22. März 2016

Agrarindustrie und Lückenpresse Alles bio oder was?

23 verreckte Rinder sind kein Thema für PETA und BUND

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Bildquelle: shutterstock Nicht immer glücklich auf Biohöfen: Rinder

Wie, Sie haben noch nichts von dem neuesten Skandal in der Agrarindustrie mitbekommen? Also, Mitte März wurde buchstäblich ruchbar, dass ein Landwirt – bis vor kurzem Mitglied eines anerkannten Anbauverbandes – auf seinem Betrieb bei Groß Sterneberg in Niedersachsen offenbar 23 Galloway-Jungbullen verrecken ließ. Ein anonymer Anrufer habe den Kreisveterinär in Stade alarmiert, meldete das lokale „Wochenblatt“.

Behördenmitarbeiter entdeckten auf einer völlig durchnässten, abgefressenen Wiese zehn tote Jungbullen. „Die stark abgemagerten Tiere waren regelrecht im Moor versunken“, ergänzte das Fachblatt „Land & Forst“. Weitere Kadaver soll der Landwirt auf seinem Hof gelagert haben. Die Kreistierärzte hätten auch seinen Boxenlaufstall inspiziert, in dem rund 100 Rinder untergebracht waren. Das Güllereservoir sei überfüllt gewesen, so dass die Tiere in ihren eigenen Fäkalien gestanden hätten. Der Landkreis geht nun auch Hinweisen nach, dass die Rinderdatenbank des Hofes nicht korrekt geführt wurde.

Wo bleiben PETA und BUND?

Und nun raten Sie mal, weshalb der „grausige Fund“ („Wochenblatt“) so gut wie gar nicht in bundesweiten Medien aufschien. Abgesehen von einer dürren Meldung im „Focus“, die auf einer ebenso dürren dpa-Meldung basierte. Und woran könnte es liegen, dass sich die Tierfreunde von PETA oder vom BUND in dieser Sache auffallend still verhielten? Sie, die ansonsten bei jedem wirklichen oder angeblichen Fall von Tierelend aufschreien?

Richtig geraten. Der Bauernhof, um den es geht, ist kein Zulieferer der üblichen Verdächtigen vom Schlage Wiesenhof. Es handelte sich bei dem Rinderschänderbetrieb um einen „Bio-Bauernhof“. Ihm war das Zertifikat des famosen Anbauverbandes „Bioland“ erst zum 1. Januar 2016 entzogen worden, nachdem der Hof im November 2015 bei einer Stichprobenkontrolle negativ aufgefallen war.

Das passt natürlich nicht gut ins Bild von der tierliebenden, ökokorrekten Biolandwirtschaft, die von weiten Teilen der Medienlandschaft permanent ins öffentliche Bewusstsein eingepflegt wird. Mit dem Fall der 23 toten Rinder ein Fass aufzumachen, würde zu hässlichen Fragen führen.

Warum hat Bioland den Bauern nicht angezeigt?

Zum Beispiel diesen: Warum hat Bioland nach der Inspektion des Hofes im November, bei der offenbar massive Verstöße gegen staatliche Tierhaltungsvorschriften sowie gegen die von Bioland selbst aufgestellten Haltungsvorschriften festgestellt wurden, den Bauer nicht subito bei den Behörden angezeigt? Wenn Bioland ein Zertifikat zurückzieht, kann das für den Betroffenen bekanntlich ruinös sein – da müssen dann schon schwerste, womöglich strafrechtlich relevante Verstöße vorliegen.

Ferner die Frage: Wie viele Betriebe, die mit dem Bioland-Siegel gute Geschäfte machen, aber vielleicht gar nicht bio sind, mag es wohl noch geben? Dem Verband gehören angeblich mehr als 6.000 Erzeuger an – wie oft kommt es da zu Stichproben? Wie hoch ist die Chance, dass ein Hof, der vielleicht anfänglich noch den Bioland-eigenen Kriterien irgendwie genügt hat, aber später zu einer Drecksklitsche mutiert ist, jahrelang weiterwurschteln darf, unter dem ethisch hochtrabenden und hochprofitablen Bioland-Label? Fragen zu Kontrollen, die sich konventionelle Landwirte von den Bio-Aposteln unablässig anhören müssen.

Das Muster EHEC und das Muster Lückenpresse

Apropos: Erinnern Sie sich noch an die EHEC-Epidemie von 2011? Bei der bislang fatalsten Lebensmittelvergiftung im Nachkriegsdeutschland starben 53 Menschen; 4.400 erkrankten, zahlreiche Menschen leiden noch heute unter Nachwirkungen. Dass die Epidemie von ägyptischen Sojasprossen ausgegangen war, die eine norddeutsche Biogärtnerei in den allgemeinen Verzehr gebracht hatte, stand – nach einigen Irrungen – bereits im Juni 2011 fest. Doch der Deutschlandfunk insinuierte noch im September Zweifel an der Quelle der Epidemie, fabulierte vom „Baueropfer aus Bienenbüttel“ und breitete das kommerzielle Leiden der biologischen Sprossen-Dealer („Die Inhaber des Gärtnerbetriebes fühlen sich als Opfer der EHEC-Krise“) mitfühlend aus.

Fazit: Passiert im Agrarsektor ein Skandal, der nicht den Wiesenhöfen der Republik angelastet werden kann, sondern den Biohöfen, wird erst mal beherzt abgewiegelt. Oder, wie im aktuellen Fall der verreckten Rinder, einfach fein stille geschwiegen.

Nein, das ist nicht Lügenpresse. Bloß Lückenpresse.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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