03. Februar 2017

Totalitäre kleine und große Kinder „Herr der Fliegen“

Wahre und falsche Freiheit

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Bildquelle: shutterstock Keine Enge: Elterliche Arme

Der 1954 erschienene Roman „Herr der Fliegen“ von William Golding erzählt die Geschichte einer Gruppe von Jungs zwischen sechs und zwölf Jahren, deren Flugzeug im Zug einer Evakuierungsaktion abstürzt und die auf einer unbewohnten Insel strandet. Auf einen Schlag dem Einfluss der Zivilisation und der Erwachsenen entzogen, vollzieht sich fast sofort und den persönlichen Präferenzen und Prägungen der einzelnen Jungen entsprechend eine Spaltung der Gruppe in zwei Teile. Die einen unter Führung von Ralph bemühen sich um den Erhalt restzivilisatorischer Vernunft und suchen in erster Linie nach Lösungen, die zu ihrer aller Überleben und Auffinden führen sollen. Die anderen versammeln sich um Jack, der seinen „Leuten“ dominant und fordernd Action, Abenteuer, Fraß und Spaß verspricht. Was als Meinungsdifferenz beginnt, wird zum Konflikt, zur gnadenlosen Hetzjagd und schließlich zum Massaker. Jack siegt auf ganzer Linie: Ralphs Gruppe ist teils unter Zwang, teils freiwillig übergelaufen oder tot. Er allein überlebt durch pures Glück.

Die Story ist fürchterlich. Der scheinbare Widerspruch zwischen der Gewaltorgie und der Tatsache, dass es Kinder sind, die sie veranstalten, ist kaum auszuhalten. Ebensowenig der Leim falscher Freiheit, auf den die Jungen der Gruppendynamik und Jack folgend gehen und sich in keinem Moment bewusst sind, dass er deren Gegenteil ist: knallharte Hierarchie in ihrer autoritärsten und totalitärsten Ausprägung.

Daran erinnert und in nicht minder bestürzter Ratlosigkeit findet man sich im Fall aktueller Begebenheiten wieder. Da wäre zum einen die Studentenvertretung der Uni Salzburg, die mittels eines Sitzungsprotokolls „Verstöße“ gegen gender-gerechtes Verhalten festhalten will. Einträge in das Protokoll soll es beispielsweise bei „Augenverdrehen“, „nicht geschlechtergerechter (was für ein Wort!) Sprache“ oder „sexistischen Wortmeldungen“ geben. Darüber, wie die „Verstöße“ geahndet beziehungsweise die Verstoßenden umerzogen werden sollen, schweigt sich die Vertretung von rund 300.000 Studierenden, die sich über Pflichtbeiträge finanziert, aus.

Ein weiteres Beispiel: Die Scheite auf dem Haufen, der für den schwulen katholischen Juden Milo Yiannopoulos von der versammelten Meinungs- und Medienschafferschaft errichtet worden ist, heißen „Hate-Speaker“, „Ultrarechter“, „Frauenfeind“ und „Trump-Fan“. Gestern hat ein Teil der Studentenschaft der Uni Berkeley entschieden, es sei an der Zeit, die Chose anzuzünden. Mit gewalttätigen Protesten, die sowohl Verletzte als auch enorme Sachbeschädigungen zur Folge hatten, und die nur mittels eines Großaufgebots der Polizei unter Einsatz von Tränengas beendet werden konnten, wurde der Auftritt des „Wortführers der Alt-Right-Bewegung“ im Rahmen seiner „Dangerous“-Tour verhindert.

Man kann schulterzuckend feststellen: Kinder sind gnadenlos – auch dann, wenn sie schon Mitte 20 sind. Die Fragen indes „zuckt“ man damit nicht weg. Warum benehmen sich nach neuesten pädagogischen Standards sozialisierte Jugendliche wie die Jungs in „Herr der Fliegen“ – wie Kinder? Warum ausgerechnet sie, die in den 80ern und 90ern in großen Wohlstand, individuelle Freiheit, in oftmals antiautoritäre Erziehungsmodelle und mitten in die freie Persönlichkeitsentfaltung hineingeboren wurden? Wie sind diese Menschen, die heute die Jugend sind und morgen Entscheidungsträger sein werden, geprägt und sozialisiert worden, wenn das Endprodukt dieser „Erziehung“ in lupenreiner Ideologie, im denunziatorischen Spitzeltum und im gewaltsamen Vernichten anderer als den eigenen Ideen besteht?

Oder anders herum: Woher kommt dieser Wahn? Dieses das Leben und die Freiheit anderer niedermähende Sich-Festklammern am eigenen und einzig „Richtigen“ trotz teilweise himmelschreiender Unvereinbarkeit mit überprüfbaren Realitäten? Woher diese Lust am an Nager gemahnenden schnatternden, pfeifenden, beißenden und hungrigen Lynchmob, der sich als die Vorhut des Korrekten und Kultivierten verstanden sehen will? Wie ist die Schizophrenie erklärbar, in der die Panzerdivisionen lebensunerfahrener Moralwächter Seit an Seit mit der Überzeugung eigener „Gerechtigkeit“ und „Richtigkeit“ koexistieren?

Die Frage, ob es möglicherweise an der scheinbaren Freiheit der „Kinder“ liegt, die in Wahrheit oft nichts anderes als die Befreiung der Eltern war und ist, muss hier erlaubt sein. Eigenständigkeit, Selbstverantwortung und Kreativität sind die schönen Schlagworte einer Erziehung, die vor allem eines ist: keine Erziehung. Keine Grenzen, Engen, Zwänge. Das Kind entwickelt sich selber zu einer guten, freien und reifen Persönlichkeit. Oder frei nach Frankfurter Schule: Die totale Grenz- und Autoritätsbefreiung des Kindes zu nicht weniger als der Verhinderung von Faschismus und autoritärer Charaktere.

Was ist, wenn das Gegenteil richtig ist? Wenn sich selbst entwickelnde Kinder genau das suchen, was die Eltern – aus welchen Gründen auch immer – ihnen verweigern? Nämlich Grenzen, Regeln, Hierarchien? Wenn all jene „kindergerechter“ handeln, die sagen, ihre Regeln und Grenzen seien nicht in erster Linie Freiheit raubende Gebote, sondern ihre beiden in Liebe ausgestreckten Arme, von denen der eine Respekt fordere und lehre, während der andere Vertrauen zum Leben und zu anderen fördere. Arme, in deren scheinbarer „Enge“ ihr Kind frei heranwachsen und gefahrlos auch das entfernteste andere kennenlernen könne?

Der Schreibende hat selber keine Kinder, ist aber der Meinung – bei allem Respekt für die erzieherische Freiheit jedes Einzelnen – dass diese Fragen gestellt gehören. Denn: Wenn in Zeiten, wo die Not eine rein emotional gefühlte ist, derartiges wie die obigen Begebenheiten nicht nur angedacht, sondern umgesetzt wird, dann mag man sich nicht vorstellen, was das Gebot der Stunde bei jenen Menschen sein wird, sollte das Leid ein real erlebtes werden. Solches Verhalten zeugt von allem möglichen, nur von einem nicht: von Freiheit. Und es spricht den Parolen von Frieden, Gleichheit und Gerechtigkeit Hohn.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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