31. März 2015

Vorgeschichte des Henri-Nannen-Preises Schreib das um, Kisch!

An linken Märchenonkels herrscht auch gegenwärtig kein Mangel

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Im April geht es in bestimmten Büros des Hamburger Verlagshauses Gruner + Jahr normalerweise hektisch zu. Dann rückt die alljährliche Verleihung des Henri-Nannen-Preises näher, nach Ansicht der Branche der bedeutendste deutsche Journalistenorden. Texte müssen bewertet, Long- und Shortlists erstellt, Laudationes entworfen werden. Unzählige Termine sind zu koordinieren, weit über tausend Einladungen zu versenden, Flüge, Züge und Hotelzimmer zu buchen. Die Übergabe der „Henris“ in sieben Kategorien ist das Hochamt der Medienszene. Die macht sich jeden Mai auf die Socken an die Elbe.

Heuer fällt die große Sause aus.

Gruner + Jahr, seit 2014 eine hundertprozentige Tochter des Bertelsmann-Konzerns, leidet unter Auflagen- und Anzeigenschwund, wie fast alle deutschen Medienhäuser. Die Printerlöse schrumpfen. Online bringt noch nicht genug ein, um die Verluste der Holzwirtschaft zu kompensieren. G + J will in den nächsten Jahren 400 Stellen streichen, allein beim „Stern“ zwei Dutzend. Offiziell hieß es, vor dem Hintergrund der Sparmaßnahmen werde die diesjährige Preisverleihung „ausgesetzt“. Sie kostet laut „FAZ“ zwei Millionen Euro.

Sofort wurde darüber spekuliert, ob sich der Verlag des teuren Spektakels womöglich dauerhaft entledigen wolle. Die Henri-Party interessiert ja außerhalb der Branche keine Seele. Eigentlich handelt es sich bloß um ein Klassentreffen des publizierenden Juste Milieu, wo einen Abend lang Weihrauchkessel geschwungen werden, so groß wie jene in der Kathedrale von Santiago de Compostela.

Letzthin hatte man am Baumwall ohnehin nur Verdruss mit dem Nannen-Preis gehabt. Ein Eklat jagte den nächsten. Einem „Spiegel“-Redakteur musste der Henri aberkannt werden, weil er bei seiner prämierten Reportage geschummelt hatte. Als für Verdienste um den Abschuss von Christian Wulff gleich zwei Spürnasen-Teams ausgezeichnet werden sollten, verweigerte die Investigativ-Mannschaft der „SZ“ die Preisannahme. Gemeinsam mit den Schnüffelschweinen der „Bild“ mochte sie nicht aufs Treppchen steigen.

Außerdem hatten ein Internetaktivist und eine Dokumentarfilmerin, beide Amerikaner, nach Erhalt der Preise sich von denselben distanziert und angekündigt, die Preisskulpturen einschmelzen lassen zu wollen. Letztere sehen wirklich gruselig aus, sie sollen den markanten Kopf des „Stern“-Gründers Henri Nannen darstellen. Doch nicht daran, sondern an Nannens NS-Vergangenheit in einer Propagandakompanie der Wehrmacht – hierzulande weithin bekannt und von Nannen selber nie bestritten – rieben sich die Protestler.

Womit wir beim Stifter des Preises wären. „Sir Henri“, wie ihn seine Bewunderer nannten, hatte Anfang 1977 einen Preis zur Förderung der Reportage ausgelobt und auf den Namen „Egon Erwin Kisch“ getauft. 2005, fast zehn Jahre nach Nannens Tod, wurde der nunmehr in verschiedene Kategorien aufgeteilte Preis nach seinem Stifter umbenannt, blieb aber für viele weiterhin der Kisch-Preis.

Im Editorial von Heft 3/77 („Schreib das auf, Kisch!“) malte Nannen seinerzeit ein tristes Bild der deutschen Reportage. Zwar gebe es die tollen „Stern“-Reporter, doch diese Prachtexemplare seien leider solitäre Erscheinungen. „Mancher, der sich als ‚Reporter’ geriert, ist doch nur ein simpler Aufschreiber ohne Phantasie“, disste Nannen die Konkurrenz. Auch die „journalistische Klugscheißerei der Kommentatoren“ kriegte einen Tritt verpasst.

Der Tsunami an Häme, der den „Stern“ sechs Jahre später nach Auffliegen der Tagebücher-Fälschungen überrollte (mit denen Nannen direkt nichts zu tun hatte, die „Stern“-Redaktion schon gar nicht), er verdankte sich auch Nannens gewaltigem Ego, welches er ungefiltert hinauströtete. Im Grunde hatte der geniale Bauchthemenscout und Schlagzeilenschmied die NS-Propagandakompanie mental niemals verlassen. Nur durch eine politisch gewendete Truppe ersetzt, die fortan unter seinem Kommando marschierte.

Was die Geburtsstunde des Kischpreises angeht, so wunderte sich damals mancher über Nannens Titelwahl. Egon Erwin who? In der Bundesrepublik verband kaum jemand was mit dem Mann aus Prag. Ein paar Menschen erinnerten sich, dass es mal einen „rasenden Reporter“ dieses Namens gegeben hatte. Noch weniger konnten mit dem Spruch „Schreib das auf, Kisch!“ etwas anfangen, der Legende nach ein Auftrag von Soldaten des Ersten Weltkriegs an den Reporter. Kisch (1885-1948) war die längste und fruchtbarste Zeit seiner Laufbahn Kommunist gewesen. Seine Bücher – meist Reportagensammlungen – erzielten in der DDR und der Tschechoslowakei hohe Auflagen. Aber nur dort.

Sonderbarerweise erwähnte Nannen in seiner Preisausschreibung Kischs politische Polung mit keinem Wort. Stattdessen zitierte er, was Kisch mal als sein Credo ausgegeben hatte: „Der Reporter hat keine Tendenz, hat nichts zu rechtfertigen oder anzugreifen. Er hat unbefangen Zeugenschaft zu liefern.“

Nun ist eine unbefangene Sicht der Dinge des Lebens und der Welt schon für ideologiearme Schreiberlinge schwer zu schaffen, aus allerlei Gründen. Für einen lupenreinen Kommunisten wie Kisch war sie ausgeschlossen. Was er über die Reportage fabulierte, zitiert nach Nannen, war ja zum Piepen: „Es ist wahr, die Phantasie darf sich hier nicht entfalten, wie sie lustig ist: Nur der schmale Steg zwischen Tatsache und Tatsache ist ihr zum Tanze freigegeben, und ihre Bewegungen müssen mit den Tatsachen in rhythmischem Einklang stehen.“

Die paar Leute in Deutschland-West, die ihren Kisch kannten, wussten natürlich: Das war, bezogen auf den Urheber, reiner Kappes. Kisch hatte glühende Elogen abgeliefert, etwa in dem Buch „Asien gründlich verändert“, das mit Propaganda für die Sowjetunion gespickt war. Bereits Kischs erste Reportage für ein Blatt von Rang – die Prager „Bohemia“ – war ein Fake gewesen. Weil der Volontär Kisch bei einem Großbrand zu spät vor Ort eintraf und von niemandem Infos bekam, griff er beherzt in die Leier und erfand am Schreibtisch ein flammendes Inferno mit schaurigschönen Farben und Gerüchen.

Sozialkitsch inklusive – er ließ Obdachlose zum Feuer strömen und beschrieb das fasziniert glotzende Prekariat von Prag detailsatt und düster à la Dante. Bloß waren gar keine Unterprivilegierten am Brandherd gewesen. Vielleicht geschah es bei dieser Gelegenheit, dass Kisch erstmals die Vorzüge der Falschmeldung erkannte. Man hat sie, so ein betagter Journalistenscherz, exklusiv.

Für seine spannende Fiktion erntete er großes Lob, anders als die Kollegen, die bloß langweilige Tatsachen über den Brand verzapft hatten. In seinem Bestseller „Marktplatz der Sensationen“ hat er den Fall genüsslich kolportiert und sich dabei gewieft entschuldigt: „Und der Leser? Welche Wichtigkeiten hat es für ihn, zu erfahren, ob der zweite oder erst der vierte Schuss des Mörders tödlich war? Dass beim Sturm auf Port Arthur nicht 5.000, sondern nur 500 Japaner fielen? Dass sich das Feuer in den Schittkauer Mühlen nicht auf dem Schüttboden ausbreitete, sondern zunächst im ersten Stock?“

Mit „logischer Phantasie“ habe der Pressemensch zu schreiben, postulierte Kisch später. Im Klartext: Scheiß auf die Tatsachen, wenn höhere Wahrheiten ans Licht gelockt werden müssen. Jahrzehnte später hat das Schweizer Schlitzohr Tom Kummer, ein würdiger Nachfahre Kischs, die Masche weitergestrickt. Kummer drehte unter anderem dem „SZ“-Magazin angebliche Promi-Interviews an, die er im stillen Kämmerlein fabriziert hatte. Die Gespräche lasen sich in der Tat viel spannender als das seichte PR-Geschwafel, das Hollywoodstars bei Hotelzimmer-Interviews allzumeist von sich geben. Kummer: „Jedenfalls sind meine Interviews ein Werk der Montage, für das ich mich verschiedener Quellen bedient habe.”

Was Kisch betrifft, so war er fraglos ein höchst bemerkenswerter Genosse seiner Zeit. 1913 landete er in der Affäre um den auf der russischen Payroll stehenden österreichischen Abwehrchef Redl einen Scoop, der ihn schlagartig berühmt machte. Ab 1917 wandte er sich der radikalen Linken zu, wurde 1919 KPÖ-Mitglied, reiste in den 1920ern und 1930ern wie ein Verrückter durch die Welt, berichtete von Fronten – etwa aus dem Spanischen Bürgerkrieg –, schrieb aber auch alltägliche Schnurren und Szenen humorvoll auf.

Er schrieb auch viel um. Seine eigenen Artikel vor allem. Etwa, wenn er sie in Büchern zweit- oder drittverwertete. Kischs Arbeiten waren oft work in progress – er passte Fakten an, wenn es ihm geboten erschien, und war auf diese Weise immer à jour. Wunderbare Zeiten, als es noch kein Internet gab.

Schlagfertig war er auch, immer für ein Bonmot gut. Und ein Teufelskerl: 1934 sprang er von Bord eines Passagierdampfers vor Melbourne, als die Australier ihn als politisch Unerwünschten nicht ins Land lassen wollten. Erzwang auf diese Weise seine Einreise und ließ sich für seinen Coup auf dem fünften Kontinent feiern. Eine hochbegabte, mit allen Spree-, Donau- und Moldauwassern gewaschene, gerissene, nie zerrissene Figur. Was er definitiv nicht war: ein Zeitzeuge, auf dessen politische Betrachtungen man einen Groschen hätte setzen können. Kisch war perfekt parteilich. Ein frecher, aber in Kernfragen linientreuer Soldat der kommunistischen Reporterinternationale. Über die Verbrechen des Bolschewismus und des Stalinismus hat er nie ein Wort verloren.

Wenn Kisch irgendwo hinreiste, dann nicht deshalb, um sich vom Irgendwo überraschen zu lassen. Er hatte das Storyboard längst im Kopf, den Typus des aktivistischen Reporters von heute gleichsam vorwegnehmend. Was auf manchen deutschen Journalistenschulen als „Haltung“ gelehrt wird – vulgo Tendenzberichterstattung –, der Rasende besaß davon mehr als genug.

Ergebnisoffene Recherchen? Doch nicht bei Kisch. Ihm ging es nur darum, festgetackerte Vorurteile opulent zu illustrieren, die positiven und die negativen. In der Sowjetunion und im vorrevolutionären China sah er alles rosarot, in Amerika alles aschgrau. Der Feuilletonist Claudius Seidl: „Kisch war ein sozialistischer Märchenonkel, mit Verlaub. Ein Mann mit einem durch und durch ideologischen Weltbild. Der wusste schon, was er von den Leuten zu halten hat, lange bevor er mit ihnen gesprochen hatte.“ Die privaten Mainstreammedien würden ihn heute sofort anstellen, und die Öffis erst recht.

An linken Märchenonkels herrscht gegenwärtig allerdings kein Mangel. Benötigter, schon wegen des Energiewende-Desasters, sind momentan grüne Sagenerzähler. Falls der Henri-Nannen-Preis 2016 reanimiert wird, sollte er nicht erneut umbenannt werden? Und zwar nach Franz Alt, dem Bollwerk gegen die Umwelt-Apokalypse, bekannt aus Presse, Funk und Fernsehen. Unermüdlicher Mahner und Warner, großer Fünfvorzwölfer, Kämpfer gegen Atomtod und Klimakollaps, Moses der deutschen Ökoreligion.

Und den ersten „Franz“ erhält Ranga Yogeshwar. Oder Claus Kleber? Sven Plöger? Sonia Mikich? Hannes Jaenicke? Oder Uli „Dämmen lohnt sich“ Wickert? Die Jury wird es schwer haben. So viele Talente!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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