05. Februar 2015

Ist die Predigt von Olaf Latzel eine Hasspredigt? Wohl nur für jemanden, der an gar nichts glaubt

Über religiöse Toleranz

Eigentlich wollte ich zur in die breite Öffentlichkeit gezerrten angeblichen Hasspredigt des evangelischen Pastors Olaf Latzel gar nichts schreiben, nachdem jetzt aber auch die letzte Kleinstadtpostille auf den Trichter gekommen ist, hier einen gratismutigen Punkt gegen die Religion machen zu können und sich mal so richtig investigativ zu fühlen mit der Einschätzung, Latzel sei ein Hetzprediger und man habe also mithin endlich das christliche Pendant zu einem Pierre Vogel gefunden, wird es wohl doch Zeit, die Stimme zu erheben. Dabei geht es mir gar nicht um eine Rechtfertigung des Pastors, der aus katholischer Sicht ja gar nicht Vertreter einer Kirche ist (die evangelische Kirche ist eigentlich keine, und er scheint von der katholischen Kirche – gelinde gesagt – auch nicht viel zu halten), sondern generell um die Frage des Umgangs mit anderen Religionen.

Fündig wird man dazu in der Erklärung Nostra Aeatate des Zweiten Vatikanischen Konzils, die sich mit dem „Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“ auseinandersetzt. In diesem Dokument wird kein Dogma festgelegt, und es ist auch in einigen Teilen interpretationsfähig – macht aber andererseits das Spannungsfeld deutlich, mit dem man sich bei der Frage des Umgangs mit anderen Religionen befindet. Zunächst mal wird darin festgestellt, dass wir natürlich eine Menschheitsfamilie sind, weil wir letztlich – egal, welcher Religion wir folgen – Geschöpfe des einen Gottes sind. („Alle Völker sind ja eine einzige Gemeinschaft, sie haben denselben Ursprung, da Gott das ganze Menschengeschlecht auf dem gesamten Erdkreis wohnen ließ.“) In diesem Kontext bieten die Religionen Antworten auf die existentiellen Fragen, die sich letztlich jeder Mensch stellt. Religion, so meine persönliche „Übersetzung“, ist letztlich ein Produkt der Suche nach Wahrheit.

Und da wir alle Gottes Geschöpfe sind und uns auf der Suche nach diesen Antworten befinden, sollte es doch verwundern, wenn die unterschiedlichen Religionen so völlig unterschiedlich mit der Frage nach Gott umgehen. Mit anderen Worten: Ähnlichkeiten in den Religionen sind vorprogrammiert! Mit dieser Vorrede sind auch die gerne in diesem Zusammenhang zitierten Kernsätze zu verstehen: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.“

Ob wir als Katholiken also einen Aspekt einer Religion ablehnen, hängt von der Frage ab, ob es mit dem, was wir selber für wahr und heilig halten, übereinstimmt. Positiv gewendet sieht man, dass in den unterschiedlichen Religionen „ein Strahl jener Wahrheit, die alle Menschen erleuchtet“ – letztlich also vom Heiligen Geist – enthalten sein kann. Kann, aber nicht muss! Der Satz spricht von „nicht selten“, was natürlich etwas ganz anderes ist als eine Anerkennung der Lehren anderer Religionen. Negativ gewendet also: Andere Religionen müssen sich am Christentum messen lassen und sind nur insofern anzuerkennen, als sie dem gerecht werden.

So ist der oben zitierte Abschnitt nicht ohne den nachfolgenden vollständig zu erfassen: „Unablässig aber verkündet sie (die katholische Kirche) und muss sie verkündigen Christus, der ist ‚der Weg, die Wahrheit und das Leben‘ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat.“

Das macht eines deutlich: Für einen Katholiken gilt so etwas wie das „Primat seiner Religion“. Was dem katholischen Glauben widerspricht, was Christus widerspricht, kann nicht wahr sein! Wenn also die Muslime Christus als Propheten sehen, es aber ablehnen, ihn als Sohn Gottes, Teil der Dreifaltigkeit, zu sehen, den Gedanken der Dreifaltigkeit ablehnen, dann liegen sie schlicht falsch, lehnen im Grunde Gott ab – einschränkend muss man sagen: weil sie es nicht besser wissen!

Umgekehrt muss man aber als aufgeklärter Mensch diese Sichtweise auch jeder anderen Religion zugestehen. Wenn also ein Moslem meinen Glauben an Jesus, den Sohn Gottes, ablehnt, ist das nicht weniger als das Vertreten seiner Religion. Um mal konfessionsübergreifend zu zitieren: Da steht der Moslem und kann auch nicht anders! Es stehen sich also zwei Gläubige gegenüber, die – wenn sie wirklich glauben – davon überzeugt sind, dass der andere falsch liegt. Als gläubiger Mensch kann man das gar nicht anders machen, es sei denn, man ist sich der eigenen Position gar nicht sicher, selber noch auf der Suche.

Die Frage ist dann nurmehr, wie man mit diesem potentiellen Konflikt umgeht, wie trete ich demjenigen gegenüber, der fest von der Wahrheit seiner Religion überzeugt ist, von der ich sicher bin, dass sie höchstens einen „Strahl der Wahrheit“ erkennen lässt, die alle Menschen erleuchtet? Auch dazu Nostra Aetate: „Deshalb mahnt (die katholische Kirche) ihre Söhne, dass sie mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden, anerkennen, wahren und fördern.“

Hier unterscheiden sich die Einstellungen der Religionen durchaus, jedenfalls dann, wenn man Forderungen einiger Religionen ernstnimmt, die eine Verbreitung des Glaubens auch mit Gewalt vorsehen. Aber auch hier: Am Liebesgebot Jesu kommen wir als Christen nicht vorbei, es ist Teil der Wahrheit. Man kann es also nicht anderen Religionen gleichtun, die möglicherweise – vielleicht nur in der jeweiligen Auslegung – Gewalt tolerieren oder sogar fordern. Das setzt uns als Christen in eine etwas – ich möchte sagen – missliche Lage: Wir wissen um den falschen Weg, den manche Menschen einschlagen, haben aber als Argument neben der Schrift nur Liebe, Klugheit im Umgang miteinander, Gespräch und das Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens. Wer partout nicht von seinem falschen Weg ablassen will, den begleiten unser Gebet und unser Mitleid, er muss auch nicht mit wie auch immer gearteter Gewalt rechnen. Es ist aber vollkommen klar, dass er falsch liegt.

Die Religionen unterscheiden sich also möglicherweise in der Art des Umgangs mit Andersgläubigen, nicht aber in der Einschätzung des Wahrheitsgehalts anderer Religionen. Letzteres kann auch gar nicht anders sein, auch wenn es dem Mainstreamwunsch nach einem Piep-piep-piep-wir-haben-uns-alle-lieb-Religions-Allerlei widerspricht. Insofern ist auch die Predigt von Pastor Latzel, auch wenn er antikatholische Töne anschlägt, nachvollziehbar und in keiner Weise eine Hasspredigt. Was gerne als Zitat unterschlagen wird, ist folgender Satz: „Das heißt nicht – das sage ich auch in aller Klarheit –, dass wir nicht den Muslimen in Liebe und Nähe begegnen zu haben. Das ist ganz wichtig. Gott unterscheidet zwischen der Sünde und dem Sünder. Sünde und Sünder sind unterschieden. Das absolute Nein zur Sünde, aber das Ja zum Sünder. Wir haben den Menschen muslimischen Glaubens in Liebe und Barmherzigkeit zu begegnen! Und wenn die verfolgt werden, dann haben wir uns vor sie zu stellen. Das ist unsere Aufgabe als Christen. Um da nicht missverstanden zu werden. Das ist unsere Aufgabe, denen wirklich in Nächstenliebe zu begegnen.“

Das, so finde ich, ist eine gute Grundlage für einen interreligiösen Austausch. Das Toleranzgedusel, das doch eigentlich nichts anderes ist als Relativismus, der nicht in der Lage ist, anzuerkennen, dass es so etwas wie Wahrheit überhaupt gibt, hilft uns im Umgang mit der Suche nach der Wahrheit überhaupt nicht weiter. Wenn also weltliche Medien und Institutionen die Ablehnung einer anderen Religion als Hasspredigt verunglimpfen, dann mischen sie sich unaufgefordert und bar jeder Kompetenz in ein Thema ein, das sie gar nichts angeht. Wenn solche Bewertungen auch aus der katholischen und evangelischen Kirche tönen, muss man konstatieren, dass da ganz offensichtlich einige ihre Religion bereits aufgegeben haben. Man kann Pastor Latzel vorwerfen, generell in seinem Glauben falsch zu liegen, ihm aber eine Hasspredigt zu unterstellen, ist unredlich und lediglich ein Zeugnis mangelnder eigener Überzeugung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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