23. Februar 2007

Wolfgang Bosbach Der Konservative vom Dienst

Das selbst schnell umgehangene Merz-Mäntelchen ist ihm ein paar Nummern zu groß

Vor kurzem erklärte sich das marktwirtschaftliche Aushängeschild der CDU/CSU-Fraktion, Friedrich Merz, außerstande, den sozialdemokratischen Kurs der Merkel-Regierung weiter mitzutragen. Merz war von Frau Merkel schon lange aus der ersten Reihe gedrängt worden – ganz so, wie mit geistig und moralisch besonders qualifizierten Aufsteigern umgesprungen wird, wenn sich mittelmäßige Führungskräfte durch sie bedroht fühlen. Die misslungene Gesundheitsreform hat für Merz nun das Fass zum Überlaufen gebracht. Er wird ins Privat- und Geschäftsleben wechseln.

Merz hat vermutlich nicht mit einem verbalen Trittbrettfahrer gerechnet, der es angesichts der Merkelverdrossenheit wohl gerade für opportun hält, seine frühere, dezidiert merkeltreue Position durch eine diffuse Position auszutauschen: Wolfgang Bosbach, neben den Herren Schönbohm und Kauder Konservativer vom Dienst bei der CDU. Auch er habe ähnliche Gedanken wie Merz, behauptet Bosbach. Man müsse „seinen politischen Überzeugungen treu bleiben“, ansonsten müsse man Konsequenzen ziehen. Noch sei er allerdings nicht so weit wie Merz, fügt er hinzu.

Merz, der einst in Bonn bei der feinen Korporation Bavaria seinen Schliff erhielt, dürfte die plattfüßigen Einlassungen des gelernten Einzelhandelskaufmannes (Abitur auf dem zweiten Bildungsweg) mit Ironie zur Kenntnis genommen haben. Denn Bosbach hat bisher noch so gut wie jeden sozialistischen Unsinn mitgetragen, mit dem die Bundesregierung das Volk beglückt hat. Schon zu rot-grünen Zeiten begrüßte der Linkskatholik einen rot-grünen Entwurf zur Offenlegung von „Managergehältern“, mit dem Neidkomplexe bedient und weiter angefacht werden sollten.

Am 11. Mai vergangenen Jahres rechtfertigte Bosbach im Bundestag unverhohlen das sogenannte Antidiskriminierungsgesetz, das sogar noch über die Vorgaben der EU hinausgeht. „Ein Restaurantbesitzer könnte einen Farbigen unter Hinweis auf dessen Hautfarbe nicht abweisen – richtig so! – aber einen Behinderten“, kritisierte Bosbach die seiner Ansicht nach nicht genügend dirigistischen Vorgaben aus Brüssel, und fügte couragiert hinzu: „Ein Freier Demokrat kann das mitmachen – ich nicht.“

Unvergessen ist das Video für Einwanderungswillige, mit dem die niederländische Regierung im vergangenen Jahr Spott auf sich zog. Darin werden unter anderem sich öffentlich küssende Homosexuelle, auf der „Love Parade“ hampelnde barbusige Frauen, sowie entblößte Badetouristen präsentiert. Bosbach nannte den Streifen, der wie eine böswillige Karikatur westeuropäischer Zustände wirkt, in der „Bild“-Zeitung allen Ernstes ein gutes Hilfsmittel, dessen Einsatz auch bei uns zu erwägen sei. „Das Leben in Deutschland sollte so dokumentiert werden, wie es ist“, phantasierte der „Konservative“.

In seinem Element ist Bosbach außerdem als innenpolitischer Scharfmacher, dem die unerbittliche Verteidigung des status quo wichtiger ist als lästige Einschränkungen bei der Kontrolle der Bürger. Folglich fordert er mehr europäischen Datenaustausch, mehr Videoüberwachung, erweiterte Kontrollbefugnisse aller möglichen Behörden und eine Zensur des Internet.

Kein Wunder, dass Merz inzwischen jegliche Gedankenspiele an eine Parteineugründung ad acta gelegt hat. Das ist eigentlich schade: Merz wird der deutschen Politik fehlen. Wolfgang Bosbach indessen wird ihr sicherlich noch lange erhalten bleiben.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Wolfgang Eschenau

Autor

Wolfgang Eschenau

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige