29. Mai 2015

Liberale Debatte Gar nicht „ladylike“

Und das ist auch gut so

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Bildquelle: shutterstock Deutscher Michel in der Krise: Die Sparguthaben sind sicher

Wie muss es einem Mann ergangen sein, der zwischen seinem 33. und 64. Lebensjahr (1914 bis 1945) eine endlose Abfolge von Katastrophen erlebt hat? Wie muss er sich gefühlt haben, als er gemerkt hat, wie wenig er ausrichten kann bei diesem mehrfachen Wahnsinn, der die Welt in diesen Jahren befallen hat? Was würde er zu unseren heutigen Verwerfungen sagen? Ich glaube, seine Worte wären: „Ihr werdet es gewusst haben…!“

Viele Denker, die im Sinne der „Österreichischen Schule“ publizieren, neigen dazu, einen zuweilen rauhen, fast schon aggressiven Ton anzuwenden und in ihrer Wortwahl fast nie „politisch korrekt“ zu sein.

Das war schon immer so, und ich hoffe, es wird auch in der Zukunft so bleiben.

Eine sorgfältig durchdachte (im Sinne des „Nicht-Anecken-Wollens“) und deswegen weichspülermäßig vorgebrachte Meinungsäußerung ist in unserer heutigen Gesellschaft ein Ausdruck von Benehmen und hohem Niveau. Wer sich mit markigen Worten, die an den Grundfesten des Mainstreams rütteln, Gehör verschafft, gilt eher als ungehobelt und wenig gebildet.

Ludwig von Mises, Murray N. Rothbard und Roland Baader, die ich hier stellvertretend benennen möchte, würden sich bei einer solchen Beschreibung verschmitzt ins Fäustchen lachen und sich wieder einmal klar werden dürfen, wie begrenzt der menschliche Geist in unserer angeblich so aufgeklärten Welt doch genutzt wird. Alle Männer, leider waren es fast nur Männer, die sich für Bewusstseinserweiterungen stark machten, sind im Laufe ihres Lebens nicht nur zuweilen verzweifelt.

Mich wundert dies nicht, ist es doch erstaunliche und immer beunruhigendere Realität, mit welcher Arroganz und Borniertheit wir die Dinge ignorieren, die uns in immer kürzeren Abständen mit immer größerer Selbstverständlichkeit präsentiert werden.

Unserer früherer Bundeskanzler, Helmut Kohl, bestätigt, dass er den Euro „diktatorisch“ eingeführt hat, „sein Mädchen“ Angela Merkel trägt einen beständig und verlässlich vollkommen gleichbleibenden Gesichtsausdruck vor sich her, auch wenn die Welt um sie herum zittert wie ein geschüttelter Wackelpudding. Nun ist es aber nicht so, dass wir das als Ärgernis ansehen oder gar als Desinteresse an unserem Wohlbefinden … nein, wir interpretieren dies als Qualitätsmerkmal.

„Angela Merkel ist die größte Garantie, dass der Euro überlebt“, und auch schön: „Der Euro wird überleben. Und das wird in erster Linie das Verdienst von Angela Merkel und unserem Finanzminister sein. Sie betreiben eine sensationelle Politik.“ Bei Bayern-Ex-Präsident Uli Hoeneß, der ein echter Fan von Angela Merkel ist (war?), mag man nun einwenden, dass der Mann zu der Zeit, als er diese Huldigung artikulierte, seinen Club im Griff hatte, aber ansonsten eben nicht unbedingt ein Aushängeschild für qualitativ hochwertige Kommentare zur Politik in Deutschland war.

Das Problem ist nur, dass dieser Mann stellvertretend für Millionen von Menschen steht, die genau die gleiche Ansicht vertreten.

So ist es auch zu erklären, wenn beängstigend viele den leeren Versprechungen glauben, die Merkel und Konsorten von sich geben. Ob nun diese unsäglichen „Garantieerklärungen“ zu den Sparguthaben (wenn diese denn kein „Jet-Set-Geld“ sind) oder die gebetsmühlenartigen Vorträge unseres Finanzministers, dessen „Deutschland ist der größte Euro-Profiteur“ man nur noch mit Exorzismus beikommen kann.

Da werden Gesetze gebrochen, Sparern wird das Ersparte unterm Hintern weggepfändet, „AfD-Lucke“ findet es „im Prinzip richtig“, dass Konten rasiert werden und dies von Institutionen beschlossen wird, die nicht auch nur im Entferntesten legitimiert sind.

Übrigens findet das nicht nur ein Herr Lucke in Ordnung, laut Allensbach-Umfrage sehen 69 Prozent der Deutschen das ganz genauso. Mario Draghi will Schülern die EZB-Politik erklären, die Banken wollen den selbigen gleich den Unterricht passend dazu angedeihen lassen, und die Schufa erklärt dann, wie man mit Schulden lebt, die man nicht zurückzahlen kann. Wenn das mal keine Teamarbeit ist!

Ich stelle mir gerade vor, wie die Menschen wohl vor einigen Jahren darauf reagiert hätten, wenn die Herren Jeroen Dijsselbloem, Klaas Knot, Olli Rehn und Wolfgang Schäuble laut und deutlich erklärt hätten, dass die Sparguthaben nicht mehr sicher sind. Wäre damals irgendetwas passiert? Wären die Menschen unruhig geworden?

Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass es inzwischen wohl allen egal ist, was hier in diesem Land vor sich geht. Keine Gegenwehr, kein Aufbäumen, keine Revolte – nichts. Nur das dumpfe Geplappere von der „sozialen Gerechtigkeit“, die es eh niemals geben wird, weil noch nicht einmal jemand erklären kann, was das eigentlich sein soll.

Mir machen die Politiker keine Angst – mir machen die meisten Mitmenschen Angst. Die Mitmenschen, die das, was um uns herum passiert, anscheinend vollkommen normal finden und im schlimmsten Fall sogar noch gut. Wir dümpeln so vor uns hin, eine Minute nach der anderen vergeht, Minuten, die wir niemals wieder zurückbekommen und meist doch so ungenutzt verstreichen lassen. Minuten, die wir damit ausfüllen, uns mit dümmlichem Geschwätz, oberflächlichen Bewertungen und kleingeistigem Gehabe zu beschäftigen.

Wo sind die Augen, in denen ich lesen kann, dass wir uns an uns selbst versündigen? Wo sind Augen, die wütend aufblitzen in Anbetracht der Richtung, die wir eingeschlagen haben? Wo sind die Augen, die weinen müssen, wenn sie über die Gleichgültigkeit der Menschen nachdenken? Wo sind die Augen, die sich schämen, wenn sie wegsehen, anstatt hinzuschauen und aufzubegehren? Wo sind die Augen, die den Geist der Freiheit ausdrücken? Wo sind die Augen, die blitzgescheit und hellwach die Wahrheit erkennen und ihrem Leben einen kräftigen Schubs nach vorn geben?

Mit meinen Ludwig von Mises in den Mund gelegten Worten: „Ihr werdet es gewusst haben…!“ werde ich wohl leider richtig liegen.

Tief im Inneren wissen wir ganz sicher, dass wir dringend etwas ändern müssten, dass wir in Anbetracht des ständig geschehenden Unrechts aufstehen müssten und uns wehren. Aber wir werden dabei zusehen, wie man uns mickrig klein kriegen wird – immer in der Hoffnung und dem festen Glauben, dass „der andere“ vor uns dran ist.

Ein kluger Mann hat mir geschrieben, dass nicht der „kleine Mann“, sondern der „dumme Mann“ am Ende nackt dasteht. Auch er wird recht behalten und wenn die Vertreter der Österreichischen Schule ihrer Hilflosigkeit bisweilen mit harten Worten Ausdruck verliehen haben, so kann ich nur sagen: Für das, was sie auf die Menschen zukommen sahen, sind ihre Worte liebevolle Zärtlichkeiten. Um die Deutschen wachzurütteln und sie aus ihrer Lethargie zu befreien, müssen noch viel härtere Worte geradezu herausgeschrien werden.

Mag es auch ungezogen sein und für eine Frau zudem auch wenig „ladylike“, notwendig ist es allemal.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Freiraum.


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