19. Juli 2008

Rezension "Übergewicht als Politikum?"

Wird bald gegessen, was vom Amt kommt?

Renate Künast (Grüne) sitzt längst nicht mehr im Kabinett, aber so wie in anderen Feldern wurde auch hier die von linken Parteien eingeleitete Politik von konservativen Parteien übernommen und sogar weiter ausgebaut. So verkündete am 15. Juli 2008 eine Pressemitteilung des Ministeriums für Ernäherung und Landwirtschaft einen neuen "Aktionsplan gegen Bewegungsmangel und Übergewicht". Für die Initiative "Deutschland in Form" hatte das Bundeskabinett im Juni eine groß angelegte Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung gestartet, für die der Bund 30 Millionen Euro bereitstellt. Wie Felissa Mühlich in ihrer Diplomarbeit "Übergewicht als Politikum? Normative Überlegungen zur Ernährungspolitik Renate Künasts" herausarbeitet, sind diese Bestrebungen zu einem Großteil auf das Wirken dieser Grünen-Politkerin zurückzuführen.

Mühlichs politikwissenschaftliche Analyse, die von der Freien Universität Berlin mit dem "Lorbär 2007" für die beste Abschlussarbeit ausgezeichnet wurde, gliedert sich mittlerweile in eine ganze Reihe von Veröffentlichungen ein, die einem derzeit im Trend liegenden Alarmismus in Sachen Übergewicht gegenüber kritisch eingestellt sind. War noch vor kurzer Zeit der Ernährungsexperte Udo Pollmer einer von sehr wenigen Rufern in der Wüste (Mühlich bezeichnet ihn als "Enfant terrible" der Ernährungswissenschaft), werden mittlerweile immer mehr mahnende Stimmen laut. Besonders eindrucksvoll geriet das im Februar erschienene Buch des Allgemeinmediziners Gunter Frank "Lizenz zum Essen", das ich bereits kurz für "eigentümlich frei" und deutlich länger für Amazon.de rezensiert habe: Frank spricht von einer "neuen 'Religion' des gesundheitlich korrekten Lebensstils, die zunehmend Macht im Staat und vom Staat erhält und persönliche Freiräume bedroht" und belegt mit etlichen Studien, dass der tatsächliche Stand der Wissenschaft ganz anders aussieht, als uns Politik und Medien glauben machen wollen. Insbesondere seien Dicke in vielerlei Hinsicht gesünder als Dünne und lebten länger. Aufgrund derselben Datenlage hatte bereits im Januar Michael Miersch mit der erstaunlich gelungenen Titelgeschichte "Je dicker, desto gesünder" für die Schweizer "Weltwoche" überrascht. Und für den September ist bereits im Verlag Zabert Sandmann das Buch "Irrtum Übergewicht" angekündigt (verfasst von einem Professor für Medizin und einem Redakteur von GEO Wissen), das "Fakten gegen den Schlankheitswahn" verspricht.

Mühlichs Arbeit ist insofern für Liberale besonders interessant, als sie sich mit der Frage auseinandersetzt, inwiefern die aktuelle Politik eine Panikmache darstelle, die die individuellen Grenzen privater Entscheidungen überschreite. (Mühlich selbst verwendet das Wort "Panikmache" nicht, ihre wissenschaftliche Arbeit befindet sich sprachlich auf einem hohen Niveau und ist inhaltlich differenzierter, als ich es in diesem journalistischen Abriss angemessen wiedergeben kann.) Gegenwärtig habe sich "ein breiter Konsens von der WHO über die Europäische Union (EU) bis hin zu nationalstaatlichen Institutionen darüber herausgebildet, dass Übergewicht eines der herausragenden gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit sei und dass politisch etwas dagegen unternomen werden müsse. (...) Schätzungen gehen davon aus, dass innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre zwei Drittel der Europäer übergewichtig und davon die Hälfte sogar fettleibig sein könnte, was den Verhältnissen in den USA entspräche." Bei dieser Dramatisierung, so Mühlich, werde sich kaum noch mit der Frage aufgehalten, inwiefern hier der private Raum des Individuums verletzt werde. Sie nennt als die Arbeit, die ihrer Fragestellung am nächsten komme, "How the Personal Becomes Political: Prohibitions, Public Health and Obesity", deren Autoren Rogan Kersh und James Morone davon ausgehen, dass die US-Regierung Fettleibigkeit "bald wie Alkohol, Rauchen, Drogen und Sexualität zu regulieren versuchen wird".

Felissa Mühlich vergleicht drei verschiedene Verständnisse von "Privatheit" und beginnt mit dem des liberalen Philosophen John Stuart Mill: "Man kann einen Menschen nicht rechtmäßig zwingen, etwas zu tun oder zu lassen, weil dies besser für ihn wäre, weil es ihn glücklicher machen, weil er nach Meinung anderer klug oder sogar richtig handeln würde. Das sind wohl gute Gründe, ihm Vorhaltungen zu machen, mit ihm zu rechten, ihn zu überreden oder mit ihm zu unterhandeln, aber keinesfalls um ihn zu zwingen oder ihn mit Unannehmlichkeiten zu bedrohen, wenn er anders hält. Um das zu rechtfertigen, müsste das Verhalten, wovon man ihn abbringen will, darauf berechnet sein, anderen Schaden zu bringen." Diesem Konzept stellt Mühlich die kommunitarische Sichtweise Amitai Etzionis sowie die als von Mühlich als "modern liberal" bezeichnete "dezisionale Privatheit" Beate Rösslers gegenüber. Unbenommen einiger Unterschiede zu John Stuart Mills Position postuliert auch Rössler einen Schutz körperlicher Privatheit, unter den "auf jeden Fall unerwünschte Kommentare über den eigenen Körper und damit auch Bemerkungen zum Körpergewicht" fallen. "Dazu könnten auch schon Gewichtindizes gehören. Diese legen fest und damit behaupten sie das auch in gewisser Weise, dass Menschen ab einem relativ willkürlichen Wert X, z.B. einem BMI über 30, fettleibig oder krankhaft fettleibig seien. Der Einzelne kann sich aber mit dem tatsächlichen Gewicht noch durchaus schön und gesund fühlen."

Den folgenden Abschnitt ihrer Arbeit widmet Mühlich einer offenbar von Renate Künast initiierten Regierungserklärung zum Übergewicht, die zum Teil mit sehr drastischen Behauptungen gespickt war ("laut einer britischen Studie soll die jetzige junge Generation als erste vor ihren eigenen Eltern sterben"). In der darauf erfolgenden Bundestagsdebatte verliefen die Fronten zunächst klar: Die rot-grünen Regierungsparteien warfen der Opposition aufgrund deren relativierender Haltung "hartnäckige Realitätsverweigerung" vor und erklärten, sie selbst würden "nicht billigend in Kauf nehmen, wie die Menschheit in den Klauen von Cola und von Hamburgern krepiert". Selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rege ja dazu an, "dass ordnungspolitische Instrumente, da wo es nötig ist, einbezogen werden". Die FDP hingegen forderte die Regierungsparteien auf: "Rücken Sie davon ab, von oben bestimmen zu wollen, was unten passiert." Und die CDU/CSU gab zu bedenken, dass die Möglichkeiten staatlicher Steuerung begrenzt seien, weil die Verantwortung bei dem Einzelnen liege und man diesem "ebensowenig das Rauchen abgewöhnen wie ihn zur Diät zwingen" könne. Des weiteren wurde Künast dazu aufgefordert, keine "Ernährungsdiktatur" zu betreiben: "Ich möchte nicht, dass mir irgendwann ein Ministerium mein tägliches Carepaket vorschreibt. Ich habe das Recht, mich anders zu ernähren, als es mir die Regierung vorschreiben will." Aber auch die Opposition räumte ein, dass sich Einzelne durch starkes Übergewicht selbst in eine Situation brächten, "die ihnen keine freiheitliche Teilnahme an unserer Gesellschaft mehr" ermögliche. Insofern sei es durchaus wünschenswert, dass auch die Politik Verbraucher "konditionieren" solle, "sich bewusst zu ernähren und sich mehr zu bewegen". Als politische Maßnahmen wurden Werbeverbote bei Kinderlebensmitteln sowie eine "Fettsteuer" diskutiert.

Wie Mühlich wohl zutreffend ausführt, kann Renate Künasts Wirken als Politikerin nicht von ihrer Tätigkeit als Autorin getrennt werden. 2004 gab die Grünen-Politikerin das Buch "Die Dickmacher" heraus, das Mühlich dementsprechend ebenfalls analysiert. Bemerkenswert ist die Rhetorik, mit der Künast in ihrem Werk aufwartet. Ihr zufolge bedeute Übergewicht "explosionsartig wachsende Kosten" und eine "Bedrohung des Gemeinwesens", es "bedrohe die Zukunft eines Landes" in einem "Kulturkampf, der nur Verlierer kennt". Beim Lesen dieser Zitate gewinnt man den Eindruck: Eigentlich stehen wir mal wieder kurz vor der Apokalypse, die Klimakatastrophe und die Islamisierung Europas sind ein Dreck dagegen. Alles ist schlimm: "Nie zuvor lebte der Mensch in einem solchen Überfluss und konnte zwischen Dönerbuden, Bäckereien und Schokoriegeln Slalom laufen". Diese allgegenwärtige Verführung mit ihren Feinkostgeschäften und Fast-Food-Läden sei die "Hölle des 21. Jahrhunderts", denn "überall ist das Schlaraffenland, bezahlbare Leckereien gibt es an jeder Ecke, fast minütlich wird unsere Standhaftigkeit geprüft". Um das Verderben vollständig zu machen, seien Eiskugeln beispielsweise "von Tischtennisball- auf Bowlingkugelgröße" angewachsen. Zusammengefasst hat man nach diesen Textauszügen den Eindruck, es ginge weniger um das Wohl des Körpers als um jenes der Seele. Es ist Mühlich hier als enorme Leistung anzurechnen, rein wissenschaftlich zu zitieren und sich nicht zu ironischen Seitenbemerkungen verleiten zu lassen – etwas was mir als Rezensenten, wie man merkt, eher schwer fällt. Unweigerlich fühle ich mich beim Lesen dieser Zitate daran erinnert, dass Gunter Frank den gesundheitlich korrekten Lebensstil als "neue Religion" bezeichnete. Wenn allerdings jemand weiß, wo man zu einem günstigen Preis Eisbällchen "in Bowlingkugelgröße" erhält, bitte ich um eine kurze Information per Mail. Wer will schon in denselben Himmel wie Renate Künast?

Künast wertet als Beweis dafür, dass Übergewicht ein politisches Thema sei, die Entwicklung in den USA, wo sich die Sorge um das wachsende Gewicht der Bevölkerung bereits im Steuerrecht niederschlage. Unter anderem rege das National Bureau for Economic Research zu Steuern und Subventionen als Steuerungsinstrumente gegen Übergewicht an. Dies seien zwar Staatseingriffe, aber da man damit die "gallopierenden Gesundheitskosten" in den Griff bekäme, könnten die positiven Folgen die negativen Aspekte überwiegen. Was Deutschland angehe, fordert Künast ein Umstellen der Verpflegung in öffentlichen Einrichtungen auf vollwertiges Essen (möglichst regional, saisonal und "bio"); ein vier Milliarden Euro umfassendes Regierungsprogramm für die Schulen gebe es bereits. Weitere Steuerungsmöglichkeiten wie eine Regulierung der Lebensmittelwerbung insgesamt zieht Künast darüber hinaus in Betracht. Und natürlich geht es auch in ihrem Buch nicht ohne das obligatorische Bedauern der armen, da jetzt verstärkt berufstätigen Frauen: Diese sollen laut Künast "Supermuttis sein, erfolgreich im Beruf, dabei noch toll aussehen und natürlich jeden Tag ein Drei-Gänge-Menü auf den Tisch zaubern". Da dies nun wirklich zuviel verlangt sei, vertritt Künast die Position, "dass öffentliche Einrichtungen in die Versorgungslücke springen sollen". Womit eigentlich nur eine staatliche Öko-Kantine gemeint sein kann, denn alles, was nach Schlaraffenland aussieht, ist für Künast ja die Hölle.

Insgesamt beurteilt Mühlich Künasts Buch von wissenschaftlichem Standpunkt skeptisch: Dessen Zahlen, die nicht von Künast selbst rechechiert worden waren, seien nicht durch Quellenangaben abgesichert und damit nicht ohne weiteres nachprüfbar. Die Rahmendaten, mit denen die Situation so drastisch gezeichnet wurde, dass ein sofortiges politisches Eingreifen zwingend erscheint, seien sachlich angreifbar: Tatsächlich würden zum Beispiel die ersten bundesweit vergleichbaren Zahlen zur Häufung von Übergewicht und Fettleibigkeit unter Kindern und Jugendlichen gerade erst vom Robert-Koch-Institut erhoben, und die britische Studie, der zufolge die jetzige junge Generation angeblich vor ihren Eltern sterben werde, sei von Künast oder ihren Redenschreibern überzogen interpretiert worden. Die Kalkulation der Folgekosten von Übergewicht hinterlasse nicht den Eindruck, dass dabei sauber und realistisch vorgegangen worden sei.

In ihrem Fazit plädiert Mühlich dafür, "die individuelle Ernährungsweise trotz ihrer möglichen Folgen als Teil des Privaten zu sehen" und warnt davor, bei einem Gemeinschaftsprojekt zur gesunden Ernährung diejenigen anzuprangern, die sich nicht so verhalten können oder wollen, wie die Gemeinschaft das wünscht. Wenn es darum gehe, Diskriminierungen von Übergewichtigen abzubauen, sei es auch wenig hilfreich, bestimmte Ernährungsstile lobend hervorzuheben und andere als schädlich für das Gemeinwesen zu brandmarken. Wenn Künast bestimmte Verhaltensweisen beim Essen lobe und andere problematisiere, könne sie darüber hinaus eine Trotzreaktion herbeiführen. Mühlich zitiert hierzu die Vermutung der Soziologin Eva Barlösius, hinter dem geringen Erfolg der Ernährungsberatung in unteren sozialen Lagen, die oft als Uneinsichtigkeit interpretiert werde, verberge sich vielmehr ein sozialer Protest, der mit einer Verteidigung der eigenen kulturellen Vorstellungen vom "guten Essen und Leben" einhergehe. Für statthaft und geboten hingegen hält Mühlich Maßnahmen, die die Autonomie in Ernährungsfragen stärken: "Informations- und Aufklärungsangebote, das geplante Verbraucherinformationsgesetz, Ernährungsbildung in Schulen und ähnliches mehr". Nach der Lektüre dieses Buches bleibt der Eindruck zurück, dass die Trennung zwischen sachlicher Aufklärung und möglichwerweise diffamierender Bewertung einen Drahtseilakt darstellt.

Abschließend kann ich nur noch einmal darauf hinweisen, dass sich das Niveau dieses Buches in weiten Passagen auf einem höheren theoretischen Niveau abspielt als diese auch für Laien heruntergebrochene Rezension. Dem unbenommen sind seine Ausführungen informativ, verständlich und nachvollziehbar und es dürfte in einem Bücherregal liberaler Literatur zur Ernährungspolitik eine Bereicherung darstellen.

Verlagsseite zum Buch


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