04. August 2015

Flüchtlinge Die und wir

Die Formulierungen des Kollektivismus sind so griffig wie entlarvend

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Bildquelle: shutterstock Differenzierung tut not: Flüchtlingsdebatte

„Die“ wollen es sich doch bei uns nur gutgehen lassen! Und „die“ wären im Dritten Reich auch schon mitmarschiert! – Mit meinen beiden Beiträgen zur Asyl- und Flüchtlingspolitik habe ich versucht, ein notwendiges Maß an Differenzierung aufzubringen, insbesondere darauf hinzuweisen, wo die Verantwortlichen für die bestehenden Probleme eigentlich zu finden sind. Bei den meisten meiner Leser ist das offenbar durchgedrungen, aber auch nicht bei allen, was sich jedenfalls aus den Rückmeldungen schließen lässt. Dabei kann ich durchaus die Sorgen verstehen, wenn der Eindruck entsteht, die Politik kümmere sich nur um das Thema, um persönlich keinen Schaden zu nehmen – wer möchte schon gerne in die rechte Ecke gerückt werden?

Darüber hinaus bestehen generelle Zweifel an offiziellen Meldungen zur Flüchtlingsproblematik: Wie viele sind es wirklich? Woher kommen die im Einzelnen? Sind es wirklich Menschen mit nachvollziehbarer Hoffnung auf Asylanerkennung? Sind es Familien oder doch in der Mehrzahl Männer? Stehen massenweise Muslime vor der Tür, womöglich Islamisten, oder sind es Christen? Wie sehen die kulturellen Unterschiede aus? Jede Statistik in diese Richtungen steht unter dem Verdacht der politischen Manipulation. Und wenn man es nicht weiß, nimmt man halt das an, was einem am nächsten liegt. Da gerät dann schnell auch das von mir verlinkte Video zur Rettung syrischer Kinder in die Kritik, lediglich mit Sentimentalitäten zu spielen:

Die Flüchtlingslager seien doch gefüllt mit Männern, noch dazu seien das in der Mehrzahl keine Flüchtlinge, sondern „Scheinasylanten“, die recht sicher sein könnten, dass sie so schnell nicht wieder abgeschoben würden, egal wie sicher ihr Herkunftsland sei. Außerdem seien das doch überwiegend Wirtschaftsflüchtlinge, die weder vor Verfolgung noch vor Krieg auf der Flucht seien, sondern lediglich die bessere wirtschaftliche Zukunft bei „uns“ sehen würden – immer mit der Option, einmal sesshaft geworden, die Verwandtschaft nachzuholen. So werden aus den aktuellen Flüchtlingszahlen mal schnell eine Million addiert, die, wenn sie ihre Großfamilien aus Afrika oder dem Kosovo nachholen, sich auf zig Millionen hochmultiplizieren. Vor dem geistigen Auge erscheint Jean Raspails „Heerlager der Heiligen“, in dem Millionen Flüchtlinge aus Indien den Westen überrennen.

Das Ergebnis ist Angst, und die ist in gewisser Weise immer berechtigt, auch oder gerade, wenn sie sich aus mangelnder Information speist. Mir geht es hier aber nicht darum, Zahlen zu korrigieren, die ich selbst gar nicht erheben kann, es geht nicht darum, zu entscheiden, was mir realistischer erscheint. Eines sollte aber klar sein: Wenn hinter den Berichten über Wirtschaftsflüchtlinge und Krawalle unter Männern unterschiedlicher Religion und Kultur in Flüchtlingsheimen das Bild der verstörten Kinder aus dem Blick gerät, wenn dahinter selbst den „echten“ Flüchtlingen die Not nicht mehr abgenommen wird, dann hat das nichts mehr mit christlicher oder westlicher Kultur zu tun, sondern mit echtem – Achtung: Keule! – Faschismus.

Was ist denn das Kennzeichen des Faschismus? Traurigerweise gibt es dazu nur wenige Definitionen, die ohne den Verweis auf Mussolini oder Hitler auskommen. Die – wenn man so will – Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, der Nationalsozialismus, ist schließlich nicht nur sozialistisch, sondern auch faschistisch, in dem Sinne, dass der Einzelne nichts mehr bedeutet, nur noch die Masse zählt. Und als solche ist die Differenzierung der eigenen Masse – des „Wir“ – von „den anderen“ wesentlich. Für den Nationalsozialisten in den 30ern des vergangenen Jahrhunderts war klar: Juden sind hinterhältig und verschlagen, slawische Völker, Farbige sowieso, sind der germanischen Rasse unterlegen. „Wir“ und „die“ – Kollektivismus in Reinform, egal ob von links oder rechts!

Und so lesen sich auch heute die Kommentare: „Die meisten“ Flüchtlinge sind in ihrer Heimat doch gar nicht bedroht, „die“ kommen zu „uns“, um sich hier ein bequemes Leben zu machen. Man muss sich nur anschauen, wie „die“ in den Lagern mit Tischen und Stühlen aufeinander losgehen, um zu sehen, dass „die“ nicht zu „uns“ passen. Gegen echte Flüchtlinge haben „wir“ ja nichts, aber „die“ da jetzt kommen, erfüllen dieses Kriterium doch gar nicht und können keinen moralischen Anspruch auf „unsere“ Hilfe geltend machen. Dann sollen doch diese Linken und Antifas (als solchen hat mich doch tatsächlich jemand bezeichnet, das sollte ich mir ausdrucken und den Gegendemonstranten beim Marsch für’s Leben unter die Nase halten, um zu beweisen, dass ich einer von ihnen bin) „die“ doch bei sich aufnehmen, aber nicht „uns“ zwingen, für „die“ aufzukommen.

Kein Wunder also, dass sich Demonstranten vor Flüchtlings- und Asylantenheimen versammeln, um gegen „die“ zu demonstrieren. Kein Wunder aber auch, dass man auf dieser Seite zu keiner Differenzierung kommt, wenn aus anderer politischer Richtung auch nicht differenziert wird: „Die“ Asylkritiker seien alles Rechte, Rassisten und Fremdenfeinde. Wer in Frage stellt, ob „wir“ Flüchtlinge aufnehmen sollten, der habe schon den Boden der Moral hinter sich gelassen. „Wir“ haben eine moralische Verpflichtung, mindestens aufgrund unserer deutschen Geschichte, und „die“, die das nicht sehen, sind Revanchisten und Populisten, die auf dem Rücken der Flüchtlinge Politik machen wollen. Wieder „wir“ und „die“!

Natürlich ist die schiere Menge von weltweit flüchtenden Menschen, von denen nicht wenige ihr Glück gerne in Deutschland suchen wollen, ein Hindernis für eine Differenzierung. Alleine die Organisation der Unterbringung und der Prozesse der Prüfungen verbieten eine allzu detaillierte Unterscheidung nach dem Einzelfall. Man käme nicht nach. Wer sich aber nicht den Vorwurf des Faschismus gefallen lassen möchte, für den verbietet sich auch eine vereinfachte Kollektivierung der Menschen in „die“ und „uns“. Der kann nicht mehr vor einem Flüchtlingsheim demonstrieren, von dem er nicht sicher weiß, dass sich dort kein einziger „echter Flüchtling“ aufhält, kein Kind, das von der Flucht verstört ist und froh ist, endlich mal mit einem Teddy im Arm einschlafen zu können. Der kann aber auch nicht gegen Politiker und Mitmenschen polemisieren, die die Sorge umtreibt, inwieweit ein Land wie Deutschland, eine Gesellschaft wie unsere (hoppla, ganz ohne Kollektivierung komme ich auch nicht aus), überhaupt in der Lage sein kann, mit Flüchtlingen umzugehen, gerade wenn man eine persönliche moralische Verpflichtung für die wirklich Leidenden spürt.

Die politischen Feinde stehen für mich insofern nicht rechts oder links, sie stehen da, wo mit dem Kollektivismus Politik gemacht wird. Der verführt zu einfachen („Alle raus!“) oder vermeintlich einfachen („Erstmal rein, es muss halt gehen!“) Lösungen. Differenzierungen werden – wie bei Raspail – als eher schöngeistig und dekadent abgetan. Die Tendenz zum Kollektivismus ist – nicht nur in dieser Frage – in allen politischen Lagern deutlich zu sehen. Und man könnte sehr plakativ fragen: Haben „wir“ tatsächlich nichts gelernt?

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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