11. Dezember 2014

Medizin Der Willkür Tür und Tor geöffnet

Vernünftige Gedanken über Psychiatrie, Theologie und die Seele des Menschen

Für Liberale ist es der Fall Mollath wert, sich noch einmal und diesmal radikale Gedanken über die Medizin und über die Psychiatrie zu machen. Zum besseren Verständnis des Folgenden scheint die Trennung in Medizin und Psychiatrie sinnvoll und legitim.

Die Psychiatrie und die Justiz sind im Fall Mollath zu kritisieren.

Dies ist eine wissenschaftliche Kritik der Psychiatrie, wobei die Psychiatrie auch anhand anderer Maßstäbe kritisiert werden kann, zum Beispiel anhand moralischer, politischer, kultureller, wirtschaftlicher Maßstäbe. Die Bezugspunkte wären dann aber einzelne Psychiater, der Gesetzgeber, die Gesellschaft, die Pharmaindustrie et cetera.

Jede Kritik an der Psychiatrie sollte begrifflich präzise, explizit und stimmig in der Begründung sein. Die Verwirrung, das Verdrängen und die Gewöhnung  hinsichtlich der Psychiatrie sind jedoch groß – und gewollt. Es drängt sich daher der Vergleich mit der Religionskritik früherer Jahrhunderte auf.

So, wie jeder geschulte Theologe auf die Theodizeefrage zu fabulieren weiß, antwortet der geschulte Psychiater auf die Frage nach der Validität und Reliabilität seiner Diagnosen mit rhetorischem Geschick und verweist auf den verstehenden, tiefenpsychologischen, psychoanalytischen, narrativen, psychopathologischen, phänomenologischen, kurz, auf seinen hermeneutischen Zugang und nicht zuletzt auf seine Erfahrung. Bei so viel Expertentum verschlägt es dem Laien und auch manchem Mediziner zunächst die Sprache.

Von der Verwirrung profitiert die Psychiatrie, wie man an unseren gut gefüllten Irrenanstalten feststellen kann, deren viele sich dem Zeitgeist der „Wellness“ entsprechend immer häufiger umbenennen. Hießen die Irrenhäuser früher „Klinik für Nerven- und Gemütserkrankungen“,  nennen sie sich heutzutage „Zentrum für seelische Gesundheit“. 

Nicht nur in der Benennung ihrer  Häuser, auch in der Beurteilung des menschlichen Erlebens und Verhaltens ist die Psychiatrie anpassungsfähig. Was sie einst als Krankheit bewertete, wird plötzlich als normal angesehen. Die Homosexualität hat die Psychiatrie in den 1970er Jahren aus ihrem „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM V) gestrichen, auch die Hysterie bedroht uns als Krankheit nicht mehr. Häufiger aber wird, was einst als normal galt, plötzlich zur Krankheit. Der Unsitte der Krankheitserfindung, an der auch die Medizin bisweilen krankt, unterliegt die Psychiatrie aus ihr wesensgemäßen Gründen ganz besonders: Sie nimmt kontinuierlich Verhaltens- und Erlebensphänomene neu als krankheitswertig in ihren Katalog auf. 

Viele Menschen begeben sich freiwillig in psychiatrische Kliniken, und sie werden ihre eigenen Gründe haben. Jeder darf selbstverständlich psychiatrische Angebote nutzen, wenn er meint, damit zu seinem persönlichen Glück beizutragen. 

Manche  Menschen sind jedoch unfreiwillig in der Psychiatrie oder im Maßregelvollzug und werden unter Zwang behandelt. Wir ahnen dies und trösten uns mit dem Gedanken, dass das „Einzelfälle“ seien.

Solange wir nicht selber unfreiwillig in der Psychiatrie oder im Maßregelvollzug sind, was manchmal, besonders in Bayern, schnell passieren kann, scheint eine fundamentale Kritik an der Psychiatrie abwegig zu sein. Immerhin schafft sie uns die Verrückten fort, die womöglich auch noch gefährlich sind oder werden, und wir geben uns der beruhigenden Illusion hin, dass alle Maßnahmen durch wissenschaftlich ausgewiesene Experten veranlasst werden. 

Seit rund 150 Jahren steht die Frage im Raum, ob der Psychiatrie überhaupt die Berechtigung zukommt, als ein Zweig der Medizin anerkannt zu sein. Diese Frage wird nicht nur von „Psychiatriekritikern“ gestellt, sondern  kommt auch aus Teilen ihrer eigenen Wissenschaftsgemeinde.

Seit 150 Jahren – seit dieser Zeit versteht sich die Medizin als eine im Wesentlichen den Naturwissenschaften verpflichtete Disziplin, und Mediziner verstehen sich spätestens seit Rudolf Virchow als Physikalisten/Monisten.  Seit 150 Jahren auch ist nur die Medizin berechtigt, Menschen eine Krankheit  aufgrund körperlicher Zeichen (Symptome) oder technischer Befunde  zu attestieren.

Die Psychiatrie, die sich als zur Medizin zugehörig verstehen will, arbeitet demzufolge mit einem medizinischen Modell  psychischer Auffälligkeiten.  Dies beinhaltet nicht weniger, als dass sie psychische Auffälligkeiten im Wesentlichen als Gehirnkrankheiten ansieht und ansehen muss. Psychiater wollen sich schließlich genauso wenig wie die richtigen Mediziner  dem Verdacht aussetzen,  dass sie Dualisten seien.

Und da das Gehirn ein Teil des Körpers ist, dürfen Psychiater folglich wie Mediziner  von Krankheit sprechen. Den Begriff „Gehirnkrankheit“ vermeiden sie allerdings und sprechen lieber von „psychischer Krankheit“. Das hört sich besser an und bietet auch andere Vorteile: Die „Psyche“ oder „Seele“ ist ein individuelles Konstrukt eines jeden Menschen und materiell nicht greifbar. Man kann alles in sie hineinlegen und auch alles im Nebulösen lassen. Sie bietet Platz für wilde Spekulationen. Das „Psychische“ leuchtet aber auch jedem Menschen ein und er empfindet es richtigerweise als ein weites Feld. Daher glauben die meisten Menschen, dass es gut sei, dafür „Spezialisten“ zu haben. Würde die Psychiatrie ihre Häuser ihrem medizinischen Modell entsprechend „Kliniken für Gehirnkrankheiten“ nennen, würde sofort die Frage gestellt werden, ob die zugehörigen Ärzte nicht vielleicht selbst gehirnkrank sind.

Es gibt neben dem medizinischen Modell auch andere Modelle des auffälligen Erlebens und Verhaltens. Diese Modelle  werden zum Beispiel von psychologischer, sozialwissenschaftlicher  oder politisch-philosophisch von liberaler Seite formuliert.

Die Psychiater melden sich in diesem Definitionswettbewerb aber am lautesten zu Wort.

Dabei kommt den Psychiatern der Vorteil zu, dass nur sie als Absolventen eines Medizinstudiums befähigt und befugt sind, diese auffälligen psychischen Phänomene zunächst medizinisch zu differenzieren:

Kann dieses Phänomen aufgrund einer fokalen Schädigung des Gehirns erklärt werden? Dann fällt es in den Zuständigkeitsbereich der Neurologie. Kann es mit einer endokrinologischen Krankheit erklärt werden? Dann sind die Internisten zuständig. 

Alle  psychisch auffälligen Phänomene, die rätselhaft sind, weil sie sich nicht objektiv körperlich kategorisieren lassen, bleiben für die Psychiatrie übrig. Die Psychiatrie unterstellt diese Phänomene  ihrem medizinischen Modell, welches im Wesentlichen ein Gehirnkrankheitsmodell  ist. Psychologische oder sozialwissenschaftliche Modelle werden von ihr allenfalls unter erheblichen Einschränkungen zugelassen. Liberale Modelle werden ausgeschlossen. Die Psychiatrie hat sich schon immer staatlichen Ideologien angedient.

Der Psychiatrie kommt dabei noch zugute, dass Menschen aus verschiedenen Gründen sich gern Ärzten anvertrauen. Aller Wirklichkeit zum Trotz sehen die meisten in ihnen Halbgötter, und wer wollte manchen Ärzten verdenken, daran mitzuarbeiten: bedient diese Illusion doch den gut belegten self confirmation bias (selbstbestätigende Wahrnehmung).

Die Psychiatrie behandelt also alle „Nichtsomatischen“, die psychisch unterschiedlich auffällig sind, und macht im Sinne ihres medizinischen Modells allerlei Aussagen über Gehirnstörungen als Ursache der psychischen „Erkrankung“. 

Sie mutmaßt über genetische Ursachen, über Neurotransmitter, Schaltkreise, Synapsen und Nervenzellen, deren Funktion gestört sei, und präsentiert dies als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis.

Alle diese Hypothesen sind nicht bewiesen und neurowissenschaftlich nicht haltbar. 

Die Psychiatrie verfügt über keine objektiven Verfahren, anhand derer sie ihre „Diagnosen“ erhärten könnte. Beim gegenwärtigen Stand der Forschung kann daher keine der psychiatrischen Diagnosen als valide betrachtet werden. Sie stellen Mutmaßungen anhand unscharfer und selbstreferentieller Kategorisierungsmaßstäbe dar. Und das Stellen einer Prognose gar  wird zum Blick in die Kristallkugel, die auch bei besonders erfahrenen Psychiatern nicht an Validität gewinnt. Auch um die Reliabilität ist es schlecht bestellt. Dies wird allerdings von der Psychiatrie meistens verschwiegen und vertuscht. Sie verfügt, entwickelt über Jahrzehnte, über ein Arsenal von beeindruckenden Formulierungen, Wörtern und Redewendungen, mittels derer sie vorgibt, Wahrheiten zu präsentieren. Bei fehlender wissenschaftlicher Grundlage darf man dies getrost als bisweilen zwar eleganten, aber doch als Unsinn ansehen.

Deshalb hat der berühmte Psychiater Thomas Szasz noch immer recht, wenn er sagt: „Es gibt keine psychischen Krankheiten.“  Insofern gehört die Psychiatrie bis heute nicht zur Medizin.

Wir haben uns aber an sie gewöhnt.

Mit keiner medizinischen Diagnose, nur mit der psychiatrischen „Diagnose“ ist Macht verbunden, denn es wird das Gehirn, das Denkorgan, für krank erklärt und dem Diagnostizierten darum bisweilen nur noch ein „natürlicher Wille“ statt eines freien Willens zugestanden. Alle zukünftigen Maßnahmen sind somit qua Gehirnkrankheit gerechtfertigt. Eine Einwilligung des Patienten in „therapeutische Maßnahmen“  ist dann nicht mehr nötig, und der Willkür sind Tür und Tor geöffnet.

Um es zu betonen: Ohne Zweifel treten bei manchen Menschen psychische Phänomene auf, die „normale“ Menschen nicht nachvollziehen können, und auffällige Erlebens- und Verhaltensmuster können in verschiedener Hinsicht für die Mitmenschen und bisweilen auch für die Betroffenen selber beängstigend sein. Einige dieser Menschen können sogar gefährlich werden, vor allem, wenn sie Drogen oder Alkohol missbrauchen. Entgegen populärer Befürchtungen sind sie aber nicht gefährlicher als Menschen anderer Bevölkerungsgruppen unter Drogen- oder Alkoholeinfluss.

Die gegenwärtige Diskrepanz jedoch zwischen empirischer Erkenntnis und allgemeiner psychiatrischer Praxis ist groß. Damit ist die Gefahr verbunden, dass Menschen, die der Hilfe bedürfen, diese nicht in bester Weise erhalten und/oder vermeidbare Schäden davontragen.

Die wissenschaftlich-empirische Psychiatriekritik ist fundamental und den Daten verpflichtet. Sie kann ihre Positionen im Licht neuer Erkenntnisse revidieren, sofern diese durch Replikationen seriöser Studien erhärtet werden. Wissenschaftliche Erkenntnisse wären wünschenswert, damit Spekulationen, Mutmaßungen und Bewertungen ein Ende haben. Damit hätte auch die psychopharmakologische Forschung das Ziel, dessen sie ermangelt, weswegen sie derzeit so gut wie eingestellt ist.

Die Psychiatrie steht vor theoretischen, praktischen und moralischen Problemen. Sie gleicht eher einer Dunkelkammer der Willkür als einer Wissenschaft.

Angelehnt an Nietzsche entscheidet auch unser Geschmack gegen die Psychiatrie, nicht nur unsere Gründe.


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Autor

Katrin Fischer

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