05. November 2007

Eva Herman bei Kerner und die Folgen Viele kleine Leute in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun

Sie können das Gesicht der Welt verändern

In der letzten Ausgabe von eigentümlich frei war in mehreren Artikeln von einem „Aufstand der Anständigen gegen die Unanständigkeit in den Medien“ die Rede. Und dabei insbesondere von einem „regelrechten Guerillakrieg“, der aus dem Internet heraus gegen die alten Medien geführt werde. Mittlerweile reagieren die alten Medien insofern, als sich immer mehr bekannte Journalisten (Leyendecker, Broder, Schirrmacher) abfällig über das Medium Internet äußern. Besonders gut lässt sich die momentane Graswurzelrevolution anhand der Debatte über Eva Herman veranschaulichen. Hier scheint es geradezu zwei Fronten zu geben: auf der einen Seite die weitgehend im Gleichschritt marschierenden klassischen Journalisten, auf der anderen die Bürger, die mit immer neuen Foren, Blogs und Leserkommentaren „ein Stück Demokratie zurückholen“ möchten. Arne Hoffmann hat für ef zwei Mitglieder einer nach der Kerner-Talkshow vom 9. Oktober entstandenen „Interessensgemeinschaft gegen Medienmanipulation“,  Mario Bohrmann und Luise Lehrkamp, zum Hintergrund ihrer Proteste befragt.

ef: Inwiefern hat eine einzelne umstrittene Sendung dazu geführt, dass Sie alle sich dermaßen stark engagieren?

Bohrmann: Es geht mittlerweile den meisten gar nicht mehr alleine um diese einzelne Sendung, sondern um die Gesamtheit der Einflüsse, die Medien auf die Meinungsbildung der Bevölkerung nehmen – gleich ob Printpresse, privates oder öffentlich-rechtliches Fernsehen und Hörfunk. Der „Kerner-Eklat“, wie wir es bezeichnen, macht nur besonders eindrucksvoll deutlich, dass offensichtlich doch eine Gleichschaltung der Medien existiert. Und bis heute werden verfälschte Zitate verwendet oder Sendungen nachträglich geschnitten, um die Bevölkerung maßgeblich zu beeinflussen. Wer sich wirklich mit den Artikeln und der Chronologie der Ereignisse rund um Eva Hermans Auftritte beschäftigt, kann zu keinem anderen Schluss kommen: Durch massive Manipulationen der Medien soll offensichtlich die Meinungsbildung der Bevölkerung beeinflusst und gewisse Themen und Personen diskreditiert werden. Es drängt sich der Eindruck auf, dass echte und offene Wertediskussionen nicht erwünscht sind in diesem Land.

ef: Sind Sie und Ihre Mitstreiter Anhänger der Thesen Eva Hermans?

Bohrmann: Ich persönlich kenne kein einziges Buch von ihr, nur einige daraus herausgelöste Thesen. Vielen anderen geht es auch so, dass alleine die Art und Weise, wie Frau Herman fertig gemacht werden sollte, genügt, um einen gesunden Gerechtigkeitssinn wieder zu aktivieren und sich das nicht mehr gefallen zu lassen. Dies geht auch weit über bloße „Mitleidsbekundungen“ gegenüber Frau Herman hinaus. Denn die Heftigkeit der Reaktionen nimmt tendenziell eher zu. Viele Deutsche meldeten sich hierzu auch aus dem Ausland. Teilweise erst jetzt, Wochen später, haben weitere Bürger die Möglichkeit wahrgenommen, sich nachträglich selbst zu informieren, da sie die „offizielle“ Berichterstattung zunehmend kritisch sehen. Das Internet machte es möglich, sich unzensierte Hintergrundinformationen zu verschaffen, die einem aus den Zeitungsständen und „Bild“-Schlagzeilen nicht unbedingt entgegenstrahlen. Ich benutze bewusst den Begriff „unzensiert“ angesichts der Behandlung des Themas durch die Verantwortlichen des ZDF. Konnte nämlich der Mitschnitt der Sendung in der ZDF-Mediathek zunächst noch im Original abgerufen werden, fand man bereits einige Tage später nur noch eine geschnittene Version vor, die eine Einspielung zu Beginn der Sendung, die bereits eine subtile Vorverurteilung Frau Hermans beinhaltete, nicht mehr verwendete. Zehntausende nutzten daher in den letzten Wochen die Möglichkeit, die ungeschnittene Sendung bei „YouTube“ noch einmal anzusehen und sich danach an unzähligen Forendiskussionen zu beteiligen.

ef: Haben Sie einen Überblick, wieviele Zuschauer ähnlich empört sind wie Sie?
Bohrmann: Nun, man muss hier unterscheiden zwischen jenen, die dies aktiv und sichtbar im Internet tun, und den vielen, die diese Möglichkeit vielleicht nicht haben oder nicht nutzen wollen. Und die noch herkömmlich per Telefon, Brief oder Fax protestieren. Wenn Sie sehen, dass alleine Frau Herman nach eigenen Angaben in den ersten zwei Wochen rund 20.000 Zuschriften aller Art erhalten hat, Briefe und Einträge in ihr Gästebuch, und dass auf verschiedenen Internetforen die Beiträge hierzu mittlerweile in die Hunderttausende gehen, dann kann man schon ableiten, dass ein solch aktiver und anhaltender Protest in diesem Lande wohl noch nie zuvor da war. Und das ist nur die sichtbare Spitze eines Eisbergs der Empörung, der im Gegensatz zur Arktis nicht abschmilzt, sondern eher anwächst.

ef: In welcher Form haben Sie Ihren Protest bisher geäußert?

Bohrmann: In allen mir möglichen Formen. Per Brief an den Intendanten und den Fernsehrat, in meinem Falle über die Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. Auch durch Leserbriefe und Kommentare an meine Lokalzeitung und einige Onlinejournale. Beschwerden gingen natürlich auch per Email ans ZDF und die JBK-Redaktion. Danach blieb nur noch weiterer Druck über das Online-Forum zur JBK-Sendung beim ZDF direkt. Gut 20.000 Beiträge sind auch dort in den letzten drei Wochen zusammengekommen. Dies war auch der Platz, an dem spontan drei Tage vorher zu einer „Mahnwache“ vor dem ZDF in Mainz für den 19. Oktober eingeladen wurde. Zur Mittagszeit fanden immerhin ein halbes Dutzend Vertreter der Zuschauermeinung zusammen. Eine Dame, die später auch selbst mit Herrn Dr. Bellut, dem Programmdirektor des ZDF, sprechen konnte, kam aus Augsburg mit Zug und Taxi zum ZDF auf den Lerchenberg angereist, worüber sich auch Dr. Bellut überrascht zeigte. Diese erste Mahnwache hat auch viele andere, kleine aber feine Versuche ausgelöst, mit Verantwortlichen des ZDF zu sprechen. Im Landesstudio in Düsseldorf und vor dem Hauptstadtstudio in Berlin kamen noch im Oktober weitere kleine Gruppen zusammen. Als nächstes planen einige einen Besuch in Hamburg bei der JBK-Produktion und rufen zur Mahnwache während der Fernsehratssitzung im Dezember auf.

ef: Frau Lehrkamp, Sie haben an der Mahnwache vor dem Mainzer ZDF teilgenommen. Wie lief das ab?

Lehrkamp: Wir kamen nach und nach an der Pforte des ZDF-Geländes zusammen, diskutierten miteinander und beschlossen dann, mit Herrn Bellut Kontakt aufzunehmen, zunächst um einen Termin zu vereinbaren. Herr Bellut fragte nach, wer wir seien und ob es um Eva Herman ginge. Ich erwiderte, wir würden ihm gern unsere Anliegen vortragen. Und: Nein, es ginge nicht um Eva Herman, sondern um die Qualität des Journalismus in Deutschland. Einige Minuten später erfolgte ein Rückruf mit der Nachricht, dass Herr Bellut zwei Personen empfangen würde. Die Dame aus Augsburg und ich nahmen das wahr. Vor Herrn Bellut und zweien seiner Mitarbeiter machten wir unseren Unmut über die Sendung deutlich und wir diskutierten dieses und angrenzende Themen.

ef: Wie hat Herr Bellut denn auf die zahlreichen Zuschauerbeschwerden reagiert? Welchen Eindruck hatten Sie von ihm?

Lehrkamp: Die große Anzahl an Zuschauerreaktionen – mehr als zum 11. September, was herkömmliche Post angeht – blieb zumindest nicht unbeachtet. Herrn Belluts Referenten schien sie sogar sehr beeindruckt zu haben. Während des Gespräches hatte ich die meiste Zeit den Eindruck, auf Augenhöhe diskutieren zu können. Ich fühlte mich mit meiner Kritik ernst genommen, obwohl ich ja journalistisch gesehen Laie bin. Die Kritik im einzelnen sah Herr Bellut nur punktuell gerechtfertigt. Dennoch äußerte er den Gedanken einer Sondersendung zum Thema Eva Herman bei Kerner. Das hörte sich recht konkret an. Ich bin sehr enttäuscht, dass diese Idee verworfen wurde. Es wäre in meinen Augen wenigstens ein Ansatz gewesen. So eine Sendung hätte Signalwirkung gehabt: „Wir nehmen euch als Zuschauer wahr und respektieren eure Kritik!“

ef: Der Sozialwissenschaftler Ronald Grossarth-Maticek hat die Kerner-Sendung mit einem Forschungskonzept untersucht, mit dem man die NS-Lastigkeit von Menschen nachweisen könne. Kerner und seine Gäste außer Eva Herman erhalten hier einen extrem hohen Wert, der laut Grossarth-Maticek „knapp unter dem Durchschnitt von Altnazis liegt“. Thomas Bellut hingegen erklärte nach den ersten drei Wochen des Protests in einem Interview mit dem „Kölner-Stadtanzeiger“, er fände es „nach wie vor sehr richtig“, was Kerner gemacht habe. Wie beurteilen Sie diese Reaktion – und generell das bisherige Krisenmanagement des ZDF?

Bohrmann: Welches Krisenmanagement? Es bestand darin, keine eigenen Fehler einzuräumen, keine Kommunikation mit der JBK-Redaktion direkt zuzulassen und die protestierenden Bürger zunächst analog der gesamten deutschen Printpresse in einen rechtslastigen Gesamtzusammenhang zu stellen. Die Untersuchung, die Sie erwähnen, ist sehr interessant. Die bisherigen offiziellen Verlautbarungen von ZDF und der Kerner Redaktion passen da rein und sind nur als boshaft uneinsichtig zu bezeichnen. Zeigte Dr. Bellut bei dem einstündigen Gespräch mit den beiden Teilnehmerinnen unserer Mahnwache noch deutliche Sorge über die heftigen Zuschauerreaktionen nach der Sendung, sind seine neuerlichen Äußerungen ein Schlag ins Gesicht von zehntausenden Bürgern, die überwiegend nur eine Richtigstellung und Entschuldigung von Herrn Kerner und dem ZDF fordern, da sie am 9. Oktober all die Taschenspielertricks der Medien durchschaut haben. In diesem Interview unterstellt Dr. Bellut den deutschen Zuschauern, eine durch zunehmende Amerikanisierung emotionalisierte Gesamtgesellschaft geworden zu sein, die „harte sachliche Auseinandersetzungen“ wie diese nicht mehr zu würdigen wüssten. Mit diesen neuerlichen Borniertheiten und der schier unerträglichen Arroganz meint Herr Dr Bellut, sich um die Zuschauer sorgen zu müssen, deren Intellekt er herabwürdigt? Damit kann er jedenfalls nicht die betreffende Kerner-Sendung gemeint haben. Diese war ein Paradebeispiel einer Häppchen-Emotions-Berichterstattung und Lichtjahre von einer sachlichen Auseinandersetzung entfernt.

ef: Sie sprechen in einem Thesenpapier von Verstößen des ZDF gegen den Rundfunkstaatsvertrag, den Pressecodex und das Grundgesetz. Was genau meinen Sie damit?

Bohrmann: Ohne sich jetzt in juristischen Feindefinitionen verlieren zu wollen, für die es ohnehin eines Staatsrechtlers bedarf, wurde vor allem deutlich gegen Art. 5 des Grundgesetzes verstoßen. Das Recht auf freie Meinungsäußerung wollte man Frau Herman nicht zubilligen, bevor sie nicht sinnverdrehte Äußerungen, die sie ja belegbar so nie getan hatte, zurücknahm. Der Pressecodex, der als freiwillige Selbstverpflichtungserklärung vom Presserat überwacht wird, erfährt ohnehin in der schreibenden Zunft kaum Beachtung. Maßgeblich wird hier fortgesetzt gegen die Ziffern 1 und 2 verstoßen. Das Gebot der Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde sowie die journalistische Sorgfaltspflicht wurden massiv missachtet. Hier geht es aber um das ZDF, einen durch Zwangsgebühren finanzierten öffentlich-rechtlichen Sender, der noch dazu per Staatsvertrag einen klar umrissenen Auftrag hat, hier in Paragraf 11 des Rundfunkstaatsvertrags geregelt. In Absatz 1 heißt es: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat durch die Herstellung und Verbreitung von Hörfunk- und Fernsehprogrammen als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken.“ Und weiter in Absatz 3: „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat bei Erfüllung seines Auftrags die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit der Angebote und Programme zu berücksichtigen.“ In Verbindung mit der bis heute verdrehten Berichterstattung wurde nicht nur gegen den hier bindend geltenden Pressecodex, sondern eben auch gegen den Staatsvertrag verstoßen, und zwar fortgesetzt bis heute.

ef: Wer trägt für Sie die Hauptverantwortung an diesem Desaster? Fordern Sie auch personelle Konsequenzen?

Bohrmann: Die Hauptverantwortung tragen natürlich Herr Kerner und seine Redaktion, die augenscheinlich sehr autark innerhalb des ZDF agieren können, aber natürlich auch das ZDF als Auftraggeber. Hier hätte, da es eine Aufzeichnung war, der Programmdirektor die Ausstrahlung in dieser Form meines Erachtens verhindern oder zumindest relativieren müssen. Das Gegenteil war aber der Fall. Marktschreierisch wurde über Videotext und in Onlinemedien bereits vor Ausstrahlung der Sendung darauf hingewiesen, dass Frau Herman am Abend aus dieser hinauskomplimentiert würde. Dies hatte nichts mit objektiver Berichterstattung zu tun, sondern war reine Quotenheischerei. Wenn man nun weiß, dass Markus Heidemanns, Redaktionschef des ZDF-Talks „Johannes B. Kerner“, Bruder von Martin Heidemanns, Mitglied der „Bild“-Chefredaktion ist, kann man sich auch die kurzen Wege zu diesem Medium erklären, da auch Bild-Online noch vor Ausstrahlung auf die Skandalsendung hinwies und in ihrer Printausgabe weitere zehn Tage Eva Herman zum Thema machte, allem voran mit der Schlagzeile: „Ist Eva Herman braun oder nur doof?“ Das ZDF und Herr Kerner hätten gut daran getan, eine ehrliche und öffentliche Entschuldigung an ihre Zuschauer und Frau Herman zu richten. Da das Gegenteil der Fall war, wundert nicht, dass viele nun die Absetzung Kerners und des Programmdirektors des ZDF fordern.

ef: Eine im Internet kursierende Forderung lautet: Wenn das ZDF unbedingt politisch indoktrinieren will und die Wünsche der zahlenden Zuschauer demonstrativ beiseitewischt, dann soll diese Sendeanstalt wenigstens auf Zwangsabgaben verzichten. Motto: Ich zahle nicht für Rufmord. Wie stehen Sie dazu?

Bohrmann: Der Grundgedanke scheint so falsch nicht, allerdings wird es schwer, hier wirklich etwas auszurichten. Ich weiß von einigen, dass sie mit Bezug auf diese Sendung der GEZ gekündigt haben, was diese aber zurückweist. Wünschenswert wäre einfach nur, dass die öffentlich-rechtlichen Sender ihre vertraglichen Pflichten gegenüber dem Staat und seiner Bevölkerung erfüllen. Dann wären diese Diskussionen obsolet. Bis das soweit ist, bleibt im Falle des ZDF nur eines: Abschalten. Bei Herrn Kerner sowieso.

ef: Welche anderen Forderungen stellen Sie? Und welche Ziele haben Sie?

Bohrmann: Nach wie vor fordern und fördern wir eine vollständige Aufarbeitung dieses Falles sowie eine Entschuldigung bei Frau Herman und den Zuschauern, vom ZDF wie auch von Herrn Kerner persönlich. Auch muss geklärt werden, warum bereits die DPA fehlerhafte Artikel noch vor Ausstrahlung der Sendung veröffentlichte, die dann munter von der deutschen Presselandschaft übernommen wurden. Für einen blindgläubigen „Copy-and-paste“-Journalismus genügen allerdings Hilfskräfte. Dazu braucht es kein Germanistikstudium oder eine journalistische Ausbildung. Ansonsten muss Ziel sein, den Sendern und Printmedien mehr auf die Finger zu sehen, damit Rufmord und vor allen Dingen ein Verzerren von Äußerungen nicht mehr so einfach sind und ohne wirkliche Konsequenzen bleiben. Hier ist auch ein Ansatz und eine Anregung für gesetzliche Veränderungen, die unsere „Interessengemeinschaft gegen Medienmanipulation“ einfordert und die ein Übel bei der Wurzel packen könnten: Gegendarstellungen von betroffenen Personen müssen den gleichen Raum, also Zeit im Fernsehen und Aufwand in Print, einnehmen dürfen, der zu ihrer Diskreditierung verwendet wurde – zumindest in extremen Fällen.

ef: Wie hat sich das aus Ihrer Sicht entwickelt, dass die „Vierte Gewalt“, die ursprünglich mal die Machthaber kontrollieren sollte, stattdessen jetzt die Meinungsfreiheit von Oppositionellen untergräbt?

Bohrmann: Ist Frau Herman denn als Oppositionelle zu bezeichnen, weil sie eine Wertedebatte anregt? Ich weiß es nicht, ich sehe nur, dass Politiker selbst vor dieser Medienmacht in die Knie gehen und kaum Rückgrat zeigen. Nehmen Sie als Beispiel den Auftritt von Frau Herman beim Fuldaer Katholikenkongress. Der hessische Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) trat wenige Tage zuvor als Schirmherr des Forums zurück, um gegen die Rede der Moderatorin zu protestieren. Der Zentralrat der Juden in Deutschland kritisierte Hermans Auftreten und das breite Lob dafür wieder mit der Nazi-Keule. Immer noch Frau Herman in sympathisierende Verbindung zur NS-Familienpolitik rückend, sagte Dieter Graumann, der Vizepräsident des Zentralrats, dies sei „nicht nur ein Armutszeugnis für die Teilnehmer, sondern auch eine Ohrfeige für all diejenigen, die sich über 60 Jahre in der Aufarbeitung der Nazi-Diktatur engagiert haben“. Bezeichnend ist doch, wer eine Lobby in der Presse besitzt und wer nicht. Wer erhält welche Aufmerksamkeit und Sendezeit? Bei wem werden Aussagen weitergegeben, wie sie gemacht wurden, und bei wem werden sie offenbar bewusst sinnentstellt? Wie es sich entwickelt hat, vermag ich nicht zu beurteilen, auch nicht, wer wirklich hier die Fäden zieht, aber dass diese Entwicklung nicht weitergehen darf , weiß ich schon.

ef: Sie sagten eingangs, es gehe Ihnen gar nicht mehr alleine um diese einzelne Sendung, sondern um die Gesamtsituation. Losgelöst von der Debatte um Eva Herman: Wo sonst sehen Sie Problembereiche in unseren Medien?

Bohrmann: Der offensichtliche Erpressungsjournalismus insbesondere der „Bild“-Zeitung ist doch altbekannt. Warum wird dagegen nichts unternommen? Der darüber hinaus immer mehr um sich greifende Emotionsjournalismus, insbesondere auch in den Privatsendern, ist auf reine Provokation aus, auf Steigerung der Gefühle, egal welcher. Hass, Neid, Gier und Verblendung werden zur Schau gestellt, gleichzeitig wird dazu ermutigt. Die subtile Hetze gegen Andersdenkende oder, seit dem Pseudo-Krieg gegen den Terror, insbesondere gegen alle Muslime ist für eigenständig denkende Menschen kaum noch zu ertragen. Die Medien sollen aufklären, nicht durch Unterdrückung von Wahrheiten oder Überspitzung von Einzelfällen ganze Volksgruppen, Religionsgemeinschaften oder Einzelpersonen in extreme Nöte bringen. Da wird die vom besoffenen deutschen Ehemann totgeprügelte Ehefrau mit einem Vierzeiler bedacht, der Prozess über den „Ehrenmord“, eine begriffliche Perversion in sich, an einer jungen Türkin aber über Wochen auf der Titelseite gehalten. Die Berichterstattung vermischt häufig einzelne religiöse Bräuche mit regionalen Traditionen und zunehmend auch Terrorverdacht, um so als einseitiges Gesamtbild einen strenggläubigen und vermeintlich aggressiven Islam zu präsentieren.

ef: Wie erklären Sie sich, dass unsere Medien einerseits Journalisten lieben, die mit erheblicher Energie eine feindselige Stimmung gegen Muslime schüren, aber andererseits so grundharmlose Naturen wie beispielsweise Martin Hohmann und Eva Herman zu Rechtsradikalen stilisieren? Sehen Sie gemeinsame Hintergründe in der Stimmungsmache gegen Muslime und der Stimmungsmache gegen Eva Herman?

Bohrmann: Leider lässt sich solch eine Frage nicht mit wenigen Sätzen beantworten, selbst wenn man wirklich die Antwort wüsste. Zusammenhänge zwischen beiden sehe ich nur thematisch. Bei der säkularisierten „deutschchristlichen“ Bevölkerung stehen die religiös begründeten Werte sicher nicht mehr so sehr im Vordergrund wie noch bei den Muslimen. Je stärker aber die Ausgrenzung und gleichzeitige Einkapselung anderer Bevölkerungsgruppen voranschreitet, desto deutlicher steigt auch deren Identifizierungsgrad mit der eigenen Kultur und die Abwendung von der Deutsch-Europäischen. Bei Muslimen und sicher auch bei Eva Hermans Thesen tritt das absolute Individualisierungsstreben, der gelebte und totgeborene Pfeiler unserer Gesellschaft, in den Hintergrund. Das gefällt tatsächlich vielen Achtundsechzigern und auch den Feministinnen sowie anderen Interessengruppen ganz und gar nicht. Und von diesen halten sich erhebliche Teile in den Chefetagen und Redaktionsbüros der „etablierten Presse“ auf. Und da wird gegen Leute wie Hohmann oder Herman mangels Alternative die Nazi-Keule verwendet. Bei Muslimen fruchtet das nur sehr bedingt, und man bedient sich subtilerer Methoden.

ef: Teilweise wird bei vielen Protestlern gegen die Mediengewalt auch Resignation deutlich. „Mir wird plötzlich klar, dass ich zu Unrecht die Elterngeneration verurteilt habe“, schreibt etwa eine Teilnehmerin des ZDF-Forums. „Mir wird klar, dass ich nicht einmal heute etwas gegen das offensichtliche Unrecht ausrichten kann, obwohl ich Gott-sei-Dank in einer freiheitlichen Gesellschaft lebe.“ Das führt mich zur zentralen Frage: Wie wollen Sie in einer Gesellschaft, in der ZDF, ARD, „Bild“ und etliche andere Medien dermaßen stark zusammenwirken wie heute, überhaupt politische Wirkung entfalten? Die Medienoligarchie braucht Ihren Protest doch nur totzuschweigen und der breiten Bevölkerung weiter ihre verzerrte Darstellung vorgaukeln, und irgendwann setzt sich dieses Bild allgemein durch. Oder?

Bohrmann: Sie haben natürlich recht. Bei vielen macht sich Resignation breit, obwohl sie die Tendenzen genau erkennen. Sie fühlen sich ohnmächtig. Aber was bleibt? Die Alternative, es geschehen zu lassen, führt nur dazu, dass mehr und mehr Deutsche die es sich leisten können, ins Ausland flüchten. Und dann? Den letzten beißen die Hunde. Ich habe viele derartige Kommentare gelesen. Ich bin aber in diesem Land geboren, es ist ein schönes, starkes Land, das unglaublich viel zu bieten hat. Natürlich besteht die Gefahr, dass alle Gegenbewegungen totgeschwiegen werden. Hier kann man derzeit nur auf die Kraft und Möglichkeiten des Internet setzen, solange es noch so frei ist wie derzeit. Und auf eine Verbreitung durch die Bevölkerung selbst. Schließlich wäre noch vor zehn Jahren ein Protest in dieser Form gar nicht möglich gewesen, Frau Herman hätte nur noch ins Ausland abtauchen können. Es hätten nicht zehntausende Menschen in Foren oder Kommentaren laut denken und aufschreien können. Es wären nicht unzählige Blogs zu diesem Thema eröffnet worden und auch die mittlerweile vom ZDF nachträglich geschnittenen Sendungen wären nicht mehr im Original abrufbar gewesen. Es gibt ein schönes afrikanisches Sprichwort: „Viele kleine Leute, in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Ich glaube an diese Kraft, wenngleich es noch lange dauern mag, bis die kritische Masse erreicht ist und diese vielen kleinen Menschen eine große Stimme werden. Wie am 9. November 1989. Den Versuch ist es in jedem Falle wert.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Arne Hoffmann

Über Arne Hoffmann

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige