14. Juni 2016

Fußball-Europameisterschaft Wenn sie nicht singen wollen – schade!

Aber sie müssen es nicht

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Bildquelle: AGIF / Shutterstock.com Kein großer Sänger: Mesut Özil

Seit Samstag läuft die Fußball-Europameisterschaft, und wir hoffen wohl gemeinsam, dass es keinen Terroranschlag geben wird und dem sportlichen Wettstreit an sich gehuldigt werden kann. Wenn ich so im Internet lese, was Landsleute von mir zur Europameisterschaft schreiben, stockt mir der Atem. „Nicht meine Mannschaft“ lese ich da über einem durchgestrichenen Poster mit den deutschen Spielern. „Ich freue mich über jede Niederlage der Deutschen“ schreibt ein Deutscher, der ansonsten das Abendland verteidigen will und der Meinung ist, dass man viel häufiger die schwarz-rot-goldene Fahne unseres Landes raushängen sollte. Und Herr Gauland von der AfD vermutet, dass es Deutsche gibt, die Herrn Boateng zwar gern Tore schießen sehen, aber nicht neben ihm wohnen wollen. Das hat – um das klarzustellen – nicht etwa Herr Gauland als eigene Meinung gesagt, sondern man darf sogar annehmen, dass ihn zwei Journalisten in eine Falle gelockt haben, um der AfD zu schaden.

Warum soll also ein Herr Boateng nicht für Deutschland spielen? In Deutschland geboren, Mutter Deutsche, in Deutschland aufgewachsen, deutsche Staatsbürgerschaft, und Christ ist er auch. Warum um alles in der Welt sollte man neben einem solchen Mann nicht wohnen wollen? Wegen seiner Hautfarbe? Blöder geht es ja wohl nicht. Und Herr Özil wurde in Gelsenkirchen geboren, zweifellos in Deutschland. Er war kürzlich in Mekka, wohin ja viele Muslime einmal in ihrem Leben reisen. Warum auch nicht? Darf ein deutscher Nationalspieler nicht freitags anderswo beten als ich sonntags? Oder gar nicht? Nehmen nicht gerade viele Leute Anstoß an einem Fußballspieler, der Muslim ist, die sonst aber sagen, Religion sei Privatsache? Özil wird auf Wikipedia zitiert: „Ich habe in meinem Leben mehr Zeit in Spanien als in der Türkei verbracht – bin ich dann ein deutsch-türkischer Spanier oder ein spanischer Deutsch-Türke? Ich will als Fußballer gemessen werden – und Fußball ist international, das hat nichts mit den Wurzeln der Familie zu tun.“ Für mich klingt das logisch.

Bleibt noch das Singen… Ich gebe zu, ich habe mich auch schon häufiger geärgert, wenn einzelne unserer Nationalspieler bei der Hymne unseres Landes nicht mitgesungen haben. Warum tun sie das nicht? Sie treten unter dem Namen und der Fahne unseres Landes an, sie haben den Bundesadler auf dem Trikot (oder hatten…), sie werden umjubelt von Deutschen, Kinder sammeln Bilder von ihnen und stehen lange an, um einen Schriftzug des Idols auf das eigene Fan-Trikot zu bekommen. Warum also nicht Respekt denjenigen Menschen zeigen, in deren Namen sie ins Turnier ziehen? Ich verstehe es nicht, und ich würde mich freuen, wenn alle Spieler unserer deutschen Mannschaft „Einigkeit und Recht und Freiheit…“ in den französischen Abendhimmel schmettern. Aber sie müssen es nicht. Sie müssen die Hymne nicht singen, keine feuchten Augen bekommen, ja, nicht einmal bei Xavier Naidoo mitsingen, bevor die Kanzlerin in die Umkleidekabine schlendert. Es ist ihr Ding. Wenn sie es nur für Geld machen, ist das in Ordnung. So ist das in einer freien Gesellschaft.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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