15. Februar 2017

„Neue Bauernregeln“ des Bundesumweltministeriums Fakten-Check zu gesunder Ernährung

Wissenschaft statt Ideologie!

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Bildquelle: shutterstock Realität heute: Glückliche Kühe

Das Bundesumweltministerium (BMUB) hat elf „neue Bauernregeln“ herausgegeben, die für 1,6 Millionen Euro in 70 Städten plakatiert werden sollen und die die von den Grünen eingeforderte „Agrarwende“ einleiten sollen.

Ich habe die Argumente der Ministerin mal unter die Lupe genommen. Der Fakten-Check bezieht sich auf Pflanzenschutz, grüne Gentechnik, Glyphosat, Fleischkonsum, Antibiotika und Intensiv-/Massentierhaltung.

Gesunde Ernährung

Gesunde Ernährung wird vom Umweltministerium mit den folgenden Argumenten eingefordert:

„Für eine gesunde Ernährung spielt auch die Produktion unserer Lebensmittel eine wichtige Rolle. Eine nachhaltige Landwirtschaft, die beispielweise weniger Pflanzenschutzmittel einsetzt, bewahrt unsere natürlichen Lebensgrundlagen und sichert eine rückstandsfreie Ernährung. Dafür wollen wir das Bewusstsein schärfen.

Daher setzen wir uns unter anderem für die Ausweitung von pestizidarmen Anbaumethoden ein – auch, um die Gesundheit der Böden und Gewässer zu erhalten. Dies tun wir auch innerhalb der Bundesregierung über den Nationalen Aktionsplan zur nachhaltigen Verwendung von Pflanzenschutzmitteln (NAP), gesteuert vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

In der intensiven Tierhaltung werden besonders viele Tierarzneimittel eingesetzt, insbesondere Antibiotika. Viele Bürgerinnen und Bürger sind besorgt darüber, welche Auswirkungen dies auf ihre Gesundheit und die der Tiere haben kann. Die Akzeptanz für diese Form der Tierhaltung sinkt. Die Intensivtierhaltung hat auch für die Umwelt erhebliche Folgen: Sie fördert die Entstehung von Feinstaub, Treibhausgasen, Stickstoffemissionen (insbesondere Ammoniak) und zieht große Güllemengen nach sich. Auch Tierarzneimittel und Gerüche belasten zunehmend die Natur – und damit auch uns.

Wir setzen uns deshalb dafür ein, dass die Rechte der Kommunen bei geplanten Massentierhaltungsanlagen gestärkt werden und Bürgerinnen und Bürger künftig mehr Mitsprache bekommen, wenn eine große Tierhaltungsanlage in der Gemeinde gebaut wird.“

Pflanzenschutz

Auf der einen Seite wirbt die Ministerin für weniger Pflanzenschutzmittel, auf der anderen Seite aber ist sie gegen Grüne Gentechnik und Glyphosat, die genau das gleiche Ziel haben.

Zum Glück haben wir noch ein Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), in dessen Kommissionen Wissenschaftler und nicht Politiker sitzen; zum Beispiel die BfR-Kommission für Genetisch veränderte Lebens- und Futtermittel, die sich unter anderem um Fake News wie die Publikation von Tudisco et al. kümmert oder auch dessen Präsidenten Prof. Dr. Dr. Andreas Hensel, der zu Glyphosat Stellung nahm.

Grüne Gentechnik

Die Grüne Gentechnik ist die Anwendung gentechnischer Verfahren im Bereich der Pflanzenzüchtung. Derzeit werden als „gentechnisch veränderte Pflanzen“ insbesondere herbizid- und insektenresistente Pflanzensorten vermarktet. „‚Die grüne Gentechnik hat sich als Holzweg erwiesen‘, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Diese sei für Umwelt und Natur riskant und werde von Verbrauchern nicht gewünscht. ‚Deshalb möchte ich, dass wir zukünftig immer von den neuen EU-Regeln Gebrauch machen, die die Gentechnikfreiheit in Deutschland garantieren können.‘“(„Süddeutsche Zeitung“, 15. Januar 2015.)

Mehrere deutsche Akademien empfahlen 2015, „für die Risikobewertung zukünftig vor allem auf die spezifischen Eigenschaften neuer Pflanzensorten und nicht auf den Prozess ihrer Erzeugung abzustellen. Die Akademien sprechen sich gegen wissenschaftlich unbegründete pauschale Anbauverbote für GVO aus und empfehlen mit Nachdruck wissenschaftsbasierte Einzelfallprüfungen.“

„Ende Juni 2016 haben mehr als ein Drittel der weltweit lebenden Nobelpreisträger die Mainauer Deklaration unterzeichnet, in der sie Regierungen weltweit dazu aufrufen, Anti-Gentechnikkampagnen allgemein (und die Kampagne von Greenpeace gegen Goldenen Reis im Speziellen) abzuweisen und Landwirten Zugang zu gentechnisch verändertem Saatgut zu ermöglichen.“ (Wikipedia)

Glyphosat

Hendricks will das Herbizid Glyphosat verbieten und wurde darin von den Grünen und Medien bestärkt. Diese Verbotspläne hatten 2016 zu einem Streit in der Koalition geführt, da das Landwirtschaftsministerium gegen solch ein Verbot ist. Ich habe die Debatte intensiv verfolgt und bin gegen ein Verbot, da ich die Fakten gelesen habe und nicht nur die Alarmmeldungen in den Zeitungen. So wurden die Fake News zu Glyphosat in der Muttermilch und Urin vom BfR widerlegt. Auch muss man die wirtschaftlichen Folgen eines solchen Verbots beachten, wie auch die Auswirkungen auf die von Hendricks so geschätzten Klimaziele.

„EU: Landwirte würden bei einem Wegfall von Glyphosat ihre Unkrautbekämpfung vermehrt auf mechanische Behandlung und selektive Herbizide umstellen. Ohne signifikante Anpassungen und Innovationen im Anbau würden sie hohe Ertragsverluste erleiden, die sich auf bis zu 14,5 Millionen Tonnen in der EU-25 summieren könnten. Um trotz geringerer Erträge das vorherige Produktionsniveau zu erhalten, müsste die Anbaufläche um bis zu 2,4 Millionen Hektar ausgedehnt werden. Eine solche Ausdehnung würde steigende Treibhausgasemissionen nach sich ziehen. Alternativ könnten mehr Agrarerzeugnisse von außerhalb der EU importiert werden.

Der Gemeinsame FAO/WHO-Sachverständigenausschuss für Pestizidrückstände (JMPR) bewertete Glyphosat hinsichtlich Kanzerogenität seit 1993 mehrfach, zuletzt 2016. Den Bewertungen zufolge sind die über die Nahrung aufgenommenen Rückstände von Glyphosat beim Menschen wahrscheinlich nicht genotoxisch und nicht kanzerogen.“ (Wikipedia)

Also insgesamt „viel Lärm um nichts“. Sogar der „Spiegel“ schaffte es, die Befürworter und Gegner von Glyphosat darzustellen, und kam zu folgendem Fazit: „Umweltschützer wollen mit einem möglichen Glyphosatverbot ihrem Ziel näherkommen, eine Lebensmittelproduktion ohne Einsatz von Pestiziden zu erreichen. Landwirte und Wissenschaftler verweisen aber auf Probleme in der Praxis – und rechnen damit, dass Bauern auf möglicherweise problematischere Alternativen ausweichen.“ („Der Spiegel“, 13. April 2016.)

Fleischkonsum

Hendricks will auch aus Klimaschutzgründen den Fleischkonsum um die Hälfte halbieren. So steht es in ihrem „Klimaschutzplan 2050“. Das ist jedoch postfaktischer Unsinn, wie Udo Pollmer bereits im Jahr 2014 schrieb: „Weniger Fleisch könnte Klima & Umwelt schaden! Ein grundsätzlicher Trugschluss besteht in der Behauptung ‚Tierzucht raubt Ackerland‘ – denn der Anbau von pflanzlichen Nahrungsmitteln ist nicht überall möglich: Gemäß FAO-Daten lassen sich rund 60 Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche ausschließlich zur Tierernährung verwenden. Verzichtet man zugunsten einer Verringerung des Fleischkonsums auf die Nutzung dieser Flächen, so fehlen in der Folge auch die tierischen Lebensmittel, die daraus entstanden wären, als Nahrungsquelle für den Menschen. Sie müssten deshalb auf andere Art ersetzt werden. Auch in unseren Ställen ist das allermeiste Futter Heu, Gras, Stroh und Überreste vegetabiler Produkte, wie zum Beispiel: Orangenschalen, Erdnussschalen, Mühlenabfälle, Reste der Brot- und Backwarenproduktion. Das alles kann der Mensch nicht verdauen und verwerten.“

 Antibiotika und Gerüche

Hendricks Hinweis auf Antibiotika und Gerüche wird ihr viele Ex-Städter als Wähler bringen. Wie oft erleben wir es, dass „naturverbundene“ Ex-Städter sich auf dem Land niederlassen, um dann gegen alles zu klagen, was das Landleben so mit sich bringt: Gülle ausfahren, auch am Sonntag mit lauten Maschinen die Ernte einfahren und dabei die Straßen verdrecken.

Auch die Angst vor multi-resistenten Keimen, die mittels der Massentierhaltung auf den Menschen übertragen werden sollen, wird mit diesem Hinweis bestärkt. Nirgendwo findet man einen Hinweis darauf, dass: es keinen Beweis dafür gibt, dass Antibiotika in der Nutztierhaltung zur Verbreitung von Resistenzen beim Menschen führen; die Menge der abgegebenen Antibiotika in der Tiermedizin sich halbiert hat; die prophylaktische Anwendung verboten ist.

Intensivtierhaltung

Bauer Willi hat dazu einen sehr guten Artikel geschrieben: „Massentierhaltung – Organisierte Tierquälerei?“ Hier ein Auszug:

„Massentierhaltung ist ein Kampfbegriff gegen jede Form der bäuerlichen Tierhaltung geworden. Und der Chor der Kritiker ist groß: Parteien, Prominente, Tierrechtler, Umweltschützer, Fernsehköche, Pfarrer: Alle sind sich einig, dass es ‚so ja nicht weitergeht‘.

Moderne Tierhaltung ist nicht ‚schön‘ und ‚nostalgisch‘ anzusehen. Sie ist hochspezialisiert, sie ist effizient, sie ist hygienisch. Und deshalb nennen wir sie auch ‚Intensivtierhaltung‘.

Es gibt keine Misthaufen mehr, auf denen der Hahn kräht, keine Weide, auf der sich die Schweine im Schlamm suhlen. Und kaum noch Kühe, die in einem dunklen Stall an der Kette stehen. Ställe des 19. Jahrhunderts wären heute überwiegend nicht mehr erlaubt, weil sie den heutigen Tierschutzstandards nicht mehr entsprechen.

Die Realität heute: moderne, offene, licht- und luftdurchflutete Kuhställe, in denen sich die Kühe frei bewegen können mit automatischer Entmistung und Liegematten aus weichem Gummi. Die Kuh geht dann zum Melkroboter, wenn sie Lust drauf hat, holt sich ihr schmackhaftes und gesundes Futter, wann sie will, oder lässt sich an der Kuh-Bürste den Rücken massieren. Wellness-Hotels für Milchkühe. Das ist tiergerecht! Das ist tierfreundlich!“

Und dabei ist es völlig egal, ob ein Betrieb 100 Milchkühe hat oder 600. Ab circa 600 Rindern und 500 Kälbern beginnt aber für die Regierung die böse Massentierhaltung.

Nachhaltigkeit

Statt Fakten findet man viel Ideologie, insbesondere in Bezug auf Nachhaltigkeit. Das BMUB ist sehr aktiv im Erstellen von Broschüren und Programmen, die jedoch – wie bei der Klimawende – sicherlich nur gut gemeint, aber schlecht gemacht sind. Das passiert zwangsläufig, wenn man Ideologie vor Fakten stellt.

Deswegen habe ich, obwohl ich Petitionen nicht mag, die Petition gegen das Bauern-Bashing unterschrieben.

Petition gegen das Bauern-Bashing

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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