31. Oktober 2015

Axel-Springer-Verlag Warum „Bild“ für Flüchtlinge kämpft

Steckt womöglich ein kaufmännischer Plan dahinter?

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Bildquelle: Wikimedia Commons Kai Diekmann: Taliban des Nippel-Boulevards

Die Kampagne der „Bild“-Zeitung gegen den Wettervorhersageunternehmer Jörg Kachelmann war eine Meisterleistung, lügenblatttechnisch gesehen. Als Kachelmann wegen des Verdachts auf Vergewaltigung einer früheren Freundin im März 2010 am Frankfurter Flughafen verhaftet wurde, dämmerte es den „Bild“-Leuten noch vor dem Rest der Medienmeute, dass da eine publizistische Goldader aufgebrochen war. Eine markante Fernsehnase, damals noch relativ reich, nicht wirklich grundsympathisch, scheinbar in diverse, teils unschöne Affären mit Frauen verheddert. Das klassische Boulevardstück vom Mann mit den zwei oder drei Gesichtern. Ein ganzes Jahr und noch viel mehr zehrte das Blatt von dem Fall. Ließ Kachelmann sogar beim Gefängnishofgang nachstellen und den Prozess gegen ihn von Alice Schwarzer kommentieren. Womit das Urteil des Bildgerichtshofs von vorneherein feststand.

Dass Kachelmann am Ende freigesprochen wurde, minderte den Verdienst von „Bild“ ebenso wenig wie die 635.000 Euro Schmerzensgeld, die Kachelmann später gegen den Springer-Verlag erstritt. Vom Gericht eins übergebraten gekriegt? Nebbich. „Bild“ oder bild.de haben ja keinen Ruf zu verlieren, wie, sagen wir, der „Spiegel“ oder das „Handelsblatt“. Und falls Springer das Schmerzensgeld tatsächlich rausrücken muss (das Urteil ist noch nicht rechtskräftig), so kann der Verlag es als eine Art Honorar betrachten für die ungezählten saftigen „Bild“-Schlagzeilen („Er wollte Sadomaso-Sex mit mir“). Kurz, die „Bild“ und ihr Online-Ableger hatten in Sachen Kachelmann alles richtig gemacht.

Ein ähnlich gutes Gespür bewies die „Bild“-Gruppe bei ihrer Kampagne gegen die „Pleite-Griechen“. Zwar war jedem politisch Denkenden immer klar, dass sich Athen mit seinen Unverfrorenheiten weitgehend durchsetzen würde. Doch Klamauk-Aktionen wie das Verteilen von Drachmen-Noten durch „Bild“-Reporter in Griechenland oder Infantilismen wie „Ihr griecht von uns nix“ waren wichtig für die Leser-Blatt-Bindung. Die „Bild kämpft für Sie“-Attitüde zielte ja nie auf Ergebnisse ab. Sie bedient lediglich die Illusion, „Bild“ sei der Anwalt des „kleinen Mannes“. Ordentlich auf die Kacke zu hauen, ist als Akt der Sozialhygiene immer populär. Selbst wenn der kleine Mann ahnt, dass das Wutgeschnaube bloß Theater ist.

Jetzt reiben sich alle die Augen. In der Frage, wie mit dem ungebremsten Einstrom nach Deutschland umzugehen ist, hat sich die „Bild“ von allem Anfang an als mild und großherzig positioniert. „Bild“ erklärt in „Fakten-Checks“, dass Migranten „uns“ nicht die Arbeitsplätze wegnehmen, „Flüchtlinge“ nicht überdurchschnittlich kriminell werden und wenn doch, dann nur wegen des Arbeitsverbots und der damit einhergehenden Langeweile. Dass Asylbewerber „eher weniger Geld“ bekommen als Hartz-IV-Empfänger, „nur etwa acht Prozent der Flüchtlinge keine Schulbildung“ haben und andere beruhigende Dinge mehr. Welche sich die Zeitung beispielsweise von der Macht-hoch-die-Tür-NGO „Pro Asyl“ erzählen lässt.

„Bild“ berichtet einfühlsam und topografisch genau von den Schlepper-Routen, auf denen „Gefahren lauern“, und stellt die Frage, ob ein „Talkshow-Verbot für rechte Hetzer“ helfen könnte, „Stimmungsmache gegen Flüchtlinge“ zu vereiteln.

Das alles findet man so ähnlich auf den Websites der Staatssender, in der „Süddeutschen Zeitung“, der „Zeit“ oder im „Tagesspiegel“. Wobei dort, wo die Kommentarfunktionen nicht abgeschaltet sind, ein rauer Gegenwind aus der Leserschaft bläst – interessanterweise auch und gerade auf Zeit online.

Während die Redakteure der ebenfalls im Hause Springer erscheinenden „Welt“, von ein paar Irrlichtern abgesehen, in Sachen „Flüchtlingskrise“ immer öfter die Alarmglocken läuten, wiegelt man bei „Bild“ ab. Und das, obwohl die Verlierer der massenhaften Einwanderung in die sozialen Netze und in die prekären Wohnviertel deutlich stärker unter der „Bild“-Kundschaft zu finden sein werden als in gutbürgerlichen Zirkeln.

„Immigration is good for the rich“, titelte die „Sunday Times“ vor Jahren. Da befand sich „Bild“-Chef Kai Diekmann wohl gerade auf seiner „Erweckungsreise“ („Die Zeit“) durch Silicon Valley.

Gibt es einen Grund, warum ausgerechnet „Bild“ sein Herz für Migranten entdeckt hat? Ein blattmacherisch nachvollziehbares Motiv, gegen die Lebenswirklichkeit der Stammleser anzuschreiben, ist nicht recht erkennbar. Die Einschätzung mancher Medienbeobachter, das Blatt sei nun mal mit der Kanzlerin verbandelt, trägt wohl kaum. Dass Mad Merkel angezählt ist, pfeifen die Spatzen von der Reichstagskuppel. Und niemand wechselt schneller die Seiten als „Bild“, wenn ein Regime zu schwächeln beginnt.

Aber da gibt es noch den subjektiven Faktor. Obwohl die „Bild“ ja von Hause aus – gewissermaßen notwendigerweise – ein Haufen Dreck ist, Spottgeburt aus frischen Blutlachen, Nippelblitzern und kalten Bauern (klicken Sie nur mal auf bild.de, erleben Sie das Inferno!), sind die Redakteure privatim doch oftmals freundliche, manchmal sogar sympathische Zeitgenossen. Und ja, diese bestens bezahlten, doch in der Hackordnung der vermeintlich seriösen Presswerker ganz unten angesiedelten Schmutzwühler wollen geliebt werden!

Erinnern wir uns an die Verleihung des Henri-Nannen-Preises im Hamburger Schauspielhaus vor drei Jahren. Damals erhielten zwei „Bild“-Reporter Lametta in der Kategorie „Beste investigative Leistung“ für die Vernichtung der Karriere eines ehemaligen Bundespräsidenten, der Petitessen verbrochen hatte. „Über diesen Preis freuen sich alle Kollegen bei Bild“, jubelte die Redaktion.

Endlich mal mit den Richtigen in einem Boot! Leider mochte ein für diesen Scoop (siehe auch unter: „Bobby-Car“) ebenfalls ausgezeichneter Kollege der „SZ“ nicht gemeinsam mit den „Bild“-Parias aufs Treppchen steigen. Wegen des „Kulturbruchs“, wie der Kultur-Alleininhaber verkündete.

Die „Flüchtlingskrise“, stelle ich mir vor, eröffnet den Schmuddelkindern eine Okkasion, Rubbing shoulders mit all den guten Menschen der Republik zu betreiben. Bei der ganz großen Koalition aus Politikern, Leitartiklern, Fernsehmoderatoren, Bischöfinnen, Ethikbeauftragten, Friedensforschern, Teddybärenschmeißern und Flüchtlingsschalstrickenden mitzutun. Dumm nur, dass kaum einer von denen der „Bild“ ihr Engagement abkauft. Die meisten argwöhnen, „Bild“ wolle sich mit der Flüchtlingsmasche nur mal wieder imagehalber anschleimen. Sogar einige Fußballclubs verweigerten, sich für die „Bild“-Aktion „Wir helfen“ einspannen zu lassen.

Oder ist der Plan ein ganz anderer? Die verkaufte Auflage des ehedem größten europäischen Druckerzeugnisses rauscht ungebremst gen Keller. Sie steht jetzt bei nur mehr knapp 2,1 Millionen, ein Minus von 52,7 Prozent seit 1998. Dagegen legt die Internettochter bild.de an Reichweite zu. Soll die aufwändig zu produzierende und mühsam zu vertreibende Holz-Bild mittelfristig zugunsten der digitalen Bild eingestellt werden?

Falls das die Absicht ist, befindet sich Diekmann auf dem richtigen Weg. Ich drücke schon mal die Daumen. 

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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