11. Mai 2015

Der „Spiegel“ macht sich Mut Dem Redakteur wird nichts geglaubt

Ein Werbevideo mit Glanz und Herzklopfen

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Bildquelle: shutterstock Narzisstisch im Intrigenstadl: „Spiegel“-Journalistin

Wenn die Kacke dampft, weil immer mehr Kunden tschüss sagen, greifen Firmen in die Kasse und fahren Image-Kampagnen. Die sollen Abtrünnige zurückholen und Wankelmütige bei der Stange halten. „Keine Angst vor der Wahrheit“ heißt der Anzeigen-Claim des gedruckten „Spiegel“. Jetzt gibt es davon eine Video-Version, die die qualitätsschurnalistischen Anstrengungen der gesamten „Spiegel“-Gruppe würdigt.

A must see. Besser als Böhmermann.

Da bekennt eine „Spiegel“-Reporterin, dass sie bei Recherchen immer „Herzklopfen“ habe, ja, dass es „im Hinterkopf brodelt“ (sie ist also gar keine abgefeimte Mediennudel, die in irgendeinem prekären Boxclub nur aufschreibt, was ihr zuvor schon durchs Lockenköpfchen ging). Ein „Spiegel“-Reporter lässt sich vor Flugzeugtrümmern ablichten, ein anderer kann anscheinend den Koran im Original lesen. Ein dritter läuft durch nahöstliche Schutthalden und interviewt gestikulierende Einheimische. Die ihm bestimmt eine Wahrheit verraten, vor der kein „Spiegel“-Mensch Angst haben muss.

„Wir gehen raus in die Welt, dahin, wo das Leben spielt“, verspricht der aktuell amtierende „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, dessen Namen ich hoffentlich richtig geschrieben habe. Irgendwo im Video raunt eine Stimme, es gelte, „komplexe Zusammenhänge genau zu erklären“. Was außerhalb des „Spiegel“ ja kein Schwein wagt. Spiegel-TV-Moderatorin Maria Gresz stellt klar: „Es gibt keine Angst, vor keinem Thema.“

Geil. No Fear. Raus aus dem blöden Intrigenstadl an Hamburgs Ericusspitze! Dorthin, wo das Thema nicht immer bloß lautet: Wie kann ich als „Spiegel“-Redakteur und Mitglied der Mitarbeiter-KG sicherstellen, dass meine Gewinnbeteiligung auch für die vierte Eigentumswohnung reicht?

Einen Glanzpunkt im „Spiegel“-Video setzt ein schwerstkritisch dreinblickender „Spiegel“-Dokumentar inmitten seines welkenden Papierarchivs. Er postuliert, ganz der unbarmherzige Checker vom Dienst: „Wir glauben erst mal von dem, was der Redakteur geschrieben hat, nichts.“

Auf diesem Erkenntnisstand befindet sich der eine oder andere Leser freilich bereits ein Weilchen.

Anschauen und Spaß haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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