07. November 2017

Libertäre Argumente richtig vermitteln Es ist eine Frage der Perspektive

Freiheitsfreunde denken holistisch, nicht partiell

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Bildquelle: shutterstock Oft unverstanden: Libertäre

Ob man sich nun „liberal“ oder „libertär“ nennt, ob man mit der Österreichischen Schule der Nationalökonomie sympathisiert oder einfach nur die generelle Wirksamkeit von Politik kritisch sieht: Man kennt, sofern man sich einer der genannten Gruppen zugehörig fühlt, die Situation, hoffnungsvoll in eine politische Diskussion zu gehen und dann dort nur kritische Blicke (oder Schlimmeres) zu ernten. Weil man sich für zukünftige Auseinandersetzungen nicht alles verbauen will, neigt man dazu, die Fehler in erster Linie bei sich zu verorten, und unternimmt den Versuch, eine bessere rhetorische Verpackung für die eigenen Überzeugungen zu finden.

Nachdem ich mich selbst einige Male solch einer Introspektion ausgesetzt sah, begann ich zu erkennen, dass Libertäre gesellschaftliche Institutionen von einer vollkommen anderen Seite betrachten, als es die meisten Menschen tun. Während letztere oft auf die unmittelbaren Folgen von Veränderungen schauen, fragen Libertäre sich, wie gewisse Strukturen die Entwicklung unserer Gesellschaft in der Vergangenheit beeinflusst haben. Sie schauen nicht nach vorn, sondern zurück und bemühen sich, eine Antwort auf die Frage zu finden, wo wir heute ständen, wenn die Weichen damals anders gestellt worden wären.

Ein Beispiel: Wenn ich mich gegen Transferleistungen, das heißt einen „Sozial“-Staat, ausspreche, tue ich das nicht, weil ich morgen allen arbeitslosen Menschen in Deutschland das Geld wegnehmen möchte. Was dieser Forderung stattdessen zugrundeliegt, ist die Erkenntnis, dass diese Art der Umverteilung in der Vergangenheit einen enormen volkswirtschaftlichen (und als Folge dessen menschlichen) Schaden angerichtet hat.

Gehen wir, um das zu erläutern, einmal zurück in die frühen 60er Jahre. Das Wirtschaftswunder war in vollem Gange und hatte die Arbeitslosenquote teilweise bis auf weniger als ein Prozent herabgesenkt. In dieser Situation wäre es ein leichtes gewesen, Gesetze zu erlassen, die Transferleistungen an Arbeitslose zeitlich begrenzt hätten: Zunächst auf ein Jahr, etwas später dann auf sechs Monate, bis man sie dann vollends eingestellt hätte. Menschen, die ihre Arbeit verloren hätten, hätten eine klare Zeitspanne für die Jobsuche gehabt, und ihre Familien (die damals noch eher als heute als potentielle Auffangnetze existierten) hätten jene Arbeitssuche einerseits wohl stärker begleitet, andererseits sich darauf vorbereiten müssen, im Falle des Falles selbst finanzielle Unterstützung zu leisten. Das wäre nicht vereinzelt geschehen, sondern auf nationaler Ebene, sodass das Bewusstsein gewachsen wäre, dass man im Zweifelsfall selbst derjenige ist, der einspringen muss. Die Menschen hätten ihre Fürsorge nicht an bürokratische Strukturen in einer fernen Hauptstadt ausgelagert, sondern sie tatsächlich praktizieren müssen.

Gewissermaßen ist es wie mit dem Sport. Wenn sie merken, dass ein Freund von Ihnen Probleme mit seinem Gewicht hat, und ihn mahnen, etwas dagegen zu unternehmen, tun Sie dies nicht, weil Sie ihn nicht mögen – im Gegenteil. Sie sind um sein Wohlergehen besorgt und raten ihm daher, jetzt Handlungen zu unternehmen, die ihm in der Zukunft zugutekommen werden.

Bezogen auf eine ganze Gesellschaft ist es dasselbe. Hier ist es nicht der übergewichtige Freund, den man anspricht, sondern die Menschen, die sich im Moment nicht selbst versorgen können, sowie deren Freunde und Familien. Im ersten Moment mag das kalt wirken, weil es von letzteren etwas einfordert, aber langfristig käme ein solches Verhalten sowohl den betroffenen Individuen und Familien als auch der Gesellschaft an sich zugute. Auch die Nächstenliebe ist ein Muskel, der schrumpft, wenn er nicht trainiert wird.

Nun ist dies nicht geschehen. Man hat die Transferleistungen an jene, die keiner Arbeit nachgehen, nicht reduziert, sondern beibehalten, und mit den Jahrzehnten sind immer mehr Menschen vom gefühls- und gesichtslosen Staat abhängig geworden. Das wiederum hat hohe Kosten verursacht und Kapital aufgezehrt, das ansonsten für Investitionen hätte verwendet werden können und dazu beigetragen hätte, die Lebenshaltungskosten zu senken – was wiederum gerade den Schwächsten der Gesellschaft zugutegekommen wäre. Dass nach Jahrzehnten des technischen Fortschritts immer noch Millionen Menschen von der Bezahlung ihrer Vollzeitarbeit nicht leben können, liegt also auch daran, dass wir den soeben beschriebenen Kapitalverzehr seit Jahrzehnten stillschweigend hinnehmen (oder noch schlimmer: dessen Ansprechen mit dem Vorwurf der „sozialen Kälte“ ahnden, wenn das Gegenteil der Fall ist).

Allein mit einer Reduzierung von Transferzahlungen wären freilich nicht alle Probleme gelöst, was mich zum zweiten Punkt bringt: Libertäre bemühen sich stets um eine ganzheitliche Analyse und geben sich mit dem Beheben einzelner Probleme nicht zufrieden. Denn selbst wenn man es schaffen würde, sowohl die Zahl der Arbeitslosen als auch die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit stark zu senken, hätte man immer noch eine Situation, in der Geringverdiener sich Jahr für Jahr steigenden Preisen gegenübersähen, weil im Hintergrund eine Allianz aus Geschäftsbanken und Zentralbank die Geldmenge erhöhen würde.

Es geht also um eine holistische Problemanalyse, die nicht nur an einzelnen Schrauben dreht, sondern sich bemüht, den gesamten Mechanismus der volkswirtschaftlichen Maschinerie zu begreifen. Da genau dies in den Schulen des Staates nicht gelehrt wird und die meisten Menschen beispielsweise noch nie von der Österreichischen Schule der Nationalökonomie gehört haben, werden libertäre Argumente rasch verworfen und, da man auf die unmittelbaren Folgen einzelner Veränderungen schaut, als „unsozial“ stigmatisiert. Libertäre konzentrieren sich aber nicht auf solch nichtige Dinge wie die Reform der Gesundheitsversicherung oder die minimale Anpassung von Transferzahlungen. Sie treten einen Schritt zurück, um das gesamte Bild überblicken zu können, und sind an einem ganzheitlichen Verständnis des Problems interessiert.

Wenn man es in Diskussionen versäumt, auf diesen Unterschied hinzuweisen, ist bereits der erste Grundstein für das Missverständnis gelegt.


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