19. Februar 2017

Umstrittene Bauernregeln aus Barbara Hendricks Umweltküche Steh’n im Stall zu viele Kühe ...

Längst bekannte ökologische Schieflagen auf kurze Formeln gebracht

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Bildquelle: shutterstock Bauernregeln: Wenn der Hahn kräht auf dem Mist ...

Jene, die politisch links ticken, sind im öffentlichen Auftritt immer mal wieder einfallsreicher, witziger, frecher und unterhaltsamer als die Rechts-Ticker, die mit dergleichen nicht sonderlich auffallen, also zur Kurzweil weniger beitragen. Ein Beispiel dafür hat jüngst das SPD-geführte Bundesumweltministerium mit seinen elf Bauernregeln geliefert. Wohl mögen diese nicht im Ministerium selbst erfunden worden sein, schon gar nicht von der Ministerin Barbara Hendricks, sondern von einer Werbeagentur. Aber das Ministerium hat sie sich immerhin zu eigen gemacht, um den Landwirten mit Humor beizubringen, was es von ihnen erwartet. Doch mit Humor – unabhängig von links und rechts – ist das so eine Sache: Die einen erfreuen sich daran, die anderen fühlen sich durch ihn beleidigt.

„Ein neuer Tiefpunkt im Umgang mit der Landwirtschaft“

Da es um Bauernregeln ging, ergab es sich, dass es Landwirte waren, die diesem ministeriellen Humor nichts abzugewinnen vermochten. Und so las man denn zum Beispiel: „Das ist unterste Schublade, da versucht die Ministerin auf unsere Kosten und mit ganz, ganz billigen Mitteln PR zu machen.“ Ottfried Wolter hat das gesagt, der Kreisvorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM). Ein anderer, Thorsten Riggert, der Vorsitzende des Bauernverbandes Nordostniedersachsen, sah in der Kampagne einen „neuen Tiefpunkt im Umgang mit der Landwirtschaft“. Hendricks Bauernregeln entbehrten jeder Sachlichkeit und verletzten „jede Bäuerin und jeden Bauern in ihrer Ehre“. Wütend gab er sich außerdem darüber, „dass wir Bauern mit unseren Steuergeldern auch noch unsere eigene Diffamierungskampagne für 1,6 Millionen Euro mitfinanzieren müssen“. Er verlangte, „diesen Feldzug gegen die deutsche Landwirtschaft“ sofort zu stoppen – ebenso wie Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CDU). Riggert will sogar, dass bei einem „derartig geschmacklosen Vorgehen personelle Konsequenzen für Frau Hendricks“ gezogen werden.

In der Landwirtschaft fand man die Sprüche gar nicht witzig

Auch wenn Hendricks Bauernregeln schon durch die Gazetten gezogen, also hinreichend bekannt sind, seien sie hier, weil sie sich so lustig reimen, noch einmal festgehalten. Der wohl witzigste und am häufigsten zitierte Spruch lautet: „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinstall zu klein.“

Aber in der Landwirtschaft fand man das gar nicht witzig. Milchbäuerin Sabine Siedler in Mecklenburg-Vorpommern hat sich über die geplante Plakatkampagne des Ministeriums, die in 70 deutschen Städten laufen sollte, geärgert und „kann darüber nicht mehr lachen“, wie sie sagte. Der Deutsche Bauernverband (DBV) meinte, seit diesen Sprüchen könne das Umweltministerium nicht mehr ernst genommen werden. DBV-Generalsekretär Bernhard Krüsken sprach von einem „Tiefpunkt in der agrarpolitischen Diskussion, wenn ein Ministerium glaubt, mit Schüttelreimen Politik und öffentliche Debatten vorantreiben zu können“. Agrarminister Schmidt beklagte, ein ganzer Berufsstand werde undifferenziert an den Pranger gestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben: „Eine vermeintliche ‚Meinungselite‘ aus den Metropolen amüsiert sich hier auf Kosten der Menschen im ländlichen Raum.“ Alles Humorlose, also Rechts-Ticker. Gemäßigter äußerte sich die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Sie selbst wendet sich zwar immer wieder gegen Fehlentwicklungen in Landwirtschaft und Agrarpolitik, verurteilte aber die Sprüche-Kampagne ebenfalls. Doch reagierte sie auch mit einer Gegen-Reimerei: „Die Reime, die Ihr heut geschrieben, sind richtig, wenn auch übertrieben: Doch Bauern solltet Ihr nicht kränken, weil sie dies alles selbst bedenken, sind von Agrarfabriken selbst betroffen, und auch für neue Regeln offen, doch muss man Umbaupläne sehn, soll‘n sie dabei nicht pleite geh‘n.“

„Diese Kampagne eine echte Frechheit“

Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft räumte auch Jochen Hartmann ein, der Vorsitzende des Arbeitskreises Junger Landwirte Lüneburg: „Sicherlich müssen wir noch mehr für die Umwelt tun“, aber diese Kampagne sei eine „echte Frechheit“. Bedauerlich sei zudem das viele Geld, das in die Kampagne geflossen sei. „Davon hätte man in der Praxis großartige Projekte für mehr Tier- und Umweltschutz realisieren können.“ Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Die Grünen) äußerte sich unaufgeregt: „Über Stilfragen kann man gerne streiten. Die Aktion des Bundesumweltministeriums benennt aber zumindest mit Tierschutz, Überdüngung, Vermaisung und Pestizideinsatz reale Probleme der Landwirtschaft.“ Er verband dies zugleich mit einer Kritik an Bundesagrar- und Bundesumweltministerium: Sie blieben trotz drängender Schwierigkeiten in der Landwirtschaft oft tatenlos, etwa beim Höfesterben. Der aktuelle Streit der beiden Ressorts blockiere reale Lösungen.

Längst bekannte ökologische Schieflagen auf kurze Formeln gebracht

Die „FAZ“ berichtete: „Der Ärger unter Bauern begann an der Basis. Agrarblogger hatten begonnen, Gegengedichte zu verfassen. Die Wut aufgreifend, wagten sich seit vergangener Woche immer mehr Agrarfunktionäre des Deutschen Bauernverbands und seiner vielen Regionalverbände zu Wort. Sie sehen die Handschrift des ungeliebten Umwelt-Staatssekretärs Jochen Flachsbarth am Werk, den sie noch als ‚Gegner‘ aus dessen Zeiten als Präsident des Naturschutzvereins Nabu kennen. Die umstrittenen Plakate bringen längst bekannte ökologische Schieflagen auf kurze Formeln, die durch die intensive Landwirtschaft (mit)verursacht werden. Landwirtschaft habe nur Zukunft, ‚wenn sie naturverträglich ist und Artenvielfalt, Klimaschutz und die Gesundheit der Menschen mit berücksichtigt‘, hatte Hendricks am Sonntag gesagt.“ (FAZ vom 9. Februar 2017, Seite 16.)

Hendricks: eine bewusste Fehldeutung

In einem Antwortschreiben auf den Protestbrief des Bundeslandwirtschaftsministers Christian Schmidt schrieb Barbara Hendricks, dass erst durch die „bewusste Fehldeutung, es handele sich um eine Kampagne gegen die gesamte Landwirtschaft, ein Zungenschlag herbeigeredet wird, den es in den Aussagen auf den Plakaten gar nicht gibt“. Die Bauernregeln verallgemeinerten nicht, sondern würden nur unter bestimmten Bedingungen gelten. „Damit wird in der Kampagne humorvoll gespielt.“ Wo fast nur noch Mais angebaut werde, da habe der Hamster eben keinen Platz mehr. „Das wissen offenbar auch die jetzigen Kritiker der Kampagne, von denen der inhaltliche Kern der Botschaften weder angezweifelt, geschweige denn widerlegt wurde.“ Man wolle in einer gesellschaftlichen Debatte „auf spielerische und humorvolle Art“ auf Fehlentwicklungen lediglich aufmerksam machen, ließ das Hendrick-Ministerium verlauten. „Uns geht es nicht darum, einen Berufsstand zu diffamieren.“ Die Plakatsprüche seien weder beleidigend noch verunglimpfend. Dies sei eine bewusst fehlgeleitete Deutung.

„Ein Schleier der Dummheit wie Mehltau“

Dem Wirtschaftsteil der „FAZ“ war dieses Treiben am 8. Februar einen Leitartikel von Jan Grossarth wert: „Wie Mehltau legt sich ein Schleier der Dummheit über die Welt. Im Großen wie im Kleinen. Auf der Stadt wie auf dem Land. Davon zeugt in diesen Tagen dieses aberwitzige Geschehen: Umweltministerin Barbara Hendricks von der SPD stellte eine neue Kampagne über Landwirtschaft vor. Und erlebt seither eine beispiellose Welle der Empörung aus agrarischen Teilen der Union, von Bauern und ihren Funktionären. Sie warfen Hendricks Hetze, Populismus und Diffamierung vor. Die Agrarmedien – fest in der Hand der Bauernverbände – multiplizierten die Wut. Im Internet wurde alles noch schlimmer. Und was war überhaupt geschehen? Das Bundesumweltministerium hatte einige Plakatmotive anfertigen lassen und lässt sie im Netz verbreiten und in Städten plakatieren. Bauernregeln werden in der Optik traditionell gehäkelter Flachstücher im Sinne – unbestreitbarer – Umweltprobleme kritisch gewendet.“ Hier sind sie: „Gibt’s nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur.“ – „Strotzt der Boden vor Nitraten, kann das Wasser arg missraten.“ – „Steh’n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle mächtig Mühe.“ – „Zuviel Dünger auf dem Feld geht erst ins Wasser, dann ins Geld.“ – „Ohne Blumen auf der Wiese geht’s der Biene richtig miese.“ – „Wenn alles bleibt, so wie es ist, kräht bald kein Hahn mehr auf dem Mist.“ – „Bleibt Ackergift den Feldern fern, sieht der Artenschutz das gern.“ – „Zuviel Dünger, das ist Fakt, ist fürs Grundwasser beknackt.“ – „Haut Ackergift die Pflanzen um, bleiben auch die Vögel stumm.“ – „Gibt’s nur eine Pflanzenart, wird’s fürs Rebhuhn richtig hart.“

Dramatischer Artenschwund und perverse Tierzuchtindustrie

Und so endete der Leitartikel: „Unterdessen führt die Art und Weise der Industrialisierung der Landwirtschaft zu ungebremstem Höfesterben. Die Bauernverbände haben keine Ideen, wie sie sinnvoller ablaufen könnte. Zugleich kultivieren sie ihr stolzes Selbstbild, was mit der Realität schwer in Einklang zu bringen ist. Darin kommen nicht vor: der dramatische Artenschwund und die perverse Tierzuchtindustrie, in der das kranke Tier nicht nur eine Ausnahme ist. Auch nicht die Tatsache, dass aus Bauern Lieferanten geworden sind. Sie liefern Milch, Weizen und Schwein für kühl rechnende Handelsketten ab und haben wenig Macht für unternehmerische Gestaltung. Die Landwirtschaftslobby fokussiert auf ‚Eliten‘ statt auf Probleme. So schafft sie alternative Fakten. Das ist bequem, aber verantwortungslos. Kein Funktionär sprach ein mäßigendes Wort.“

Entschuldigung, Rückzug, kluger Verzicht

Am 10. Februar hat das Bundesumweltministerium seine Bauernregeln-Kampagne für eine umweltverträgliche Landwirtschaft zurückgezogen. Nach heftigen Protesten auch aus den eigenen SPD-Reihen hatte sich Hendricks entschuldigt und erklärt, man werde auf die Bauernregeln verzichten („FAZ“ vom 11. Februar 2017, Seite 20). Jan Grossarth kommentierte in der gleichen Ausgabe: „Die Klügere gibt nach. Eigentlich waren die Plakate harmlos. Im traditionellen Stil gestickter Küchenweisheiten und mit grün-biederem Humor karikierten die Plakate Bauernregeln und münzten sie um auf ökosystemische Nebenwirkungen moderner industrieller Landwirtschaft. Wenn sich Landwirte dadurch existentiell bedroht und in ihrer Ehre gekränkt sehen, ist es klug, es sein zu lassen.“ Ein Leser der „Lübecker Nachrichten“ (Ausgabe vom 11. Februar 2017) reimte: „Gut sind die Regeln für die Bauern, wenn auch diese sie bedauern. Und sie treffen, glaub’ ich gern, im Prinzip des Pudels Kern. Doch die Bauern, kommt mir vor, halten wenig von Humor.“

Ein witziger Linker? Ein witziger Rechter? Lassen wir das offen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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