihre Gefühle nicht erkennen, gestehen und zum Ausdruck bringen zu wollen. Gleichsam aber sollen sie sich mit selbigen zurückhalten, um sich kompromisslos aufopfernd in den Dienst der Frauen zu stellen. Ja was denn nun? Muss der männliche Unwille zur Partizipation am feministischen Dialog – pardon, Monolog angesichts solcher als „Feminismus“ verkaufter Egoismen denn noch verwundern?

Wahrlich schändlich an Watsons Rede ist, dass sie nicht nur Männern, sondern auch Jungs dieses eng geschneiderte Korsett überstülpen möchte. Sie ruft Jungs ebenso wie Männer an, ihre Anstrengungen einzubringen, auf dass – so Watsons Wortlaut – ihren Schwestern, Müttern und Töchtern ein Aufwachsen und Leben ohne hindernde Vorurteile möglich werde. Von Frauen und Mädchen, die dasselbe auch ihren Vätern, Brüdern und Söhnen zukommen lassen mögen, hören wir nichts. Wenn sich erwachsene Männer in Watsons Rollenpanzer quetschen wollen, so ist das bedauerlich, aber im Rahmen ihrer Entscheidungsfreiheit. Kann sie aber nicht wenigstens Kinder damit in Frieden lassen? Brauchen wir denn wirklich noch eine Generation von Tarzans und Janes, von Klage- und Jammerfrauen, Beschützermännern und weißen Rittern?


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