04. September 2015

Betroffenheitsrituale „Warum?“

Verlogene Mitfühlerei der Sozialvampire

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Bildquelle: Imageman / Shutterstock.com Betroffenheitskitsch: Warum?

Wenn ein wahnsinniger Pilot seinen Suizid so gestaltet, dass er kollateral 149 Menschen ermordet, dann wird in einem Ort, wo einige seiner Opfer lebten, ein Schild aufgestellt. Das Schild, oft nur ein Stück Karton, taucht unweigerlich auf, wenn ein keineswegs irrsinniger, streng der Logik seines religiösen Verständnisses verpflichteter Attentäter in einem tunesischen Strandhotel 38 Touristen massakriert. Es taucht auch auf, dieses Schild, wenn in Bremervörde ein Auto von der Straße abkommt, in eine Eisdiele fährt und zwei Besucher zerquetscht, darunter ein Kleinkind.

Auf dem Schild steht das Wort „Warum?“ Oder, ganz cool: „Why?“ 

„Warum?“ heißt die öffentlich aufgeworfene Kinderfrage, wenn ein Rechtsextremist auf einer Insel Kinder dutzendweise abknallt. Wenn eine Zeitbombe explodiert, die im Gehirn eines Ex-Schülers schon tickte, bevor er mit einer Pistole des Vaters den Amoklauf durch seine ehemalige Lehranstalt startet. Wenn ein tiefergelegter Kleinwagen mit drei Jugendlichen, die nachts angetörnt aus der Disco kommen, gegen eine Birke knallt. Und zwar derart heftig, dass alle drei auf der Stelle tot sind.

Warum? Darum.

Die Medien berichten in der Folge oft von einem „Meer aus Blumen, Kerzen und Beileidsbekundungen“ und verbreiten Fotos davon. Die Agenturbilder mit den bunten Sträußen und roten Kerzen werden gern genommen, weil die meisten Zeitungen und Fernsehsender keine Leichenfotos veröffentlichen, eine Story aber irgendwie illustriert werden muss.

Zudem haben die Bilder einen sozialhygienischen Nutzen. Sie zeigen uns, die wir abgestumpft vor dem Flachbildschirm sitzen und darauf warten, dass Claus Kleber wieder mal flennt: Auch in der Realwelt ist Empathie! Mit-Leid. Anteilnahme. Ja, da draußen gibt es gute Menschen.

Besonders gerührt sind wir, wenn ein Reporter meldet, die meisten, die da Kerzen und Blumensträuße und Warum-Schilder aufstellten, hätten die Opfer gar nicht persönlich gekannt. Was für ein Land, das über solch eine Abschiedskultur verfügt! Fast noch schöner als unsere Willkommenskultur.

Natürlich ist jedem klar, dass das Fragewörtchen „warum?“ nichts weniger erheischt als Auskunft über konkrete Ursachen eines gruseligen Geschehens. „Warum?“ oder „Why?“ ist so etwas wie das Geraune im frühen Protestlied. Diese peteseegerische Rundum-Anklagerei in „Where Have All The Flowers Gone“. Ein verschwiemelter Jargon des Unpräzisen, der jedwede Schuldzuweisung gestattet.

Sind wir nicht alle schuld? An allem? Irgendwie?

Wäre „Warum?“ eine ernstgemeinte Frage, so wäre sie meist rasch beantwortet. Also, Flugzeuge werden mitunter – zum Glück selten – von Durchgeknallten zum Absturz gebracht. Hotels werden – öfter – von Paradiessuchern aus der Religionsgemeinschaft des Friedens angegriffen. Menschen sterben im Straßenverkehr. Man versucht, solche Fälle zu reduzieren, mit neuen Cockpit-Regeln, mehr Wachpersonal oder Kenn-dein-Limit-Kampagnen. Aber auf Null bringen kann man sie nicht. So weit alles klar?

Bei terroristischen Anschlägen ist die W-Frage natürlich berechtigt. Häufig stellt sich heraus, dass die Täter vor ihren Taten bereits im Visier von Polizei und Geheimdiensten waren. Dass sie nicht rechtzeitig unschädlich gemacht wurden, verdanken sie manchmal auch dem juste milieu der Rechtsstaatsfundamentalisten. Das die Arbeit von Sicherheitsorganen für bedrohlicher hält als die Arbeit von Terroristen und deshalb nach Kräften hintertreibt. Es handelt sich übrigens um dieselben Inhaber von Meinungsmanufakturen, die nach Anschlägen von Neonazis oder Islamisten gewohnheitsmäßig erklären, Polizei und Geheimdienste hätten „komplett versagt“. W-Frage beantwortet?

Manchmal ist die Parole richtig rührend. Rührend einfältig. Ein Klassiker geht so: Auf einer langen geraden Landstraße steht an einer Kreuzung ein frisches Holzkreuz. Darauf ein Name wie Hauke oder Max, darunter das obligate Why-Schild. Wer die Lokalzeitung liest, kennt den Fall. Ein 20-jähriger Biker ist mit seiner 110-PS-Kawa etwa 140 Stundenkilometer schnell gefahren, wie die Ermittlungen ergaben. Beim Einbiegen auf die Landstraße hat ein Autofahrer den Heranrasenden übersehen. Ein fatales Ereignis, leicht zu erklären. Und nichts daraus zu lernen, was nicht jeder wüsste.

Die Banane hat Gründe, krumm zu sein. Warum leckt sich der Rüde die Eier? Weil er es kann.

Bei „Warum?“ handelt es sich um den auf ein einziges Dummwort eingedampften Betroffenheitskitsch der Generation Facebook. Der macht sich selbstredend auch in den Netzwerken epidemisch breit. Das Wort kann nichts für die Infantilität seiner Absender. Aber es ist verbrannt. Richtig eklig. Mir kommen die meisten Warum-Tröter wie Sozialvampire vor, die von einem Leid zehren, das sie zu teilen vorgeben. Second-hand-emotions mit hohem Like-Potential. Veröffentlichte Mitfühlerei zum privaten Wohlgefühl.

Die verlogenste Nummer seit der Erfindung von Kondolenzkarten.

Vor acht Jahren hat die „FAZ“ ein langes, wunderbares, mit seinem traurigen Helden fair umgehendes Stück über einen jungen Beileidstouristen gedruckt, der die „selbst auferlegte Trauer“ („FAZ“) über das Schicksal ihm gänzlich fremder Menschen zu seinem Lebensinhalt gemacht hatte. Er weinte über schlimme Dinge, die ihm das Fernsehen zutrug. Reiste von Unfallort zu Unfallort, von Tatort zu Tatort, von Begräbnis zu Begräbnis. War auf hunderten von Mahnwachen, nahm an ungezählten Anteilnahmen teil. Wühlte im Sperrmüll nach Schildern, um sie mit Sätzen wie „Gegen Hass und Gewalt“ oder „Für Opfer gibt es keinen Schlussstrich“ zu beschriften.

Auf den meisten Schildern stand schlicht „Warum?“. Einer wie er ist wahrscheinlich nur in einem Land möglich, in dem Claudia Benedikta Roth Vizepräsidentin des höchsten Parlaments werden konnte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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