21. Juni 2007

Krippendebatte Ihr Kinderlein kommet

Über Kinder, Politiker und Eisverkäufer

„...oh kommet doch all’, zur Krippe her kommet...“ – allerdings leider nicht, wie im Weihnachts-Klassiker, „in Bethlehems Stall“, sondern „vom Staate bezahlt“. Und keineswegs zu Maria und Josef, sondern gerade weg von den Eltern. So zumindest stellt sich eine ganz große Koalition in der deutschen Politik die Zukunft der Kindererziehung vor. Möglichst frühzeitig sollen Papa und vor allem Mama von der Last der Fürsorge für ihren Nachwuchs befreit werden, die stattdessen die Allgemeinheit übernehmen soll, hier repräsentiert durch staatlich finanzierte Erzieher.

Denn schließlich ist es doch auch entwürdigend für eine Frau, wenn sie zuviel Zeit für ihre Rolle als Mutter verschwendet, die sie doch ebenso gut als Arbeiterin zubringen könnte! Und von den Kindern profitieren ja schließlich auch alle, erwirtschaften ja mal die Renten auch der kinderlosen Egomanen! Und überhaupt und außerdem, so viele Kinder, wie sie derzeit täglich irgendwo verhungern, da sind die Kleinen doch bei pädagogisch geschultem Aufsichtspersonal viel besser aufgehoben.

So oder so ähnlich lautet die frohe Kunde, die uns derzeit die Politiker ausnahmslos aller Bundestagsparteien verkünden. Anderslautende Meinungen sind, zumindest bei den gewählten Volksvertretern, praktisch nicht zu hören. Gänzlich abwegig scheint da das Weltbild eines katholischen Bischofs, der zur allgemeinen Empörung nicht aufhören will, in einer Frau, die sich für die Rolle als „Familienmanagerin“ (wie die TV-Werbung den Begriff „Hausfrau“ zeitgeistig, aber durchaus treffend ersetzt) und Mutter entscheidet, nichts minderwertiges erkennen will. Nicht mal die christlich-konservative CDU, schon gar nicht ihre siebenfache Supermutti und Familienministerin von der Leyen, will dem Gottesmann da beipflichten. Sicherlich: Die Politik vertritt mit ihrem Eintreten für „kostenlose“ Kinderbetreuung durchaus die Meinung einer Mehrheit in unserer Gesellschaft.

Frauen fühlen sich benachteiligt, wenn sie keiner Berufstätigkeit nachgehen, bekommen nur dann gesellschaftliche Anerkennung, wenn sie nicht nur zuhause, sondern auch im Job „ihren Mann stehen“. Dass Eltern zudem einen finanziellen Nachteil gegenüber Kinderlosen haben, da die „Erträge“ der „Investition Kinder“ in der Rentenkasse sozialisiert werden, die „Aufwendungen“ (auch und besonders in Form der Opportunitätskosten für die entgangene Arbeitszeit) dagegen trotz Steuererleichterungen und Kindergeld noch immer überwiegend von den Eltern zu tragen sind, ist unstrittig. Und gerade im bürgerlichen Milieu sind viele erschrocken über die Medienberichte über Verwahrlosung und Unterernährung bei Kindern der sog. „Unterschicht“.

Doch so gewichtig sind derlei Argumente nicht, dass sie erklären würden, warum die politische Debatte so gänzlich einseitig verläuft. Staatliche Erziehungsanstalten mögen gegenüber manchem Elternhaus ein Segen sein. Kinder aus Haushalten und Familien, wo sie vernachlässigt, gequält und misshandelt werden, wären zweifellos froh dort wegzukommen, gleich, wohin. Doch ob diese Kinder von ihren Eltern in Krippen gebracht würden, darf stark bezweifelt werden, eine Tatsache, die ein Einfallstor sein könnte, wenn demnächst die derzeit noch weitgehend unausgesprochene, aber bei vielen Politikern längst in Erwägung gezogene Frage einer zwangsweisen staatlichen Kindererziehung schon vor der Einschulung auf den Tisch kommen sollte.

Dass selbst schulpflichtige Kinder keineswegs vor heimischen Übergriffen geschützt sind, wie sich oft genug gezeigt hat, das wird in der Debatte selbstverständlich keine Rolle spielen. Schon gar nicht wird in diesem Zusammenhang thematisiert werden, wie oft Kinder in der Vergangenheit bereits Opfer gerade in öffentlichen Verwahranstalten geworden sind; das beginnt bei sexuellen Übergriffen in Kinderheimen und setzt sich fort zur längst alltäglichen Gewalt, der Kinder an öffentlichen Schulen ausgesetzt sind – von Mitschülern, meist physisch, und von Lehrern, meist psychisch.

Die Frage der angeblich fehlenden Gleichstellung von Mann und Frau derweil entpuppt sich als pure Ideologie. Es hat schlichtweg nichts mit Gleichberechtigung zu tun, wenn Frauen heute meinen, die Erfüllung nur in möglichst männlichen Tätigkeiten zu finden. Schon gar nicht ist es, wie die hassgetriebene Alice Schwarzer proklamiert, Zeichen von Emanzipation oder Befreiung, wenn Frauen diesen Weg einschlagen. Die wenigsten Frauen treffen eine freie, (selbst-)bewusste Entscheidung für die Gestaltung dieses Teils ihres Lebensweges. Wie Herdentiere folgen sie gesellschaftlichen Leitideen, damals wie heute. Es geht nicht darum, das alte kulturelle Leitbild, die alte Moral, das alte Rollenverständnis zu verteidigen.

Aber die „Entscheidung“ für ein Nebeneinander von Familie und Beruf hat heute so wenig etwas mit Individualismus zu tun, wie seinerzeit die „Entscheidung“ für die Rolle als Hausfrau und Mutter. Die meisten Frauen, die sie angeblich treffen, folgen doch nur der sozialen Norm. Eine rationale Begründung dafür, warum eine Mutter unserer Tage nun unbedingt zugleich noch einem Beruf nachgehen muss, während ihre Kinder beruflich von der kindergärtnernden Mutter der Nachbarskinder betreut wird, gibt es nicht. Dass es den Kinderbetreuungs-Ideologen auch gar nicht um die freie Entscheidung der einzelnen Mutter geht, zeigt die Vorgabe fester Planquoten: Mindestens 30 % aller Kinder sind in staatliche Betreuung zu bringen, sagt die Ministerin, ohne jemals evaluiert zu haben, ob überhaupt entsprechende Nachfrage besteht.

Sicherlich nicht von der Hand zu weisen sind die ökonomischen Nachteile, die Kinder für ihre Eltern bedeuten. Doch dabei sollte nicht vergessen werden, dass Eltern den psychologischen Nutzen, das Elternglück, schließlich auch nicht mit der Gesamtgesellschaft zu teilen brauchen. Wer Kinder hauptsächlich von der finanziellen Seite betrachtet, der sollte sich selbst und seinen potentiellen Nachkommen den Gefallen tun und sich die Elternschaft ersparen.

Nun mögen die Gegenargumente nicht jeden überzeugen. Dennoch ist es erstaunlich, dass unter den Politikern so gar keiner ernsthaften Widerstand zu leisten bereit ist beim Projekt „Verstaatlicht die Kinder!“. Tatsächlich hat dies Gründe, die mit der Sachdebatte gar nichts zu tun haben. Denn tatsächlich ist die Diskussion eben nur in der Politik wirklich einseitig; in der gesellschaftlichen Debatte, das zeigen die Beispiele etwa Bischof Mixas oder auch Eva Hermans, ist zumindest vorhanden, gleichwohl auch die veröffentlichte Meinung überwiegend wie so oft vom „linken“ Zeitgeist bestimmt wird. Und in der Bevölkerung, so eine repräsentative Emnid-Umfrage von September 2006, halten sich Anhänger und Gegner eines traditionellen Rollenverständnisses immerhin die Waage. Woher also kommt es, dass sich die Parteien so gänzlich einig sind?

Die Erklärung liefert die Ökonomie, genauer: die Spieltheorie. Stellen wir uns einen begrenzten Strand vor, an dem sich gleichmäßig Badegäste verteilt haben. An diesem Strand versuchen zwei Eisverkäufer Abnehmer zu finden. Beide könnten zusammen den gesamten Strand abdecken, wenn sich jeweils einer der beiden mittig in einer Strandhälfte positionieren würde. Nach einer Weile fällt einem der Eisverkäufer ein, dass er noch mehr Abnehmer hätte, wenn er ein paar Meter in Richtung seines Konkurrenten wandern würde. Er nimmt dadurch dem anderen Kunden ab, was dieser bemerkt und seinerseits ein Stück näher an seinen Mitbewerber heranrückt.

Das Spiel geht so eine ganze Weile weiter, bis am Ende beide genau in der Mitte des Strandes stehen. Die Badegäste an den Strandrändern haben keine Lust, so weit zu laufen, weswegen letztlich beide deutlich weniger verkaufen als in der Ausgangsposition. Genau in dieses „Eisverkäufer-am-Strand-Dilemma“ laufen auch politische Parteien. Diese versuchen, ihre Macht und die Zahl ihrer Amtsträger zu vergrößern, indem sie mehr Wählerstimmen erhalten. Wie die Eisverkäufer versuchen sie dabei, ihren Konkurrenten Wähler abspenstig zu machen. Sie wandern zur hartumkämpften „Mitte“, als deren Vertreter sich grade die Volksparteien so gerne selbst sehen. Die politische Ökonomie spricht von dieser Zielgruppe auch als „Median“-Wähler. Auch in der Politik bleiben an den Rändern schließlich enttäuschte Wähler zurück, die sich von den Parteien nicht mehr repräsentiert fühlen. In einem System mit mehr als zwei Parteien ist dies an sich relativ unproblematisch, da hier sehr schnell neue Parteien in das frei gewordene Klientel vordringen. In Deutschland aber besteht eine Sondersituation: Auf der politischen „Linken“ funktioniert die Problemlösung einwandfrei – die SPD spielt neue Mitte, am „linken“ Rand erblüht die WASG / Linkspartei. Im konservativen, „rechten“ Spektrum funktioniert dieses Spiel dagegen nicht.

Hier zerschellt jeder Versuch der Etablierung einer neuen politischen Kraft unter den wuchtigen Schlägen der Faschismuskeule – „rechts von Schwarz kommt Braun“, so ist die Ordnung in deutschen Malkästen. Rücken CDU und CSU also nach „links“, bleiben ihre Stammwähler am Wahltag zuhause. Und schon haben die rot-rot-grünen Hardcore-Etatisten eine Mehrheit. Und davon ganz abgesehen: Wofür brauchen wir noch eine pluralistische Parteienlandschaft, wenn am Ende alle fünf großen Parteien den gleichen Einheitsbrei vertreten, den wohl der merkwürdige Median-Wähler befürwortet, aber sonst eigentlich niemand? Wenn die Parteien ihre Rolle im politischen Spektrum unserer Gesellschaft nicht mehr einnehmen, dann können wir ja – passend zur Kindererziehung – auch hier gleich die DDR zum Vorbild nehmen und Einheitsliste wählen.

Nun mag es durchaus der Rolle der Unionsparteien im politischen Spektrum dieses Staates entsprechen, breite Wählerschichten integrieren zu müssen. Während man von der liberalen FDP durchaus erwarten dürfte, dass sie sich gegen jede Form von staatlicher Kinderbetreuung stellt, und zudem dem umlagefinanzierten Rentensystem und damit der Grundlage der Forderung nach staatlicher Familienpolitik ein Ende zu machen anstrebt (denn die sog. „Linksliberalen“, die eine solche Programmatik nicht mittragen würden, sind unter den FDP-Wählern ohnehin nicht vertreten, das entsprechende Milieu wählt heute grün; und die FDP-Funktionäre, die sich diesem Lager zurechnen, sind – wie Frau Pieper – allenfalls zweitklassige Sozialdemokraten), wäre das von der Union angesichts der politischen Realitäten wohl zuviel verlangt. Doch warum folgt die Union nicht dem von ökonomisch versierter Seite lancierten (und wohl letztlich an die Idee Milton Friedmans zur Privatisierung des Schulsystems angelehnten) Vorschlag, einen Betreuungsgutschein an die Eltern auszugeben, einzulösen entweder beim privatwirtschaftlichen Krippenbetreiber eigener Wahl oder, bei Müttern oder Vätern, die sich entscheiden, die Kinder selbst zu erziehen, beim Finanzamt?

Dann wären zumindest die Fronten klar: Gleichmacherei, Staatswirtschaft und ideologische Bevormundung bei der neosozialistischen Linken – Individualismus, Marktwirtschaft und freie Selbstbestimmung bei den Bürgerlichen. Diesen Unterschied nicht weiter zu verwischen wäre gut für die Freiheit in unserem Land – und, wie gezeigt, sogar im Eigeninteresse der Politiker.


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Thorsten Boiger

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