19. September 2016

Pro und kontra Marsch für das Leben Wer sind die Adressaten?

Kommt die Botschaft bei zweifelnden Müttern an?

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Bildquelle: ETIENjones / Shutterstock.com Marschierten wieder: Abtreibungsgegner

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich war am Samstag beim Marsch für das Leben in Berlin nicht dabei. Das war keine Überzeugungsabwesenheit, sondern einer anderen Veranstaltung geschuldet, an der ich teilnehmen durfte und von der ich auch noch berichten werde. Wie in jedem Jahr schlugen aber die Wellen im Vorfeld wieder hoch: Die sogenannte Antifa und allerlei feministische und sonstwie eigenartige Gruppierungen rüsteten zur Gegenwehr gegen diese angeblich frauen- und schwulenfeindliche und irgendwie auch nationalistische und damit faschistische Veranstaltung. Der Hass dieser Menschen auf das Leben und die Wahrheit, dass niemandem das Recht auf Leben abgestritten werden darf, scheint unbändig zu sein.

Viel Schatten auf Seiten der Kirche

Kirchlicherseits zierten sich viele Vertreter, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Manche Bischöfe sendeten Grußworte, immerhin hatte in diesem Jahr der Berliner Erzbischof Koch seine Teilnahme angemeldet. Das ist ein schönes Zeichen, dass diese Veranstaltung – wenn auch nicht kirchlich organisiert, aber doch in weiten Teilen von Christen getragen – auch ein wenig Rückendeckung der Kirchen erhält. Demgegenüber hat die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz nicht nur die Unterstützung abgelehnt, sondern riet auch von einer Teilnahme ab. Offizielle Begründung: die Kirche sei für eine ergebnisoffene Schwangerschaftskonfliktberatung, die die Gewissensentscheidung von Frauen und Paaren unterstütze. So wird jedenfalls der Sprecher Christoph Heil auf Anfrage der evangelischen Nachrichtenagentur idea zitiert.

Gewissensentscheidung? Ergebnisoffene Beratung, was nichts anderes heißt, als das Lebensende eines ungeborenen Kindes einzukalkulieren? Wie sich so ein Verband (Kirche mag ich das nicht nennen) christlich nennen kann, der so argumentiert, verschließt sich mir vollständig. Die Kritik aus Kreisen der Unterstützer des Schweigemarsches ist insofern heftig und verständlich. Dem Text von Anna Diouf auf „disputata“ ist in dieser Hinsicht nichts hinzuzufügen.

100.000 Kinder

Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass man den Marsch auch mal kritisch hinterfragen darf. Und da fällt auch meine Einschätzung – sagen wir mal – differenziert aus. Da ist zunächst mal der Kampf für das Lebensrecht der ungeborenen Kinder. Es ist ein – im wahrsten Sinne – himmelschreiender Skandal, dass in Deutschland jährlich rund 100.000 gezeugte Kinder aufgrund einer Abtreibung nicht geboren werden. Noch skandalöser ist, dass weit mehr als 90 Prozent davon im Rahmen der sogenannten Fristenregelung getötet werden, nach der eine Abtreibung in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten nach einer Beratung straffrei bleibt. Dabei geht es dann also nicht um eine medizinische oder kriminologische Indikation, über die man sicher anders sprechen müsste. Nein, in der Masse geht es um Kinder, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht gewünscht sind.

Das ist der Skandal, auf den der Marsch für das Leben berechtigt hinweist. Schließlich wird in Deutschland, obwohl Abtreibungen maximal straffrei ausgeführt werden dürfen, aber deshalb noch lange nicht erlaubt sind (auf diese Krücke hatte man sich seitens des Gesetzgebers geeinigt), immer häufiger von einem „Recht auf Abtreibung“ gesprochen. Ein solches Recht gibt es nicht, kann es auch nicht geben, da es um die Beendigung des Lebens eines Menschen geht – darauf ein Recht zu reklamieren ist eine Perversion des Rechtsstaatsgedankens.

Aufmerksamkeit zu erregen unter anderem für ungeborenes Leben, das in einem zivilisierten Land wie Deutschland hunderttausendfach gefährdet ist, das ist ein berechtigtes Anliegen. Die radikalen Gegner des Marsches und Verfechter eines Abtreibungsrechts diskreditieren sich so mit ihren Argumenten, vor allem aber auch durch die Art des Protestes, der vor Gewalt nicht zurückschreckt, selbst.

Wer sind die Adressaten?

Und doch beschleicht mich als in den vergangenen Jahren regelmäßiger Teilnehmer ein wesentlicher Zweifel: Gewinnt man durch die Art des Protestes die Herzen potentieller Mütter? Tut man das nicht und gelingt es nicht, mediale Aufmerksamkeit zu erreichen, dann bliebe der Marsch eine Art Selbstvergewisserung. Auch das hat seine Berechtigung, springt aber reichlich kurz. Und ich habe erhebliche Zweifel, dass der Marsch für diesen Zweck geeignet ist. Offensichtlich sind die krakeelenden Gegendemonstranten nicht gewillt, ihre Position in Frage zu stellen. Aber nehmen wir einfach mal an, am Rande des Marsches für das Leben stünde eine Frau, die vor einer Abtreibung steht oder gar schon eine hat durchführen lassen.

Nehmen wir mal an, dass diese Frau das nicht einfach leichtfertig getan hat, sondern sich in einer für sie subjektiv unlösbaren Konfliktsituation befunden hat. Vielleicht hat ihre Familie gedroht, sie rauszuwerfen, vielleicht steht sie gerade am Anfang ihrer Ausbildung, vielleicht wusste sie nicht, wie sie mit einem Kind gemeinsam leben könnte, vielleicht auch nur nicht, wie sie die finanziellen Belastungen stemmen sollte. Keine Frage: Das sind alles keine Gründe, das Leben eines Menschen zu beenden, aber für diese Frau sind das existentielle Themen, an denen man mit einem „Aber das darfst du nicht“, einem „Das ist eine schwere Sünde“ oder einem „Du sollst nicht töten“ nicht vorbeikommt.

Verantwortung der „Sender“

Wenn diese Frau Glück hat, wird sie am Rande des Marsches für das Leben mit Menschen ins Gespräch kommen, die für ihre Situation Verständnis aufbringen können. Hoffentlich trifft sie auf Menschen, die in der Lage sind, zwischen der Sünde der Abtreibung und der abtreibenden Mutter zu unterscheiden. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie nur die Reden auf der Bühne vor dem Kanzleramt hört und zu dem Schluss kommt, dass die Teilnehmer des Marsches sie für den Feind halten. Viele werden mir widersprechen: Abtreibende Frauen sind nicht unser Feind – aber es geht nicht darum, wie es gemeint ist, sondern wie es ankommt. Als „Sender“ unserer Botschaft vom unbedingten Lebensrecht trifft uns die Verantwortung, von den „Empfängern“ – den zweifelnden Müttern und potentiellen Eltern – verstanden werden zu können.

Es bleiben Zweifel

Vielleicht ist der Anspruch an einen Marsch für das Leben zu hoch. Vielleicht reicht es, wenn man ein wenig Aufmerksamkeit für das Unrecht der Abtreibungen erregt und sich gegenseitig bestätigt, dass man mit dieser Ansicht nicht alleine dasteht. Und doch beschleichen mich Zweifel, dass ein solcher Marsch, so wie er jetzt ist, der Weisheit letzter Schluss zum Schutz ungeborenen Lebens sein kann. Ich habe hohen Respekt vor den Organisatoren, und es ist in gewisser Weise feige, sie zu kritisieren, die jedes Jahr wieder dieses Opfer auf sich nehmen. Und doch kann ich meine Bedenken nicht einfach abschalten. Wenn ich in den kommenden Jahren Gelegenheit habe, werde ich wieder beim Marsch für das Leben dabei sein, weil ich die oben genannten Punkte auch für wichtig halte. Und ich bete, dass ich hinsichtlich der Botschaft, die „da draußen“ bei denen, die nicht einfach nur Randale machen wollen, ankommen könnte, Unrecht habe.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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