01. Dezember 2014

Öl Energie wie nie

Die Zukunft gehört der Freiheit

Auf der am vergangenen Donnerstag lang ersehnten Sitzung der OPEC-Länder wurde beschlossen, die Fördermenge des Öls nicht zu senken. Traditionsgemäß hat Saudi-Arabien den Hebel in der Hand und kann mit seiner Position innerhalb des OPEC-Kartells den Preis beeinflussen. Es gibt zwei Theorien, warum die Saudis trotz des massiven Preisverfalls nicht einschreiten. Dabei gibt es zwei entgegengesetzte Ebenen mit derselben Motivation.

Das Ziel der Saudis ist in jedem Fall, ihre Marktmacht zu behalten. Durch den Einsatz innovativer Technologien wie Fracking kommt es zu einem Überangebot und Dezentralisierung der Ölförderung. Der Preis am Weltmarkt sinkt. Erst seit kurzem setzen die Amerikaner auf diese Technik mit sehr großem Erfolg. In wenigen Jahren werden die USA ihre Energiesouveränität erreichen und zum größten Ölproduzenten weltweit aufsteigen, sagt die Internationale Energieagentur. Die Rentabilität der meisten amerikanischen Förderanlagen liegt (laut dem Energieexperten der ARD, Jürgen Döschner) bei einem Ölpreis zwischen 60 und 80 US-Dollar pro Barrel. Bleibt die Rentabilität dieser Fördermethode stabil, wird es in absehbarer Zeit nicht zu einem Preisanstieg kommen.

Der geopolitische Erklärungsversuch besagt, dass die verbündeten USA und Saudi-Arabien ihren Konkurrenten Russland, Venezuela und Iran schaden wollen. Diese Länder sind zu einem hohen Grad vom teuren Öl abhängig, um ihre kostspieligen innenpolitischen Versprechen einzulösen. Bereits in den 1980er Jahren hat der amerikanische Präsident Ronald Reagan Saudi-Arabien mit Erfolg überredet, die Fördermenge zu erhöhen. Der Preis fiel zeitweise unter 20 US-Dollar je Barrel. Dieser Schritt war hauptsächlich der Grund für den endgültigen finanziellen Kollaps des sowjetischen Staatshaushalts. Wäre es nicht zu dieser Entwicklung gekommen, es gäbe wahrscheinlich immer noch die kommunistische Bedrohung.

Die energiepolitische Taktik der Saudis geht jedoch in eine andere Richtung. Denn ihre Schmerzgrenze für den Ölpreis ist niedrig. Mit einer mittelfristigen Niedrigpreispolitik kann das arabische Königreich seine neue Konkurrenz aus den USA aushebeln. Sinkt der Preis weiter, wird die Fördermethode Fracking unrentabel. Amerikanische Unternehmen müssten schließen, während die Saudis ihre Verluste mit staatspolitischen Methoden kompensieren können.

So oder so sind die Auswirkungen des niedrigen Ölpreises und dezentraler Förderung ein sehr positives Signal für die Zukunft. Geringe Energiekosten kommen der gesamten Wirtschaft zugute. Die Rentabilität fast jeder Produktionsart und des Transports wird erhöht. Die Preise für Endprodukte sinken. Diese Auswirkungen werden alle Menschen spüren. Der viel beschworene Untergang des Kapitalismus wird mal wieder verschoben.

Die Abhängigkeit der Industriestaaten gegenüber den rohstoffexportierenden Entwicklungsländern wird sinken und somit auch das energiepolitische Druckpotential Russlands auf Europa. Moskau verliert dieses Jahr aufgrund des niedrigen Ölpreises etwa 100 Milliarden US-Dollar. Die Sanktionen reißen dagegen nur ein 40-Milliarden-Dollar Loch in die Staatskasse. Die Gefahr einer Staatspleite steigt jedoch nicht nur für Russland, sondern für eine Vielzahl von energieexportierenden Ländern mit ausufernden Staatsausgaben, geringer Produktivität und einseitiger Produktpalette.

Allgemein fällt auf, dass Rohstoffreichtum kein Garant für eine florierende Wirtschaft oder persönliche Freiheit ist. Bei den rohstoffexportierenden Ländern handelt es sich vielmals um repressive Staaten, welche die Eigeninitiative ihre Bürger unterdrücken. Wie kommt das? Eine Rohstoffquelle weckt Begehrlichkeiten, welche ganze Gesellschaften zum Einsturz bringen können. Ein armer und ungebildeter Arbeiter empört sich gerne über die Ungleichverteilung von Kapital. Während private Förderunternehmen gute Geschäfte machen, geht der Kapitalfluss an der Bevölkerung vorbei. Dass jeder von einer effektiven Rohstoffgewinnung durch private Unternehmen über geringe Endproduktpreise profitiert, ist aber eine Tatsache, die von politischen Demagogen gerne verschwiegen wird. Stattdessen bedienen sich die Zahlenakrobaten des Neides der Menschen, um die Rohstoffvorkommen zu vergesellschaften, also zu verstaatlichen. Hier wird der Samen für eine diktatorische Entwicklung gelegt. Der Staatsapparat schwillt an und übernimmt immer mehr Kontrolle über Wirtschaft und Gesellschaft. Das ist Gift für eine gesunde Entwicklung der Ökonomie, von Forschung und Innovationen. Die Sozialisten in Venezuela haben die politische Bühne mit dem Versprechen betreten, die Abhängigkeit vom Ölexport zu verringern. Das Gegenteil ist passiert. Der Anteil des produzierenden Gewerbes und des Handels am BIP schrumpfte drastisch. Heute muss das sozialistische Venezuela fast jedes Produkt importieren. Der Staat unterdrückt mit seinen dirigistischen Maßnahmen jede unternehmerische Tätigkeit und bürgerliche Opposition. Die versprochene sichere Einnahmequelle, die laut politischem Versprechen direkt den Menschen zugutekommen soll, wird zum gesamtgesellschaftlichen Desaster. Armut und Unfreiheit sind symptomatisch für rohstoffreiche Länder. Russland hat gewaltige Rohstoffvorkommen aller Art, kann sie jedoch nicht ohne einen Technologieimport aus westlichen Staaten fördern. Schließlich verhindert die angespannte politische und ökonomische Lage den Aufbau funktionierender Wirtschaftsketten und Forschungseinrichtungen. Die Lösung für das Problem liefern, wie so oft, technische Innovationen. Die Fracking-Methode ist eine solche Innovation, die innerhalb weniger Jahre den gesamten Ölweltmarkt und das geopolitische Machtverhältnis auf den Kopf gestellt hat.

Aber es geht um noch viel mehr. Durch fallende Rohstoffpreise werden viele Staaten gezwungen, ihre Wirtschaft zu diversifizieren. Dafür muss ein Rahmen geschaffen werden beziehungsweise entstehen, der Unternehmern Rechtssicherheit und Handlungsfreiheit gewährleistet. Um neue technische Trends nicht zu verpassen, muss die Bildung entideologisiert werden. Dadurch entsteht eine Zivilgesellschaft, die für ihre Rechte und Freiheiten notfalls kämpfen würde, sollte wieder eine Machtergreifung der Staatsfanatiker drohen.

In Zukunft wird der Einsatz von Ressourcen durch effiziente Produktionsmethoden, Innovationen und Digitalisierung sicherlich weiter verringert werden können. Staaten, die ihren Unterdrückungsapparat durch den Export von Rohstoffen sichern und sich so eine gewisse politische Stabilität erkaufen, werden in Zukunft große Probleme bekommen. Entweder sie lassen ihre Bürger in Ruhe wirtschaften oder sie werden untergehen. Die Zukunft gehört also der Freiheit.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Igor Alexandrowitsch Ryvkin

Über Igor Alexandrowitsch Ryvkin

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige