06. März 2015

Grün-rote Weichspül-Studentin Sieh zu, dass Du beim Staat angestellt wirst!

Die traurige Zukunft der Akademikermasse

Dossierbild

Liebe Jasna,

mit Tränen in den Augen habe ich am 27. Februar deinen Beitrag in der „Süddeutschen“ gelesen, in dem Du Dein Leben mit Hartz IV schilderst. Der Bericht über die Ausweglosigkeit deiner Situation, welche dich als Hartzerin mit abgeschlossenem Studium sogar bis nach Saudi-Arabien verschlug (?), berührte mich deswegen so intensiv, da auch ich in studentischen oder genauer studentinnenschen Kreisen sehr aktiv bin, wenn auch aus anderen Gründen als Du. Jeden Mittag sitze ich nämlich im Café gegenüber dem Uni-Hauptgebäude und ergötze mich an der Anmut der vorbeischlendernden weiblichen Studentenschaft mit dem Hintergedanken und Wunsch, dass von so viel Grazie auch für mich etwas abfallen möge, falls Du verstehst, was ich meine. Dabei habe ich mich oft gefragt, was aus diesen atemberaubend attraktiven jungen Damen nach ihrem Studium einmal wird, wenn ihnen nicht gerade eine Zukunft als leichtbekleidete Gäste bei frivolen Partys in der Villa eines mittelalten Schriftstellers vorschwebt (man wird ja noch träumen dürfen). Durch Dich jedoch wurde ich nun in die brutale Wirklichkeit einer After-Studium-Party hineingerissen:

„Seit meinen Großeltern bin ich die erste, die einen Studienabschluss hat, und die erste in meiner Familie, die ihn in Deutschland gemacht hat. Meinen Master in Germanistik habe ich mit 1,6 abgeschlossen, mit 24 Jahren. Das war vor fast einem Jahr. Aber ich finde keine Festanstellung und bekomme seit Herbst Hartz IV.“

Schlimm, Jasna. Aber ich weiß nicht, ob Dir schon aufgefallen ist, dass sich zwischen diesen wenigen Sätzen die eigentliche Ursache Deines Dilemmas verbirgt. „Master“ und Abschlussnote 1,6 schön und gut, doch wenn du Dich mit dem Fach „Germanistik“ etwas eingehender auseinandergesetzt hättest, wärst Du vielleicht von ganz allein drauf gekommen, warum Du jetzt da stehst, wo Du stehst. Ich nenne Dir ein paar Zahlen: Im Wintersemester 2013/2014 waren 56.032 Frauen und 17.621 Männer, also insgesamt 73.653 Studenten in diesem Fach eingeschrieben. Allerdings musst Du noch berücksichtigen, dass mit den Dir zeitlich nahestehenden Semestern der Vergangenheit noch einmal so viele, wenn nicht sogar die doppelte Menge an Abschlüssen in Germanistik hinzukommen und in ein paar Jahren wieder so viele. Mit einem Wort, Jasna, Du bietest eine Ware an, die mindestens bereits eine halbe Million Menschen in diesem Land anbieten, wenn nicht noch mehr.

Erschwerend kommt hinzu, dass für diese Ware überwiegend der Staat Verwendung hat, da sie zu einem verschwindend kleinen Teil einen Mehrwert generiert (Lehrer), der Rest ist mehr oder weniger Liebhaberei. Der Staat schafft für Absolventen der Geschwätzwissenschaften bereits jetzt mit Milliardensummen Potemkinsche Arbeitsplätze in irgendwelchen überflüssigen Instituten und Vereinen, aber das reicht natürlich bei weitem nicht aus, um alle, die wertloses Zeug studiert haben, aufzufangen. Und was Dir für Deine Zukunft vorschwebt, lässt auch nix Gutes erahnen:

„Seit mehr als einem Jahr schreibe ich Bewerbungen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit, als Social-Media-Redakteurin, politische Referentin und Lektorin. Bisher bekam ich immer nur Absagen.“

Verstehe, auch Du möchtest am liebsten „irgendwas mit Medien“ machen, allerliebste Jasna. Ich bin immer wieder erschüttert, zu erfahren, wie wenig heutzutage junge Menschen über Medien Bescheid wissen, wo sie doch im Gegensatz zu meiner Generation mit so vielen Medien wie nie zuvor aufgewachsen sind. Der unausrottbare Irrglaube, dass Medien nur dazu da sind, die eigene Botschaft unters Volk zu streuen, spielt dabei wohl die größte Rolle. Das ist aber grundlegend falsch. Medien sind in erster Linie gewinnorientierte Unternehmen, die Unterhaltung, Meinungen und News auf eine pointierte Weise und als ein monetäres Produkt an den Mann zu bringen versuchen. Das klassische Medienmodell jedoch stößt gegenwärtig wegen der digitalen Revolution und deren unterschiedlichen Auswirkungen an seine Grenzen, wirft immer weniger Geld ab und wird es in der Zukunft so wie wir es kennen nicht mehr geben.

Ich gebe Dir ein Beispiel. Auf meiner Facebook-Seite habe ich fast 5.000 „Freunde“ und über 17.000 Abonnenten, und da auch jeder Wildfremde darauf schauen kann, gehe ich von einer Lesergemeinde von circa 40.000 bis 50.000 Menschen aus. Somit haben meine regelmäßig erscheinenden Artikel ein größeres Publikum als so manch eine Tageszeitung. Würde ich es technisch irgendwie hinkriegen, pro Leser und Monat auch nur zehn Cent zu verlangen, käme ich schon auf ein Managergehalt. Natürlich tue ich das nicht, weil ich der zweitreichste Typ nach diesem Aldi-Sohn in Deutschland bin und weil ich eine diebische Freude daran habe, die mediale Aufmerksamkeit von Produkten gestandener Medienhäuser weg- und auf mich zu lenken und sie so zumindest ein klein bisschen zum Wackeln zu bringen. Dieser Trend wird sich in Zukunft noch verstärken.

Was ich damit sagen möchte, ist, Jasna, dass Du heutzutage medial entweder so ein Knaller wie ich sein oder einen Knaller nach dem anderen abliefern musst, wenn Du noch mit „irgendwas mit Medien“ Kohle verdienen willst. Auf keinen Fall jedoch darfst Du die abgedroschene linke Scheiße bringen, vermutlich sogar noch total humorlos und trocken vorgetragen, und dabei hoffen, dass Du mit derartigen Textbausteinen aus dem Soziologieseminar-Baukasten auf ein anständiges Gehalt kommst. Womit Du den Leuten da ein Ohr abkaust, kann man sogar Supermarkt-Regalauffüllern innerhalb einer Stunde beibringen:

„Stattdessen reise ich durch ganz Deutschland und mittlerweile auch ins Ausland, um für miese Honorare Vorträge über feministische Gesellschaftspolitik, Aktivismus und Gewalt im Netz zu halten.“

Den Beweis meiner Worte lieferst Du eigentlich selbst. Denn ohne es selbst zu merken, erwähnst Du wie nebenbei, wie wertlos und am Arsch vorbeigehend die Hyperventilation der Mainstreammedien ist, wenn sich dafür keine Sau interessiert:

„Ich bin eine der Initiatorinnen des Hashtags ‪#‎aufschrei, der mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde.“

Deinen Preis kannst Du Dir an den Hut stecken, liebe Jasna. Du hast das mit der Sexismus-Debatte damals nicht richtig verstanden. Das Thema war und ist in Wahrheit überhaupt nicht von Belang. Aber durch gegenseitiges Hochjazzen dieses Belästigungsdingens glaubten die Medien zu jener Zeit ihre Produkte besser zu verkaufen. Was eine Illusion war. Der „Stern“, der die Sache anstieß, hatte mit der besagten Nummer sogar die schlechteste Auflage aller Zeiten. Damit war die Geschichte begraben – und Du aus dem Rennen.

„Ich bin kein Akademikerkind, und so fehlt mir das Wichtigste, um erfolgreich zu sein: gute Beziehungen.“

Schwachsinn! Ich bin ein Türkenkind und habe nur einen Hauptschulabschluss, und die einzige Beziehung, die ich in Deinem Alter hatte, war die zu einer Nutte namens Elvira (dafür war sie allerdings wirklich eine Zirkusartistin im Bett). Dennoch saufe ich heute jeden Abend Wein für nicht unter 20 Euro pro Flasche. Aber wenn man wie Du schon in so jungen Jahren längst verweste Sprüche vom Lager der ergrauten und verbeamteten Grünen wiederkäut und nur Phrasen kloppt, die schon vor 20 Jahren im Soziologieunterricht der sechsten Klasse die Schüler zum Einschlafen gebracht haben, tja, Jasna, daraus kann ja nix werden:

„Der Gedanke, dass wir alles schaffen können, wenn wir uns nur anstrengen, ist ein neokapitalistisches Märchen. Er blendet aus, dass Menschen unterschiedliche Startpositionen haben und welche Diskriminierungsstrukturen es gibt.“

Also, wenn Du von mir eine ehrliche Antwort möchtest, Jasna, sehe ich für Deine Zukunft ziemlich schwarz. Falls Du noch auf einen grünen Zweig kommen möchtest, gibt es für Dich vielleicht noch zwei Alternativen. Sieh zu, dass Du irgendwie beim Staat angestellt wirst. Da dieser im Verbrennen des Geldes anderer Leute Übung hat, steht die Chance gar nicht mal so schlecht, dass ein paar Brosamen auch für Dich abfallen. Dafür, dass Du nur Quatsch gelernt hast, den niemand braucht, bist Du eigentlich damit gut bedient. Die zweite Möglichkeit solltest Du Dir aber ernsthaft durch den Kopf gehen lassen. Heirate einen scheiße aussehenden Facharbeiter namens Horst und lass Dich von ihm viermal hintereinander schwängern. Glaub mir, scheiße aussehende Männer mit dem Namen Horst sind die zuverlässigsten und treuesten ever. Was mich persönlich angeht, so plane ich gerade für Ostern wieder einen Fünf-Sterne-Urlaub auf einer südländischen Insel. Falls eine oder mehrere der vor dem Café auf- und abschlendernden Studentinnen mitreisen möchten …

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.

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