18. März 2015

Sprachkritik Vom Willen zur Wolle

Politik in der nächsten Dimension

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In meinem Freundeskreis gibt es einen Wolfgang, der einfach „Wolle“ genannt wird. Es gibt noch einen weiteren Wolfgang, den wir ebenfalls „Wolle“ nennen. Um den einen vom anderen zu unterscheiden, musste ein Zusatz her. Der Wolfgang, um den es hier geht, ist politisch interessiert und hatte eine Vergangenheit in der Studentenbewegung, deshalb nennen wir ihn den „politischen Wolle“ – im Unterschied zum „indischen Wolle“ (der zwar kein richtiger Inder ist, aber öfter dahin reist).

Als ich neulich mit dem politischen Wolle einkaufen war, passierte es: Ich griff ahnungslos nach einer Tüte und zuckte zurück, als ich die Aufschrift las. Hä?! Was musste ich da lesen? „Studentenfutter“. STUDENTENFUTTER! Ich legte die Tüte unauffällig wieder zurück. Muss es nicht politisch korrekt „Studierenden-Delikatesse“ heißen?

„Futter“ schrammt vielleicht gerade noch an einem unerlaubten Tiervergleich vorbei, aber „Studenten“ geht gar nicht. In Baden-Württemberg – und nicht nur da – werden deshalb die Studentenwerke in „Studierendenwerke“ umbenannt, wie der „Spiegel“ unter der Überschrift „Gender, Gender, Geldverschwender“ berichtete; denn so eine Umbenennung kostet pro Hochschule bis zu 100.000 Euro. Aber es muss sein. Muss es das?

Ja. Denn es ist politisch gewollt. Es fragt sich nur, von wem. Ist es etwa der Wunsch der Wähler, die einst im Musterländle heftig gegen Stuttgart 21 protestiert und den Wechsel gewählt haben? Ist es das, was die Grünen versprochen haben? Oder das, was die SPD immer schon umsetzen wollte?

Mir scheint, es ist vielmehr das, was die Spaßpartei DIE PARTEI gefordert hat, die bekanntlich im Wahlkampf mit den Parolen „Inhalte überwinden“ und „Mehr Bürokratie wagen“ angetreten ist. Denn inhaltlich ist es schon ein Unterschied, ob ich von „Studenten“ spreche oder von „Studierenden“, und „mehr Bürokratie“ ist genau das, was letztlich dabei herauskommt. Die Spaßpartei hat, wie es aussieht, die Wahl gewonnen. Ihre Parolen werden nun umgesetzt.

Oder wollen es die Studenten selber? Jetzt mal ganz ehrlich? Ist es ihr Herzenswunsch? Ihr lang gehegter Traum? Würden sie eventuell in die eigene Tasche greifen, selber aktiv werden, Sponsoren anschreiben, Benefizkonzerte und Flohmärkte veranstalten, einen Design-Wettbewerb für neues Briefpapier ausloben und nicht rasten und ruhen, bis sie genug Geld beisammen haben, um endlich die ersehnte Umbenennung vornehmen zu können? Später können sie dann ihren Enkeln erzählen: In meinem Studium habe ich zwar nicht viel gelernt, aber ich habe immerhin mit dazu beigetragen, dass unser Studierendenwerk den richtigen Namen gekriegt hat. Das war auch mein Werk. Ist es das?

Glauben sie eigentlich selber an das, was sie als Begründung angeben? Glauben sie im Ernst, dass damit Diskriminierung bekämpft und dass damit für mehr Gerechtigkeit gesorgt wird, und dass all denen, die bisher unter dem generischen Maskulinum leiden mussten, Erleichterung verschafft wird? Glauben sie das – Hand aufs Herz – wirklich? Sind sie etwa alle aus ein und demselben Dorf in Ostfriesland? Aus dem berühmten Dorf, wo man versucht hat, den Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ zu gewinnen, indem man ein neues Ortseingangsschild mit geändertem Namen aufgestellt hat?

Der politische Wolle nahm die Packung Studentenfutter wieder aus dem Regal, legte sie in den Einkaufskorb und erklärte, dass er genau der Richtige sei, um meine Fragen zu beantworten. Man könne nämlich in diesem Fall nicht mehr davon sprechen, dass da ein „politischer Wille“ vorhanden wäre, sondern nur noch ein „politischer Wolle“. Das musste er nun gerade sagen.

Mit „Wolle“ – mit einem o statt dem i – werde entweder eine Leide- oder eine Vergangenheitsform ausgedrückt. Nämlich so: Es ist so „gewollt“ (Passiv – von wem auch immer). Oder so: Eine etwaige Willenserklärung liegt in der Vergangenheit (irgendjemand „wollte“ es irgendwann einmal). Die Studierenden von heute müssten also gar nicht ernsthaft überzeugt sein von den Rechtfertigungen, die sie unbeholfen vortragen. Sie seien sowieso keine echten Überzeugungstäter; denn sie hätten keine eigenen Überzeugungen und seien eigentlich auch keine richtigen Täter, sondern Tuende. Sie seien nur noch ausführende Organe; sie seien nur der Hammer, nicht die Hand, die einen Hammer hält. Die Studierenden seien keine Aktivisten, sondern Passivisten. Sie täten nicht etwa das, was sie ihrerseits wollten, sondern führten nur noch aus, was andere vor langer Zeit gewollt haben (er meinte die Delegierten der Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking, die das Konzept des Gender-Mainstreaming in die Welt gebracht und es geschafft haben, sie als Querschnittsaufgabe top down in die Politik zu implantieren. Dazu gehört auch das Sprachprogramm des „Genderns“).

„Die Studierenden von heute“, sagte der politische Wolle weiter, „sind Marionetten, die an Wollfäden hängen“. Die Studenten zu seiner Zeit hätten noch eigene Ideen gehabt, doch die Studierenden von heute würden bloß noch ausführen, was sich die Jahrgänge, die ihnen vorausgegangen sind, ausgedacht haben und wofür sie die Geldmittel schon bereitgestellt halten. Deshalb sei es sogar sinnvoll, sie von „Studenten“, wie man das Wort früher verstanden hat, als man damit noch eine gewisse Aufmüpfigkeit und intellektuelle Eigenleistung in Verbindung brachte, zu unterscheiden und lieber ein anderes Wort zu verwenden.

Während in der Zeit der Studentenbewegung, wie er sie noch gekannt hat, die Studenten engagiert zur Tat schritten und die Parole galt „Genug geredet, nun wird gehandelt!“, wird heutzutage allein schon das Reden als Handeln verstanden. Es ersetzt die Tat. Denn jedwedes Sprechen wird nicht deskriptiv, sondern normativ verstanden. Wenn man heute etwas sagt, dann ist das nicht nur so gesagt, dann ist das bereits eine Handlung, dann ist das „feministisches Sprachhandeln“ oder „doing gender“.

Wir hatten beide neulich eine Talkshow („hart aber fair“) gesehen, in der Anne Wizorek erklärte, dass so eine Umbenennung unbedingt nötig sei, weil sich Frauen von der Formulierung „die Studenten“ ausgegrenzt „fühlen“. Vielleicht sagte sie sogar, dass Frauen davon ausgegrenzt „werden“. Wie auch immer: Die beiden anderen anwesenden Frauen schüttelten heftig die Köpfe, sie waren überhaupt nicht der Meinung, dass sie ausgegrenzt werden, wenn es „Studenten“ heißt und nicht „Studierende“.

Was passierte dann? Nichts. Frau Wizorek sagte nicht etwa: „Oh, dann muss ich noch mal überlegen, ob es überhaupt stimmt, dass Frauen ausgegrenzt werden.“ Sie sagte auch nicht: „Ach, ihr, ihr seid gar keine richtigen Frauen, ihr könnt das nicht beurteilen, geht gefälligst auf die Herrentoilette.“ (Unisex-Toiletten waren ebenfalls ein Thema der Talkshow.) Es war ihr ganz egal. Dann war es eben für niemanden gut. For no one. Für keine. Was sie als Problem beschrieb, galt für DIE Frauen, und DIE Frauen gibt es bekanntlich nicht. Wenn real existierende Frauen die Gefühle, die ihnen zugeschrieben werden, nicht übernehmen wollen, dann gilt das nicht. So einfach.

Der politische Wolle hatte die Vermutung, dass sich da nicht nur die Sprechakttheorie von John Searle ausgewirkt hat, sondern auch die ungebrochene, wenn auch uneingestandene Vorliebe für McDonald’s und für die englische Sprache. Als McDonald’s vor ein paar Jahren mit der Parole „I’m lovin’ it“ auftrumpfte, war das -ing (es müsste eigentlich „I love it“ heißen) noch gewöhnungsbedürftig, es konnte sich aber erfolgreich durchsetzen. Wir Deutschen wollten nun auch so eine flotte -ing-Form. Sie ist ja auch toll. Sie unterstreicht die Unmittelbarkeit, sie wirkt wunderbar frühlingsfrisch und tut gerade so, als würde ein Student tatsächlich etwas tun, und zwar gerade jetzt, in diesem Moment, justamente, da wir gerade darüber sprechen, just now, da ist er tatsächlich immer noch ­– oder schon wieder – am Studieren am sein.

So sei heute generell, meinte der politische Wolle, der Zustand unserer überhitzten Gesellschaft. Deshalb hätten wir neuerdings „zu Fuß Gehende“, die an der roten Ampel warten; „Alleinerziehende“, die ihre Kinder fremdbetreuen lassen; „Teilnehmende“, die heimlich unter dem Tisch eine SMS schreiben; „Kulturschaffende“, denen im Schlaf die besten Ideen kommen, und passend dazu die neue CD von Herbert Grönemeyer: „Dauernd Jetzt“. Wir stehen mit dem Fuß auf der Bremse und mit Vollgas im Stau. Wir wissen nicht, wohin es gehen soll, aber das mit 500 PS.

Das leuchtete mir ein. „Na gut“, sagte ich: „Let’s go eating Studierenden-Delikatesse, as we call it, doing happa happa.“

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