26. Juli 2015

Das neue Geld der EZB Das Umverteilungskarussell

Sparer sollten es nicht ignorieren

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Bildquelle: shutterstock Gute Optik, wenig Freude: Die Geldproduktion der EZB

Die Wertpapierkäufe der Zentralbanken sind nicht etwa „neutral“, sondern sie ziehen Umverteilungswirkungen nach sich. Wer bekommt eigentlich das neue Geld, das die Europäische Zentralbank (EZB) in Umlauf bringt?

Die Antwort lautet: Die Verkäufer der Wertpapiere, die die EZB kauft. Und wer sind die Verkäufer dieser Papiere? Es sind vorwiegend Banken aus dem In- und Ausland, aber auch Nichtbanken (hierzu zählen zum Beispiel Versicherungen oder Hedgefonds), die zuvor ihre Papiere an Banken verkaufen, die diese dann an die EZB weiterverkaufen. Für die Verkäufer ist das ein profitables Geschäft: Die Käufe der EZB sorgen schließlich für hohe Kurse, die man andernfalls, ohne die EZB-Käufe, im Markt nicht erzielen könnte. Wenn Investoren zudem noch wissen, welche Papiere die EZB wann kauft, und es ihnen gelingt, die Papiere im Vorfeld zu noch niedrigeren Kursen zu kaufen, lässt sich der Gewinn natürlich weiter erhöhen. Wertpapierkäufe können auch die Geldmenge M1 erhöhen. Unter der „Überschussliquidität“ werden hier die Guthaben der Banken verstanden, die die Mindestreservehaltung übersteigen. Das Ausweiten der Geldmenge ist niemals neutral. Die Erstempfänger des neuen Geldes sind die Gewinner, die Spätempfänger – beziehungsweise die, die nichts von der neuen Geldmenge abbekommen – sind die Verlierer. Das liegt daran, dass die Erstempfänger mit dem neuen Geld noch zu unveränderten Preisen kaufen können. Wird das neue Geld ausgegeben, verbreitet es sich nach und nach in der Volkswirtschaft.

In diesem Prozess steigen die Preise, so dass diejenigen, die das neue Geld erst später (oder gar nicht) erhalten, nur noch zu erhöhten Preisen kaufen können. Die Erstempfänger werden reicher, die Spätempfänger ärmer. Die Wertpapierkäufe der Zentralbanken laufen folglich auf ein gewaltiges Umverteilungskarussell hinaus: Es wird umverteilt innerhalb der Volkswirtschaften, und es wird auch umverteilt zwischen den Volkswirtschaften. Im Euro-Raum etwa profitieren informierte Investoren auf Kosten uninformierter Investoren. Informierte Investoren in zum Beispiel Deutschland und Finnland profitieren auf Kosten uninformierter Investoren in Spanien und Portugal. Sparer in beispielsweise den Niederlanden erleiden Verluste, weil die Niedrigzinspolitik ihre Bankguthaben entwertet, während Italiens Zinskosten gesenkt werden und den dortigen Steuerzahlern höhere Steuern erspart bleiben. Verlässlich lässt sich die Umverteilungswirkung der Wertpapierkäufe vermutlich nicht abschätzen beziehungsweise beziffern. Das ändert jedoch nichts daran, dass sie stattfindet und dass der Sparer sie nicht ignorieren sollte. Wenn das Ausweiten der Geldmenge die Preise erhöht, was wahrscheinlich ist, drohen ihm Verluste beispielsweise in nominalen Zahlungsversprechen (wie zum Beispiel in Form von Bank- und Staatsschulden).

Dieser Artikel erschien zuerst im Degussa Marktreport vom 17. Juli 2015.


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