24. Juli 2015

Finanzielle Repression und der Feldzug gegen das Bargeld Ökonomischer Totalitarismus

Die Sparkultur wird auf den Kopf gestellt

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Bildquelle: shutterstock Fluchtweg: Bargeld schützt vor dem Negativzins

Es scheint, als leite sich die Bezeichnung „Staatsbürger“ davon ab, dass die betroffenen Menschen für ihren Staat bürgen müssten. Ähnlich wie im Privatleben sind geringe Schulden das Problem des Schuldners, Überschuldung aber das Problem des Gläubigers, nachdem der Gläubiger mit einer Insolvenzandrohung erpresst werden kann. Eine verdeckte Art der Erpressung stellt die sogenannte finanzielle Repression dar.

Grob gesagt bedeutet finanzielle Repression, dass der Staat repressive Maßnahmen ergreift, um so das reale Ausmaß seiner Verbindlichkeiten zu reduzieren. Dies geschieht in erster Linie auf Kosten der Bürger, indem finanzielle Mittel vom Sparer zum Schuldner umgeleitet werden. Die letzten Monate haben gezeigt: Finanzielle Repression scheint der bevorzugte Lösungsweg aus der Überschuldung zu sein. Zahlreiche kleine Mosaiksteinchen zeigen, dass die perfide Strategie eines staatlich oktroyierten Vermögenstransfers munter praktiziert wird.

Infolge der globalen Niedrigzinspolitik verlieren die klassischen Sparvehikel, insbesondere Sparbücher, immer mehr an Attraktivität. Da sie praktisch keinerlei Zinsen mehr abwerfen, wächst der Reiz, Geld von den Bankkonten abzuheben und zu horten. Gerade in den letzten Monaten gewinnt daher eine neue Facette der Finanzrepression zunehmend an Bedeutung: Zahlreiche „Starökonomen“ wie Paul Krugman oder Larry Summers vertreten derzeit ostentativ die Meinung, wonach zu viel gespart und zu wenig investiert werde. Um dieses Ungleichgewicht zu kompensieren, solle der Zins negativ sein. Nach keynesianischer Denklogik solle dies den Konsum ankurbeln und der Wirtschaft den dringend nötigen Stimulus geben.

Um Negativzinsen implementieren zu können, forderte Larry Summers, Harvard-Ökonom und ehemaliger US-Finanzminister, auf einer Forschungskonferenz des IWF vollkommen unverblümt eine weltweite Abschaffung jeglichen Bargeldes. Sein Vortrag mutete wie eine Kriegserklärung gegen Cash an. So solle es das primäre Ziel sein, Staaten und Banken dazu zu befähigen, Zinssätze unter die Nullinie drücken zu können. Folgerichtig müsse jeder Sparer dann Gebühren für die Geldverwahrung bezahlen. Damit es im Zuge dessen keinen Bank Run geben kann, müsse Bargeld gänzlich abgeschafft werden.

Peter Bofinger, deutscher Ökonom und „Wirtschaftsweiser“, sieht Münzen und Scheine ebenfalls als Anachronismus an. Auch er stuft Bargeld als potentiell kriminell ein und verweist auf die Austrocknung des Drogenmarktes und der Schwarzarbeit. Dies scheinen jedoch nur vorgeschobene Argumente zu sein, um das Hauptziel einer bargeldlosen Gesellschaft zu verschleiern. Der renommierte Journalist Roland Tichy fasste dieses auf seinem Blog wie folgt zusammen: „Das Hauptziel ist die Manipulation der Zinsen und Konsumenten, um bestimmte wirtschaftspolitische Ziele zu erreichen.“ Dies gesteht auch Herr Bofinger ein. Er führte im „Spiegel“ aus: „Gibt es kein Bargeld mehr, entfällt die Nullzinsgrenze, und Minuszinsen steht nichts mehr im Wege.“ Sinnvoll wäre es, wenn der Euro-Raum, Großbritannien und die Schweiz das Bargeld gleichzeitig abschaffen würden, so Bofinger.

Damit reiht sich Bofinger in eine immer länger werdende Liste von – vor allem keynesianisch geprägten – Ökonomen ein, die allesamt ähnliche Argumente vorbringen. Auch Kenneth Rogoff („Papiergeld ist das entscheidende Hindernis, die Zentralbank-Zinsen weiter zu senken. Seine Beseitigung wäre seine sehr einfache und elegante Lösung für dieses Problem“) und Willem Buiter, der Chefökonom der Citigroup, plädieren mittlerweile für eine Abschaffung von Bargeld. Ohne Bargeld bleibe der Fluchtweg bei Negativzinsen versperrt und man könne endlich die Wirtschaft „ankurbeln“. Auch wenn es laut Buiter eine umstrittene Idee sei und es etliche Nachteile gebe (Widerstand der Bevölkerung, hohe Verwendung von Bargeld bei Armen und älteren Menschen, Verlust der Seigniorage-Einnahmen durch Notenbanken und Regierungen, Verlust der Privatsphäre und Sicherheitsrisiken aufgrund von IT-Angriffen), so seien diese in Relation zu den „Vorteilen“ jedoch vernachlässigbar.

Die Bargeldkritik hat aber noch einen weiteren Hintergrund: Banken sind aufgrund der mittlerweile minimalen Mindestreservesätze „latent illiquide“. Einlagen stellen die Basis der fraktionellen und massiv gehebelten Kreditgeldpyramide dar. Ein Bank Run in Folge eines plötzlichen Vertrauensverlustes würde die Kreditpyramide rasch zum Einstürzen bringen. Wie Henning Lindhoff hier auf dem Blog von eigentümlich frei schrieb, ist ein konsequentes Bargeldverbot deshalb das einzig wirksame Werkzeug der „Junta der Papiergeldjongleure“, um die Notausgänge aus dem Papiergeldsystem zu versperren.

Zudem lassen sich in einer bargeldlosen Gesellschaft Vermögenswerte deutlich einfacher nachverfolgen, kontrollieren, besteuern und gegebenenfalls enteignen. Gerade dies wird für Staaten, die weit über beide Ohren verschuldet sind, zunehmend notwendig. Die Einschränkungen der Bargeldhaltung stellen somit einen wesentlichen Eckpfeiler der finanziellen Repression und in weiterer Folge auch die letzte Hürde vor einer Einführung von Negativzinsen dar.

Zahlreiche Beispiele zeigen, dass der Weg in diese Richtung bereits beschritten wird:

In Italien, Spanien und Griechenland wurde der Bargeldbesitz und ‑verkehr bereits deutlich eingeschränkt. In Griechenland ist es seit 2011 illegal, Bargeldzahlungen über 1.500 Euro zu leisten. In Italien liegt diese Grenze bei 1.000 Euro und in Spanien bei 2.500 Euro.

Dänemark möchte den gesetzlichen Annahmezwang für Bargeld abschaffen.

In Schweden, das übrigens das erste europäische Land war, das Banknoten emittierte, ist Bargeld aus dem Alltag nahezu verschwunden. Nur noch 2,7 Prozent aller Geldgeschäfte entfielen 2012 in Schweden auf Bargeld, während es in der Euro-Zone noch 9,8 Prozent und in den USA 7,2 Prozent waren. Mittlerweile ist Bargeld so verpönt, dass die folgende Faustformel gilt: „Musst du bar zahlen, stimmt etwas nicht.“

In Frankreich sind ab September 2015 Barzahlungen nur mehr bis 1.000 Euro möglich. Des weiteren sind Wechselstuben verpflichtet, für alle Devisentransaktionen, die einen Wert von 1.000 Euro übersteigen, die Personalien der Beteiligten aufzunehmen. Auch Goldkäufe müssen von nun an den Behörden gemeldet werden, ebenso wie Goldtransporte innerhalb des Landes nun kurioserweise beim Zoll deklariert werden sollen. Die Maßnahmen werden erwartungsgemäß mit dem Verweis auf den Anti-Terror-Kampf gerechtfertigt.

In Deutschland zeigte sich Bundesbankvorstand Thiele noch reserviert hinsichtlich Bargeldeinschränkungen: „Die Wahlfreiheit des Verbrauchers wird die Bundesbank nicht einschränken. Das müsste dann schon der Gesetzgeber tun.”

Neben Ökonomen und Staaten blasen naturgemäß auch Akteure aus der Finanzbranche kräftig in das gleiche Horn. Es scheint nicht überraschend, dass gerade die Kreditkartenfirma Mastercard im Rahmen einer Untersuchung der Universität Oxford herausfand, dass Bargeld dreckig und ungesund sei. Seit 2011 gibt es ausgehend von Italien sogar einen „No Cash Day“, der jedes Jahr im Juni zelebriert wird.

Unsere Sparkultur wird gerade auf den Kopf gestellt. Der Weg in Richtung Vermögensabgaben und Negativzinsen wird bereits geebnet. Auch wenn solche Maßnahmen vermutlich als „Millionärssteuer“, einmalige „Infrastrukturabgaben“ oder „Bargeldgebühr“ betitelt werden, so sollte Vorsicht geboten sein. Die Erhebung solcher Vermögensabgaben wird massive Auswirkungen auf das Sparverhalten und deshalb langfristig negative Folgen für den Kapitalaufbau haben.

Die Abschaffung des Bargeldes und die damit verbundene Implementierung von Negativzinsen stellen eine konsequente Fortführung der falschen Geldpolitik dar. Sie wird den Weg in einen ökonomischen Totalitarismus – wie es der Investor Martin Armstrong bezeichnen würde – ebnen, der Orwellschen Charakter hätte. Alternativen wie Gold oder Kryptowährungen könnten hiervon natürlich profitieren, sofern sie nicht auch im Rahmen der finanziellen Repression „reguliert“ beziehungsweise verboten werden.

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Report „In Gold We Trust 2015“.


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Dossier: Bargeld

Autor

Ronald-Peter Stöferle

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