19. Mai 2015

Kommunisten im Kino Wenn der Rhythmus aussetzt

Nur Gerstensaft sorgt noch für Laune

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Bildquelle: shutterstock Träumen von einer besseren Welt: Ska in Prag

Ska ist eine mir sehr sympathische, aus der Karibik stammende Musikrichtung. Der fetzige Achtelnotensound bringt so manche steife Hüfte in Bewegung und macht Stimmung. Ska ist vielseitig und wird heute auch besonders in seiner musikalischen Variation Ska-Punk und auch im Reggae weltweit abgefeiert. Wer flotte Musik mag, der wird Ska lieben. Doch nicht alles, was mit dieser kurzen Vorsilbe versehen ist, hat auch das Zeug dazu, gute Laune zu verbreiten.

Franziska Maria Keller, die unter dem feschen Namen „Ska“ Keller durch die Lande zieht, ist so ein Negativbeispiel. Die studierte Islamwissenschaftlerin sitzt seit 2014 für die deutschen Grünen im EU-Parlament. Grüne? Das waren die Meinungs-, Gender- und Klimaterroristen mit der dekorativen Sonnenblume im Logo. Ska Keller? Die setzt ihren Schwerpunkt besonders auf „Handels- und Einwanderungspolitik“. Ihr Ziel: Alle, die nach Europa flüchten, sollen hier auch eine Heimat finden. Über Finanzen macht sich die Kulturwissenschaftlerin wenig Sorgen – besonders nicht um die eigenen. Ein EU-Abgeordneter verdient monatlich mindestens 8.000 Euro im Monat plus Spesen. Dabei sollten wohl auch 19 Mitarbeiter die anstrengende Arbeit in der belgischen Hauptstadt doch einigermaßen erträglich machen. Die „machtbewusste“ Ska Keller setzt bei all den Annehmlichkeiten eines Beamtenlebens gerne Akzente. So kleidet sich die Grüne gerne leger, lässt bewusst das Jackett weg und spaziert in Chucks ins Parlament. Doch was so lässig daherkommt, macht knallharte Politik. Und das vor allem auf dem Rücken der Ärmsten – Migranten aus der „Dritten Welt“. Deren Leid gilt es selbstverständlich zu lindern.

Deshalb steht Keller natürlich für die Aufnahme aller, die Lust haben, bei uns zu leben – koste es, was es wolle! Da paart sich der libertäre Gedanke offener Grenzen mit dem sozialistischen All-inclusive-Anspruch: auf Steuerzahlers Kosten, versteht sich. Diese finanzieren nicht nur überfüllte Asylheime, sondern der Frau Abgeordneten auch den ein oder anderen Ausflug. Diesmal hat es die stilbewusste 34-Jährige nach Zagreb verschlagen. Es waren mal wieder Kommunisten-Tage in der kroatischen Hauptstadt. Die Organisatoren des Subversive Festival haben neben der Grünen-Politikerin auch einen spanischen EU-Parlamentskollegen auf die Bühne des Kino Europa gelockt. Unter dem Titel „Zukunft der Demokratie und transformative Macht gemeinschaftlicher Güter“ gab zunächst der italienische Rechtswissenschaftler Ugo Mattei der Veranstaltung eine langatmige Einleitung. Der in Kalifornien und Turin lehrende Jurist erinnerte das Zagreber Publikum an die Endlichkeit der irdischen Ressourcen. Das von Mattei freigelassene Schreckgespenst des menschlichen Parasitismus stieß bei dem ein oder anderen Zuhörer wohl auf positive Resonanz. Schließlich sei es doch weitbekannt, dass  wir nur diese eine Erde haben und uns keine zweite zurechtbasteln können.

Das Problem der menschlichen Ausbeutung des Planeten, so Mattei, gehe auf einen historischen Sündenfall zurück. Gemeingüter seien irgendwann einmal „verkapitalisiert“ worden. Was früher jedem gehört habe, zum Beispiel Äcker und Wälder, sei eines Tages einfach geraubt und in Kapital umgewandelt worden. Den Übeltäter dieser katastrophalen Wende sieht Mattei im Staat. Da wurde der bärtige Italiener dem wohl einzigen Anarchokapitalisten im Saal doch für einige Sekunden glatt wieder sympathisch. Die kurzweilige Stimmungsanhebung flaute sogleich wieder ab, als der Rechtsgelehrte erklärte, dass vor allem das Privateigentum schuld sei, dass heute allenthalben wichtige Güter wie Wasser knapp seien. Die historischen Banausen, die zu dieser schauderlichen Entwicklung beigetragen hätten, seien John Locke und Thomas Hobbes gewesen.

Der liberale Einwand mag sich in diesem Fall auch nur am Erstgenannten stören. Doch Eigentum sei quasi Diebstahl, so Mattei. Eine nachhaltige Versorgung mit Grundressourcen wie Wasser oder Holz sei nur möglich, wenn diese in Gemeineigentum übergingen. Damit seien aber nicht kommunale Institutionen zu beauftragen. Schließlich habe auch ein kommunales Wasserwerk zum Ziel, möglichst viel Wasser zu verkaufen. Welch unedle Absicht! Man müsse daher dazu übergehen beispielsweise Wasserwerke zu vergemeinschaften, sie allerdings als Privateigentum aus den Klauen privater Investoren zu befreien. Man müsse dabei „subversiv“ vorgehen und herkömmliche Institutionen überwinden. Wer innerhalb bestehender Institutionen agiere, der sei durch ihre Grenzen selbstverständlich im Handeln eingeschränkt. Der charismatische Italiener forderte mehr Gemeingüter – weniger Kapital! Auf die spätere Zwischenfrage, wer denn die Gemeingüter verwalten solle und ob es sich um eine Neuauflage der jugoslawischen Selbstverwaltungswirtschaft handele, fand Mattei keine sinnvolle Antwort. Wahrscheinlich fehlten dem Juristen auch zu viele wirtschaftstheoretische Bausteine, ohne die sein Gedankengebäude in der Praxis sowieso wie ein Kartenhaus zusammenfallen würde.

Man war fast in Versuchung, den alternden Herrn an die Hand zu nehmen und ihm die „Tragik der Allmende“ bei einem beruhigenden Tee in aller Unaufgeregtheit zu erklären.  Doch Sozialisten sind eben lieber motiviert als konzentriert. Das heißt natürlich nicht, dass sie immer voll danebenlägen. Es kommt zwischen Einzelnen ihrer Gattung gar ab und an sogar zu Meinungsverschiedenheiten. So griff der Turiner Professor in seinem Institutionenbashing auch das EU-Parlament an. Ohne jede Unaufgeregtheit stellte er die rhetorische Frage ins Publikum: „Meinen Sie, das EU-Parlament bestimmt über irgendetwas Wichtiges?“ Dem, bezüglich der vermeintlichen Passivität des EU-Parlaments, erleichterten Libertären und dem exaltierenden Publikum erklärte er dann, wie die Dinge in Wirklichkeit ständen: „Es bestimmen doch sowieso internationale Kooperationen. Wir dürfen nicht im Traumland leben!“ Wiederum herausgefordert durch die klare Ansage des Juristen-Pavarotti bat Ska Keller mit Nachdruck darum, festzustellen, dass ihre Arbeit im Parlament doch wichtig sei. Schließlich kümmere sie sich um den Stopp des TTIP-Abkommens und um „vergewaltigte Frauen“ aus Krisenländern. Auch der sozialistische EU-Parlamentarier Florent Marcellesi machte klar, was Sache sei: Um wichtige politische Ziele umzusetzen, bedürfe es einer „starken Führung“ und „vertikaler und hierarchischer Organisation“. Auch müsse der „Leader“ im Mittelpunkt der Wahlwerbung stehen. Nur so gelängen „populistische“ Erfolge. Dass sich der Spanier vielleicht zu sehr an politischen Experimenten der 30er Jahre orientiert, bleibt mal dahingestellt.

Das Logo des Subversive Festival ist übrigens eine stilisierte Dame, die einen Stier reitet und eine rote Fahne in den Wind hebt. Die Darstellung will selbstverständlich Assoziationen an die mythische Sage um die Prinzessin Europa mit der roten Fahne der Revolution verknüpfen. Zu den Sponsoren des Subversive Festival gehören neben DHL, dem kroatischen Kulturministerium und der Uni Zagreb auch der größte Bierhersteller des Landes, Ožujsko pivo. Während der Veranstaltung hat mich ein tschechischer Gerstensaft bei Laune gehalten. Der länderübergreifende Warenaustausch scheint also noch zu funktionieren. Prost, Genossen – auf das freie Europa!


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