02. September 2015

Geschichtsrevision „Mehr Wilhelminismus wagen!“

Der erfolgreichste Staat der Welt

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Bildquelle: shutterstock Herrscher in der guten alten Zeit: Wilhelm II.

Heiner Geißler (CDU) soll in den 80er Jahren in einer Bundestagsdebatte entrüstet ausgerufen haben: „Wer zurück will zum Wilhelminismus, ist geistesgestört!“ Erst im Mai dieses Jahres forderte er die Sprengung der Berliner Siegessäule, die er bereits 2012 als „wilhelminischen Kitsch“ bezeichnet hatte.

Der Wilhelminismus provoziert noch heute.

Es gibt freilich niemanden mehr von Bedeutung aus Politik und Medien, der derartige harsche Äußerungen zum Schlagwort „Wilhelminismus“ öffentlich kritisch hinterfragen oder ihnen gar widersprechen würde. Der Wilhelminismus ist heute eindeutig negativ besetzt.

Kein Wunder, jahrzehntelang hatte man die Deutschen auf allen Kanälen, auf denen das Wissen um die Geschichte gemeinhin vermittelt wird, erfolgreich indoktriniert. Demnach sei der Wilhelminismus – das Zeitalter Kaiser Wilhelms II. (das nicht nach ihm benannt wurde, weil er allein es prägte, sondern weil seine Persönlichkeit es am besten verkörperte und schon zu Lebzeiten die unterschiedlichsten Erwartungen auf ihn projiziert wurden) – gänzlich schrecklich gewesen, gänzlich verdammenswert und zum Glück gänzlich überwunden.

Die Zeitgenossen der Weimarer Republik, die an allen Übeln litt, die man sich ausdenken kann, wussten um das untergegangene Kaiserreich noch aus eigenem Erleben. Für viele von ihnen war das Deutschland der Jahre 1871 bis 1914 die sprichwörtlich „gute alte Zeit“. Noch 1951 antworteten 43 Prozent der Bundesbürger, im Kaiserreich sei es den Deutschen am besten gegangen.

Auch aus heutiger Sicht spricht vieles dafür, dass diese unmittelbaren Zeitzeugen es besser wussten und der historischen Wahrheit der wilhelminischen Ära näherkamen, auch wenn ein dem Menschen typischer Hang zur Nostalgisierung dieser Epoche eine Rolle gespielt haben mag.

Wie war die Zeit wirklich?

Das wilhelminische Deutschland war ein im Vergleich mit den anderen Staaten Europas moderner Rechtsstaat, der das Privateigentum seiner Bürger achtete und dem die Deutschen bis heute unter anderem das BGB verdanken.

De facto (nicht de jure) war es eine parlamentarische Monarchie, da der Regent nur einen Kanzler ernennen konnte, der auch eine regierungsfähige Mehrheit im Reichstag hatte.

Der wurde übrigens in freien, gleichen, allgemeinen und geheimen Wahlen von den männlichen Staatsbürgern über 21 gewählt. Das Parteiensystem offerierte wahre Vielfalt: Von ganz links bis ganz rechts plus regionaler Diversität war das ganze Spektrum vertreten.

Die politische Macht des Kaisers lag in erster Linie in einem gewissen Initiativrecht bei der Personenauswahl für hohe politische Ämter; waren diese aber einmal ernannt, hatte er auf deren Wirken kaum Einfluss.

Eine Staatsquote von über 44 Prozent (Quelle BFM, 2014), wie sie die Bundesrepublik gegenwärtig aufweist, war undenkbar und wäre wohl jedem damals Wirtschaftenden als apokalyptische Horrorvision eines Groschenromans erschienen.

Die Quote der Selbständigen war deutlich höher als heute, die Steuern sehr niedrig, die Eigenkapitalausstattung der Betriebe gut – kurzum: Der Staat ließ seine Bürger gewähren und kümmerte sich als Nachtwächterstaat in erster Linie um die Landesverteidigung, die innere Sicherheit und das Justizwesen.

Das angeblich so militaristische Preußen-Deutschland zog – auf die Zahl der wehrdienstfähigen Männer der jeweiligen Nation gerechnet – weniger Rekruten zum Wehrdienst ein als das republikanische Frankreich. Dort dauerte ab 1913 der Wehrdienst mit drei Jahren auch länger als diesseits des Rheins!

Das zweite deutsche Kaiserreich wird und wurde gerne geschmäht – mal spöttisch, mal hasserfüllt – und muss in der Gegenwart für alle möglichen Negativprojektionen herhalten.

Historisch gesehen liegen die Ursachen für die erbarmungslose Einseitigkeit der Wahrnehmung dieser Epoche in der Wirkung der alliierten Kriegspropaganda des Ersten Weltkrieges, der Popularität von Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ und der Kaiserbiographie Emil Ludwigs aus den 20er Jahren, die von John C.G. Röhl bis in die Gegenwart weitergesponnen wurde. Der deutsch-britische Historiker publizierte in den letzten 40 Jahren Tausende von Seiten über Wilhelm II. und besaß mit seiner einseitigen Dämonisierung von Wilhelm II. bis zuletzt die Quasi-Deutungshoheit.

Nur selten wurden und werden die historischen Fakten jedoch auf ausgewogene und sachliche Weise bemüht.

Dabei drängt sich der Verdacht auf, dass die Meinungsapostel der heutigen Bundesrepublik den Vergleich scheuen, weil dieser zutage fördern würde, dass das Kaiserreich eben doch in vielen Punkten der freiere, marktwirtschaftlichere und kulturell höherstehende Staat gewesen ist.

Michael Klonovsky  schrieb dazu mit spitzer Feder in seinem Blog Acta diurna am 19. Juni 2014: „Es müsste doch eigentlich zu denken geben, dass das autoritäre, ständestaatliche, militaristische, reaktionäre, frontalunterrichtende, vom Untertanengeist bis in die Bandscheibenschäden des letzten Dorfbeamten durchdrungene zweite deutsche Kaiserreich sowohl wissenschaftlich als auch kulturell unendlich bedeutender war als die freie, aufgeklärte, weltoffene, tolerante, zivilgesellschaftliche, diversifizierte und kolossal bunte Bundesrepublik.“

In den letzten Jahren ist nun gottlob eine überfällige Korrektur des einseitigen und verzerrten Geschichtsbildes zu beobachten. Historiker wie Christopher Clark, Sean McMeekin, Jörg Friedrich oder auch Frank Lothar Kroll und der unermüdliche Ehrhardt Bödecker sind hier zu nennen. Unbedingt erwähnt werden muss auch Bruno Bandulets Buch „Als Deutschland Großmacht war“, das Anfang letzten Jahres erschienen ist.

Der neue Trend spiegelt sich auch im Internet wider – dort ist die Website wilhelm-der-zweite.de die Speerspitze der Revision.

Übrigens: Selbst John C.G. Röhl, der schärfste Kritiker Wilhelms II. der letzten 30 Jahre, musste 2011 in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ zugeben: „Dieses Kaiserreich war damals der erfolgreichste Staat der Welt: wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell, auch in sozialreformerischer Sicht.“ Dieses Kaiserreich war das Zeitalter des Wilhelminismus.


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Dossier: Historisches

Autor

Wolfgang Müller (Weiden)

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