30. Juli 2015

Asylpolitik Wo steht der Feind?

Die Demos gehören vor die Parlamente

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Bildquelle: Procyk Radek / Shutterstock.com Falsche Adressaten: Flüchtlingskinder

Die Bilder sind erschreckend: Tausende von Flüchtlingen landen an der Mittelmeerküste, das heißt diejenigen, die die Überfahrt aus Nordafrika geschafft haben. Herkunftsländer sind die des sogenannten „Arabischen Frühlings“ (erinnert sich sonst noch jemand an das Wort?), Libyen, Syrien und andere. Sie kommen aber auch über Landesgrenzen zu uns – die Freizügigkeit macht es möglich. Ist ein Flüchtling erst mal in der EU, kann ihn kaum etwas hindern, das Land seiner Wahl zu erreichen. Es sind unter ihnen auch viele junge Männer, die ihr Heil – und auf Sicht das ihrer Familien – in Europa suchen, nicht wenige, die es weiter nach Deutschland drängt. Darunter aber auch Frauen und Kinder, die die Strapazen und den Verlust von Hab und Gut in Kauf nehmen, um dem Horror, der mal ihr Zuhause war, zu entrinnen. Darunter sind Christen, nicht eben wenige, die unter muslimischer Verfolgung leiden, aber auch Muslime selbst, die mit dem radikalen Islam so wenig anfangen können wie unsereins mit radikalen christlichen Sekten, auch wenn die in aller Regel wenigstens keine tödliche Gefahr darstellen.

Unter ihnen – wir sollten nicht blauäugig sein – sind auch jede Menge, wenn nicht die Mehrheit, sogenannte „Illegale“: Menschen, die nicht politisch oder religiös verfolgt werden und nicht aus einem Kriegsgebiet im engeren Sinne stammen, aber vor dem Elend in den Norden fliehen, in dem Milch und Honig fließen, so meinen viele jedenfalls. Asyl werden sie nicht bekommen, aber sie sind – manche vielleicht auch im naiven Glauben, sie würden schon irgendwie anerkannt – verzweifelt genug, die Fahrt trotzdem aufzunehmen. Unter ihnen auch – wiederum, es ist sinnlos, das verneinen zu wollen – Menschen, die den Weg in die Illegalität suchen. Ob es stimmt, dass die Drogenmärkte teilweise bereits in der Hand von Asylsuchenden sind? Ob es stimmt, dass es in Asylbewerberheimen immer wieder und massenhaft zu Drogendelikten kommt? Oder ist das Propaganda – von welcher Seite auch immer? Auszuschließen ist es jedenfalls nicht, und niemand sollte so dumm sein, in jedem Flüchtling nur den Heiligen zu sehen, der hierherkommt, um ein unbescholtenes Leben zu führen.

Ob sich auch radikale Islamisten unter die Flüchtlinge gemischt haben? Berichte über religiöse Auseinandersetzungen in Flüchtlingsheimen legen den Schluss nahe. Ob es eine Vielzahl ist? Ich würde jeder Statistik misstrauen, die das oder das Gegenteil zu beweisen versucht. Ausschließen kann man es nicht, und wer weiß, wer sich möglicherweise auch auf dem Weg nach Deutschland oder in Deutschland selbst radikalisiert. Die Augen davor zu verschließen ist ebenso fahrlässig wie die Annahme, dass es sich bei den Flüchtlingen in der Mehrzahl um Verbrecher, Islamisten oder Menschen handelt, die es sich bei uns lediglich in einer sozialen Hängematte bequem machen wollen. Ja, die wird es geben, aber ob sie eine Mehrheit, gar nur eine relevante Minderheit darstellen? Ich würde auch hier jeder Statistik misstrauen, solange sie nicht von denen kommt, die gerade das Gegenteil für den eigenen politischen Erfolg gepredigt haben.

Und da sich Demagogen auf allen Seiten aufmachen, die Asyl- und Flüchtlingsdebatte für sich zu instrumentalisieren, stellt sich für einen Christen die Frage: Wie damit umgehen?

Und wieder erschreckende Bilder: Demonstrationen vor Flüchtlingsheimen, hier und da ein Hitlergruß, Beschimpfungen. Brandanschläge auf Häuser, die zu Flüchtlingsheimen werden sollen. Die Botschaft überwiegend klar: Ihr seid nicht willkommen! Unbeholfene Versuche der Lokalpolitik, das Zusammenleben mit Flüchtlingen möglichst konfliktfrei zu gestalten, dazu die Aufforderung an einheimische Frauen und Mädchen, keine Hotpants oder Ähnliches zu tragen. Sollten die sich nicht uns anpassen, statt wir uns denen? Ja sicher, aber hat schon mal ein Flüchtlingsvertreter nach einer solchen neuen deutschen Kleiderordnung gerufen? Und umgekehrt: Muss ich mir jedes Recht nehmen, nur weil ich es habe?

Und da stehen also Demonstranten vor Heimen, in denen Kinder nach Schutz und Geborgenheit suchen. Kinder, die eigentlich schon keine Kinder mehr sein dürfen, seit sie das erstemal von Schüssen geweckt wurden, seit sie auf der Flucht sind und vermutlich mitbekommen, dass sie als Problem betrachtet werden, selbst von denen, die wohlgesonnen sind. Da stehen – man kann es nicht anders nennen – grölende Proleten vor Heimen, in die sich Männer geflüchtet haben, die in ihrem Land einfach keine Chance mehr gesehen haben, die ihre Familien vermissen oder hier versuchen, ihnen ein Leben zu bieten. Da werden Gebäude abgefackelt, in die Menschen einziehen sollten, denen politische Irre und religiöse Fanatiker das Haus über dem Kopf angezündet haben.

Die schiere Menge an Flüchtlingen, die nach Europa kommt, erscheint bedrohlich. Können wir so viele Menschen aufnehmen? Was bedeutet das für die Kultur eines Landes? Was ist mit sozialen Reibungspunkten, wie unterschiedlichen Religionen, auch regionalen Differenzen, politischen Unterschieden, historisch bedingten Animositäten unter den Flüchtlingen? Importieren wir mit dem Ruf „Alle zu uns!“ nicht auch die Konflikte zu uns? Und wenn ja, wie gehen wir damit um? Sind wir überhaupt bereit und in der Lage, damit umzugehen?

Die Sorgen derjenigen, die sich zu Demonstrationen vor Flüchtlings- und Asylantenheimen zusammenfinden, kann man nicht einfach wegwischen. Jede Kritik an der Asylpolitik, jedes Hinterfragen der Integrationsfähigkeit von Menschenmassen, jeden Ruf nach gerechterer Verteilung von Flüchtlingen zwischen den Bundesländern und auch zwischen den Staaten der EU mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus abzutun, hat uns genau dahin geführt, wo wir jetzt stehen: Zu „Heil-Hitler“-grölenden Demonstranten, zu abgebrannten Heimen, in denen nur aus Zufall  bislang niemand ums Leben gekommen ist, und zu Totschlagargumenten, wie dem, man könne als Befürworter der Flüchtlingsaufnahme ja sein eigenes Haus zur Verfügung stellen.

Viele der von den Kritikern vorgebrachten Argumente sind aber richtig und gehören berücksichtigt und gehört. Und wenn führende Politiker nicht reagieren und sich auf den Standpunkt stellen, das seien alles Rechte und Nazis, dann tragen sie Mitverantwortung für die Eskalation, die sich im Moment Schritt für Schritt abzeichnet. Darum gehören die Demos vor die Parlamente und die Sitze der führenden Parteien und nicht vor die Flüchtlingsheime. Das geflohene Kind und seine Eltern sind jedenfalls die falschen Adressaten!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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