28. Juni 2008

USA Wird Barack Obama der erste feministische Präsident?

Der Liebling vieler Europäer offenbart bedenkliche Züge

Von einem "Waterloo für den US-amerikanischen Feminismus" sprach die "taz" vor einer Woche, weil Hillary Clinton gegen Barack Obama den Kürzeren gezogen hatte. Während Clinton zu Beginn ihres Wahlkampfes noch sorgfältig vermieden hatte, als feministische Kandidatin aufzutreten, habe sie, je mehr ihr die Felle davonschwammen, um so mehr um die Frauenstimmen gebuhlt – auch indem sie sich immer wieder als Opfer sexistischer Angriffe darstellte. Auf ihrer Website prangte eine "Rechenmaschine", mit der angeblich jede Frau ausrechnen konnte, um wieviel sie bei ihrem Gehalt angeblich betrogen werde. (Die einzigen dafür nötigen Angaben waren Bundesstaat, Ausbildungslevel, Alter, Rasse und Jahresgehalt, so als ob nicht zig andere Faktoren in die berufliche Entlohnung hineinspielen würden.) Trotz all dieser Taschenspielereien wählten nur knapp 50 % der Demokratinnen Hillary, und zwar insbesondere die 50- bis 65-jährigen. Frauen in ihren 30ern und 40ern, das hatte die "New York Times" bereits im März festgestellt, lehnten Hillary Clintons "Schulterpolster-Feminismus" überwiegend ebenso ab wie die damit verbundene Sprücheklopferei ("Männer sind Schweine", "ich armes Opfer", "wir Schwestern müssen zusammenhalten" und so weiter). Die Vorgängerinnen-Generation reagierte auf diesen mangelnden Rückhalt unter den jungen Frauen sehr unwirsch. "Für Frauen auf dem Höhepunkt ihrer beruflichen Karriere wäre die Präsidentschaft von Clinton ein grandioser Endsieg gewesen", behauptete Frances Kiessling, Vorsitzende der "Vereinigung von Katholikinnen für die Abtreibung".

Die "taz" muss aber nicht in Trauer gehen. Den feministischen Ideologinnen dürfte ziemlich schnuppe sein, wer unter ihnen die USA regiert. Nein, das ist keien Anspielung auf einen Artikel der "Neuen Zürcher Zeitung", die am Mittwoch unter der neckischen Schlagzeile "Wer wird Präsidentin?" berichtete, wie sehr Obamas Website seine klassisch weiblichen Tugenden wie die "Sensibilität" und "Empathie" betone, ihn von "starken Frauen" geprägt zeige (von einer alleinerziehenden Mutter, einer liebevollen Grossmutter und einer beruflich erfolgreichen Ehefrau) sowie verkünde, wie stolz Obama darauf sei, an einer so "starken und mutigen" Kandidatin wie Hillary Clinton gereift zu sein. All das ist nicht das Problem von Obamas Website. Das eigentliche Problem dieser Website ist, dass auch sie sich den feministischen Mythos zu eigen gemacht hat, Frauen würden aufgrund von Diskriminierung für gleiche Arbeit nur drei Viertel so viel verdienen wie Männer. Diana Furchtgott-Roth, ehemals führende Wirtschaftswissenschaftlerin im amerikanischen Arbeitsministerium, hatte bereits im April in der "New York Sun" erklärt, warum das Unsinn ist, ein weiterer Artikel dazu fand sich später in der "Washington Times". Selbst die American Association of University Women hatte 2007 mit einer Studie das herausgefunden, was Feminismuskritiker wie Warren Farrell seit Jahren erklären: Ausschlaggebend für niedrigere Bezahlung ist die jeweils individuelle Wahl bestimmter Faktoren, die einen Arbeitsplatz in anderer Weise attraktiver machen (z.B. weniger Arbeitsstunden pro Woche) oder die einer Beschäftigung vorausgehen (z. B. die Jahre an Berufsausbildung und -erfahrung). Davon unbeeindruckt geht Obama immer noch mit dem feministischen Mythos auf Wahlkampftour – offenbar in der Zuversicht, dass ihm selbst der unberechtigte Eindruck, sie würden benachteiligt, die Unterstützung wütender Wählerinnen zutragen könnte. So wirbt Obama für einen "Fair Pay Restoration Act", der es Beschäftigten, die sich beim Lohn diskriminiert fühlen, erleichtern soll, gegen ihre Arbeitnehmer juristisch vorzugehen.

Auch ansonsten ist Obamas Website voll auf feministischer Linie, auch was irreführende Statistiken angeht. So verbreitet Obama dort die Behauptung, dass eine von vier Frauen in ihrer Partnerschaft misshandelt würde – wobei er verschweigt, dass die seriöse, unideologische Gewaltforschung seit Jahren immer übereinstimmender zu der Erkenntnis gelangt, dass Gewalt in Partnerschaften sogar überwiegend von Frauen initiiert wird und die Häufigkeit ihres Vorkommens insgesamt eher im einstelligen Prozentbereich liegt. Davon unbeeindruckt verspricht Obama, falls er gewählt werde, einen 25 Millionen Dollar starken Fonds, der Allianzen zwischen Gruppen, die "die häusliche Gewalt bekämpfen", und Vaterschafts-Programmen unterstützen soll. Obama verspricht, Frauen in den Naturwissenschaften "aggressiver zu unterstützen", und im Rahmen eines "Gesetzes für verantwortungsbewusste Vaterschaft und gesunde Familien" ("Responsible Fatherhood & Healthy Families Act") gegen unterhaltsflüchtige Männer "härter durchzugreifen".

Die Probleme, die Obama speziell mit Vätern hat, wurden vor einigen Tagen in seiner Rede zum Vatertag deutlich. Zunächst berichtete er von seinen eigenen Erfahrungen: wie unverantwortlich sein Vater seine Familie im Stich gelassen habe, wie distanziert sein Stiefvater und wie fehlerhaft sein Großvater gewesen sei. All das sei ihm nicht nur eine Lehre für seine eigene Familie gewesen (mit zwei Töchtern ist Obama in einer reinen Frauenfamilie angekommen), sondern auch für seine Politik. Weshalb er alle Väter aufrufe, sich wie Männer und nicht wie Kinder zu verhalten.

Das mag ja alles sein, argumentiert in der "Baltimore Sun" die konservative Journalistin Kathleen Parker, die sich mit ihrer Buch-Neuerscheinung "Save the Males" gerade zu den Amazon-Top-1000 vorkämpft. Allerdings seien solche Appelle ausgerechnet am Vatertag mehr als ungewöhnlich: "Halten wir einen Moment inne, um zu überlegen, welche Reaktionen Obama erhalten hätte, wenn er beschlossen hätte, am Muttertag Mütter zu kritisieren, die ihre Kinder vernachlässigen. Niemand, der noch klar bei Verstand ist, würde so etwas tun, aber wir haben uns so daran gewöhnt, Väter niederzumachen, dass selbst eine derartige Ermahnung am Vatertag Amerika nicht einmal mehr zwinkern lässt. Wir hören am Muttertag auch nicht viel über Frauen, von denen häusliche Gewalt einschließlich Kindesmisshandlung ausgeht."

Seine Töchter könnten sicher sein, "dass Frauen alles könnten, was die Jungen könnten" erklärte Obama gestern bei einer Walkampfveranstaltung mit Hillary. "Und sie können es besser! Und sie können es in Stöckelschuhen!" Wenige Tage zuvor hatte Obama seine erste Veranstaltung durchgeführt, zu der ausschließlich Frauen eingeladen waren – abgesehen natürlich von den Reportern, Helfern bei der Wahlkampagne und Sicherheitsagenten. Die Show wirkte wie ein exaktes Spiegelbild der Treffen von Republikanern, die über härtere Einwanderunsgesetze beraten, während sie hinten und vorne von Mexikanern zu Niedrigstlöhnen bedient werden. Ähnlich wie mit der aktuellen Forderung nach einer "Todesstrafe für Kinderschänder" (eine Forderung, die in der deutschen Parteienlandschaft nur von der NPD vertreten wird und sich mit der im US-Wahlkampf sonst gerne betonten "Heiligkeit des Lebens" doch ein wenig beißt) bedienen sich beide Präsidentschaftskandidaten inzwischen des billigsten Populismus. Obamas Heiligenschein flackert.

www.barackobama.com


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