24. Januar 2007

Berlin Straßenkampf der Alt 68-er

Mein Namensvorschlag für die Rudi-Dutschke-Straße

Am 21. Januar fand in meinem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Abstimmung darüber statt, ob ein Teil der Kochstraße im Zeitungsviertel in Zukunft Rudi-Dutschke-Straße heißen soll. So hatte es zuvor die Bezirksverordnetenversammlung beschlossen, was die CDU mit einem Bürgerentscheid rückgängig machen wollte. Für die Umbenennung war damals die PDS, die sich wohl im Nachhinein ein wenig ´68er-Flair verschaffen wollte. Im Spießbürgerstaat DDR, als dessen Nachlassverwalter die Partei agiert, hatte es bekanntlich nie eine Entsprechung zu ´68 gegeben. Die Grünen waren für die Rudi-Dutschke-Straße sogar eigens von ihrer Position abgerückt, Straßen nur noch nach Frauen zu benennen, und auch Teile der SPD waren dafür. Ich habe an der Abstimmung nicht teilgenommen, aus dem einfachen Grund, dass ich weder Anteile an der Straße noch eines der anliegenden Grundstücke besitze. Würde öffentlich darüber abgestimmt, ob diese oder jene Kneipe, die mir nicht gehört, in Zukunft „Zum goldenen Eber“ oder „Fidel-Castro-Kneipe“ heißen soll, dann würde mich an einer solchen Abstimmung ebenfalls nicht beteiligen - oder wenn, dann nur, um die Anhänger des Gender-Mainstreaming zu ärgern, für die in diesem Beispiel wahrscheinlich beide Varianten inakzeptabel wären. Am ehesten hätten in diesem Falle die Eigentümer der Grundstücke im betroffenen Straßenabschnitt, oder wenigstens die Anwohner, entscheiden müssen.

Hätte ich mich aber für einen Sonntag auf die Denke eines braven Allzweck-Demokraten eingelassen, so hätte ich wahrscheinlich gegen die Benennung nach dem Studentenrevoluzzer gestimmt. Die Figur des Rudi Dutschke ist doch längst mit dem weit verbreiteten Che-Guevara-Syndrom behaftet: Niemand weiß mehr so recht, wofür er eigentlich stand, und was er denn genau gesagt oder geschrieben hat, aber jeder weiß, dass, wer sich zu ihm bekennt, irgendwie intellektuell und „kritisch“ ist. Sich mit solchen Attributen zu adeln ist ja bekanntlich heute sehr leicht geworden.

Ist es das Ziel der Rudi-Dutschke-Straße, der Zeit der Studentenrevolten ein Denkmal setzen, so wäre die Benennung nach einem politischen Wortführer verfehlt. „´68“ – das war für viele damals nicht primär ein politisches Bekenntnis, sondern ein Lebensgefühl. Viele hatten einfach keine Lust mehr auf die einengende Spießbürgermoral der Nachkriegszeit, und das war ihr gutes Recht. Die Haare wurden länger, die Musik rockiger, die Sexualmoral freizügiger. Das war kein Kulturkampf, es war eine Wertedebatte, wie sie in einigermaßen freien Gesellschaften von Zeit zu Zeit nun einmal stattfinden. Dort allerdings, wo ´68er die Weltpolitik zu deuten versuchten, wurde es schnell ziemlich verkorkst. Waren die Gegnerschaft zu US-amerikanischem Militärinterventionismus, der Aufrüstung und der Hofierung „pro-westlicher“ Diktatoren noch längst überfällige, völlig berechtigte Positionen, so war die Lobhudelei auf sozialistische Diktatoren und Massenmörder nur noch peinlich. Verwöhnte Mittelstandskinder, die nur dank des Kapitalismus so frei, unbeschwert und individuell leben konnten wie sie es taten, bejubelten rote Massenschlächter wie Mao und Pol Pot, unter deren Herrschaft sich ihr Lebensstil, ihre Musikrichtungen und ihre Moden nie hätten entwickeln können. Alternative Subkulturen sind ein Wohlstands- und damit ein kapitalistisches Phänomen.

Unterscheidet man in dieser Weise zwischen dem „Lebensstil-´68“ und dem „politischen ´68“, dann ist Rudi Dutschke noch nicht einmal der abschreckendste Vertreter des letzteren. Durch seine Jugend in der DDR, wo ihm dank seines anti-militaristischen Engagements ein Studium verwehrt worden war, war er im Gegensatz zu vielen Jusos vor einer Romantisierung der Ostblock-Diktaturen gefeit. Wie viele 68er bekannte er sich eine Zeitlang zu Maos Kulturrevolution und zu den kambodschanischen Roten Khmer, aber wenigstens erkannte er diese Irrtümer später. Sozialistisch motivierten Terrorismus betrachtete er als eine elitäre Kader-Strategie, er suchte  stattdessen die Verzahnung seiner Bewegung mit den Massen. Zentralverwaltungswirtschaft lehnte er ab, er wollte ein Wirtschaftssystem selbstverwalteter, kleiner bis mittelgroßer Betriebe. In dieser würden Polizei und Justiz unnötig werden.

Eine wirklich Runde Sache ist das aber alles nicht, selbst, wenn wir von der Frage, wie die Unternehmenseigner ohne Gewalt gegen Personen dazu gebracht werden sollen, ihre Betriebe den Mitarbeitern zu überlassen, einmal absehen. Denn was wäre, wenn die Arbeiter eines solchen selbstverwalteten Betriebes ganz in eigener Regie beschließen würden, dass sie einfach keine Lust haben, sich mit unternehmerischen Entscheidungen und unternehmerischem Risiko herumzuärgern? Wenn sie die Verfügungsmacht und das Risiko lieber einigen Wenigen übertragen würden, die dafür natürlich auch entsprechend entlohnt werden wollten? Was, wenn die Mitarbeiter zweier oder mehrerer solcher selbstverwalteter Betriebe zu dem Ergebnis kämen, sie würden durch den Zusammenschluss zu einem Großbetrieb besser fahren? Spätestens dann bräuchte die Dutschke-Ökonomie doch wieder Polizeigewalt, um den selbstverwalteten Arbeitern mit Nachdruck die zu zeigen, wie sich zu verwalten und verhalten haben.

Natürlich geht es auch mal wieder um das nicht minder verbreitete David-gegen-Goliath-Syndrom. Dutschke, der kleine Studentenführer, der sich mit dem mächtigen Springer-Konzern anlegte. Für die Grünen steht er für eine „vielfältige Zeitungslandschaft und eine kritische Öffentlichkeit “, für die PDS ist er „Sinnbild des Protests gegen die Machtkonzentration und den Machtmissbrauch dieses Medienkonzerns“. Nur: Warum ist es ein Fanal für die Meinungsfreiheit, wenn jemand die Enteignung eines Verlages fordert, dessen Ansichten ihm nicht gefallen?  In welchem Fall gibt es mehr „Machtkonzentration“: Wenn ein Verlag, der niemanden zum Kauf seiner Veröffentlichungen zwingen kann, durch eine Vielzahl völlig freiwilliger (sozusagen: selbstverwalteter) Kaufentscheidungen groß wird? Oder wenn eine Institution dies unter Gewaltandrohung, nicht nur gegen die Herausgeber, sondern indirekt auch gegen die Leser, verhindern kann?

Vielleicht sollte auch mal jemand ein Exemplar von Ayn Rands Roman „The Fountainhead“ an die Parteizentralen von PDS und Grünen schicken. Da gibt es den Verlagsgiganten Gail Wynand, der glaubt, er sei der mächtigste Mann im Land, weil eine Hetzkampagne seines Schmutzblattes „The Banner“ das wirtschaftliche Aus für jeden Gegenspieler bedeutet. Gegen Ende merkt Wynand jedoch, dass die Massen nur so lange auf ihn hören, wie er schreibt, was diese ohnehin glauben wollen. Als er die eingebildete Medienmacht des Banner aber dazu nutzen möchte, das angeschlagene Image des erzindividualistischen Architekten Howard Roark zu retten, hat er plötzlich ganz New York gegen sich, während der falsche Humanitäre Ellworth Toohey, obwohl er keinen Pfennig Geld besitzt, zu ihrem geistigen Anführer wird.

Erst recht völlig verfehlt ist die Suggestion der PDS, der Springer-Verlag trage Mitschuld am Tod Rudi Dutschkes, weil sein Attentäter vor Gericht angegeben hätte, „durch eine Kampagne der Bild-Zeitung zu der Tat angestachelt worden zu sein“. Die alte Bürgerrechtspartei PDS übersieht hierbei,  dass dies genau die Logik derer ist, die Dutschke die Schuld am RAF-Terror geben, weil er den „geistigen Nährboden“ dafür geschaffen habe. Wer eine Waffe in die Hand nimmt und ohne Not auf jemanden abfeuert, trägt die Schuld dafür ganz alleine. Keine Medienkampagne, kein „gesellschaftliches Umfeld“ und auch kein geistiger Nährboden haben jemals jemanden erschossen.

Dutschke repräsentiert also vor allem das politische ´68, und dem ist bestenfalls der Zufahrtsweg zu einer Sonderschule zu widmen. Trotz allem: Dutschke war einer, der die Anstandstanten der Nachkriegsjahre zum Kreischen brachte. Das kann man ihm, trotz aller kommunistischen Blödeleien, durchaus auch einmal zugute halten. Nur ist diese Schlacht längst geschlagen. Der Habitus, der damals einen Bürgerschreck ausmachte, schockiert doch heute keine Oma mehr. Wer die Anstandstanten unserer Tage zum kreischen bringen möchte, der spreche sich einmal auf einer Party, und das möglichst laut, gegen die Förderung regenerativer Energien aus, mit der Begründung, die „globale Erwärmung“ sei ihm wurscht. Alternativ lassen sich auch Frauenförderung und Anti-Diskriminierungsgesetze als unnötiger Blödsinn bezeichnen, und die Benimmlehrer und Moralpächter  der heutigen Zeit werden in ein genauso hysterisches Gezeter ausbrechen, wie es ihre historischen Vorgänger in den sechziger Jahren taten, wenn sie den Namen Dutschke hörten. Geht es darum, diesem Prinzip des begründeten Tabubruchs ein Denkmal zu setzen, so könnte man schon wieder Sympathie für das Projekt hegen. Dann hätte es aber keine Rudi-Dutschke-Straße, sondern eine Maxeiner-und-Miersch-Straße gebraucht.

Internet:

Grüne Berlin: Für Dutschke - Mit Nein Stimmen
Linkspartei: Bürgerentscheid über Dutschke


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Kris Niemietz

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