26. August 2015

Debatte um Flüchtlinge Wo ist die politische Mitte?

„Der Staat“ wird es nicht richten können

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Bildquelle: shutterstock Zwischen den Stühlen: Mehrheitsmeinung in der Asyldebatte?

Ich verstehe, wenn jemand angesichts der Hilfsleistungen für Flüchtlinge die Frage stellt, wer das alles bezahlen soll und welche Leistungen dafür eingeschränkt werden müssen. Ich verstehe, wenn manche Menschen die Sorge um Überfremdung umtreibt. Ich verstehe angesichts der Menge der Flüchtlinge, dass manche lieber die Grenzen schließen wollen. Ich verstehe auch, dass angesichts der vielen Flüchtlinge ohne Aussicht auf Asylstatus die gesamte Flüchtlingspolitik in Frage gestellt wird. Ich verstehe den besonders kritischen Blick auf angebliche oder wirkliche „Anspruchshaltungen“ von Flüchtlingen oder auf die Kriminalität von Menschen mit Migrationshintergrund, insbesondere aus uns eher fremden Kulturkreisen. Ich verstehe besonders die Skepsis gegenüber dem Islam und die Sorge, ob nicht mit den berechtigten Flüchtlingen auch nicht wenige Radikale Unterschlupf und Betätigungsfeld in Europa suchen.

All dieses Verständnis und die Dokumentation dessen macht mich für den einen oder anderen vermutlich schon zu einem „Rechten“, der den Radikalen auf diesem Weg zur Hälfte entgegenkommt. Damit werde ich leben müssen, da es den meisten offenbar leichter fällt, in einfachen Kategorien und Schubladen zu denken, die Grautöne lieber zu übersehen. So ist Verständnis für Asylkritik angesichts der Krawalle gegen Flüchtlingsheime zu einem Indiz „neurechten“ Denkens geworden. Der Kollektivismus feiert in der politischen Linken fröhliche Urständ!

Die Kritiker meines Verständnisses wird darum vermutlich das Folgende nicht weiter interessieren: Ich verstehe die Kritik an der Bundes- und EU-Politik in Bezug auf den Umgang mit den Flüchtlingen, weil mich auch der Eindruck beschleicht, dass dort eher planlos gehandelt wird und die Sorgen derjenigen, die damit tagtäglich umgehen müssen oder auch nur ein ungutes Gefühl beschleicht, nicht ausreichend Berücksichtigung finden.

Was ich aber nicht verstehe, ist, was derzeit in Teilen Deutschlands vor Flüchtlingsheimen passiert. Was ich nicht verstehe, ist, dass mit einem Schwerpunkt in einem Teil Deutschlands, aus dem vor nicht allzu vielen Jahren Menschen vor Unfreiheit und wirtschaftlicher Misere geflohen sind, so wenig Verständnis aufgebracht wird für Flüchtlinge aus ebensolchen Verhältnissen. Ich verstehe nicht, wie wenig Abstraktionsvermögen Menschen haben müssen, dass sie statt der Politik und der Politiker die betroffenen Menschen anschreien. Ich verstehe nicht, wie Menschen meinen können, Gewalttätigkeiten seien legitimer Ausdruck von Politik und berechtigter Sorgen. Und ich verstehe nicht, wie man Menschen, die vor was auch immer – Krieg, Verfolgung oder „nur“ Armut – aus ihrer Heimat geflohen sind, mit Böllern beschießt und beschimpft, als ob man ihnen das Menschsein absprechen wollte.

Dieses Unverständnis und die Dokumentation dessen macht mich für den einen oder anderen vermutlich schon zu einem „Gutmenschen“, der den Linken auf diesem Weg zur Hälfte entgegenkommt. Damit werde ich leben müssen, da es den meisten offenbar leichter fällt, in einfachen Kategorien und Schubladen zu denken, die Grautöne lieber zu übersehen. So ist Verständnis für die Sorgen der Flüchtlinge angesichts der Menge der zu uns fliehenden Menschen zu einem Indiz „gutmenschlichen“ Denkens geworden. Der Kollektivismus feiert in der politischen Rechten fröhliche Urständ!

Denkt man in politischen Lagern, und auch daran kann man Kritik üben, dann finde ich mich unversehens von den Rechten in die linke, von den Linken in die rechte Ecke gestellt. Man kann das  negativ als „zwischen den Stühlen“ lokalisieren oder positiv in der politischen Mitte. Mein Gefühl, auch angesichts von Gesprächen im eigenen Umfeld, ist aber, dass das, was ich oben beschrieben habe, tatsächlich die Meinung der schweigenden Mehrheit ist: Man übt Kritik an der Flüchtlingspolitik und hat kein Verständnis für Übergriffe gegen Flüchtlinge, welcher Art auch immer. Diese Menschen wird man genausowenig auf einer Pro-Asyl-Demo wie auf einer Pro-Deutschland-Demo sehen. Sie eint der Abscheu vor menschenverachtenden Parolen, sie beobachten aber auch sehr genau, wie Politiker und Offizielle agieren. Darum reicht es auch nicht, wenn Politiker jetzt die Krawallmacher vor den Flüchtlingsheimen in den Senkel stellen, sie müssen auch deutlich machen, wie sie mit der Flüchtlingsproblematik umzugehen gedenken.

Vielleicht würde es auch helfen, wenn der eine oder andere einfach zugäbe, dass einem angesichts von Millionen Flüchtlingen weltweit die Rezepte ausgegangen sind. „Der Staat“ wird es nicht richten können – stellt sich nur die Frage, wer sich nun aufgefordert fühlt, es zu richten. Weder die politische Rechte noch die Linke hat die Rezepte, die tragfähig sind – die politische Mitte ist gefragt. „Unser Problem“ ist nur: Lautsprechen ist nicht unsere Sache. Es wird aber Zeit, sich nicht nur in Fragen der Flüchtlingspolitik von den Extremen zu entfernen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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