02. Dezember 2006

Gabor Steingart Wundersame Wirtschaftswelt

Ritter Gabor bläst zur Schlacht gegen die einfallenden asiatischen Horden

Am 30. November erläuterte Gabor Steingart, Leiter des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, den Studenten der Wirtschaftwissenschaftlichen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität seine Deutung des Welthandels. Ein vollbesetzter Hörsaal lauschte seiner Vision eines Neuentwurfs der internationalen Handelspolitik.


Steingart zufolge ist die gesamte westliche Welt derzeit im ökonomischen Abstieg begriffen. Er sieht sich allerdings weniger in der Rolle eines Untergangspropheten, sondern eher als der Überbringer einer „self-destroying prophecy“, einer Voraussage also, deren Eintreten genau dadurch verhindert wird, dass sie ausgesprochen wird. Was geht schief? Steingart zufolge ist unsere gegenwärtige Wahrnehmung des Globalisierungsphänomens durch eine Reihe von grundlegenden Irrtümern vernebelt. Dies hindere uns daran, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Irrtum Nummer Eins lautet demnach: „Wir habe den Kalten Krieg gewonnen“. Grundfalsch, meint Steingart: Die heimlichen Gewinner seinen nämlich die Asiaten. Nur seien wir nicht in der Lage, diesen „Angreifer“ [sic] auch als solchen zu erkennen, denn unsere Hirne seien leider noch von den Bedingungen des Kalten Krieges konditioniert. Wir glaubten, ein Bösewicht müsse eine olivgrüne Uniform tragen, mit Parteiabzeichen behaftet sein und eine schnarrende, unangenehme Stimme haben. Nur mit diesem Fahndungsfoto ausgestattet, ließen wir die freundlich lächelnden, gut gekleideten asiatischen Geschäftsleute unbesorgt passieren, und merkten gar nicht, wie wir damit unserem eigenen Totengräber ins Haus einladen.


Dazu geselle sich, so Steingart, in folgenschwerer Weise Irrtume Nummer Zwei, der da laute: „Die Zeit der Industriegesellschaft ist vorbei“. So geblendet würden wir uns nicht dagegen wehren, dass unsere Industriejobs nach und nach verlagert würden, sondern hielten dies für einen historischen Prozess. Steingart tritt nun für eine smarte Industriepolitik ein, welche die Jobs bei uns halte und mit dem Dienstleistungssektor verzahne. Der wohl folgenschwerste Irrtum, Nummer Drei, aber laute: „Die Globalisierung ist langfristig eine win-win-Situation“. Entgegen den Vorstellungen, der Kuchen könne auch wachsen, sei die Globalisierung, so Ökonom Steingart, in Wahrheit eher ein Nullsummenspiel. Was der eine gewinne, verliere notwendigerweise irgendjemand anders. Der billigere Einkaufspreis des einen sei der verloren gegangene Job des anderen.


Was hat Steingart gegen Freihandel? Im Grunde nichts, meint er, wenn denn zwischen den Wettbewerbern gleiche Ausgangsbedingungen herrschten. Seine „Argumentation“ erinnert dabei an das alte Globalisierungsgegner-Argument, nach dem der Welthandel kein ebenes Spielfeld sei, sondern einem Fußballspiel an einem Steilhang gleiche, bei dem der Norden oben und der Süden unten spielt. Bei Attac, Lafontaine und Genossen darf es keinen Freihandel geben, weil die Industrieländer der Dritten Welt technisch hoffnungslos überlegen seien. Bei Steingart findet ein Rollentausch statt: Bei ihm darf es nun keinen Freihandel geben, weil die Dritte Welt einen unschlagbaren Wettbewerbsvorteil habe, denn dort seien alle „Vereinbarungen“, die wir im Laufe der Zeit getroffen hätten, nicht gültig.


Steingart spricht viel von solchen „Vereinbarungen“: Er beginnt mit den viel gerühmten getrennten Betriebstoiletten und nennt dann auch die Abwesenheit von Kinderarbeit, die Rente, die Gesundheitsversorgung oder den Unfallschutz am Arbeitsplatz. Da wir uns auf asiatisches Niveau nicht herunterkonkurrieren lassen könnten und wollten, müssten wir von unseren neuen Wettbewerbern ähnliche Standards einfordern. „Wir“, das ist nicht einmal Deutschland, das ist nach Steingart eine transatlantische Handelszone, ein „Bollwerk nach Außen“ [sic]. Seinen Forderungen müsse dadurch Nachdruck verliehen werden, dass Handelssanktionen wie Strafzölle und Importverbote angedroht und auch reichhaltig eingesetzt werden. Noch seien wir in der „überlegenen Position“ und müssten diese auch ausspielen. Als ein erstes gelungenes Beispiel sieht Steingart dabei die EU-Textilquoten für China und Vietnam: Durch diese seien in Ländern wie Italien und Griechenland viele Arbeitsplätze gerettet worden.


Die unzähligen Populärirrtümer, deren Steingart sich in seiner Rede bedient, sollen hier nicht noch einmal wiederholt werden. Das haben Gregor Hochreiter und Rahim Taghizadegan in eigentümlich frei 67 bereits in ausgezeichneter Art und Weise getan. Weil das Loblied auf die Textilquoten aber ein ganz besonders misslungenes Beispiel ist, soll hier noch einmal Frédéric Bastiat, dem großen Freihändler, Tribut gezollt werden. Importquoten für Schuhe können nach seiner Lehre tatsächlich ein paar Arbeitsplätze in der Schuhproduktion für eine Weile konservieren. Da sie Schuhe aber auch verteuern, wirken sie für den Käufer, da nicht in der Schuhproduktion beschäftigt ist, wie eine Kürzung seines Monatsgehalts. Und was tut ein solcher Schuhkäufer, wenn sein Budget gekürzt wird? Richtig, er spart das, was er weniger hat, an anderer Stelle ein. Er wird etwa seltener beim Italiener um die Ecke essen gehen. Da er vermutlich nicht der Einzige ist, dem es so geht, muss der Italiener einen oder zwei Kellner entlassen. Hat diese Quote die Eigenschaft des Nullsummenspiels, die Steingart dem Welthandel in die – nun heimisch und teurer produzierten – Schuhe schieben will? Nicht ganz. Einer ist damit nämlich schlechter dran, und das ist der Schuhkäufer. Er muss auf seine Pizza verzichten.


Auch Steingarts Vergleich mit dem Wettkampf, den er sogar zu einer Kriegsrhetorik ausweitet, ist der eines ökonomischen Scharlatans. Denn bei einem Wettkampf zählt nur die Relation, nicht der absolute Standard. Eine Fußballmannschaft, die ein grandioses Spiel hinlegt und sechs Tore schießt, hat trotzdem verloren, wenn der Gegner sieben schießt. Fahre ich dagegen ein größeres Auto als je zuvor, so stört es mich nicht im Mindesten, wenn mein Nachbar ein noch viel größeres fährt. Zumindest dann nicht, wenn meine „Argumentation“ nicht auf Neid aufgebaut ist.


Aber vergessen wir für einen Moment Bastiat, vergessen wir Ricardo, vergessen wir überhaupt die gesamte Lehre der Ökonomie. All das steht besser und ausführlicher bei Hochreiter und Taghizadegan. Lassen wir uns statt dessen einmal ein auf die Metapher des Wettkampfes ein. Hat Steingart denn überhaupt Recht, wenn er behauptet, das Fehlen von Kinderarbeit, von 16-Stunden-Tagen, der arbeitsfreie Lebensabend, der Unfallschutz und vieles mehr seien Wettbewerbsnachteile, mit denen wir gegen unseren Gegner nicht antreten können, auf die wir aber auch nicht verzichten wollen? Repräsentieren all diese Annehmlichkeiten Verzerrungen im Verlauf des Rennens, Klötze an den Beinen der West-Läufer, die das Asia-Team nicht mit sich herumtragen muss? Ist Steingart also gar kein prinzipieller Wettbewerbsgegner, sondern nur jemand, der gleiche und faire Wettbewerbsbedingungen einfordert?


Nein. All das, was Steingart irrtümlicherweise dem Wettbewerbsverlauf zuschreibt, ist in Wahrheit Teil des Wettbewerbsergebnisses. Weil bei uns die Produktivität so viel höher ist, können wir es uns ganz einfach leisten, Kinder in die Schule zu schicken anstatt ins Bergwerk. Alte Leute können auf Kaffeefahrt gehen anstatt in die Fabrik. Wir können nach acht Stunden Feierabend machen anstatt nach 16. Und es können Schutzmaßnahmen in den Werkhallen geschaffen werden, die in Wahrheit nichts anderes sind als Lohnbestandteile. Dem Arbeitgeber ist es nämlich egal, ob er den Lohn vollständig auszahlt, oder ob er einen Teil davon in Form von Arbeitsschutzmaßnahmen investiert.


Man könnte die Absurdität in Steingarts Argumentation auch folgendermaßen erklären. Eine weitere Folge der höheren Produktivität ist nämlich, dass deutsche Arbeitnehmer sich eigene Wohnungen und meistens auch DVD-Player und Laptops leisten können. Man müsste in Steingart’scher Manier dann argumentieren: Da ein deutscher Arbeiter das alles haben wolle, müsse er auch viel höhere Löhne fordern als ein chinesischer. Daher müssten durch handelspolitischen Druck erst einmal alle Chinesen dazu gezwungen werden, ebenfalls eigene Wohnungen, DVD-Player und Laptops zu kaufen. Dann nämlich müssten sie ähnliche Lohnforderungen stellen, und dann erst herrschten gleiche Wettbewerbsbedingungen. Steingart verwechselt, so wird offenbar, den Prozess mit dem Ergebnis.


Wer wirklich etwas gegen Kinderarbeit und 16-Stunden-Arbeitstage hat, der muss Maßnahmen befürworten, die dauerhaft hohes Wirtschaftswachstum ermöglichen,. Denn je eher Chinas Wirtschaftskraft ein dem Westen ähnliches Niveau erreicht, desto eher wird all das auch dort verschwinden. Und von unserer Seite aus können solche Maßnahmen nur in bedingungsloser Marktöffnung, gerne auch einseitig, bestehen.


Leider ist zu befürchten, dass Steingarts Vision von Abschottung nach Außen (pardon: „aktiver Handelspolitik“) und Planwirtschaft im Innern (pardon: „intelligente Industriepolitik“) sich durchsetzen wird. Steingarts Taschenspielertricks spielen hiesigen Politikern in die Karten, denn seine „Interpretation“ bedeutet ja gerade, dass Arbeitslosigkeit und mangelndes Wirtschaftswachstum bei uns nicht hausgemachten politischen Fehlern zu verdanken seien. Außerdem entspricht sie dem etatistischen Zeitgeist. Frédéric Bastiat hat einmal geschrieben: „Wenn nicht Güter die Grenzen überqueren dürfen, werden Soldaten es tun“. Gabor Steingart rüstet gerade die Truppen. In Berlin und anderswo.


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Kris Niemietz

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