11. Januar 2015

Schweiz Willkommen im Gefangenenchor

Kinobesuche werden angeraten

Seit kurzem haben wir ja nun eine neue Königin. Ihr Vorgänger Didier I. von und zu Neuenburg  hat am Silvesterabend die Krone von seinem Haupt genommen und auf dasjenige von Simonetta gesetzt, deren dezente Blaublütigkeit ja nicht zu übersehen ist. Doch sie gab sich bescheiden, vermied jede Andeutung herrschaftlicher Ambitionen, sondern verglich unser politisches System mit einer großen Musikaufführung, bei der es auf ein harmonisches Zusammenspielen aller Beteiligten ankomme.

Weil sie in ihrem früheren Leben bekanntlich Musikerin gewesen war, lag ein solcher Vergleich natürlich nahe. Ich zitiere aus ihrer Antrittsrede im Prunksaal des Staatsopernhauses am Bundesplatz in Bern: „Die direkte Demokratie ist ein Zusammenspiel. Wir haben ein Septett …“, womit sie schalkhaft den Bundesrat meinte, „… wir haben ein 246-köpfiges Orchester…“, womit National- und Ständerat zusammengezählt angesprochen waren, und dann noch die eigentliche Pointe: „… und wir haben einen Chor, der sich aus jeweils etwa zweieinhalb Millionen Stimmbürgerinnen zusammensetzt.“

Jetzt werden Sie sich fragen, wie unsere neue Oberintendantin gerade auf zweieinhalb Millionen kommt. Vielleicht weil sie nur von den Stimmbürgerinnen sprach und die Männer ausblendete? In der Tat gibt es in der Schweiz gut 2,5 Millionen weibliche Stimmberechtigte, nebst den ungefähr gleich vielen männlichen.

Möglicherweise meinte sie aber auch etwas anderes, nämlich die Anzahl derjenigen Stimmenden beiderlei Geschlechts, die tatsächlich stimmen und wählen gehen. Die also – um beim Bild zu bleiben – tatsächlich mitsingen und insofern dann eben diesen riesigen politischen Opernchor bilden. Das Bild ist gar nicht so schlecht gewählt. Es erinnert an den berühmten Gefangenenchor in Verdis Oper Nabucco: Die Melodie ein schöner, von allen gedankenlos mitgeplärrter Ohrwurm (Demokratie). Der Inhalt ziemlich simpel (Ja-Nein). Die Hauptrollen spielen andere. Und soweit man dem Chor noch so etwas wie eine Rolle zuordnen wollte, so bezeichnenderweise diejenige der Gefangenen.

Nun ist es aber gar nicht so schlimm, ein solcher Operngefangener zu sein, denn den spielt man ja nur. Und ein Spiel kann man immer auch wieder beenden. Vielleicht nicht gerade von heute auf morgen, weil es allenfalls noch Kündigungsfristen einzuhalten gilt. Aber spätestens auf Ende der Saison sollte einen die Opernintendanz dann aus der Mitgliedschaft entlassen.

Problematisch würde es erst, wenn etwa eine Intendantin solche Kündigungen von Chormitgliedern nicht akzeptieren wollte, sondern sie zwänge, ihre Rolle ständig weiterzuspielen, auch in der nächsten und der übernächsten Saison und überhaupt so lange sie hier wohnen. Dann würde die gespielte in eine echte Chor-Gefangenschaft umkippen, dann würde sich diese Opernintendantin eine Stellung im wirklichen Leben anmaßen, wie sie in der gespielten Oper der Babylonierkönig Nabucco gegenüber seinen Gefangenen hat – also doch Königin Simonetta, aus eigener Machtvollkommenheit herrschend über 2,5 Millionen Menschen?

Und die 5,5 Millionen anderen, das heißt die passiven Stimmbürger sowie die Ausländer und Minderjährigen? Denen empfehle ich, ihr Zuschauerabonnement dieser aufgeblasenen Staatsoper nicht mehr zu erneuern und künftig vermehrt ins Kino zu gehen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Basler Zeitung“.

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