22. Oktober 2014

Brzeziński und der IS Über ganz erstaunliche geostrategische Zufälle

Ein interessanter Kartenvergleich mit lustigem Zitateraten. Welches politische Schweinderl hätten‘s denn gern?

Was man beim Wiederlesen mancher Bücher so alles findet! Mitunter fördert man dabei ganz erstaunliche Informationen zutage. Vielleicht, weil man ein bestimmtes Buch schon vor längerer Zeit gelesen hatte und sich an den Inhalt nicht mehr detailliert erinnert. So ging es mir, als ich im Zuge von Recherchen für ein kleines Büchlein über US-Außen- und NATO-Politik noch einmal Zbigniew Brzezińskis „The Grand Chessboard“ zur Hand nahm. Auf Deutsch trug es den Titel „Die einzige Supermacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft“. Ich entdeckte dabei etwas, das gerade im Zusammenhang mit dem bezüglich seiner Hintergründe, die in ihrer finanztechnischen und waffenlogistischen Vielfalt auch nur zaghaft anzusprechen einen bekanntlich sofort zum verwirrten Reichsflugscheibensammler und dumpfen Anti-Sonstwas macht, stets freundschaftsjournalistisch in dicke Tarnkleidung gepackten IS-Terror von einigem Interesse sein könnte. Ehrlich jetzt, und ganz ohne krude Kruste.

Doch der Reihe nach. Zum besseren Verständnis muss diejenige Geostrategie, die Brzeziński für „Eurasien“ entwarf, nochmal im Schnelldurchgang erklärt werden, sonst versteht man die Tragweite meiner kleinen, bekloppten anti-irgendwasdumpfen Entdeckung nicht. In seinem Buch schrieb Brzeziński also – und bezog sich damit auf eine bekannte Doktrin des von ihm tief verehrten englischen Geopolitikers Sir Halford Mackinder („Herzland-Doktrin“) – Eurasien sei für Amerika der „geopolitische Hauptpreis“ („For America, the chief geopolitical price is Eurasia“, Brzeziński, „The Grand Chessboard“, Seite 30). Aber was genau versteht er eigentlich unter „Eurasien“? Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass viele Leute, aus welchen Gründen auch immer, dabei oft nur an Europa oder die EU denken. Weit gefehlt. Auf den Seiten 32 und 34 der englischen Ausgabe, auf die ich mich hier beziehe, präsentiert er Karten des von ihm so genannten Eurasien. Besonders die Karte auf Seite 34 hat es mir angetan. Brzeziński unterteilt Eurasien in vier Bereiche unterschiedlicher Größe, die er schlicht „West“, „Middle Space“, „South“ und „East“ nennt (Westen, Mittlerer Raum, Süden und Osten). Im „Westen“, einem Bereich von vergleichsweise eher bescheidener Größe, finden wir das, was heute im weitesten Sinne als „Europa“ summiert wird, also Länder wie Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, England und so weiter. Kurz: Nord-, West- und Südeuropa, mithin auch den Einflussbereich der EU. Als „Mittleren Raum“ definiert Brzeziński im Wesentlichen die gigantische russische Landmasse. Im „Osten“ finden wir als größten „geopolitischen Spieler“ China nebst anderen asiatischen Ländern. Und nun spielen wir mal ein wenig geopolitisches Topfschlagen, denn wir nähern uns dem Heureka-Erlebnis dieses kleinen Artikels.

Nehmen wir also nun einmal den „Süden“ Eurasiens näher unter die Lupe, das, was Brzeziński auf seiner Karte ganz nüchtern „South“ nennt. Zoomen wir diesen Teilbereich näher heran – so wie Brzeziński es einige Seiten später tut –, stoßen wir in diesem „Süden“ Eurasiens auf die von ihm so genannte „zentraleurasische Region“. Brzeziński schreibt über diesen Bereich, er sei von größter Wichtigkeit für die Aufrechterhaltung der, wie er es nennt, „American Primacy“ (Amerikanische Vorrang- oder Vormachtstellung). Es sei von vitalem Interesse für die globale Dominanz der einzigen verbliebenen Supermacht, dass in dieser Region kein dominanter geopolitischer Spieler auftaucht: „Dieses große, seltsam geformte eurasische Schachbrett – das von Lissabon bis Wladiwostok reicht – bildet den Rahmen für ‚das Spiel‘. Wenn der Mittlere Raum zunehmend in den sich ausdehnenden Orbit des Westens gezogen werden kann (wo Amerika vorherrscht), wenn die südliche Region nicht der Dominanz eines einzigen Spielers unterworfen und der Osten nicht in einer Weise vereint ist, die den Ausschluss Amerikas von seinen Offshore-Basen auslöst, dann kann man sagen, dass Amerika obsiegt“ (Seite 35, Übersetzung durch mich).

In der südlichen Region dürfe also kein dominanter Schachspieler entstehen. Gut. Aber welche Länder liegen nun in dieser „zentraleurasischen Region“? Werfen wir dazu einen Blick auf die entsprechende Karte, die sich auf Seite 53 seines Buches findet. Och, nur Länder wie der Irak, Saudi-Arabien, der größte Teil der Türkei, der Iran, Syrien, Afghanistan, der Jemen, Pakistan, eine kleine Ecke des Schwarzen Meeres, Turkmenistan, Kasachstan (das an Russland grenzt), das Kaspische Meer und eine Handvoll anderer, kleiner Länder, darunter zum Beispiel auch die chinesische Provinz Xinjiang. Ach ja, und die Krim, hihi. Nun legen wir neben diese Karte Brzezińskis – und erinnern uns bitte nochmal schnell daran, dass er sie als eminent wichtige Region bezeichnet, die für die „American Primacy“ von größter Bedeutung sei – eine andere, die dem geneigten Leser von der 1A-Qualitätspresse vor kurzem als diejenige präsentiert wurde, die der IS, formerly known as Prince of al-Qaida, für sich als „Kalifatsgebiet“ beansprucht. Schnallen wir uns aber bitte vorsorglich am Stuhl fest, damit wir uns nicht den Hals brechen. Topfschlagen! Jetzt wird‘s heiß: Die vom IS zum Kalifat ausgerufene Region ist mit der soeben beschriebenen aus Brzezińskis Buch nahezu deckungsgleich – sieht man von Nordafrika ab, das sich der IS, so wird zumindest offiziell verkündet, ebenfalls zu krallen gedenkt. Na, war das auch gut für Sie? Falls Sie Raucher sind, nehmen Sie sich ruhig eine Zigarette und genießen Sie diesen wundervollen Augenblick der Erkenntnis.

Moment, nicht so schnell, mein Lieber. Was hat das eine denn jetzt mit dem anderen zu tun? Na, du bist ja ein Schlaumeier. Brzeziński schrieb in seinem Buch doch selber, es handele sich bei dieser „zentraleurasischen Region“ um ein Gebiet, das von Konfliktpotentialen gebeutelt werde und in dem jederzeit das eine oder andere Pulverfässchen hochgehen könne. Er wies doch also nur darauf hin, dass es in dieser Region in Zukunft zu größerem Fratzengeballer kommen könnte. Und weiter? Ich verstehe den Zusammenhang nicht. Was unterstellst du da? Kann sich doch um ganz natürlich entstandene Krisen und Kriege handeln.

Theoretisch ja. In der Praxis aber – das ist heute absolut zweifelsfrei erwiesen – wurden die Kriege im Irak und in Afghanistan, zwei Ländern, die in genau dieser Region liegen, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen geführt, kurz: Es wurde dabei kräftig gelogen, es wurden nicht nur die Bürger Amerikas am Nasenring durch eine Arena voller Propaganda, Täuschungen und Manipulationen gezogen. Und auch über die Destabilisierungsversuche in Syrien ist mittlerweile bekannt – wenn auch nicht im Dumbstream der Presse –, dass der militärische Klassenprimus seine Finger im Spiel hatte, indem er zum Beispiel über die „Bengasi-Connection“ Waffen aus Libyen an euphemistisch so genannte „moderate“ Widerstandszärtlinge in Syrien schleuste. Deren Waffen teilweise übrigens auch dem IS in die Hände fielen. Oder Stinger-Raketen an al-Qaida (Libyen). Oder indem er Rüstungsgüter im Irak zurückließ, derer so einige ebenfalls, manchmal hat man aber auch ein verdammtes Pech, vom IS erbeutet wurden. Und so weiter und so rein zufällig ganz im Sinne der von Brzeziński entworfenen Geostrategie für die „zentraleurasische Region“ fort. Eine Strategie, die verhindern soll, dass in dieser Region ein dominanter Spieler entsteht. Eine Region, in der man dank lügenbasierter Angriffskriege ein Heidenchaos verursacht, das noch Jahre nachwirkt und „humanitär“ bereinigt werden muss. Nochmal: Das – zumindest laut Transatlantikernüttchen-Presse – vom IS beanspruchte Kalifatsgebiet ist mit der zentraleurasischen Region Brzezińskis so gut wie deckungsgleich, sieht man von den afrikanischen Ländern ab. Aber auch die stellen in diesem Zusammenhang kein größeres Erklärungsproblem dar, im Gegenteil, will man doch den Einfluss Chinas in Afrika zurückdrängen und hatte man Libyen, ein Land, das laut einem UN-Bericht vor dem Krieg zu den am höchsten entwickelten und wohlhabendsten Ländern Afrikas gehörte, gründlich zerhauen, so dass auch dort eine kräftig wuchernde Keimzelle für Chaos und Terror entstand. Wow. Schon wieder so geil. Unter diesem Artikel finden Sie einen Link zu einer Bilddatei. Ich habe beide Karten gegenübergestellt, damit es nicht nur bei Worten bleibt, sondern Sie sich selber von der Richtigkeit der geostrategischen Lottozahlen überzeugen können.

Um überdies so deutlich wie nur irgend möglich zu machen, mit welcher Sorte von politischem Denker man es bei Herrn von und zu Brzeziński, dem obersten Geostrategen der einzigen verbliebenen Welt-Dauerbeglücker und -befreier, zu tun hat, zum Abschluss noch ein kleiner Zitatenabgleich. Das erste Zitat stammt von Brzeziński, „The Grand Chessboard“, Seiten 35/36: „Es ist außerdem eine Tatsache, dass Amerika daheim zu demokratisch ist, um in Übersee autokratisch aufzutreten zu können. Das schränkt den Gebrauch amerikanischer Macht ein, vor allem ihre Fähigkeit zur militärischen Einschüchterung. Niemals zuvor hat eine populistische Demokratie internationale Überlegenheit erlangt. Aber das Streben nach Macht ist kein Ziel, mit dem man populäre Leidenschaft beherrschen könnte, es sei denn unter den Bedingungen einer plötzlichen Bedrohung oder Herausforderung des öffentlichen Sinnes für inländisches Wohlergehen.“ („It is also a fact that America is too democratic at home to be autocratic abroad. This limits the use of America’s power, especially its capacity for military intimidation. Never before has a populist democracy attained international supremacy. But the pursuit of power is not a goal that commands popular passion, except in conditions of a sudden threat or challenge to the public’s sense of domestic well-being.”)

Mit anderen Worten sagt Brzeziński also sinngemäß, dass nicht dieses, igitt, Volk über den Einsatz militärischer Macht zur Erlangung internationaler Vorherrschaft („American Primacy“) zu entscheiden habe, sondern das „Streben nach Macht“, also kurz, die politische Machtelite oder Führungsspitze eines Landes. Man treffe mit diesem Machtstreben, diesem Willen zu internationaler Dominanz, eben nicht unbedingt den Nerv des, igitt, einfachen Volkes in einer „populistischen Demokratie“. Amerika ist im Inland nun mal zu demokratisch, um im Ausland so richtig stramm seine Ziele durchsetzen zu können. Gottverdammich. Komme zu autokratisch und autoritär, also zu putinisch rüber. Es sei denn ... hmm ... es sei denn, es gäbe eine plötzliche Bedrohung, die den Wunsch der, igitt, populistischen Öffentlichkeit nach  Sicherheit und Wohlergehen oder, wie Die Ärzte sagen würden, nach „Frieden und Liebe und so“ herausfordert. Wenn ich ganz verschwörungsdumpf-spekulativ-antisonstwas fragen dürfte: Womöglich eine Bedrohung aus genau derjenigen Region, die man gerne unter Dach und Fach hätte und die man schon seit Jahren mit Pinocchios Hilfe in Grund und Boden bombt, gerne auch mit zahllosen Drohnenflügen? Wie könnte man die, igitt, populistischen Bürger in ihrem Sicherheitsbedürfnis verunsichern? Vielleicht so: IS droht mit Enthauptung aller ungläubigen Amerikaner. Na also, geht doch. Und das von dieser Mörderbande beanspruchte Kalifatsgebiet deckt sich auch noch rein zufällig mit demjenigen, das man gerne unter seinen Fittichen hätte und in dem bitte kein dominanter Spieler entsteht, ja? – der uns herausfordern könnte.

Nun das zweite Zitat. Die Ähnlichkeiten werden Sie verblüffen.

„Natürlich, das einfache Volk will keinen Krieg. Aber schließlich sind es die Führer eines Landes, die die Politik bestimmen, und es ist immer leicht, das Volk zum Mitmachen zu bringen, ob es sich nun um eine Demokratie, eine faschistische Diktatur, um ein Parlament oder eine kommunistische Diktatur handelt.“ Und jetzt wieder Topfschlagen, mittenmang, heiß,. heiß, heiß: „Das ist ganz einfach. Man braucht nichts zu tun, als dem Volk zu sagen, es werde angegriffen, und den Pazifisten ihren Mangel an Patriotismus vorzuwerfen und zu behaupten, sie brächten das Land in Gefahr. Diese Methode funktioniert in jedem Land.“

Auch der Urheber des zweiten Zitates findet also, man könne die Zustimmung des, pfui, einfachen, kriegsskeptisch-friedenspopulistischen Volkes dadurch erreichen, dass man es in seinem Wunsch nach Frieden und Liebe und so trifft. Zum Beispiel durch irgendeine Bedrohung, indem man ihm erzählt, es werde angegriffen, also in seinem Wunsch nach inländischer Sicherheit beeinträchtigt. Schon interessant, finde ich, wie sich beide Äußerungen gleichen.

Ach so, ja, hätte ich beinahe vergessen: Das zweite Zitat, dessen Aussagegehalt sich mit demjenigen Brzezińskis ganz verblüffend deckt, stammt von

Hermann Göring.

Link:

Kartenvergleich „Zentraleurasische Region“ – „IS-Kalifat“


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