Arne Hoffmann

Jg. 1969, Medienwissenschaftler und Journalist. Regelmäßiger Kolumnist der Zeitschrift eigentümlich frei.

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Tabubruch: Redefreiheit für Faruk Sen!

von Arne Hoffmann

Auch über "Die Türken sind die neuen Juden" muss man diskutieren dürfen

Um gleich mal mit einer besonders provokativen Behauptung einzusteigen: Alle paar Wochen findet man in der Berliner "taz" wirklich gelungene Artikel. So zum Beispiel letzten Dienstag. Unter der Überschrift "Grenzen des Akzeptablen" behauptet der jüdische Zuwanderer Sergey Lagodinsky: " Die Ressentiments gegen Juden einst und Türken heute lassen sich durchaus vergleichen. Wer eine solche Debatte tabuisieren will, der schadet letztlich selbst der Integration".

In Lagodinskys Artikel geht es um folgende Äußerung Faruk Sens, derzeit noch Leiter des Zentrums für Türkeistudien: "Obwohl sich unter diesen unseren Menschen, die sich seit 47 Jahren in der Mitte und im Westen des alternden Kontinents niederlassen, 125.000 Unternehmer befinden, die einen Umsatz von 45 Millarden Euro machen, sehen sie sich einer Diskriminierung und Ausgrenzung ausgesetzt, der schon die Juden, wenn auch auf einer anderen Skala und in unterschiedlicher Erscheinung, ausgesetzt waren". Die eingeschobene Differenzierung "wenn auch auf einer anderen Skala und in unterschiedlicher Erscheinung" wird bei der Berichterstattung über dieses Zitat gerne mal vergessen. (Wie sowas nur immer wieder passiert?) Sens Vergleich wurde scharf gerügt und vom nordrhein-westfälischen Integrationsminister Armin Laschet als "in besonderer Weise inakzeptabel" bewertet. Sen wurde zwangsbeurlaubt, ihm steht wegen seiner Meinungsäußerung nun eine "fristlose Kündigung" ins Haus. Der Vorstand des Zentrums für Türkeistudien, so hört man, droht mit Rücktritt, falls der 60-Jährige nicht sofort entlassen werde. Selbst der ausdrückliche Beistand des Zentralrats der Juden in Deutschland nützt ihm wenig. "Weil er Deutschland kritisierte, musste er gehen", schrieb die türkische Boulevardzeitung "Hürriyet" und beklagte einen Mangel an Pressefreiheit. Was all diese Vorgänge um Faruk Sen angeht, wendet Lagodinsky zu Recht ein: "Die Antwort auf die Frage, was denn genau an seinem Vergleich 'inakzeptabel' sein soll, bleiben die Kritiker Sens indes schuldig. Ebenso offen bleibt die Frage, wer genau solche Vergleiche nicht akzeptiert."

Lagodinsky argumentiert weiter: Zwar stehe die Einzigartigkeit des Holocausts außer Frage. Aber man dürfe den Vorwurf des Antisemitismus nicht auf diese Monstrosität reduzieren. Schließlich gebe es auch weit weniger einzigartige Diskriminierungserfahrungen davor und danach. "Dass zahlreiche jüdische Organisationen weltweit für Menschen- und Bürgerrechte eintreten, speist sich ja gerade aus der Sorge, dass sich die eigene Diskriminierungserfahrung unter anderen Minderheiten wiederholen könnte " Insofern erschienen "Vergleiche zwischen einzelnen Episoden der europäisch-jüdischen Geschichte und dem Umgang mit den heutigen Minderheiten in Europa meist als ein heikles, aber keineswegs skandalöses Unterfangen." Und es liege der Verdacht nahe, "dass die ablehnenden Reaktionen auf Sen nichts mit den Befindlichkeiten der Juden, sondern mehr mit den Befindlichkeiten der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu tun haben." Den Vergleich von Diskriminierungserfahrungen jedoch zu tabuisieren, um die deutsche Mehrheitsgesellschaft zu schützen, das sei in Wahrheit inakzeptabel.

In der Tat stellt auch Faruk Sens Meinungsäußerung einen Verstoß gegen die politische Korrektheit hierzulande dar – eine Variante der politischen Korrektheit allerdings, die von konservativen PC-Kritikern gern übergangen wird. Man kann trefflich darüber streiten, ob Sens Vergleich angemessen ist, aber wenn eine Debatte als "inakzeptabel" abgewürgt, der Betreffende ausgegrenzt und ihm damit ein Maulkorb verpasst werden soll, war das in den vergangenen Jahren häufig ein untrügliches Zeichen dafür, dass die betreffende Person einen ganz besonders wunden Punkt getroffen hatte. (Man denke nur an Eva Hermans Kritik an einer "zum Teil gleichgeschalteten Presse".) Insbesondere wenn man sich die Äußerungen in den einschlägigen "islamkritischen" Blogs und Foren durchliest, ist die Art, wie über Faruk Sens vermutlich bevorstehende Entlassung gesprochen wird, sehr erhellend: Statt der immer wieder heraufbeschworener Menge "wieder mal beleidigter Muslime" stößt man dort auf eine ganz reale Menge wieder mal beleidigter Deutscher.

Das ist bemerkenswert, denn normalerweise geht die Rhetorik dieser Szene so: "Ihr zurückgebliebenen Musels müsst endlich mal kapieren, dass wir hier in Deutschland so etwas wie MEINUNGSFREIHEIT haben! Bei uns wird nicht einfach per ordre mufti verkündet, was gefälligst die Wahrheit zu sein hat. Das wird in einer offenen Debatte AUSDISKUTIERT! Wir haben nämlich im Gegensatz zu euch Doofies das ZEITALTER DER AUFKLÄRUNG als Teil unserer Geschichte!" Von denselben Leuten, die bittere Tränen darüber vergießen, dass Martin Hohmann wegen angeblich ebenfalls skandalöser Äußerungen aus der CDU geworfen wurde, ist über den nicht minder schäbigen Umgang mit Faruk Sen entweder gar nichts oder befriedigte Häme zu vernehmen – dieselbe Häme, die sich vor einigen Monaten zeigte, als Blogger, die es gewagt hatten, einen "Islamkritiker" ihrerseits scharf zu kritisieren, dafür juristisch mit Geldstrafen in fünfstelliger Höhe belangt wurden. Es sind solche Momente, in denen die permanente Selbstinszenierung der "Islamkritiker" als vorgebliche Liberale und Verteidiger der Meinungsfreiheit grandios scheitert. Während ich selbst zum Beispiel immer wieder die Meinungsfreiheit von Personen und Institutionen verteidigt habe, von deren zentralen Ansichten ich vielfach weit entfernt bin (Martin Hohmann, die "Junge Freiheit" und Eva Herman, um nur die bekanntesten zu nennen), verteidigen zahlreiche "Islamkritiker" lediglich die Freiheit ihrer eigenen Ressentiments. Lautstarke Forderungen nach Meinungsfreiheit auch für Menschen, deren Ansichten von den eigenen deutlich abweichen, konnte ich aus dieser Ecke noch nie vernehmen. Das allerdings ist mehr als billig: Für die Freiheit der eigenen Meinung ist nun wirklich jeder Sepp.

Einer der interessantesten Aspekte der Debatte um Faruk Sen ist, dass er als Sprecher von Muslimen offenbar das nicht sagen darf, was bei Sprechern von Juden völlig unbeanstandet bleibt. Schon 1997 hatte Ignatz Bubis, damals Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, befunden, dass in der deutschen Öffentlichkeit noch zahlreiche Vorurteile gegenüber dem Islam bestünden und dass vielen dieser Ressentiments "die gleichen Fehlinformationen zugrunde" lägen, die "früher zur Verachtung des Judentums" geführt hätten. Zehn Jahre später argumentierte die Jüdische Gemeinde Berlin sehr ähnlich und der jüdische Publizist Raphael Seligmann rief den "Islamkritiker" Ralph Giordano mit deutlichen Worten zur Umkehr auf: "Mit derselben Infamie haben deren unselige Vorväter einst ihre Judenfeindschaft begründet, später jüdische Gotteshäuser angesteckt und Juden erschlagen." Professor Rolf Verleger, gegenwärtiges Direktoriumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, erkennt in einem Exkurs seines Buches "Israels Irrweg", es handele sich beim Hass gegen den Islam um den gleichen Fremdenhass wie beim Hass auf Juden. Und Anfang Mai 2008 dieses Jahres beschäftigte sich das Minerva-Institut für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv in einer Tagung mit dem Thema "Juden und Muslime in Deutschland", wobei sich der mitorganisierende Strafrechtler Shai Lavi ausdrücklich wunderte, "warum in Deutschland, zumindest deutscherseits, bei der Frage nach dem Umgang mit Muslimen nie an den Umgang mit Juden erinnert werde". In anderen Ländern (etwa Indien, Israel, Serbien und Russland) seien Ressentiments gegen Muslime schließlich schon oft genug in Gewalt umgeschlagen.

So sehr ich mir auch den Kopf darüber zerbreche, fallen mir nur zwei Erklärungen dazu ein, dass aus Faruk Sens Türken-Juden-Vergleich ein großer Skandal gestrickt wird und aus den ähnlich lautenden Vergleichen jüdischer Meinungsführer nicht. Die eine ist die bekannte Maxime "Quod licet Iovi non licet bovi". Auf diesen Fall übertragen: Was einem Juden erlaubt ist, ist einem Moslem noch lange nicht erlaubt. Die andere, nicht weniger schmeichelhafte Erklärung wäre, dass man die Meinungen jüdischer Prominenter einfach nicht so ernst nimmt, etwa nach dem herablassenden Motto "Naja, ihr seid nach dem Holocaust verständlicherweise alle ein bisschen übersensibilisiert." Beides wäre nichts weniger als unverschämt.

Wohin aber, und das ist vielleicht die wesentliche Frage, soll das von Laschet und Co. verhängte Meinungsverbot führen? Vor wenigen Tagen etwa befand Shahid Malik, der erste muslimische Minister Großbritanniens: "Wenn man heute Moslems fragt, wie sie sich fühlen, dann fühlen sie sich wie die Juden Europas. Ich möchte das nicht mit dem Holocaust gleichsetzen, aber so, wie es fast gerechtfertigt erschien - und an manchen Stellen immer noch ist - sich auf die Juden einzuschießen, würden viele Muslime sagen, dass wir uns ganz genauso fühlen. Wenn man an die früheren Entwicklungsstufen dessen zurückdenkt, was im Europa der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre vor sich ging, und an die Art, wie die Juden zu Sündenböcken gemacht und mit Klischeevorstellungen befrachtet wurden, dann kann ich vollkommen verstehen, dass sich die muslimische Gemeinschaft ähnlich fühlt." Angenommen, ein deutscher muslimischer Minister würde sich ähnlich äußern (natürlich muss man sich dazu erst mal vorstellen können, dass hierzulande ein Moslem Minister wird), müsste dieser dann so wie Sen zurücktreten, weil er eine in Laschets Augen "inakzeptable" Meinung geäußert hat?

Ich mache bei den unterschiedlichsten Themen immer wieder die Erfahrung, dass das, was in der wissenschaftlichen Fachliteratur seit langen Jahren breit diskutiert wird, in der öffentlichen Debatte immer noch einem Tabu unterliegt. So weist Sabine Schiffer, Leiterin des Instituts für Medienverantwortung in Erlangen, in ihrem Grundlagenwerk "Die Darstellung des Islams in der Presse" (Ergon 2005) darauf hin, dass auch die Antisemiten des deutschen Kaiserreiches sich selbst als defensive Bewegung verstanden, und sie zeigt unter anderem anhand einer Ausgabe der "Gartenlaube" von 1873 Argumentationsfiguren auf, die einem aus der Islamfeindschaft der Gegenwart bekannt vorkommen: Die Juden, so hieß es, vermehrten sich gefährlich stark und gefährdeten mit ihrem Terrorismus unsere Werteordnung ("Hatten nicht mehrheitlich jüdische Attentäter 1881 Zar Alexander ermordet? War der Mörder des US-Präsidenten McKinley 1898 nicht ein jüdischer Anarchist?") Auch der Rauschgifthandel war angeblich "in jüdischer Hand". Schiffer führt aus: "Die Juden konnten es den Nichtjuden nicht recht machen. Entweder sie bewahrten ihre Kultur (auch äußerlich), dann wurden sie als integrationsverweigernd und antideutsch eingestuft, oder sie assimilierten sich, dann wurde ihnen Verstellung und Parasitentum unterstellt." Diese Zwickmühlen-Argumentation kommt einem aus gegenwärtigen Debatten ganz schön bekannt vor.

Weiter heißt es bei Sabine Schiffer: "Die These von der Unterwanderung durch die Juden wird pseudowissenschaftlich belegt durch Zitate – so zum Beispiel aus dem 5. Buch Mose: 'die Fremden magst du überwuchern (...), deinesgleichen nicht', die durch ihr Herausgerissensein aus dem Zusammenhang einen gänzlich falschen Eindruck erwecken. (...) Mithilfe seltsam anmutender Bilder von betenden Juden wird zudem ihre Zurechnungsfähigkeit angezweifelt. Die Religiösität der out-group wird der Rationalität der in-group gegenübergestellt (...)" An die heute in unseren Medien so beliebten Bilder massenhaft zum Gebet vornübergeneigter Muslime brauche ich hier wohl kaum eigens zu erinnern. Auch wurde die "Gefahr, die durch die Juden droht, in Kartenschaubildern visualisiert, die sinn-induktiv hintereinander geschnitten sind: eine graphische Darstellung der jüdischen Expansionsgeschichte" – was frappierend Schaubildern über die Ausbreitung des Islams ähnelt, wie man sie in Zeitschriftenartikeln unserer Tage findet. Bei ihrem Vergleich gelangt Schiffer zu dem Fazit: "Äußere Zeichen von Andersartigkeit sind nun nicht mehr Kaftan, Schläfenlocken und Kippa, sondern Bart und Kopftuch. Inzwischen wurde sogar die Tiermetaphorik des Rattenbilds auf den Islam übertragen." Müsste Sabine Schiffers Buch wegen dieser Argumentation demnächst mit einem Verbot rechnen, wenn es nach dem Willen von Laschet und Co. ginge?

Dabei ist Sabine Schiffer alles andere als eine Einzelstimme. Der Erfurter Kommunikationswissenschaftler Prof. Kai Hafez zum Beispiel widmet sich diesem Thema in seinem Aufsatz "Antisemitismus, Philosemitismus und Islamfeindlichkeit: ein Vergleich ethnisch-religiöser Medienbilder". Er gelangt zu dem Schluss: "Das Bild der Muslime heute ähnelt in erstaunlichem Maße dem der Juden im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wie Juden früher sind Muslime gegenwärtig dem Verdacht ausgesetzt, über eine Ideologie – den Islam, insbesondere den politischen Islam – zu verfügen, die sie zur Vernichtung der westlichen Kultur oder zur Eroberung des christlichen Abendlandes einsetzen." Genauer führt das der Berliner Soziologe Ahmed Ezzeldin in seinem Aufsatz "Islamfeindlichkeit und Antisemitismus" aus: "Doch weisen beide Ideologien gemeinsame Merkmale auf: Sie haben jeweils eine Religion, die mit dem Christentum verwandt ist, zum Bezugspunkt. (...) Juden und Moslems waren jahrhundertelang in der europäischen Geschichte Gegenstand von Feindbildern, wobei die in der Natur der Sache liegenden Unterschiede zwischen den Juden als innerer und den Moslems als (meist) äußerer Feind psychologisch unterschiedliche Funktionen des Feindbildes darstellen. Beide weisen den Juden bzw. Moslems feste Mentalitätseigenschaften zu, die als dem europäischen Kulturkreis fremd empfunden werden und selbst bei widersprechender Erfahrung resistent sind." Ezzeldin befindet, "dass die Islamfeindlichkeit in der europäischen Geschichte ebenso tiefe Wurzeln hat wie der Antisemitismus und dass es fatale Folgen haben kann, dieses Problem zu vernachlässigen oder zu verharmlosen".

Bereits in den siebziger Jahren stellte der Soziologe Bernd Marin fest, dass antisemitische Stereotype auch auf "die Muslime" übertragen würden. So wurden die Ölscheichs damals als internationale, übermächtige, dekadente, fremdartige und parasitäre Kapitalistenclique porträtiert. Antisemiten glauben, dass "die Juden" die Medien kontrollieren; heute verwenden "islamkritische" Blogger Schlagzeilen wie "Islamisten steuern deutsche Medien". Das Ganze wirkt in vielerlei Hinsicht tatsächlich wie alte Gülle in neuen Schläuchen. Natürlich kann man widersprechen und darlegen, warum dieser Vergleich dennoch schief sei, ihn aber nach dem Motto "Wer sowas sagt, fliegt!" zu verbieten, zeugt nicht gerade von einer Gesinnung, die in eine freie Gesellschaft passt.

Gegen eine Gleichsetzung von Antisemitismus und Islamophobie spricht sich etwa Matti Bunzl in seinem Sammelband "Anti-Semitism and Islamophobia: Hatreds Old and New in Europe" (Prickly Paradigm Press 2007) aus. Bunzls zentrale These nämlich lautet, dass während der Antisemitismus als Instrument zur Verteidigung des "rassisch reinen" Nationalstaats gegen "Zersetzung von außen" verwendet wurde, die heutige Islamophobie einer rhetorischen Verteidigung des überstaatlichen neuen Europas gegen eine ähnlich herbeigeschworene Gefahr diene. Die anderen Autoren seines Sammelbandes sehen dies in wesentlichen Punkten ähnlich. Susan Buck-Morss, Professorin für Politik an der New Yorker Cornell University, argumentiert: "Der heutige gobale Wettbewerb hat zu einer allgemeinen Unsicherheit geführt, die jetzt auch zuvor noch geschützte Bevölkerungen in der entwickelten Welt spüren; diese haben jetzt den unbestimmten Eindruck, dass Europa bzw. die westliche Zivilisation angegriffen wird. Islamophobie überdeckt Konflikte innerhalb Europas mit dem Anstrich einer zivilisatorischen Einheit und ähnelt dabei in ihrer Form und Funktion den innernationalen Rassismen, die es in westlichen Ländern während der Rezession der dreißiger Jahre gab."

Wenn an die Stelle des Juden inzwischen der Moslem rücke, bleibe die Rhetorik aber bemerkenswert ähnlich, wie Adam Sutcliffe, Geschichtswissenschaftler am Londoner King's College, erklärt: "'Die' sind dogmatisch, fanatisch, unterdrücken Frauen, hassen Schwule, unterdrücken die freie Rede und neigen zur Gewalt, 'wir' im Vergleich dazu sind es nicht. (...) Für Voltaire, um den bekanntesten Namen zu nennen, standen die barbarischen, abergläubischen und primitiven Juden als klares Gegenstück zu seinen eigenen, weniger klar beschriebenen Idealen von friedvoller und rationaler Zivilisation. Voltaires guter Ruf als führender Verteidiger der Toleranz wurde nicht untergraben, sondern sogar noch unterstrichen durch seine wiederholten Attacken auf die Gewalt und Idiotie jüdischer Engstirnigkeit und Intoleranz." Selbst die aus der Islamdebatte wohlbekannten Vorwürfe der Frauenfeindlichkeit und der beängstigend hohen Geburtenrate hatten Rassisten vor über hundert Jahren bereits gegen die Juden gerichtet. Sutcliffe erläutert auch, inwiefern sich radikal rechte Parteien in verschiedenen Ländern Europas (etwa die "British National Party") in den letzten Jahren zunehmend vom Antisemitismus distanzierten und stattdessen Muslime zum neuen Feindbild wählten.

"Wenn die politische Staatengemeinschaft der Europäer sich ihrer christlichen Wurzeln zu erinnern beginnt", sagt der Geschichtswissenschaftler Dan Diner voraus, "werden sich der klassische Antisemitismus und die Islamophobie als Ideologie einander annähern und einander ähnlich werden. Natürlich hoffen wir, dass das nicht passiert." Diner ist einer "linksgrün-gutmenschfaschistischen" Geisteshaltung (um die Sprache der "islamkritischen" Szene zu verwenden) ebenso unverdächtig wie die anderen Autoren dieses Sammelbandes. Ginge es nach Laschet und den Seinen, dürfte man wohl kaum so schnell mit einer Übersetzung ins Deutsche rechnen.

Laschet und die nordrhein-westfälische FDP (von der Medienberichten zufolge die Attacken auf Faruk Sen zu einem großen Teil mitgetragen werden) mögen sich mit Vokabeln wie "skandalös" und "inakzeptabel" so lange ereifern, wie sie wollen. Sie werden mit einem bloßen Verbot die schon längst weit verbreiteten Meinungen nicht unterdrücken können. Bereits im "Migrationsreport 2006" fand man folgende Passage: "Immer häufiger wird in Diskussionen mit Muslimen auf das Schicksal der Juden verwiesen. 'Vor dem elften September hatte ich das Gefühl, ich sollte einfach mit der Türkei brechen. Was habe ich noch mit der Türkei zu schaffen. Das Land ist mir fremd geworden. Inzwischen glaube ich nicht mehr, dass wir gut beraten wären, die Brücken zur Türkei abzubrechen. Vielleicht brauchen wir das Land eines Tages.'" Das erinnert schon sehr an die Beziehung vieler Juden zu Israel. Und in seinem Vortrag "Massenmedien, Migration und positive Differenz", gehalten anlässlich des Orientalischen Seminars der Universität Zürich im November 2006, zitiert Professor Jörg Becker einen 17jährigen Einwanderer, der sich über das Integrationsangebot der Mehrheitsgesellschaft an deutsch-türkische Migranten mit den folgenden Worten geäußert habe: "Und wie wurden in Deutschland die Juden angesehen? Hast du schon mal daran gedacht? Die haben sich doch total angepasst. Die sind für Deutschland sogar jubelnd in den Krieg mitgezogen und nachher wurden sie verarscht. Ab ins KZ." Man mag solche Vergleiche von türkischen Zuwanderern als vermessen, hysterisch oder paranoid brandmarken, insbesondere wenn man daran interessiert ist, die Kontroverse weiter anzuheizen. Wenn man allerdings als Integrationsminister wie Laschet die Aufgabe hat, auf möglichst konstruktive Weise bei der Eingliederung der türkischstämmigen Minderheit in die deutsche Mehrheitsgesellschaft mitzuwirken, sollte man sich mit solchen Befindlichkeiten und Ängsten schon ernsthaft auseinandersetzen, statt sie zum Skandal zu erklären und schlicht verbieten zu wollen.

Eine interessante Information erhielt man dieser Tage übrigens in dem Blog des "Zeit"-Journalisten Jörg Lau. Ihm zufolge habe es auf der Website www.jungemuslime.de folgende Verhaltensregel gegeben: "Ab sofort ist es verboten, die Lage der Muslime mit der Lage der Juden in der NS-Zeit zu vergleichen oder anzudeuten, dass Antisemitismus durch Antimuslimismus ersetzt wird." Alle Achtung, das ist auch nicht ohne: eine These, die in der wissenschaftlichen Fachliteratur seit mehreren Jahren ernsthaft diskutiert wird, mal eben so als nicht statthaft zu untersagen. Hätte es umgekehrt ein vergleichbares Meinungsäußerungsverbot für nicht-muslimische Deutsche in einem nicht-muslimischen Blog gegeben, hätten die Vertreter der islamophoben Szene von einem "Akt vorauseilender Unterwerfung" gesprochen. Und in diesem Fall hätten sie Recht damit gehabt.

Linkliste:

"Grenzen des Akzeptablen"

"FDP unter Mobbing-Verdacht"

von Prof. Faruk Sen erstellter Pressespiegel zur Debatte

12. Juli 2008

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Kommentare

Marco Kanne, am 12. Juli 2008 um 12:44 ( Link )

Niemand verhindert eine "Debatte" über den kollektivistischen Blödsinn von Faruk Sen. Man sieht das ja daran, dass er jahrzehntelang walten und schalten konnte, wie er lustig war, "den Deutschen" auch das Allerperverseste unterstellen und "die Türken" als Opferkollektiv mystifizieren konnte. Nur hat er jetzt eben BRD-deutsche Staatsräson gebrochen und "die Juden" in einen Vergleich einbezogen. Und das geht natürlich genau so wenig wie Autobahnen gutzufinden.

Und darüber hinaus kann Herr Sen natürlich jeden Blödsinn von sich geben, den er von sich geben mag, nur eben nicht als Direktor einer auch noch extra für ihn eingerichteten Staatsstiftung. Auf Privatkosten doch gerne ...

Daniel Leon Schikora, am 12. Juli 2008 um 14:37 ( Link )

(1) Arne Hoffman, erklärtermaßen im Kampf gegen "Islamophobie" engagiert, glaubt einen neuen islamischen Märtyrer entdeckt zu haben:

"Einer der interessantesten Aspekte der Debatte um Faruk Sen ist, dass er als Sprecher von Muslimen offenbar das nicht sagen darf, was bei Sprechern von Juden völlig unbeanstandet bleibt. [...]"

Den Kemalisten Faruk Sen, der - wenn auch mit zweifelhaften Argumenten - gegen türkischen Antisemitismus Stellung genommen hat, dürfte es freilich keineswegs begeistern, von Hoffmann als ein "Sprecher von Muslimen" angeführt zu werden, um Hoffmanns These zu untermauern, daß der Jude in Deutschland sich mehr, der Muslim hingegen weniger als der 'Normalbürger' herausnehmen dürfe.

Tatsächlich könnte die Causa Sen mit weit größerem Recht als Beleg dafür angeführt werden, wie unsinnig die (i. d. R. antisemitisch motivierte) Unterstellung ist, eine Institution wie der Zentralrat der Juden in Deutschland habe gleichsam ein "Veto-Recht" in personalpolitischen Fragen des öffentlichen Lebens unserer Republik: Daß der ZdJ sich in vehementer Weise für Sen einsetzte und die Antisemitismus-Vorwürfe gegen ihn in toto zurückwies, konnte diesen (natürlich) nicht "retten".

(2) Erstaunlich, welche Kronzeugen gegen Grundrechtsverletzungen in Deutschland Hoffmann aufführt: "'Weil er Deutschland kritisierte, musste er gehen', schrieb die türkische Boulevardzeitung 'Hürriyet' und beklagte einen Mangel an Pressefreiheit." Nun muß eine Behauptung betreffend die Meinungsfreiheit (resp. deren Fehlen) nicht falsch sein, weil sie in "Hürriyet" steht. Allerdings wäre es schön gewesen, wenn der Qualitätsjournalist Hoffmann seinen Lesern nicht vorenthalten hätte, welches Verständnis von Meinungs- und Pressefreiheit und Deutschland-"Kritik" ein Blatt hat, dessen Verleumdungskampagnen u. a. den türkischstämmigen deutschen Politiker Cem Özdemir zum Ziel hatten und das sich zu einer - vor allem gegen Kurden und Armenier gerichteten - nationalchauvinistischen Identitätspolitik bekennt. Selbstverständlich ist "Hürriyet" niemals als Herostrat der Meinungsfreiheit hervorgetreten, wenn es um die justitielle Verfolgung türkischer Staatsbürger geht, die etwa den anti-armenischen Genozid 1915/16 öffentlich thematisieren.

Wer - wie Hoffmann - ehrbarerweise für die bürgerlichen Freiheiten Anderer eintritt, sollte seine Leser nicht im unklaren über den instrumentellen Charakter der "menschenrechtlichen" Vorwürfe gegen Deutschland lassen, wie sie ausgerechnet "Hürriyet" erhebt.

(3)Hoffmann zitiert (unkommentiert) Shai Lavi: "In anderen Ländern (etwa Indien, Israel, Serbien und Russland) seien Ressentiments gegen Muslime schließlich schon oft genug in Gewalt umgeschlagen."

Tatsache ist, daß alle genannten vier Länder seitens muslimischer Fanatiker mit Krieg überzogen wurden. Verbrechen gegen die Menschheit wurden hier begangen aufgrund des Ressentiments gegen Nicht-Muslime sowie gegen Muslime, die nicht bereit waren (und sind), sich einem Scharia-Islam zu unterwerfen. Während das "unabhängige" Kosovo und der Gazastreifen heute "judenfrei" und einem archaischen islamischen Monokulturalismus unterworfen sind, genießen die Angehörigen der muslimischen Minderheiten im unbesetzten Teil Serbiens und in Israel - wie auch in Rußland und in Indien - bürgerliche Rechtsgleichheit.

KnutSchreiber, am 12. Juli 2008 um 17:04 ( Link )

Ein schöner Beitrag von Arne Hoffmann. Insbesondere die Heuchelei einiger vermeintlich "politisch inkorrekter" Zeitgenossen, die mit "PC" plötzlich kein Problem haben, wenn sie sich gegen einen bösen, "archaischen" Moslem richtet, der quasi schon per Herkunft als wahrscheinlicher Verbrecher gegen die Menschlichkeit betrachtet werden muss, wurde sehr zutreffend gezeigt. Wie man an dem Auftreten einiger Moslemhasser...'tschuldigung... "Islam(ismus)kritiker"... sieht, wurde damit offenbar ein wunder Punkt getroffen. Ein lediglich eingestreutes und für den Gesamtkontext irrelevantes "Hürriyet"-Zitat wird da von "Qualitätsbloggern" gleich zum "Kronzeugen" hochstilisiert und mit viel Schaum vor dem Mund angegriffen. Das lässt natürlich keinen Raum mehr für inhaltliche und sachliche Bemerkungen.

Die Entwicklungen in der islamischen Welt und der islamischen Gemeinschaft in Deutschland ist durchaus skeptisch zu sehen. Es ist völlig berechtigt, Kritik in dieser Hinsicht zu üben. Gleichzeitig lässt sich bei vielen "Islamkritikern" Tendenzen sehen, ungerechtfertigt gegenüber Muslimen und ihrem Glauben zu pauschalisieren und eine beachtliche Energie zu entwicklen, Beispiele für das abgrundtief Böse im Islam und bei allen Muslimen zu finden. Man sehe sich nur so manchen Blog an. Mit solchen Leuten kann mal leider genauso wenig vernünftig reden wie mit unvebersserlichen Multi-Kulti-Gutmenschen.

Serdar, am 12. Juli 2008 um 17:46 ( Link )

Interessanter Artikel, hat sehr viel denkwürdige Punkte wie ich finde.

frederic, am 14. Juli 2008 um 8:10 ( Link )

Lapsus orientalis? Sekundärer Antisemitismus - türkisch, mit Koscherstempel

Die Jüdische 11 July 2008
Von Clemens Heni

Der Antisemitismus geht neue Wege. Sowohl offene Vernichtungs-Drohungen gegen Juden oder den jüdischen Staat Israel nehmen zu als auch rhetorisch raffiniertere Versionen einer Erinnerungsabwehr, Relativierung oder Universalisierung des Präzedenzlosen von Auschwitz.

Die Befürchtungen von Professorin Dina Porat kürzlich auf dem Jerusalemer Global Forum for Combating Antisemitism, sind sehr hellsichtig: Es gebe einen "Opferwettstreit", im Namen des Antikolonialismus, Antirassismus oder der Menschenrechte werden Juden angeklagt, diffamiert und Auschwitz verniedlicht, banalisiert und in die Geschichte des Kolonialismus, Rassismus, der Sklaverei oder anderer Elemente der bürgerlichen Gesellschaft eingegliedert.

Damit wird - wie bewusst auch immer - das Unvergleichliche nicht nur der Judenfeindschaft, sondern namentlich der Shoah geleugnet. Es ist eine soft-core Leugnung, wie es Deborah Lipstadt nennt. Auch der Leipziger/Tel Aviver Historiker Dan Diner sieht diese Gefahr (in "Gegenläufige Gedächtnisse", Göttingen 2007), wenn er schreibt:

"Dies wird nicht folgenlos bleiben. Wie unter der Hand wird der so seiner Geschichtlichkeit entblößte Holocaust - das zum bloßen Exempel verallgemeinerte Ereignis Auschwitz - zu einem Genozid unter anderen Genoziden mutieren".

Diner sieht in einer "anthropologisierenden Wahrnehmung" die Gefahr einer Verkennung jedweder Spezifik des Holocaust.

Man muss noch weiter gehen: sowohl die Geschichte des Holocaust wird heute umgeschrieben (Stichworte: "Bombenkrieg", "Vertreibung", "Europäisierung des Holocaust", "nur Hitler war schuld") als auch die Vorgeschichte und die Nachwirkung bis heute.

Sprich: der Antisemitismus als Phänomen sui generis wird gezielt negiert. Jüngstes Beispiel ist Faruk Sen, der türkische Leiter des Zentrums für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen.

In einem kleinen Kommentar für eine Zeitschrift schrieb er unter der Überschrift "die neuen Juden Europas":

"Bis zur Mitte des 20.Jahrhunderts war es nicht gerade leicht, Jude zu sein. Es genügt nicht, die bitteren Geschichten der in vielen Ländern - allen voran Nazideutschland - Völkermorden ausgesetzten und vom Rest der Bevölkerung ausgeschlossenen Juden und die zu dieser Zeitspanne gehörende Geschichte der Menschheit zu erzählen".

Und weiter schreibt dieser Mann:

"Nach dem großen Massaker, bei dem Europa sich von seinen Juden zu säubern versuchte, gibt es 5200000 Türken, die jetzt die neuen Juden sind".

"Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war es nicht gerade leicht, ein Jude zu sein", wird dahin gesagt. Etwas flapsige Worte aus dem Mund eines Muslims im beginnenden 21. Jahrhundert, oder nicht? Denn als Muslim spricht er ja, Faruk Sen.

Er möchte, wie die Linken, Frauen, Radfahrer, Nichtraucher, Hatz4-Empfänger, so gern Opfer sein WIE die Juden. Das war bereits in der Dankesrede von Alice Schwarzer, welche dieses Jahr unnötigerweise den Ludwig-Börne-Preis hat zugesprochen bekommen, deutlich geworden.

Sen sekundiert auf seine Weise den Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer, der seit 2002 "deutsche Zustände" beobachtet und allerorten "gruppenbezogene Menschfeindlichkeit" sieht. Er postulierte 2002 dass "Antisemitismus" "schon länger einen abnehmenden Trend" aufweise, was besonders grotesk wirkt und sich im Laufe des Jahres 2002 ins Gegenteil verkehrte.

Immerhin gab es 2002 eine der heftigsten antisemitischen Kampagnen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, als Jürgen W. Möllemanns Hetze gegen Michel Friedman und Ariel Sharon, Walsers "Tod eines Kritikers" und die allgemeine Stimmung gegen Israel und für die II. Intifada der Palästinenser sich gegenseitig hoch schaukelten. Heitmeyer hat nun sein Konzept "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit" ausgebaut, neben Antisemitismus gibt es zwar weiterhin "Islamophobie", "klassischen Sexismus", nun jedoch sogar ("deutschen Zustände" Folge 6, 2008) "Obdachlose" oder auch "die Abwertung von Langzeitarbeitslosen"...

Was das mit der jahrtausendealten und sehr spezifischen Judenfeindschaft und zumal mit dem sekundären Antisemitismus nach Auschwitz zu tun hat, wird der Forscher auf ewig schuldig bleiben, zu erklären. Aber für die Banalisierung des Antisemitismus ist sein Konzept prima geeignet.

Bei Sen fällt somit neben der mittlerweile mainstreammäßigen Verharmlosung des Holocaust - ein ganz typisches Muster des sekundären Antisemitismus - Folgendes auf: Für ihn endet die Geschichte der Judenfeindschaft Mitte des 20. Jahrhunderts. Hoppla! Was meint er damit? Ein lapsus orientalis womöglich? Hat er sich verschrieben? Gibt es seit "Mitte des 20. Jahrhunderts" (eine sehr merkwürdige Zeitangabe) keinen Judenhass mehr? Oder handelt es sich doch eher um einen gezielten, verschmitzt lächelnden antizionistischer Einsatz?

Heute ist die Gefahr für Israel und die Juden die größte für eine spezifische Gruppe von Menschen. Kein anderes Land der Welt ist von Vernichtung und Angriff bedroht wie Israel. Kein Mensch kritisiert die Türkei, Österreich, Lettland oder Indien, um hinzuzufügen: Ich akzeptiere aber selbstverständlich das Existenzrecht Österreichs, der Türkei, Lettlands oder Indiens. Kein Mensch macht das.

Bei Israel ist es das geflügelte Wort - "Existenzrecht" - als Gnade oder was? Das UN-Mitgliedsland Iran hat dem UN-Mitgliedsland Israel gedroht, eine "World without Zionism" herbei zu führen. Seit 1948 musste sich Israel in unregelmäßigen Abständen den Drohungen seiner arabischen Nachbarn erwehren. Seit einigen Jahren kommt nun die reale Drohung aus der Islamischen Republik Iran dazu.

Davon also kein Wort bei Prof. Sen. Den politischen Islam erwähnt er selbstredend gar nicht. Dafür spricht er von sich und allen in Europa lebenden Türken als "den Juden von heute". Es ist sicher kein Zufall, dass er die Zahl der in Europa lebenden Türken recht penibel mit 5,2 Millionen angibt - eine ähnliche Zahl wie die sechs Millionen ermordeten Juden Europas.

Die Perfidie geht noch weiter, wenn man bedenkt, wie er die Shoah erwähnt: als "Massaker", was mit dem Zivilisationsbruch Auschwitz nichts zu tun hat und auch die Mordaktionen der deutschen Polizeibataillone oder der Wehrmachtseinheiten, des Sicherheitsdienstes (SD), der Schutzstaffel (SS) und ihrer Gehilfen nicht annähernd adäquat in Worte fasst.

Massaker gab es in der Geschichte der Menschheit zu viele, in der Tat. Aber der ontologische Bruch aller Gewissheiten menschlichen Zusammenlebens, wie ihn die Shoah offen zeigte, ist un-fassbar. Ein Zivilisationsbruch, wie Diner dezidiert betont. Davon hat Professor Sen keine Ahnung.

Nun bekommt der neumodische "Jude von heute", Faruk Sen, Unterstützung von einem "echten" Juden, Sergej Lagodinsky (unteres Bild) aus Berlin, Sozialdemokrat und Kämpfer für das Gute auf der Welt.

Er schreibt:

"Die Singularität des Holocaust steht außer Frage. Doch niemand beharrt auf der Singularität von jüdischen Diskriminierungserfahrungen, davor und danach. Dass zahlreiche jüdische Organisationen weltweit für Menschen- und Bürgerrechte eintreten, speist sich ja gerade aus der Sorge, dass sich die eigene Diskriminierungserfahrung unter anderen Minderheiten wiederholen könnte. Dass Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland genauso wie jüdische Stimmen aus der Türkei ihr Unverständnis über die Reaktionen auf Sens Vergleich geäußert haben, liefert dafür eine Bestätigung".

Wo sind die Vernichtungsdrohungen gegen Türken?

Wo sind die "Protokolle der Weisen von Istanbul"?

Wo werden Türken des Ritualmordes beschuldigt?

Wo wird die weltweite Verschwörung der Groß- oder Jungtürken verbreitet?

Wo wird ein Türke weil er Türke ist, sagen wir in Mallorca aufm Urlaub, halb tot geprügelt?

Wo sind die türkischen Schulen, die von Polizisten beschützt werden müssen, weil schon 8jährige Steine nach den jungen Türken werfen?

Wo wurde jemals den Türken oder den Muslimen die Entwicklung des Kapitalismus zur Last gelegt?

Oder wo wurden Türken der bolschewistisch-kommunistischen Revolte gegeißelt?

Wo wird Türken (oder meinetwegen Muslimen insgesamt) unterstellt, sie würden mit ihrer "Künstlichkeit" und Modernität die organische Verwobenheit der Menschen zerstören?

Nicht zu vergessen die Angst und Sorge (nicht nur) von Juden, an Universitäten, Schulen, auf Veranstaltungen etc. vor ekligen antisemitischen Sprüchen des Establishments, erinnert sei nur an die widerwärtige Story, als (...) http://europenews.dk/de/node/12090

Serdar, am 14. Juli 2008 um 14:25 ( Link )

Naja Heni ist vom Antisemitismus besessen. Von Morgens bis Abends spricht er über nichts anderes und verharmlost alle anderen Arten von Rassismus. Alle sind Antisemiten außer er selbst.

Und dabei bekommen auch Juden eins ab, die nicht mit ihm einer Meinung sind und nur das Opfer spielen möchten. Sergej Lagodinsky, den er dafür kritisiert, das er nicht brav das Opfer spielt und auch eine andere Meinung hat, schreibt in dem besagten Text:

Der Verdacht liegt nahe, dass die ablehnenden Reaktionen auf Sen nichts mit den Befindlichkeiten der Juden, sondern mehr mit den Befindlichkeiten der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu tun hat. Und mit den Befindlichkeiten der deutschen Politiker.

hegelxx, am 14. Juli 2008 um 18:49 ( Link )

Der Jude ist an allem schuld.

Haust du den Juden eine rein,
muss es nicht mehr von Juden sein,
von Zimmer- oder Zuckermann,
dass niemand etwa sagen kann,
du hättest etwas gegen sie.
Man braucht nicht mehr den Avnery,
den Chomsky und den Finkelstein,
man kann es wieder ganz allein:
Der Jude ist an allem schuld.
Geschichtsfälschung wird jetzt zum Kult.
Du mußt die Zeichen richtig lesen:
Der Jude ist es doch gewesen!

(Gudrun Eussner)

Dank an D. L. Schikora (http://danielleonschikora.blogspot.com/)

JS, am 15. Juli 2008 um 8:07 ( Link )

Was Sen und Hoffmann kolportieren, ist das, was Henryk Broder als "das Menschenrecht auf Auschwitz" pointiert hat. Ob Bund der Vertriebenen, Palästinenser oder wer auch immer sich als Opfer betrachtet: Unter Holocaust tut's niemand mehr.

Ich empfehle Herrn Hoffmann, eine Stelle als Lehrer in einer Hauptschule in Ludwigshafen-Hemshof oder einer beliebig anderen türkisch-national befreiten Zone in Deutschland anzutreten. Er wird nichtmal eine Woche durchhalten und diesen "Artikel" schnell und kleinlaut zurücknehmen.

Serdar, am 15. Juli 2008 um 12:21 ( Link )

@JS
Eine Woche unter israelischer Besatzung würden sie auch nicht aushalten. Und jammern sie danach nicht.

JS, am 15. Juli 2008 um 12:49 ( Link )

"Eine Woche unter israelischer Besatzung würden sie auch nicht "

Schöner Vergleich, israelisch besetze Gebiete in Nahost und türkisch besetzte Gebiete in Deutschland.

Serdar, am 15. Juli 2008 um 12:58 ( Link )

@JS
Och..es gibt schlimmeres. Das werden sie schon überleben ;-)

JS, am 15. Juli 2008 um 13:14 ( Link )

"Och..es gibt schlimmeres. Das werden sie schon überleben ;-)"

Ja, und zwar außerhalb jeglicher besetzter Gebiete ;-)))

Serdar, am 20. Februar 2009 um 1:31 ( Link )

@JS
Dann wandern sie doch aus, wenn die Türken Deutschland besetzt haben.


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