13. Juli 2015

Zwangsmitgliedschaften Solche und andere Sekten

Warum nicht konsequent?

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Bildquelle: shutterstock Sekte Staat: Austritt verboten

Um es vorwegzunehmen: Ich bin nicht Mitglied von Scientology und habe auch nicht im Sinn, es zu werden. Ihre Fundamentalideologie, ihre Entstehungsgeschichte, ihr Gründer-Guru oder ihr kreuzförmiges Emblem mögen den Scientologen ja gefallen, mich selbst begeistern sie nicht wirklich. Müs­sen sie ja auch nicht. Zudem soll Scientology als Organisation offenbar eine ziemlich vereinnahmende Art haben. Da sollen schon Leute, die arglos beigetreten sind, dazu überredet worden sein, ansehnli­che Teile ihres Einkommens und Vermögens abzuliefern, und zwar unabhängig davon, ob sie von den Leistungen dieser Organisation etwas bezogen haben. Und wieder auszusteigen, sei gar nicht so ein­fach gewesen; da sei einem ein ziemlich schlechtes Gewissen eingeredet worden für den Fall, dass man sich aus dieser allein seligmachenden Kirche ausklinke. Aber vielleicht sind das auch nur Ge­rüchte. Und schließlich soll doch jeder nach seiner Façon selig werden.

Und abgesehen davon ist es bei anderen Kirchen ja auch nicht besser. Beispielsweise die christlichen Kirchen haben – weiß Gott – eine sehr ausgeprägte Fundamentalideologie, eine auffällige Entstehungs­geschichte, einen ausgesprochen prominenten Gründer-Guru und ein kreuzförmiges Emblem. Und was die konkreten Organisationen anbelangt, so sind sie noch viel vereinnahmender als Sciento­logy, speziell auch was die Finanzen anbelangt. So unterwerfen diese christlichen Kirchen in der Schweiz nicht einfach ihre Mitglieder einer Steuer auf das Vermögen und das Einkommen (und auch dies unabhängig davon, was sie an Leistungen beziehen), sondern sie zwingen auch Nichtmitglie­der zu solchen Steuern. Dies jedenfalls in gewissen Kantonen, in denen die Kirchen sogar bei Firmen, die ja nicht Kirchenmitglieder sind, Steuern erheben. Der Staat, mit dem sich die Kirchen zu diesem Zweck verbandeln, hilft ihnen bei der Durchsetzung. Wenn sich etwa eine Firma vor einem staatli­chen Ge­richt wehrt mit dem Argument, die verfassungsmäßige Glaubensfreiheit verbiete eine solche Zwangsfinanzierung, so wird der Spieß gleich umgedreht: In der Tat sei eine Firma nicht gläubig, aber genau deshalb könne sie sich auch nicht auf Glaubensfreiheit berufen – ätsch!

Und soweit man überhaupt – als privates Mitglied – aus einer christlichen Kirche austreten kann, wird dies mit allerlei Tricks erschwert. Klassisch beispielsweise die Androhung ewiger Höllenqualen. Da scheint mir Scientology schon eher moderat.

Jedenfalls verstehe ich diese Aufregung nicht, die zur Zeit von ein paar linken und rechten und christlichen Politikern gegen die hiesige Scientology-Organisation inszeniert wird: Man solle ihr Sonntags­arbeit verbieten – warum dann nicht auch den katholischen und reformierten Pfarrern? Man solle ihr das große Kreuz an ihrem neuen Gebäude verbieten – warum dann nicht auch an all den vielen Kir­chen in der ganzen Stadt? Man solle ihr Finanzgebaren kritisch unter die Lupe nehmen – warum dann nicht rigoros die Kirchenbesteuerung von Firmen verbieten?

Vielleicht hängt die Widersprüchlichkeit dieser Politiker ja auch damit zusammen, dass sie selbst einer noch viel rücksichtsloseren Sekte angehören, dem Staat nämlich, der die ganze Landesbevölkerung zur Mitgliedschaft und zu Steuern zwingt, ob sie nun irgendeine Leistung beziehen oder nicht. Und ein Austritt ist da schlicht verboten.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Basler Zeitung“.


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