13. Oktober 2016

Artikel-Illustrationen Lob der Symbol-Optik

Eine Fotostory

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Auf der Suche nach dem besten Symbol: ef-Bildredakteur (Abbildung ähnlich)

Bildbeschreibung eins: Ein Mann liegt wach im Bett, Augen fest geöffnet. Er guckt angestrengt auf den Wecker. Der Wecker auf dem Nachttisch ist ein enormes Teil, notfalls auch als Bahnhofsuhr zu gebrauchen. Seine Zeiger stehen auf halb vier. Und uns dämmert die Botschaft des Fotos: Der Wachende kann nicht schlafen! Er leidet unter chronischer Schlaflosigkeit! Armer Kerl.

Bildbeschreibung 2: Ein Mann sitzt auf der Bettkante, Kopf in den Händen. Das Bett ist auf seiner Seite halb aufgeschlagen. Auf der anderen Seite, bedeckt von einem Laken, liegt seine Partnerin. Lippen zusammengekniffen, Gesichtsausdruck vorwurfsvoll. Oh, wir ahnen natürlich, wo der Hase im Pfeffer liegt. Der Dödel kriegt keinen hoch! Und dafür macht er einzig und allein sich selbst verantwortlich. Dumme Sache.

Diese Fotodokumente sind Klassiker. Ich kenne sie seit 45 Jahren. Mindestens. Und sie werden, wette ich, auch in 20 Jahren oder so noch gedruckt und gesendet. Es handelt sich um sogenannte Symbolfotos, unentbehrliche Notnägel der Redaktionen. So, wie jedes zweite Fernsehfeature über Steuerhinterziehung oder Versichertenbeschiss mit der Registrierkassen-Intro aus „Money“ von Pink Floyd unterlegt wird, benutzen die Gestalter von Zeitungen, Magazinen oder Webportalen für schwierig zu bebildernde Themen gern Fotos mit zeitloser Symbolkraft.

Der Einsatz dieser Bilder hat sich mittlerweile verzigfacht. Während die großen Tageszeitungen und Magazine in den letzten beiden Jahrzehnten in puncto Make-up deutlich gewonnen haben – vor allem dank angeheuerter Fachkräfte aus angelsächsischen Gefilden –, lodert in den Online-Auftritten der Print-Erzeugnisse noch die gute alte Symbolfotohölle.

Zuhauf Fotos von trüben Tassen jeden Alters und Geschlechts

Das hat damit zu tun, dass stressgeplagte Online-Schrubber keine Zeit und schon gar kein Geld für Illustrationen ihres hektisch wechselnden Artikelmischmaschs haben. Jedes aktuelle Agenturfoto kostet, und alle Mitbewerber haben das Bild ja ebenfalls. Symbolfotos füllen da wohlfeil Lücken in der „Lückenpresse“ (Michael Klonovsky). Bei der optischen Steinzeitwerdung tun sich Nachrichtenseitenattrappen wie die „Huffington Post“, „Focus online“ oder die Startseite von „t-online“ beherzt hervor.

Geht es zum Beispiel um juristische Themen, zieht man einfach ein Foto des Strafgesetzbuches aus dem Archiv. Geht’s ums Sparen, sind niedliche Eichhörnchen-Bilder angesagt. Bei der Gaga-Debatte über das eventuelle Anlegen von Vorräten („Zivilschutzprogramm“) setzten Presse und Websites unlängst Hamsterbilder in einem Maße ein, als sei der Hamster just zum meistbedrohten Tier des Planeten erklärt worden. Wer das Thema „Einsamkeit“ darzustellen hat, wird von Fotobanken überreich bedient. Unter diesem Suchwort finden sich zuhauf Fotos von trüben Tassen jeden Alters und Geschlechts.

Die mit wehenden Haaren den Strand entlang rennende, braungebrannte, sich an den Händen haltende, quietschvergnügte vierköpfige Familie Mustermann deckt entweder das Thema Urlaubsfreuden oder Volksgesundheit ab. Beziehungsweise Badewasserqualität. Sie kann aber auch in subversiver Botschaftsumkehr ein Stück mit dem Titel „Ist die Kleinfamilie ein Auslaufmodell?“ schmücken.

Genau dieses Foto, von der Bildergroßbank Getty Images zu beziehen, war neulich prominent über einer Philippika des „Bilanz“-Kolumnisten Bernd Ziesemer plaziert. „Die Bildsprache der Verblödung“ schalt er den Gebrauch der spottbilligen oder gar kostenfreien, in riesiger Zahl angebotenen „stock photos“. Ziesemer beschimpfte die Symbolisiereritis gar als „kollektiven Anfall von Kretinismus“ und sah schon halb den Untergang des Journalismus am Horizont. Nein, nicht wegen „Lügenpresse“ und dergleichen, sondern wegen „immer mehr Bildschrott“. In seiner Zeit als Chefredakteur beim „Handelsblatt“, so sein Lamento, habe er einen „stetigen Kampf gegen schreckliche Symbolfotos geführt – aber oft verloren. Wann immer man sich umdrehte, flutschte wieder eines dieser Zero-Inhalts-Bilder ins Blatt.“

Immer wieder nur Sympathiescheuchen wie Angela Merkel, Donald Trump oder Til Schweiger zeigen?

Nun mal gemach. Erstens sind eigens für ein bestimmtes Thema (oft unter erheblichem Aufwand) verfertigte Fotos nicht notwendigerweise wertvoller als Bilderramsch vom Lager. Die Porträts irgendwelcher Promis zum Beispiel, die sich in der „Zeit“ unter dem Rubrum „Ich habe einen Traum“ nachdenklichkeitstrunken ausmähren dürfen, wirken für meinen Geschmack auf furchtbare Weise gekünstelt, ein ekelhafter Kunstgewerbemüll.

Und die beliebte Fotographenmasche, noch der belanglosesten Visage eines Politikers, Künstlers oder Wirtschaftsbosses so was wie ein unter Schmerzen gelebtes Leben einzuhauchen, indem man ihre Gesichter punktscharf fotografiert, die Fotos auf kontrastreich und körnig trimmt und damit zu maffayesken Gesichtskraterlandschaften gelangt – das Ganze natürlich in schwarzweiß –, sie ist auch nicht sehr hilfreich. Apropos, wer will denn echte Bilder sehen, wenn sie doch immer und immer wieder nur Sympathiescheuchen wie Angela Merkel, Donald Trump oder Til Schweiger zeigen?

Ehrlich, ich mag Symbolfotos. Sie zeigen, wie Medienleute ticken. Beziehungsweise, wie sie glauben, dass ihre Leser ticken. In meinem privaten Ordner mit den schönsten Symbolidiotien aus vier Jahrzehnten finden sich zum Beispiel jede Menge Gartenzwerge und Michelmützenträger – unvermeidliche Komparsen tiefschürfender Texte, in denen es um Deutsche und deren angeblich rastlose Identitätssuche geht. Ein Gespenst übrigens, das den wenigsten „Deutschomanen“ (Lamya Kaddor) oft erscheint, dafür regelmäßig den multikulturell beseelten Feuilletonkaspern.

Wenn die Sozialindustrie einmal im Jahr ihr obligatorisches Die-Deutschen-werden-immer-ärmer-Mantra singt, liegen die passenden Bildwerke bereits anklickfertig in den Fotoordnern der Redakteure. Fußsoldaten aus jenen Bettlerheeren, die von den rumänischen Erben der Firma Peachum & Sons in deutsche Innenstädte verfrachtet werden (manche sogar auf die Kanaren, und zwar per Ryanair), erscheinen dann als augenfälliger Beweis einheimischen Massenelends. Das es nach den Wohlfahrtsideen des Genossen Ulrich Schneider von der Paritätischen mit noch mehr Sozialtransfers zu deckeln gilt.

Die drei Primaten waren leider auch auf diesem Portal schon zu Gast

Beliebt auch eine Visualisierung der Erzählung von der sich immer weiter öffnenden Schere zwischen Arm und Reich. Da kommt manchmal tatsächlich eine stilisierte Schere zum Einsatz. Großartig. Zum Niederknien bekloppt.

Das Motiv „Frau im Parkhaus“ (sie kauert in einer schmuddeligen Ecke am Boden, Arme vor dem Gesicht gekreuzt, scharf mit einer schattenwerfenden Taschenlampe angestrahlt) gehört ebenfalls zu den Evergreens meiner Sammlung. Es wurde früher gerne für den Komplex Vergewaltigung/sexuelle Nötigung benutzt und hat möglicherweise bei der Einrichtung von Frauenparkplätzen eine Rolle gespielt. Wird heutzutage aber nicht mehr so oft verwendet, da inzwischen in öffentlichen Parks häufiger vergewaltigt wird als in videoüberwachten Parkhäusern.

Auch die drei Affen sind ein No-brainer, geht es um die beklagenswerte Ignoranz von Menschenverachtern oder hartherzigen Behörden. Die drei Primaten waren leider auch auf diesem Portal (das sich bei der hintersinnigen Auswahl von Symbolfotos sehr viel Mühe gibt) schon zu Gast.

Das Problempaar im Schlafzimmer, von dem eingangs die Rede war, hadert auch in heutigen Bildbanken weiterhin mit seinem Schicksal. Eine neuere Version zeigt abwechslungshalber mal die Frau am Bettrand, dumpf grübelnd. Die Bildbeschreibung lautet: „Caucasian couple ignoring each other“ (kaukasisches Paar, das sich gegenseitig ignoriert, „caucasian“ ist amerikanischer PC-Sprech für Hellhäutige). Ja, diese verdammten Beziehungskisten! Seit 1967 ff. immer noch offen.

Zwei weitere Klassiker: das Springerstiefel- und das Glatze-von-hinten-Foto. Stehen für „Nazis“, wahlweise für Hools. Etwas betagte Motive allerdings. Rechtsextremisten tragen heutzutage größtenteils Sneakers, weil man darin im Bedarfsfall besser türmen kann. Halslose Glatzen- und Kuttenträger entstammen, so mein Eindruck beim Studium aktueller Reportagen, gegenwärtig hauptsächlich den türkisch- und arabischsprachigen Pseudorockermilieus.

„Ortsausgangsschild“ gibt es auch in der Version „Fremdenhass“ (out) und „Refugees Welcome“ (in)

Hübsch kreativ dagegen: Ein geshopptes Foto mit zwei in gegensätzliche Richtungen deutende Wegweiser. Das Schild unten sieht total versifft aus. Aufschrift: „Alter Trott“. Oben ein blitzsauberer Pfeil zum „Neuen Weg“. Das Bild habe ich auf der verdienstvollen Seite „Tichys Einblick“ gefunden. Der neue Weg zweigt übrigens nach rechts ab, was Tichy vielleicht gar nicht aufgefallen ist.

Dass die Zeiten politischer geworden sind, spiegelt sich in vielen Symbolfotos. Das oft verwendete Mehrzweck-Symbolmotiv „Ortsausgangsschild“ etwa (kann man mit allem betexten, was gerade en vogue ist) gibt es auch in der Version „Fremdenhass“ (out) und „Refugees Welcome“ (in). Ein Anzugträger, der ein bisschen wie unser Bundesjustizministerdarsteller aussieht, hat um die Augen eine Binde, auf der „Racism“, „Rassismus“, steht. Hä? Verkörpert der Mann nun die unbeirrbare Justitia oder ist er ein Rassist in ach so feinem Zwirn?

Ein hübsches Motiv heißt „Bautzen-again“. Es zeigt eine real existierende Gruppe von Männern, die Deutschlandfahnen durch eine Innenstadt schleppen. Die Männer sehen nicht gerade gefährlich aus, eher entspannt. Keine Springerstiefel, dafür Jeans und Freizeitjacken. Einer hat Kaki-Shorts an. Niemand ballt die Fäuste. Anscheinend brüllt auch keiner besoffen rum. Dennoch handelt es sich selbstredend um dunkeldeutsches, mutmaßlich ostzonales Pack. Damit das rüberkommt, hat der Fotograph den Bildausschnitt so gewählt, dass der linke Bildteil eine rote Hausmauer zeigt. Auf der steht in blauer Schrift: „Nazi Scheiße!“, darunter eine Friedensrune. Ob der Fotograph die Parole selber gesprüht hat? Wer gewisse Lichtbildner öfters bei der Arbeit beobachtet hat, wird das wohl nicht völlig ausschließen. Die Jungs wissen recht gut, was Redaktionen wollen.

Rührend in seiner stillen Einfalt das Motiv „die-afd-ist-in-der-letzten-umfrage-im-aufwind“. Zeigt einen schlichten, unbesetzten Holztisch vor einem blauen AfD-Plakat. Auf dem Tisch ein Blumenpöttchen mit irgendwas Spießigem drin, Primeln oder so. In der Mitte eine kleine Schlandfahne. Gut arrangiert, werter Fotokünstler!

Die einschlägigen Regale der Bildarchive müssten frisch bestückt und zeitgemäß etikettiert werden!

Um die Symbolfotokultur nachhaltig zu bereichern, genügt das alles freilich nicht. Die einschlägigen Regale der Bildarchive müssten frisch bestückt und zeitgemäß etikettiert werden. Suchte man dort zum Beispiel etwas zum Begriff Holzkopf/Vollpfosten/Totalversager, so müsste ruckartig ein Bild von Alexander Dobrindt auf den Schirm des Bildredakteurs springen. Unter Schreihals/Anschwärzer/Hackfresse fände sich ganz oben auf der Fotoliste das einer beliebigen Talkshowaufzeichnung entnommene Konterfei von Ralf Stegner.

Unverdienter Reichtum/schamfreie Abgreife von Ex-Politikern? Warum dazu nicht mal den männlich-markanten Kopf vom Gazprom-Gerd bringen? Populismus? Das Thema benötigte nicht zwingend einen Gauland oder eine Le Pen. Auch der dicke Siggi stände dafür grundsolide ein, wie ein Sack Kartoffeln auf Beinen.

Täuschung/Gaukelei/Hütchentricks? Dazu müssten sofort reihenweise Bilder von Wind- und Solarparks aufpoppen, verbunden mit solchen von Jürgen „Für-eine-Kugel-Eis“ Trittin. Respektive von Hans Joachim Schellnhuber, dem Klima-Rasputin der Kanzlerin. Und was erst könnte man nicht alles mit Claudia Roth wunderbar bebildern! Diese Frau auf Reisen, in ihrer geliebten orientalischen Tracht, sie stände für... Aber jetzt mal Schluss. Die Claudi ist eine Frau. Und bei Frauen gerät man rasch auf dünnes Eis. Die Kanzlerin hat es bereits geschafft, in den Olymp des modernen Fotosymbolismus einzuziehen. Ihre berühmte Handraute steht europaweit für besonnenes Nichtstun und theoretisch unbegrenzte Möglichkeiten. Wie die Raute der Bundesliga-Dampfwalze HSV.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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