12. Juli 2008

Tabubruch Redefreiheit für Faruk Sen!

Auch über "Die Türken sind die neuen Juden" muss man diskutieren dürfen

Um gleich mal mit einer besonders provokativen Behauptung einzusteigen: Alle paar Wochen findet man in der Berliner "taz" wirklich gelungene Artikel. So zum Beispiel letzten Dienstag. Unter der Überschrift "Grenzen des Akzeptablen" behauptet der jüdische Zuwanderer Sergey Lagodinsky: " Die Ressentiments gegen Juden einst und Türken heute lassen sich durchaus vergleichen. Wer eine solche Debatte tabuisieren will, der schadet letztlich selbst der Integration".

In Lagodinskys Artikel geht es um folgende Äußerung Faruk Sens, derzeit noch Leiter des Zentrums für Türkeistudien: "Obwohl sich unter diesen unseren Menschen, die sich seit 47 Jahren in der Mitte und im Westen des alternden Kontinents niederlassen, 125.000 Unternehmer befinden, die einen Umsatz von 45 Millarden Euro machen, sehen sie sich einer Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt, der schon die Juden, wenn auch auf einer anderen Skala und in unterschiedlicher Erscheinung, ausgesetzt waren". Die eingeschobene Differenzierung "wenn auch auf einer anderen Skala und in unterschiedlicher Erscheinung" wird bei der Berichterstattung über dieses Zitat gerne mal vergessen. (Wie sowas nur immer wieder passiert?) Sens Vergleich wurde scharf gerügt und vom nordrhein-westfälischen Integrationsminister Armin Laschet als "in besonderer Weise inakzeptabel" bewertet. Sen wurde zwangsbeurlaubt, ihm steht wegen seiner Meinungsäußerung nun eine "fristlose Kündigung" ins Haus. Der Vorstand des Zentrums für Türkeistudien, so hört man, droht mit Rücktritt, falls der 60-Jährige nicht sofort entlassen werde. Selbst der ausdrückliche Beistand des Zentralrats der Juden in Deutschland nützt ihm wenig. "Weil er Deutschland kritisierte, musste er gehen", schrieb die türkische Boulevardzeitung "Hürriyet" und beklagte einen Mangel an Pressefreiheit. Was all diese Vorgänge um Faruk Sen angeht, wendet Lagodinsky zu Recht ein: "Die Antwort auf die Frage, was denn genau an seinem Vergleich 'inakzeptabel' sein soll, bleiben die Kritiker Sens indes schuldig. Ebenso offen bleibt die Frage, wer genau solche Vergleiche nicht akzeptiert."

Lagodinsky argumentiert weiter: Zwar stehe die Einzigartigkeit des Holocausts außer Frage. Aber man dürfe den Vorwurf des Antisemitismus nicht auf diese Monstrosität reduzieren. Schließlich gebe es auch weit weniger einzigartige Diskriminierungserfahrungen davor und danach. "Dass zahlreiche jüdische Organisationen weltweit für Menschen- und Bürgerrechte eintreten, speist sich ja gerade aus der Sorge, dass sich die eigene Diskriminierungserfahrung unter anderen Minderheiten wiederholen könnte " Insofern erschienen "Vergleiche zwischen einzelnen Episoden der europäisch-jüdischen Geschichte und dem Umgang mit den heutigen Minderheiten in Europa meist als ein heikles, aber keineswegs skandalöses Unterfangen." Und es liege der Verdacht nahe, "dass die ablehnenden Reaktionen auf Sen nichts mit den Befindlichkeiten der Juden, sondern mehr mit den Befindlichkeiten der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu tun haben." Den Vergleich von Diskriminierungserfahrungen jedoch zu tabuisieren, um die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu schützen, das sei in Wahrheit inakzeptabel.

In der Tat stellt auch Faruk Sens Meinungsäußerung einen Verstoß gegen die politische Korrektheit hierzulande dar – eine Variante der politischen Korrektheit allerdings, die von konservativen PC-Kritikern gern übergangen wird. Man kann trefflich darüber streiten, ob Sens Vergleich angemessen ist, aber wenn eine Debatte als "inakzeptabel" abgewürgt, der Betreffende ausgegrenzt und ihm damit ein Maulkorb verpasst werden soll, war das in den vergangenen Jahren häufig ein untrügliches Zeichen dafür, dass die betreffende Person einen ganz besonders wunden Punkt getroffen hatte. (Man denke nur an Eva Hermans Kritik an einer "zum Teil gleichgeschalteten Presse".) Insbesondere wenn man sich die Äußerungen in den einschlägigen "islamkritischen" Blogs und Foren durchliest, ist die Art, wie über Faruk Sens vermutlich bevorstehende Entlassung gesprochen wird, sehr erhellend: Statt der immer wieder heraufbeschworener Menge "wieder mal beleidigter Muslime" stößt man dort auf eine ganz reale Menge wieder mal beleidigter Deutscher.

Das ist bemerkenswert, denn normalerweise geht die Rhetorik dieser Szene so: "Ihr zurückgebliebenen Musels müsst endlich mal kapieren, dass wir hier in Deutschland so etwas wie MEINUNGSFREIHEIT haben! Bei uns wird nicht einfach per ordre mufti verkündet, was gefälligst die Wahrheit zu sein hat. Das wird in einer offenen Debatte AUSDISKUTIERT! Wir haben nämlich im Gegensatz zu euch Doofies das ZEITALTER DER AUFKLÄRUNG als Teil unserer Geschichte!" Von denselben Leuten, die bittere Tränen darüber vergießen, dass Martin Hohmann wegen angeblich ebenfalls skandalöser Äußerungen aus der CDU geworfen wurde, ist über den nicht minder schäbigen Umgang mit Faruk Sen entweder gar nichts oder befriedigte Häme zu vernehmen – dieselbe Häme, die sich vor einigen Monaten zeigte, als Blogger, die es gewagt hatten, einen "Islamkritiker" ihrerseits scharf zu kritisieren, dafür juristisch mit Geldstrafen in fünfstelliger Höhe belangt wurden. Es sind solche Momente, in denen die permanente Selbstinszenierung der "Islamkritiker" als vorgebliche Liberale und Verteidiger der Meinungsfreiheit grandios scheitert. Während ich selbst zum Beispiel immer wieder die Meinungsfreiheit von Personen und Institutionen verteidigt habe, von deren zentralen Ansichten ich vielfach weit entfernt bin (Martin Hohmann, die "Junge Freiheit" und Eva Herman, um nur die bekanntesten zu nennen), verteidigen zahlreiche "Islamkritiker" lediglich die Freiheit ihrer eigenen Ressentiments. Lautstarke Forderungen nach Meinungsfreiheit auch für Menschen, deren Ansichten von den eigenen deutlich abweichen, konnte ich aus dieser Ecke noch nie vernehmen. Das allerdings ist mehr als billig: Für die Freiheit der eigenen Meinung ist nun wirklich jeder Sepp.

Einer der interessantesten Aspekte der Debatte um Faruk Sen ist, dass er als Sprecher von Muslimen offenbar das nicht sagen darf, was bei Sprechern von Juden völlig unbeanstandet bleibt. Schon 1997 hatte Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, befunden, dass in der deutschen Öffentlichkeit noch zahlreiche Vorurteile gegenüber dem Islam bestünden und dass vielen dieser Ressentiments "die gleichen Fehlinformationen zugrunde" lägen, die "früher zur Verachtung des Judentums" geführt hätten. Zehn Jahre später argumentierte die Jüdische Gemeinde Berlin sehr ähnlich und der jüdische Publizist Raphael Seligmann rief den "Islamkritiker" Ralph Giordano mit deutlichen Worten zur Umkehr auf: "Mit derselben Infamie haben deren unselige Vorväter einst ihre Judenfeindschaft begründet, später jüdische Gotteshäuser angesteckt und Juden erschlagen." Professor Rolf Verleger, gegenwärtiges Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, erkennt in einem Exkurs seines Buches "Israels Irrweg", es handele sich beim Hass gegen den Islam um den gleichen Fremdenhass wie beim Hass auf Juden. Und Anfang Mai 2008 dieses Jahres beschäftigte sich das Minerva-Institut für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv in einer Tagung mit dem Thema "Juden und Muslime in Deutschland", wobei sich der mitorganisierende Strafrechtler Shai Lavi ausdrücklich wunderte, "warum in Deutschland, zumindest deutscherseits, bei der Frage nach dem Umgang mit Muslimen nie an den Umgang mit Juden erinnert werde". In anderen Ländern (etwa Indien, Israel, Serbien und Russland) seien Ressentiments gegen Muslime schließlich schon oft genug in Gewalt umgeschlagen.

So sehr ich mir auch den Kopf darüber zerbreche, fallen mir nur zwei Erklärungen dazu ein, dass aus Faruk Sens Türken-Juden-Vergleich ein großer Skandal gestrickt wird und aus den ähnlich lautenden Vergleichen jüdischer Meinungsführer nicht. Die eine ist die bekannte Maxime "Quod licet Iovi non licet bovi". Auf diesen Fall übertragen: Was einem Juden erlaubt ist, ist einem Moslem noch lange nicht erlaubt. Die andere, nicht weniger schmeichelhafte Erklärung wäre, dass man die Meinungen jüdischer Prominenter einfach nicht so ernst nimmt, etwa nach dem herablassenden Motto "Naja, ihr seid nach dem Holocaust verständlicherweise alle ein bisschen übersensibilisiert." Beides wäre nichts weniger als unverschämt.

Wohin aber, und das ist vielleicht die wesentliche Frage, soll das von Laschet und Co. verhängte Meinungsverbot führen? Vor wenigen Tagen etwa befand Shahid Malik, der erste muslimische Minister Großbritanniens: "Wenn man heute Moslems fragt, wie sie sich fühlen, dann fühlen sie sich wie die Juden Europas. Ich möchte das nicht mit dem Holocaust gleichsetzen, aber so, wie es fast gerechtfertigt erschien - und an manchen Stellen immer noch ist - sich auf die Juden einzuschießen, würden viele Muslime sagen, dass wir uns ganz genauso fühlen. Wenn man an die früheren Entwicklungsstufen dessen zurückdenkt, was im Europa der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre vor sich ging, und an die Art, wie die Juden zu Sündenböcken gemacht und mit Klischeevorstellungen befrachtet wurden, dann kann ich vollkommen verstehen, dass sich die muslimische Gemeinschaft ähnlich fühlt." Angenommen, ein deutscher muslimischer Minister würde sich ähnlich äußern (natürlich muss man sich dazu erst mal vorstellen können, dass hierzulande ein Moslem Minister wird), müsste dieser dann so wie Sen zurücktreten, weil er eine in Laschets Augen "inakzeptable" Meinung geäußert hat?

Ich mache bei den unterschiedlichsten Themen immer wieder die Erfahrung, dass das, was in der wissenschaftlichen Fachliteratur seit langen Jahren breit diskutiert wird, in der öffentlichen Debatte immer noch einem Tabu unterliegt. So weist Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, in ihrem Grundlagenwerk "Die Darstellung des Islams in der Presse" (Ergon 2005) darauf hin, dass auch die Antisemiten des deutschen Kaiserreiches sich selbst als defensive Bewegung verstanden, und sie zeigt unter anderem anhand einer Ausgabe der "Gartenlaube" von 1873 Argumentationsfiguren auf, die einem aus der Islamfeindschaft der Gegenwart bekannt vorkommen: Die Juden, so hieß es, vermehrten sich gefährlich stark und gefährdeten mit ihrem Terrorismus unsere Werteordnung ("Hatten nicht mehrheitlich jüdische Attentäter 1881 Zar Alexander ermordet? War der Mörder des US-Präsidenten McKinley 1898 nicht ein jüdischer Anarchist?") Auch der Rauschgifthandel war angeblich "in jüdischer Hand". Schiffer führt aus: "Die Juden konnten es den Nichtjuden nicht recht machen. Entweder sie bewahrten ihre Kultur (auch äußerlich), dann wurden sie als integrationsverweigernd und antideutsch eingestuft, oder sie assimilierten sich, dann wurde ihnen Verstellung und Parasitentum unterstellt." Diese Zwickmühlen-Argumentation kommt einem aus gegenwärtigen Debatten ganz schön bekannt vor.

Weiter heißt es bei Sabine Schiffer: "Die These von der Unterwanderung durch die Juden wird pseudowissenschaftlich belegt durch Zitate – so zum Beispiel aus dem 5. Buch Mose: 'die Fremden magst du überwuchern (...), deinesgleichen nicht', die durch ihr Herausgerissensein aus dem Zusammenhang einen gänzlich falschen Eindruck erwecken. (...) Mithilfe seltsam anmutender Bilder von betenden Juden wird zudem ihre Zurechnungsfähigkeit angezweifelt. Die Religiösität der out-group wird der Rationalität der in-group gegenübergestellt (...)" An die heute in unseren Medien so beliebten Bilder massenhaft zum Gebet vornübergeneigter Muslime brauche ich hier wohl kaum eigens zu erinnern. Auch wurde die "Gefahr, die durch die Juden droht, in Kartenschaubildern visualisiert, die sinn-induktiv hintereinander geschnitten sind: eine graphische Darstellung der jüdischen Expansionsgeschichte" – was frappierend Schaubildern über die Ausbreitung des Islams ähnelt, wie man sie in Zeitschriftenartikeln unserer Tage findet. Bei ihrem Vergleich gelangt Schiffer zu dem Fazit: "Äußere Zeichen von Andersartigkeit sind nun nicht mehr Kaftan, Schläfenlocken und Kippa, sondern Bart und Kopftuch. Inzwischen wurde sogar die Tiermetaphorik des Rattenbilds auf den Islam übertragen." Müsste Sabine Schiffers Buch wegen dieser Argumentation demnächst mit einem Verbot rechnen, wenn es nach dem Willen von Laschet und Co. ginge?

Dabei ist Sabine Schiffer alles andere als eine Einzelstimme. Der Erfurter Kommunikationswissenschaftler Prof. Kai Hafez zum Beispiel widmet sich diesem Thema in seinem Aufsatz "Antisemitismus, Philosemitismus und Islamfeindlichkeit: ein Vergleich ethnisch-religiöser Medienbilder". Er gelangt zu dem Schluss: "Das Bild der Muslime heute ähnelt in erstaunlichem Maße dem der Juden im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wie Juden früher sind Muslime gegenwärtig dem Verdacht ausgesetzt, über eine Ideologie – den Islam, insbesondere den politischen Islam – zu verfügen, die sie zur Vernichtung der westlichen Kultur oder zur Eroberung des christlichen Abendlandes einsetzen." Genauer führt das der Berliner Soziologe Ahmed Ezzeldin in seinem Aufsatz "Islamfeindlichkeit und Antisemitismus" aus: "Doch weisen beide Ideologien gemeinsame Merkmale auf: Sie haben jeweils eine Religion, die mit dem Christentum verwandt ist, zum Bezugspunkt. (...) Juden und Moslems waren jahrhundertelang in der europäischen Geschichte Gegenstand von Feindbildern, wobei die in der Natur der Sache liegenden Unterschiede zwischen den Juden als innerer und den Moslems als (meist) äußerer Feind psychologisch unterschiedliche Funktionen des Feindbildes darstellen. Beide weisen den Juden bzw. Moslems feste Mentalitätseigenschaften zu, die als dem europäischen Kulturkreis fremd empfunden werden und selbst bei widersprechender Erfahrung resistent sind." Ezzeldin befindet, "dass die Islamfeindlichkeit in der europäischen Geschichte ebenso tiefe Wurzeln hat wie der Antisemitismus und dass es fatale Folgen haben kann, dieses Problem zu vernachlässigen oder zu verharmlosen".

Bereits in den siebziger Jahren stellte der Soziologe Bernd Marin fest, dass antisemitische Stereotype auch auf "die Muslime" übertragen würden. So wurden die Ölscheichs damals als internationale, übermächtige, dekadente, fremdartige und parasitäre Kapitalistenclique porträtiert. Antisemiten glauben, dass "die Juden" die Medien kontrollieren; heute verwenden "islamkritische" Blogger Schlagzeilen wie "Islamisten steuern deutsche Medien". Das Ganze wirkt in vielerlei Hinsicht tatsächlich wie alte Gülle in neuen Schläuchen. Natürlich kann man widersprechen und darlegen, warum dieser Vergleich dennoch schief sei, ihn aber nach dem Motto "Wer sowas sagt, fliegt!" zu verbieten, zeugt nicht gerade von einer Gesinnung, die in eine freie Gesellschaft passt.

Gegen eine Gleichsetzung von Antisemitismus und Islamophobie spricht sich etwa Matti Bunzl in seinem Sammelband "Anti-Semitism and Islamophobia: Hatreds Old and New in Europe" (Prickly Paradigm Press 2007) aus. Bunzls zentrale These nämlich lautet, dass während der Antisemitismus als Instrument zur Verteidigung des "rassisch reinen" Nationalstaats gegen "Zersetzung von außen" verwendet wurde, die heutige Islamophobie einer rhetorischen Verteidigung des überstaatlichen neuen Europas gegen eine ähnlich herbeigeschworene Gefahr diene. Die anderen Autoren seines Sammelbandes sehen dies in wesentlichen Punkten ähnlich. Susan Buck-Morss, Professorin für Politik an der New Yorker Cornell University, argumentiert: "Der heutige gobale Wettbewerb hat zu einer allgemeinen Unsicherheit geführt, die jetzt auch zuvor noch geschützte Bevölkerungen in der entwickelten Welt spüren; diese haben jetzt den unbestimmten Eindruck, dass Europa bzw. die westliche Zivilisation angegriffen wird. Islamophobie überdeckt Konflikte innerhalb Europas mit dem Anstrich einer zivilisatorischen Einheit und ähnelt dabei in ihrer Form und Funktion den innernationalen Rassismen, die es in westlichen Ländern während der Rezession der dreißiger Jahre gab."

Wenn an die Stelle des Juden inzwischen der Moslem rücke, bleibe die Rhetorik aber bemerkenswert ähnlich, wie Adam Sutcliffe, Geschichtswissenschaftler am Londoner King's College, erklärt: "'Die' sind dogmatisch, fanatisch, unterdrücken Frauen, hassen Schwule, unterdrücken die freie Rede und neigen zur Gewalt, 'wir' im Vergleich dazu sind es nicht. (...) Für Voltaire, um den bekanntesten Namen zu nennen, standen die barbarischen, abergläubischen und primitiven Juden als klares Gegenstück zu seinen eigenen, weniger klar beschriebenen Idealen von friedvoller und rationaler Zivilisation. Voltaires guter Ruf als führender Verteidiger der Toleranz wurde nicht untergraben, sondern sogar noch unterstrichen durch seine wiederholten Attacken auf die Gewalt und Idiotie jüdischer Engstirnigkeit und Intoleranz." Selbst die aus der Islamdebatte wohlbekannten Vorwürfe der Frauenfeindlichkeit und der beängstigend hohen Geburtenrate hatten Rassisten vor über hundert Jahren bereits gegen die Juden gerichtet. Sutcliffe erläutert auch, inwiefern sich radikal rechte Parteien in verschiedenen Ländern Europas (etwa die "British National Party") in den letzten Jahren zunehmend vom Antisemitismus distanzierten und stattdessen Muslime zum neuen Feindbild wählten.

"Wenn die politische Staatengemeinschaft der Europäer sich ihrer christlichen Wurzeln zu erinnern beginnt", sagt der Geschichtswissenschaftler Dan Diner voraus, "werden sich der klassische Antisemitismus und die Islamophobie als Ideologie einander annähern und einander ähnlich werden. Natürlich hoffen wir, dass das nicht passiert." Diner ist einer "linksgrün-gutmenschfaschistischen" Geisteshaltung (um die Sprache der "islamkritischen" Szene zu verwenden) ebenso unverdächtig wie die anderen Autoren dieses Sammelbandes. Ginge es nach Laschet und den Seinen, dürfte man wohl kaum so schnell mit einer Übersetzung ins Deutsche rechnen.

Laschet und die nordrhein-westfälische FDP (von der Medienberichten zufolge die Attacken auf Faruk Sen zu einem großen Teil mitgetragen werden) mögen sich mit Vokabeln wie "skandalös" und "inakzeptabel" so lange ereifern, wie sie wollen. Sie werden mit einem bloßen Verbot die schon längst weit verbreiteten Meinungen nicht unterdrücken können. Bereits im "Migrationsreport 2006" fand man folgende Passage: "Immer häufiger wird in Diskussionen mit Muslimen auf das Schicksal der Juden verwiesen. 'Vor dem elften September hatte ich das Gefühl, ich sollte einfach mit der Türkei brechen. Was habe ich noch mit der Türkei zu schaffen. Das Land ist mir fremd geworden. Inzwischen glaube ich nicht mehr, dass wir gut beraten wären, die Brücken zur Türkei abzubrechen. Vielleicht brauchen wir das Land eines Tages.'" Das erinnert schon sehr an die Beziehung vieler Juden zu Israel. Und in seinem Vortrag "Massenmedien, Migration und positive Differenz", gehalten anlässlich des Orientalischen Seminars der Universität Zürich im November 2006, zitiert Professor Jörg Becker einen 17jährigen Einwanderer, der sich über das Integrationsangebot der Mehrheitsgesellschaft an deutsch-türkische Migranten mit den folgenden Worten geäußert habe: "Und wie wurden in Deutschland die Juden angesehen? Hast du schon mal daran gedacht? Die haben sich doch total angepasst. Die sind für Deutschland sogar jubelnd in den Krieg mitgezogen und nachher wurden sie verarscht. Ab ins KZ." Man mag solche Vergleiche von türkischen Zuwanderern als vermessen, hysterisch oder paranoid brandmarken, insbesondere wenn man daran interessiert ist, die Kontroverse weiter anzuheizen. Wenn man allerdings als Integrationsminister wie Laschet die Aufgabe hat, auf möglichst konstruktive Weise bei der Eingliederung der türkischstämmigen Minderheit in die deutsche Mehrheitsgesellschaft mitzuwirken, sollte man sich mit solchen Befindlichkeiten und Ängsten schon ernsthaft auseinandersetzen, statt sie zum Skandal zu erklären und schlicht verbieten zu wollen.

Eine interessante Information erhielt man dieser Tage übrigens in dem Blog des "Zeit"-Journalisten Jörg Lau. Ihm zufolge habe es auf der Website www.jungemuslime.de folgende Verhaltensregel gegeben: "Ab sofort ist es verboten, die Lage der Muslime mit der Lage der Juden in der NS-Zeit zu vergleichen oder anzudeuten, dass Antisemitismus durch Antimuslimismus ersetzt wird." Alle Achtung, das ist auch nicht ohne: eine These, die in der wissenschaftlichen Fachliteratur seit mehreren Jahren ernsthaft diskutiert wird, mal eben so als nicht statthaft zu untersagen. Hätte es umgekehrt ein vergleichbares Meinungsäußerungsverbot für nicht-muslimische Deutsche in einem nicht-muslimischen Blog gegeben, hätten die Vertreter der islamophoben Szene von einem "Akt vorauseilender Unterwerfung" gesprochen. Und in diesem Fall hätten sie Recht damit gehabt.

Linkliste:

"Grenzen des Akzeptablen"

"FDP unter Mobbing-Verdacht"

von Prof. Faruk Sen erstellter Pressespiegel zur Debatte


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