12. August 2016

Markt und Christentum Was ist der Wert eines Menschen?

Paul Pogba, Edith Stein und der obdachlose Mann in der Bahn

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Bildquelle: shutterstock Mehr wert als 100 Millionen Euro: Fußballprofi Paul Pogba

Gute 100 Millionen Euro für einen Fußballspieler? Okay, ich gebe zu: Ich bin kein besonderer Fußballfan, habe keine Kenntnis von Gehältern und Transfersummen im Fußballgeschäft. Aber da es sich dabei laut Presseberichten um eine, nein um die Rekordsumme handelt, gehe ich mal davon aus, dass andere Summen deutlich darunter liegen, dass Millionenbeträge aber eben doch gang und gäbe sind.

Der richtige Preis

Nun bin ich als Marktwirtschaftler nur bedingt überrascht oder überraschbar: Der Preis eines Produkts bildet sich am Markt, und in einer funktionierenden Marktwirtschaft ist ein Produkt das wert, was Menschen dafür bereit sind zu zahlen. So muss man auch einen Fußballer betrachten – besser vielleicht: seine fußballerischen Fähigkeiten. Ein Fußballverein wirtschaftet mit seinen Mitteln, seine Investitionsgüter sind die Fußballer – nicht nur, aber zu einem großen Teil mit ihnen verdienen sie Geld. Und auch die Einnahmen aus anderen Aktivitäten schrumpfen, wenn der Verein keine fußballerischen Erfolge feiern kann.

Ist also ein Preis von über 100 Millionen Euro für einen Paul Pogba richtig? Die Frage stellt sich eigentlich nicht, denn ein Preis, der – in einem zumindest einigermaßen freien Markt, von dem ich hier der Einfachheit halber mal ausgehe, auch wenn es sicher Mängel geben wird – gezahlt wird, ist per Definition immer richtig!

100 Millionen werden also gezahlt … nicht für Paul Pogba, sondern für die Erwartung, die man in sein fußballerisches Können hat. Etwas ganz anderes ist nämlich die Frage, wie viel dieser Paul Pogba selbst „wert“ ist. Im Zuge der Verhandlungen hörte ich letztens Kollegen sagen: „Kein Mensch ist 100 Millionen Euro wert!“. Natürlich haben sie das exakt so gemeint, wie ich es oben beschrieben habe – und in diesem Sinne muss man dem widersprechen. Doch, wenn ein Verein 100 Millionen Euro zahlt, dann ist „dieser Mensch“ das auch wert. Was die Kollegen sicher nicht gemeint haben werden, ist, dass kein Mensch „als Mensch“ 100 Millionen wert ist.

Warenwert und wahrer Wert

Das allerdings ist die viel interessantere Frage, die man sich insbesondere als Christ stellen kann. Vor einiger Zeit hat man mal versucht, den Wert eines Menschen anhand dessen Zusammensetzung festzumachen – ich habe das Ergebnis nicht mehr präsent, aber es waren nur ein paar Euro. Andererseits kann man versuchen, den Wert eines Menschen an dessen Einkommen – betrachtet als Preis – zu kapitalisieren. Die Zahl wird dann deutlich höher, aber immer noch „bezahlbar“. Da mag der Versuch, einen aktuellen „Marktpreis“ wie bei Fußballern zu ermitteln, schon wieder fast in die gleiche Kategorie gehören.

In meiner Bahn, mit der ich morgens zur Arbeit fahre, sitzt – oder liegt – seit einiger Zeit immer wieder ein Mann. Er schläft, sieht ungepflegt aus und stinkt so sehr nach Alkohol und Dreck, dass man sich unwillkürlich woanders hinsetzt. Ich vermute, dieser Mann hat keinen Arbeitsplatz, lebt allein, vielleicht obdachlos. Ich nehme an, niemand wird auf ihn warten und niemand wird für ihn Geld bezahlen wollen. Marktwirtschaftlich betrachtet ist er wertlos – aber als Mensch?

Vergleicht man ihn mit einem Paul Pogba oder mit einem hochbezahlten Manager – wer ist dann mehr wert? Oder nehmen wir die heilige Edith Stein. Geborene Jüdin, die zum katholischen Glauben konvertierte und wegen ihrer „Rasse“ und ihrer Überzeugungen in Auschwitz als eine von vielen umgebracht wurde – ist sie mehr wert als Paul Pogba? Man ist geneigt, ja zu sagen. Ist sie mehr wert als der von mir beobachtete Mann in der Bahn? Macht den Wert eines Menschen also seine Wirtschaftskraft aus? Aus christlicher Sicht kann das wohl kaum der Maßstab sein. Wäre sein Wert dann anhand seiner „Heiligkeit“ zu bemessen?

Gottes Preisvorstellung

Der Mensch ist als Ebenbild Gottes geschaffen (Genesis 1,27), und im Psalm 139,13-14 kann man dazu nachlesen: „Denn du hast mein Inneres geschaffen, / mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. / Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke.“ Und in dieser Hinsicht vielleicht noch am besten in Johannes 3,16: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrundegeht, sondern das ewige Leben hat.“

Man kann hier durchaus auch einen Anspruch hineinlesen, wie der Mensch sein solle. Aber wer diesen Anspruch – letztlich auf Heiligkeit – nicht erfüllt, ist der dann weniger wert? Gerade im letzten zitierten Satz wird der Maßstab des Wertes eines Menschen deutlich: die Liebe Gottes zu ihm! Dieser Maßstab, ein derartiges Urteil, steht nur Gott zu, er sieht im Menschen sein geliebtes Geschöpf, selbst wenn es sich von ihm abwendet.

Liebe als Maßstab

Gottes Liebe zu ihm muss also der Maßstab des wahren Wertes eines Menschen sein. Betrachtet man dazu die Barmherzigkeit Gottes, die Gleichnisse, die Jesus für die Vaterfigur Gottes verwendet – ich komme nicht umhin, zu dem Schluss zu kommen, jeder Mensch habe so den gleichen Wert. Gott hat – um noch mal zum Fußball zurückzukommen – keine Ersatzspieler auf der Bank, die ihm nichts wert sind, er hat keine Stammspieler, auf die er besonders stolz ist.

Damit ist auch der Wert, den ich mir selbst beimesse, in Frage gestellt: Bin ich so viel oder so wenig wert, wie ich meine? Wenn ich mich selbst über andere erhebe, meine, mehr wert zu sein als ein anderer, dann darf ich sicher sein, dass mein Wert nicht so hoch ist. Wenn ich glaube, weniger wert zu sein als der andere, dann darf ich darauf vertrauen, dass Gott mir einen höheren Wert beimisst. Er liebt mich unendlich – messbar ist das nicht.

Welchen Wert hat also Paul Pogba? Sein Wert ist finanziell nicht zu messen, er ist höher, als man es in Euro ausdrücken könnte. Und er ist doch nicht mehr wert als der Mann in der Bahn. 100 Millionen zahlt ein Verein, der auf seine Fußballkünste baut – aber wenn die mal schwinden, ist sein Wert in den Augen Gottes noch immer nicht gesunken.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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