03. November 2017

Widerstand gegen EU-Zentralismus Mehr Sezession wagen

Die Europäer wollen keine Scheinindividuen im Wirtschaftsgroßraum sein

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Europäische Union: Die Zeit läuft ab

Die Grundidee der Euro-Zone lässt sich gut beschreiben als die Übertragung des deutschen Länderfinanzausgleichs auf einen Kontinent. Bayern und Baden-Württemberg alimentieren Bremen, Berlin und Nordrhein-Westfalen; Deutschland als ganzes (also wieder Bayern und Baden-Württemberg) alimentiert Griechenland, Portugal, Polen, Ungarn und so weiter. Die Dankbarkeit der Nehmer hält sich in Grenzen, ähnlich wie Berlin den Bayern mit seiner Geldverschleuderung eine Nase dreht, pfeifen die Griechen auf die Stabilitätskriterien und die Osteuropäer auf den edlen Vorschlag, Merkels afrikanische Gäste bei sich einzuquartieren.

Die sogenannte europäische Idee bestand ursprünglich darin, den über Jahrhunderte in blutige Konflikte verstrickten Kontinent, dessen Nationen sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die geopolitische Bedeutungslosigkeit gegenseitig demoliert hatten, zu befrieden, zu versöhnen und die ehemaligen Feinde in Partner zu verwandeln. Nie hätten die Gründer der EU, hätte ein de Gaulle oder ein Adenauer gedacht, dass ihre Idee der Aussöhnung in den wüstesten Zentralismus in der Geschichte ihres Kontinents führen würde. Nie hätten sie sich alpträumen lassen, dass führende Funktionäre dieses Gebildes wie Frans Timmermans, der Vizepräsident der EU-Kommission, versuchen würden, die bunten europäischen Völker in eine graue multikulturelle Gesellschaft, die vielfältigen nationalen Kulturen in eine einheitliche Superkultur zu verwandeln. Nie hätten sie sich schwanen lassen, dass linke und neoliberale antirassistische Rassisten von der Umwandlung der europäischen Völker in eine homogene Mischethnie träumen und den Barbaren die Tore öffnen würden (gewiss, ein Richard Coudenhove-Kalergi hatte solche Visionen schon in der Zwischenkriegszeit, und Oswald Spengler umgekehrt auch, doch das waren Außenseiter).

Die Frage, ob die EU-Imperialisten am Lostreten der sogenannten Flüchtlingskrise mitgewirkt haben oder ob sie sie sich nur zunutze machen wollen, sei Historikern oder Verschwörungstheoretikern überlassen. Dass sie dabei sind, die Völker in ihrem Machtbereich durch Vermischung zu „verdünnen“ (Joseph „Joschka“ Fischer), um nationale Widerstände zu brechen und ihre Herrschaft zu erweitern, haben innerhalb Deutschlands viele und außerhalb Deutschlands inzwischen Mehrheiten begriffen. Die Zahl der Widerstandsnester gegen den Superstaat wächst. Dieser Widerstand tritt in den verschiedensten Formen zutage, er ist weder von oben geplant noch koordiniert, sondern entsteht urwüchsig und basisdemokratisch. Eines ist all diesen gallischen Dörfern gemeinsam: Ihre Bewohner haben die Herrschaft der Zentralisten, Bevormunder und Gleichmacher satt. Sie wollen ihre Heimat behalten oder zurückbekommen.

Unbeirrt treibt die britische Regierung den Brexit voran. Unbeirrt bestehen die Polen und Ungarn darauf, selber zu entscheiden, wer in ihr Land kommt – „Beschützt lieber eure Frauen statt unsere Demokratie“ stand auf einem Transparent im polnischen Zuschauerblock einer deutsch-polnischen Sportveranstaltung nach der Kölner Silvesterkirmes zu lesen –, und Ungarns Staatschef Viktor Orbán hat soeben Osteuropa zur „migrantenfreien Zone“ erklärt, wobei klar sein dürfte, welche Migranten er meint. Die Tschechen haben mit der Wahl von Andrej Babiš den Eurokraten dorthin getreten, wo es wehtut. Auch die Österreicher entschieden sich für den heilsamen „Rechtsruck“; ÖVP-Chef Kurz will mit der FPÖ koalieren. In Dänemark beschloss vor einigen Monaten die konservativ-liberale Venstre-Partei unter dem Aufheulen der deutschen Journaleska den Einsatz von Soldaten zur Sicherung der Grenze zu Deutschland. In den Niederlanden musste Premierminister Rutte fast alle Positionen seines Kontrahenten Wilders übernehmen, um die Wahl zu gewinnen. Die „rechtspopulistischen“ Einschläge rund um Deutschland kommen immer näher.

Die wirtschaftsstarken italienischen Regionen Lombardei und Venetien haben in Referenden für mehr Autonomierechte gestimmt. Der Wunsch vieler Katalanen, ihr Land von Spanien zu lösen, führte zu gewalttätigen Überreaktionen der Staatsgewalt. Auch hier zeigt sich ein Trend: Weg vom Zentralismus, hin zur Selbstbestimmung. Von Ostdeutschland und Polen über Bayern, Tschechien, die Slowakei, die Schweiz, Österreich, Ungarn und Oberitalien, überall greifen störrische Separatisten nach der Macht.

Nur wenn Superstaaten groß genug sind, bestehen gute Chancen, den in ihnen lebenden Völkern das Gemeinschaftsempfinden auszutreiben, sie abzustumpfen gegen Gewalt, Verwahrlosung und den Import kulturfremder, bildungsferner Sozialfälle, um sie schließlich in einem von bindungslosen Scheinindividuen besiedelten Wirtschaftsgroßraum aufzulösen, von dem linke und neoliberale Nivellierer in absurder Einhelligkeit träumen. Deshalb haben die ungleichen Partner das Konzept des „Multikulturalismus“ verschärft, deshalb soll Europa intellektuell, kulturell, religiös und ethnisch Fremde in so großer Zahl aufnehmen, dass jeder Zusammenhalt zerstört wird. Die europäischen Völkerverschiebungen waren immer Binnenwanderungen, wenn sich auf diesem Kontinent Völker vermischten, handelte es sich um ethnisch-kulturell ähnliche Völker. Nur deshalb – und weil es keine Sozialhilfe gab –, verlief auch die Assimilation der Einwanderer erfolgreich.

„Mehr Sezession wagen“ lautet das Motto unserer Tage. Es ist übrigens egal, wie groß die Gebiete sind, die sich zur Autonomie entscheiden oder einen Nationalstaat anstreben wie derzeit die Katalanen. San Marino mit seinen 30.000 Einwohnern ist nicht Mitglied der EU wie auch das reichlich doppelt so große Andorra nicht – und die deutlich größere Schweiz auch nicht. Die EU ist gewiss kein Schicksal. Man wird den Europäern angst machen vor der menschengemachten Erderwärmung oder den Rechtspopulisten oder dem Terror oder dem wirtschaftlichen Abstieg durch Globalisierungsverweigerung, aber keines dieser Probleme wird die EU besser lösen als autonome, mit ihren Nachbarn in freundschaftlicher Kooperation lebende, sich selbst verteidigende, ihre eigene Kultur und Lebensart pflegende Länder, die ihre Probleme lösen müssen statt sie zu delegieren. Die EU der Zentralisten geht ihrem Ende entgegen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Sezession

Mehr von Michael Klonovsky

Über Michael Klonovsky

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige