22. Januar 2015

Meinungsfreiheit Wie man’s macht

Klugheit regelt unsere Beziehungen

Spätestens wenn man bemerkt, dass man es doch nicht allen recht machen kann, wäre es vielleicht an der Zeit, eine eigene Überzeugung zu entwickeln.

Über einen „doppelten Shitstorm“ wird gerade in den Medien berichtet. Ein Unternehmen begeht einen vermeintlichen Fehler, wird dafür angegangen, korrigiert den Fehler und bekommt wiederum Rügen von denen, die den Fehler gar nicht als solchen sehen oder jedenfalls keine Relevanz. Der Medieninformationsdienst Meedia berichtet in einem kleinen Beitrag kompakt über das Geschehen, wer auf die Suche geht, wird aber auch an anderer Stelle fündig. Was ist also passiert?

Auf der Flasche einer Flüssigseife von Aldi-Süd war – zum Nachweis des orientalischen Charakters – eine Moschee abgebildet. Darüber beschwerten sich gläubige Muslime, woraufhin das Unternehmen sich nicht nur entschuldigte, sondern das Produkt aus dem Verkauf nahm und Besserung gelobte („an die zuständigen Ansprechpartner in unserem Haus weitergeleitet, damit man dort entsprechend informiert und sensibilisiert ist“). Über diese Reaktion regen sich jetzt andere Kunden auf, da sie sie für übertrieben halten.

Was nun? Sicher kann man das Geschehen nicht nur aus dem Zusammenhang gerissen beurteilen, ohne die Entwicklungen der vergangenen Wochen und Monate (Stichworte „Pegida“, „Paris-Anschläge“, „Satire über Religionen“) mit zu berücksichtigen. Gewisse Empfindlichkeiten bilden sich natürlich heraus, für die man auch Verständnis haben kann. Da sind einerseits die Muslime, die gegen die Abbildung einer Moschee generell gar nichts haben, sie aber nicht im Kontext einer Toilette sehen wollen. Ob man diese Einstellung für richtig hält, ist eine andere Frage, nachvollziehbar ist sie aber. Andererseits kann man sich schon auch fragen, ob denn die Abbildung einer Moschee tatsächlich als Beleidigung aufgefasst werden muss – eigentlich geht es doch um die positive Darstellung eines Kulturkreises: Eine solche Verpackung ist schließlich Werbung und keine Verächtlichmachung.

Nachvollziehbar ist insofern auch die negative Reaktion anderer Aldi-Kunden (oder auch nur Interessierter), die die Herausnahme der Seife aus dem Sortiment als unnötiges Einknicken betrachten. Darunter mischen sich aber auch Stimmen, die die Reaktion von Aldi als politisch korrektes Verhalten in seiner negativsten Form, womöglich als Nachweis für den dominierenden Charakter, den der Islam zwischenzeitlich in Deutschland angenommen habe, deuten: Pegida – Patriotische Europäer gegen die Islamisierung Aldis?

Man möchte dazwischen rufen: Geht’s auch – auf beiden Seiten – ein bisschen kleiner? Nein, eine Moschee auf einer Seifenflasche beleidigt nicht den Islam, und wenn sich ein Unternehmen entscheidet, eine solche Werbung einzustellen, ist das kein Beweis für eine Islamisierung oder Political Correctness. Letzteres ist zunächst mal eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, auch wenn man annehmen darf, dass die entsprechenden Verantwortlichen kaum mit der Gegenreaktion gerechnet haben werden. Ein bisschen mehr Entspannung, ein bisschen weniger „persönliche Betroffenheit“ täte not und würde das Augenmerk wieder auf wirklich relevante Themen lenken.

Worüber man sich in diesem Zusammenhang aber Gedanken machen kann, ist die Frage des generellen Umgangs mit Religionen, vielleicht ganz allgemein mit dem, was Menschen „heilig“ ist. Der Papst hat es eben erst wieder in einem Interview erläutert, nachdem man ihm nach seiner „Faustschlag-Rede“ vorgeworfen hat, er würde Gewalt gegen die Ausübung der freien Rede legitimieren. Hierzu stellte er auf dem Rückflug von den Philippinen klar:

„In der Theorie können wir sagen, dass eine gewaltsame Reaktion auf eine Beleidigung, eine Provokation, in der Theorie, ja, keine gute Sache ist. Das macht man nicht. In der Theorie können wir das sagen, was das Evangelium sagt: Wir müssen die andere Wange hinhalten. In der Theorie können wir sagen, dass wir die Meinungsfreiheit haben. Das ist wichtig. In der Theorie sind wir alle einverstanden. Aber wir sind Menschen. Und da ist die Klugheit, die eine Tugend des menschlichen Zusammenlebens ist. Ich kann nicht kontinuierlich eine Person beleidigen oder provozieren. Denn ich laufe Gefahr, sie zu wütend zu machen. Es besteht das Risiko, dass ich eine Reaktion bekomme, die nicht richtig ist. Nicht richtig! Aber das ist menschlich. Daher sage ich, dass die Meinungsfreiheit der menschlichen Natur Rechnung tragen muss. Und daher, sage ich, muss sie klug sein. Man könnte auch sagen, sie muss gesittet sein, klug. Die Klugheit ist die menschliche Tugend, die regelt unsere Beziehungen. Ich kann bis dahin gehen, bis dahin, bis dahin. Nicht!? Das wollte ich sagen. In der Theorie sind wir alle einverstanden. Da ist die Meinungsfreiheit, eine gewaltsame Reaktion ist nicht gut. Sie ist immer schlecht. Alle sind wir einverstanden. Aber in der Praxis müssen wir ein bisschen einhalten. Denn wir sind Menschen. Und wir riskieren, die anderen zu provozieren. Daher muss die Freiheit von der Klugheit begleitet werden. Das wollte ich sagen.“

Damit ist natürlich nicht gemeint, dass man nur noch leisetreterisch auftreten darf, um nicht das Risiko einzugehen, jemanden zu provozieren. Wir sollten aber – als Christen – in Erwägung ziehen, ob wir mit dem, was wir sagen und tun, andere zu Reaktionen provozieren, die „nicht richtig“ sind, ob wir sie mit einer Provokation zur Sünde verführen. Aus der Bundeswehr kenne ich noch den Tatbestand, der so ähnlich hieß wie „Verführung zum Kameradendiebstahl“; damit war gemeint, dass man eine Mitverantwortung trägt, wenn man beispielsweise seinen Spind offen lässt oder Geld offen herumliegen lässt, und damit jemanden zum Diebstahl verführt. Der Diebstahl wird dadurch nicht besser, es besteht aber eine weitere Verantwortung bei mir.

Hier scheint mir das ähnlich zu sein: Ich muss nicht auf jede „beleidigte Leberwurst“ Rücksicht nehmen, schon gar nicht, wenn die mit Gewalt droht, trotzdem kann ich mir überlegen, ob die eine oder andere Aussage oder Tat nicht nur rechtlich legitim, sondern wirklich hilfreich ist. Die Maßgabe für einen Christen liegt in Worten wie denen des heiligen Paulus, der an die Epheser den bekannten Satz schreibt (Epheser 4,29):

„Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt und dem, der es hört, Nutzen bringt.“

Das macht alles keine Aussage zur Frage, ob eine Moschee auf einer Seifenflasche abgebildet werden kann. Es legitimiert auch, genau so wenig wie die Worte des Papstes, keine Gewalt gegen diejenigen, die sich über den Gedanken der Rücksicht – ob notwendig oder übertrieben – hinwegsetzen. Es ist aber ein Anspruch an uns, sich die notwendigen Fragen zu stellen, bevor wir mit wirklichen Beleidigungen zur Stelle sind, nur weil sie rechtlich nicht beanstandet werden können. Ich selbst bin gegen Gesetze, die eine Bestrafung für Beleidigungen vorsehen, weil diese eben keinen materiellen Schaden anrichten und der tatsächlich eintretende persönliche Schaden nur schwer einschätzbar ist. Das erfordert aber andererseits Fingerspitzengefühl im Umgang mit anderen – der Papst spricht von der Klugheit, die unsere Beziehungen regelt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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