13. August 2015

Christliche Feindesliebe Wie man richtig austeilt

Positionen bekämpfen statt Personen

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Bildquelle: shutterstock Persönlich oft beleidigend: Gesellschaftliche Diskussionen

Der ist ein Rechtskatholik! Die ist ein Geisterjäger! Der kennt den … und ist deshalb ein Rechter! Der arbeitet mit Vermutungen und Verleumdungen! Vorwürfe fliegen in den vergangenen Wochen und mittlerweile Monaten ausreichend durch die vermeintlich katholische Gegend – und das alles unter Menschen, die von sich behaupten, Christen zu sein. Und bevor jemand die Nase rümpft: Ich spreche mich damit vor allem selbst an!

Gerade weil mich aber manche Anwürfe gegen Positionen, die ich entweder teile oder sogar aktiv vertrete, so nerven, gerade weil ich in den meisten Fällen die Motivationslage der „Gegner“ nicht kenne und mich nur allzu leicht dazu verleiten lasse, niedere Beweggründe zu unterstellen, gerade deshalb hat mich das gestrige Tagesevangelium besonders angesprochen (Matthäus 18,15-17[20]):

„In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, dennjede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden. Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde. Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.“

Ich spreche jetzt einfach mal nur von mir, jeder kann dann selbst sehen, ob das auch für ihn passt: Wenn ich Beiträge schreibe über bestimmte kirchenliberale Positionen und ihre Vertreter, wenn ich in Beiträgen auf illiberale politische Positionen hinweise, vor Kollektivisten warne und entweder Ross und Reiter nenne, oder diese sich leicht aus meinen Worten identifizieren lassen, dann geschieht das in aller Regel ohne Rücksprache mit diesen Personen. Zu meiner Entschuldigung darf ich anführen, dass ich kein Journalist bin, und wenn sich jemand medial äußert, habe ich einfach keine Zeit, ihn noch dazu zu befragen.

Schnell mache ich mir jedenfalls ein Bild über eine Person auf Basis der Summe seiner mir bekannten Äußerungen. Das ist insofern schwierig, als ich dabei notwendigerweise dessen persönliche Umstände, Erfahrungen, Hintergründe, Zielsetzungen und so weiter gar nicht kenne. Was ich einigermaßen kenne, ist das Ergebnis all dieser Rahmenbedingungen. Und wenn ich das Ergebnis für grundfalsch oder gar unmoralisch halte, dann kommt es vor, dass derjenige von mir sein Fett wegbekommt, nicht zuletzt, je nachdem, wie mich das Thema selbst berührt, auch auf eine manchmal persönliche Art. Das geschieht vor allem auch dann, wenn die vorgetragene Position des anderen bereits persönlich angreifend formuliert ist – oder ich sie so aufnehme. Ruckzuck ist man dann bei den Formulierungen, wie ich sie im ersten Satz verwendet habe … wobei ich im Hinterkopf eher Formulierungen habe, die ich hier lieber nicht zitiere.

Und jetzt mal unabhängig davon, ob es sich bei der Position des anderen wirklich um eine „Sünde“ handelt beziehungsweise mir moralisch falsch erscheint, oder nur um etwas, dass ich sachlich nicht teilen kann: Die Anweisung Jesu zur brüderlichen Zurechtweisung ist auch in solchen Fällen anwendbar. Und die bedeutet: Erst persönlich unter vier Augen ansprechen! Das sollte nicht nur eine „Eskalationsinstanz“ sein, sondern dient auch der persönlichen Klärung: Habe ich das überhaupt richtig verstanden? Wollte der andere vielleicht ganz anders verstanden werden? Gibt es einen beachtenswerten Hintergrund des anderen, den ich gar nicht kenne? Und nicht zuletzt: Kann ich zum Sachverhalt auch noch etwas lernen, eine andere Perspektive zumindest einzunehmen versuchen? Erst so entspannt sich ein einigermaßen vollständiges Bild. Und ein objektiveres auch, das mich hoffentlich davon abhält, selbst zu persönlich zu werden, auch dann, wenn der andere persönlich geworden ist. Wenn sonst nichts, kann ich so als moralischer Sieger aus dem Disput herausgehen, der sich auf diese Art aber erst zu einer wirklichen Debatte entwickelt hat – vorher war es maximal ein Austausch von Meinungen und Anschuldigungen, in den allerwenigsten Fällen konstruktiv.

Wie gesagt, dieser erste Schritt fehlt bei mir in gesellschaftlichen Diskussionen in den meisten Fällen. Von den weiteren Eskalationsschritten gar nicht zu reden: Denn mit den weiteren Zeugen oder der „Gemeinde“ rufe ich mir doch in den meisten Fällen nur Menschen hinzu, die mich bestätigen. Mich selbst auf die Suche zu begeben, mich in Frage stellen zu lassen? Höchst ungern! Dann doch lieber unter Umgehung aller vorherigen Schritte den anderen als „Heiden und Zöllner“ betrachten, der es maximal noch verdient, dass ich um seinen Seelenfrieden bete, mit dem Frieden zu schließen mir aber so lange nicht möglich ist, bis er nicht selbst umkehrt. Das Ergebnis, wenig überraschend, sind verhärtete Fronten: „Der ist ein Rechtskatholik!“ – „Die ist ein Geisterjäger!“ – „Der kennt den und ist deshalb ein Rechter!“ – „Der arbeitet mit Vermutungen und Verleumdungen!“

Na, klingt vertraut? Ist ja auch viel einfacher so, bringt auch mehr Aufmerksamkeit, mehr Presse, mehr Klicks, mehr Hits und Likes und Retweets. Christlich ist das aber natürlich nicht – und da ist es, nebenbei, egal, „wer angefangen“ hat. Der andere ist zuerst persönlich geworden? Gibt mir das das Recht, auch auf ihn loszugehen? Manchmal hilft es ja, sich vorzustellen, einfach Jesus danach zu fragen: „Jetzt darf ich ihn aber in die Pfanne hauen, oder? Komm schon, ist doch in deinem Sinne! Der hat doch zuerst ausgeteilt, ich schlage doch nur zurück?!“ Mir jedenfalls fällt es schwer, mir vorzustellen, wie Jesus antwortet: „Du hast Recht, hau ihn um!“

Das soll nicht bedeuten, sich nicht wehren zu dürfen – so wird Feindesliebe genau missverstanden. Es hilft aber zu bedenken, dass auch Jesus, selbst als er am Kreuz hing, die Pharisäer, die ihn dorthin gebracht haben, noch geliebt hat. Zu schwer? Der Anspruch zu hoch? Für mich mit Sicherheit, ich scheitere immer wieder daran und werde vermutlich auch weiter daran scheitern. Dennoch ganz offensichtlich kein schlechter Vorsatz, so zu handeln, wie Jesus das getan hat, oder?

Oh, und noch mal konkret: Wenn mich mal wieder ein Zeitungsredakteur, ein Politiker, ein Autor oder wer sonst mit seinen Statements nervt, mich dabei vielleicht auch persönlich angreift: Wie wäre es, nur seine Position zu bekämpfen, nicht aber die Person? Das ist schon schwer genug, erzeugt vermutlich auch nicht die Aufmerksamkeit, bringt aber doch eine Debatte eher in Gang und ist deutlich näher an dem, zu dem Jesus sagen würde: „Hau es raus!“

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.

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