11. Juni 2016

Familiengeschichte Ein Brief aus der Vergangenheit

Man dachte, man müsse eine Pflicht erfüllen

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Bildquelle: shutterstock Von einem Verbrecherregime missbraucht: Deutscher Soldat

Wie es so manchmal passiert. Ein Onkel aus dem Ausland ruft an und bittet uns, ein lange verschollenes Dokument zu suchen, das er braucht. Meine Mutter (90) setzte sich also mehrere Stunden an alte Kisten aus dem Keller. Gefunden hat sie dieses Dokument nicht, aber ein anderes, das meinen Vater betrifft. Der hatte sich am 20. Februar 1938 an die Verwaltung seiner Heimatstadt Lage gewandt und um eine Stelle im Öffentlichen Dienst beworben. Am 18. März 1938 schickte der Bürgermeister, ein Nazi, die Bewerbungsunterlagen zurück. Mein Vater wurde nicht eingestellt, erfuhr er im Brief des Bürgermeisters, weil er „nicht gewillt und bereit“ sei, „jederzeit rückhaltlos für den heutigen nationalsozialistischen Staat einzutreten“. Wer zu den „Formationen der nationalsozialistischen Bewegung rückhaltend oder abwartend“ stehe, dürfe eben in öffentlich-rechtlichen Betrieben nicht beschäftigt werden. Ich habe den Brief nochmal gelesen und nochmal, und ich war verdammt stolz auf meinen alten Herrn, der schon vor 15 Jahren von dieser Welt geschieden ist.

Ich bin sicher, dass es einzelne Leute gibt, die jetzt denken: Wenn der da nicht eingestellt wird, dann hatte das wohl auch einen Grund. Aber keine Spur davon. Er war einfach nicht in „der Partei“. In keiner. Mein Vater war überhaupt nicht politisch, sondern ein junger Mann, den man wie Millionen andere in einen wahnsinnigen Krieg geschickt hat. Er war Pilot, hatte sich den Traum vom Fliegen als Segelflieger erfüllt und fand sich irgendwann im Cockpit eines Kampfbombers an der Ostfront wieder. Über der Krim. Ausgerechnet. Dann dreieinhalb Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft in einem Lager in Sibirien. Wie so viele. Mein Vater überlebte und baute sich und unserer Familie ein neues Leben auf. Wir haben in all den Jahren nicht oft über den Krieg und was er dort gesehen und erlebt hat, gesprochen. Unzweifelhaft war er kein Nazi, kein Täter im eigentlichen Sinne des Wortes. Unvergessen ist mir ein Satz, den er mir als Junge mal sagte. Sinngemäß: „Wir wussten schon 1944, dass der Krieg verloren ist. Aber wir haben weiter unseren Dienst gemacht, damit die Rote Armee nicht bis an den Rhein durchmarschiert.“ Ein Soldat, einer von Millionen von Soldaten. Junge Männer aus Deutschland, aus England, Frankreich oder Russland. Wollten sie Krieg führen? Viele sicher. Aber ich glaube, es ging den meisten nicht um Politik, um eine mörderische Ideologie, sondern um ihr Verhältnis zum eigenen Land. Man dachte, man müsse eine Pflicht erfüllen. Man wollte Patriot sein, der sein Vaterland liebt. Und das ist nichts grundsätzlich Schlechtes, auch wenn diese jungen Männer in Deutschland von einem widerwärtigen Verbrecherregime missbraucht wurden.

Warum schreibe ich das hier? Weil es mich bewegt hat. Und weil ich es einfach mal niederschreiben wollte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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